Lernt von den Heiligen: Anna-Schäffer-Gebetstag 2009
Anna-Schäffer-Gebetstag am 26. Juli 2009 - (Festgottesdienst um 9.00 Uhr)
„Wie wurden früher die Leute mit Leid und Angst fertig? - Wie wird ein gläubiger Christ mit Krankheit und Leid fertig?" Mit diesen Fragen, anknüpfend an den russischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, wandte sich Prälat DDr. Anton Ziegenaus, emeritierter Dogmatikprofessor der Universität Augsburg, in seiner Predigt an die zahlreichen Verehrer der seligen Anna Schäffer, die zum morgendlichen Festgottesdienst am Großen Anna-Schäffer-Gebetstag nach Mindelstetten gekommen waren. Als Antwort auf beide Fragen verwies der Prediger zunächst auf das Bild Marias, der Schmerzensmutter. Ihre Darstellung sei in vielen Kirchen zu finden, um im Blick auf sie die eigene Not des Lebens leichter zu ertragen. Als zweite Antwort stellte der Professor Ziegenaus dann das Beispiel der seligen Anna Schäffer in den Mittelpunkt seiner Ansprache. In Jahren innerer Reifung habe sie im Blick auf das Kreuz Christi gelernt, ihre Krankheit anzunehmen und darin gläubig zu handeln.
So sei Anna auch in das Geheimnis Gottes, der die Liebe ist, immer mehr hineingewachsen. Anna Schäffer sei so auf geistiger Ebene bis heute wie eine „Grüne Lunge" ein „Biotop", der dazu beitrage, die „geistige Luftverschmutzung" zu beheben und uns zeige, daß in Liebe angenommenes Leiden "heilbringend" sein kann. Die Kraft, ihr Leiden Gott „aufzuopfern", erhielt die Selige durch die Gnade Gottes, die sie vor allem aus der hl. Kommunion schöpfte. Gerne dokumentieren wir die wertvollen Gedanken von Professor Ziegenaus an dieser Stelle für alle Verehrer Anna Schäffers und wünschen unseren Lesern aus deren Betrachtung reichen geistlichen Gewinn.

               Univ.-Prof. em. Prälat DDr. Anton Ziegenaus, Bobingen
               Lernt von den Heiligen
Die Frage
Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat einen Roman verfaßt, dem er den Titel gab: Krebsstation. Wir können uns eine solche Station eines Krankenhauses leicht vorstellen. Alle haben eine Krankheit, nämlich irgendeine Art von Krebs; alle hoffen auf eine Heilung, aber befürchten, es gäbe keine.
In dieser Trostlosigkeit des Krebssanatoriums stellt nun ein Kranker die Frage: Wie wurden eigentlich früher die Leute mit Leid und Angst fertig? Wir
Menschen von heute, das meint wohl diese Frage, haben so gute medizinische Apparate, haben Krankenversicherungen, die die finanzielle Seite der
Behandlung abdecken, stellen soziale Programme auf, um die Pflege bei längerer Krankheit zu garantieren, haben Alten- und Pflegeheime, schieben aber oft dahin unsere Kranken ab, weil wir uns damit nicht beschäftigen wollen, weil wir der Krankheit, soweit man sie nicht medizinisch beheben kann, hilflos gegenüberstehen. Was meint nun der Krebskranke, wenn er fragt, wie früher die Leute damit fertig wurden?
Bei „früher" dürfte Solschenizyn - übrigens ein gläubiger Schriftsteller - nicht im zeitlichen Sinn an vergangene Jahrhunderte gedacht haben, sondern
an Menschen, die noch nicht im Bereich des kommunistischen Atheismus leben mußten, die noch gläubig waren, die ihr Leben und ihr Kreuz im Glauben zu meistern versuchten. Sind wir heute in Deutschland noch gläubig?
Gehören wir noch zu den Menschen von „früher"?
Auf den Punkt gebracht lautet daher die Frage des Krebskranken so: Wie wird ein gläubiger Christ mit Krankheit und Leid fertig? Er geht z. B. zur
Schmerzensmutter: Die Kunst kennt viele Darstellungen der von einem Schwert Durchbohrten, der Mutter auf dem Kreuzweg oder unter dem Kreuz
oder nach der Kreuzabnahme, als der tote Sohn ihr in den Schoß gelegt wurde. Die vielen Darstellungen in Kirchen und Kapellen bezeugen die Erfahrung vieler Gläubiger, daß sich eigene Not im Blick auf Maria leichter bewältigen oder tragen läßt.
Wer uns weiterhelfen soll, muß erstens selber Leid erfahren haben. Einem Gesunden und Wohletablierten steht es schlecht an, dem von Schmerz
Geplagten einen Zuspruch zu geben. Der Helfer darf zweitens infolge seiner Not nicht innerlich zermürbt oder verzweifelt sein; im Leid verlieren viele den Glauben an den guten Gott. Der Helfer muß drittens das Leid innerlich angenommen haben. Diese Annahme gelingt aber nur durch einen innigen Bezug zu Jesus, dem Gekreuzigten.

Die Antwort
Die vielen Pilger, die während des Jahres hierher kommen, und wir heute antworten auf die Frage des Krebskranken: Wir gehen nach Mindelstetten, zur
Anna Schäffer. Was können wir von ihr lernen?
Eine Vorbemerkung scheint mir hier nötig: Wenn wir vom vorbildlichen Leiden Anna Schäffers sprechen, soll keineswegs das Leiden glorifiziert werden.
Unsere Natur wehrt sich gegen Schmerzen und Leid. Als Anna zwei Jahre vor ihrem Unglück einen Traum sah, daß sie vieles leiden wird, verließ sie zutiefst erschrocken ihren Arbeitsplatz. Sie drehte durch. Wenn Jesus das Leid glorifizieren wollte, hätte er nicht die vielen Kranken geheilt. Es stimmt. Der Mensch leidet nicht gern. Deshalb wünscht Anna in ihren Briefen den Kranken Besserung und Gesundheit. Und das Wunder, das zur Heiligsprechung noch erwartet wird, dürfte auch eine medizinisch unerklärliche Heilung sein.
Umso mehr überraschen dann folgende Worte in Annas Briefen: „Ich danke Dir, o guter Jesus für alle Schmerzen, die Du mir auf meinem Krankenbette
geschenkt hast""1. Anna betrachtet das Kreuz als Geschenk Jesu: „Ich bin nun schon 16 Jahre krank und liege seit meinem 18. Lebensjahr. Im Dienst verunglückte ich, ich fiel in einen kochenden Waschkessel mit Lauge und verbrannte mit beide Füße recht arg und bin bis heute noch nicht geheilt und sind meine Füße auch ganz steif und ich habe noch an beiden 32 Wunden, welche recht arg eitern ... Herz Jesu, ich danke dir für alle Schmerzen und für alles Kreuz, welches du mir auf meinem Krankenbette geschenkt hast."2 Wir sehen: Anna spricht davon, daß sie „noch nicht geheilt" ist. Sie will also geheilt werden und empfindet hierin ganz natürlich, sie nimmt aber die Krankheit an und handelt darin gläubig. Uns, die wir Anna verehren und von ihr lernen wollen, stellt sich die Frage, wie sie es fertig gebracht hat, für ihre unsäglichen Schmerzen sogar noch zu danken.
Bild: Gnadenkreuz von Heroldsbach
Der Weg zum Ja
Eine solche Haltung gelingt nicht in einer Stunde, sondern bedarf Monate und Jahre innerer Reifung. Dabei müssen wir den Blick auf das Kreuz Christi richten und immer tiefer in das Geheimnis des Kreuzes eindringen. Das Kreuz ist zunächst ein Bild für unsägliches Leiden; aber nicht das Übermaß der Schmerzen bringt Erlösung, sondern die Liebe: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab" (Joh 3,66). Dabei ist noch zu bedenken, daß Jesus jederzeit gekonnt hätte, vom Kreuz herabzusteigen: Er mußte nicht nur die Qualen aushalten, sondern zugleich dem verständlichen Verlangen widerstehen, das Kreuz abzuwerfen. Er hat sich ja, wie es im zweiten Hochgebet heißt, „aus freiem Willen" dem Leiden unterworfen. Dieser freie Wille Jesu war ganz vom Willen seines Vaters bestimmt, d. h. vom Gehorsam bis zum Tod (vgl. Phil 2,8). Liebe und Gehorsam erweisen aber gerade im Leiden, wenn's schwer fällt, ihre Echtheit und Uneigennützigkeit.
So ist Jesus gestorben in vorbehaltloser Liebe und Offenheit zu seinem Vater und ebenso in ganzer Liebe zu uns Menschen. Wir sprechen deshalb von seinem Sühnetod: Sterbend, sich ganz hingebend an den Vater und für die Menschen, öffnet er den Vater zu uns und die Menschen zum Vater. Anna Schäffer hat in ihrem Kreuz nicht das Klagen und Anklagen gelernt, sondern ist immer mehr in das Geheimnis eingedrungen, daß Jesus für sie gestorben ist, in das Geheimnis seiner Liebe und seines Offenseins bis zum Tod am Kreuz. Sie hat gezeigt, daß Leiden nicht nur passives Aushalten ist, sondern auch aktive Reinigung sein kann. Sie schafft geistige Ordnung in der Nachfolge Christi.

Die geistige Ordnung
Heute spricht man so viel von der Umweltzerstörung, von der Störung der natürlichen Ordnung, der Lebensbedingungen in Bezug auf Klima, Wasser, Luft und Boden. Schlimmer jedoch - was meistens übersehen wird - ist die Störung der geistigen Ordnung, das existenzielle Chaos, das entsteht, wenn
wir die Grundordnung im Leben, sein Woher und Wohin vergessen haben.
Papst Johannes Paul II. prägte dafür den Begriff von der „Kultur des Todes". Er meint damit, daß wir unsere Probleme immer mehr mit Töten lösen wollen. Ich verweise nur auf die Abtreibung und den zunehmenden Trend, Schwerkranke durch ein Mittel in den Tod zu schicken. In Holland sollen es über 20 sein, die auf diese Weise sterben. Oder denken Sie an den Zerfall von Ehen und Familien. Der Verlust der geistigen Ordnung ist schlimmer als die Umweltverschmutzung, weil diese von Menschen verursacht wird, die geistig und sittlich entgleist sind.
Der Luftverschmutzung begegnen wir in den Städten heute mir der Errichtung von Biotopen und Grünflächen. Auf geistiger Ebene sind diese „Grünen
Lungen" die Kranken, die in Liebe ihre Lage annehmen, sie aufopfern - wie man früher sagte -, d. h. Gott schenken; er möge durch dieses liebende Leiden wie durch ein existenzielles Gebet die Menschen erleuchten. Wenn wir die Möglichkeit und ihre Verwirklichung durch das Sühneleiden der einfachen Frau Anna Schäffer bedenken, wird uns bewußt, wie viel jemand den Mitmenschen schuldig bleibt, der durch freigewählten Tod die gläubige Annahme seiner Krankheit verweigert. Die selige Anna Schäffer ist so gerade in unserer Zeit ein Wegweiser, dafür nämlich, daß das Leiden „heilbringend" sein kann, wie es im Hochgebet der hl. Messe heißt.

Die Hilfe
Anna war durch die Betrachtung des Geheimnisses des Kreuzes angeregt worden, ihre Krankheit aufzuopfern. Daß sie 25 schwere Jahre durchhalten
konnte, war nicht zuerst ihre Leistung, sondern Kraft von oben. In den Heiligen verehren wir das Werk der Gnade Gottes. Vor allem hat Anna Schäffer diese Kraft in der hl. Kommunion erhalten. Ich möchte sie wörtlich zitieren:
„Wenn mir jemand die Wahl ließe, entweder ganz gesund zu sein und alle erdenklichen irdischen Freuden zu genießen und keine heilige Kommunion empfangen zu dürfen oder Tag und Nacht die bittersten Schmerzen ohne jeden Schlaf zu erdulden, aber alle Tage die heilige Kommunion empfangen zu dürfen, so würde ich mit größter Liebe das Letztere wählen, denn kein irdisches Leiden mag hinzuwiegen, was ich im Herzen leiden mußte, wenn mir die heilige Kommunion entzogen wäre ... Mein Gott, ohne heilige Kommunion recht lange krank zu sein, das müßte das schwerste Opfer sein, nicht so des Leidens wegen, sondern der Entbehrung der heiligen Kommunion wegen"3.
Den Reichtum der Eucharistie erfahren wir, wenn wir in unserem Leben lange mit ihr vertraut wurden. Wenn sie nicht schlafen konnte, hat unsere Selige sich in Gedanken vor den Tabernakel versetzt und Anbetung gehalten. Der Anbeter sagt: Gott, du bist die Liebe und machst mein Leben gut und fruchtbar, sogar mein Leiden.
In Fatima sagte Maria zu den Kindern: „Ihr werdet also viel leiden müssen, aber die Gnade Gottes wird eure Stärke sein." Die Gnade war auch die Stärke Annas und möge auch unsere Stärke sein, wenn wir in ähnliche Situationen kommen.
1 E. Ritter, „Im Leiden habe ich Dich lieben gelernt!" Die Schriften Anna Schäffers, Regensburg 1999,68.
2 Ebd. 69
3 G.F. Schwager, An sonnigen Gnadenquellen. Eucharistische Gedanken, Betrachtungen ... der sel. Anna Schäffer, Regensburg 2000, 54f.
(Quelle: "Selige Anna Schäffer" Dez. 2009, S. 15, Regensburg)
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