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Univ.-Prof. em. Prälat DDr. Anton Ziegenaus, Bobingen
Lernt von den Heiligen
Die Frage
Der
russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn
hat einen Roman verfaßt, dem er den Titel gab: Krebsstation. Wir
können uns eine solche Station eines Krankenhauses leicht vorstellen.
Alle haben eine Krankheit, nämlich irgendeine Art von Krebs; alle
hoffen auf eine Heilung, aber befürchten, es gäbe keine.
In
dieser Trostlosigkeit des Krebssanatoriums stellt nun ein Kranker die Frage:
Wie wurden eigentlich früher die Leute mit Leid und Angst fertig?
Wir
Menschen
von heute, das meint wohl diese Frage, haben so gute medizinische Apparate,
haben Krankenversicherungen, die die finanzielle Seite der
Behandlung
abdecken, stellen soziale Programme auf, um die Pflege bei längerer
Krankheit zu garantieren, haben Alten- und Pflegeheime, schieben aber oft
dahin unsere Kranken ab, weil wir uns damit nicht beschäftigen wollen,
weil wir der Krankheit, soweit man sie nicht medizinisch beheben kann,
hilflos gegenüberstehen. Was meint nun der Krebskranke, wenn er fragt,
wie früher die Leute damit fertig wurden?
Bei
„früher" dürfte Solschenizyn - übrigens ein gläubiger
Schriftsteller - nicht im zeitlichen Sinn an vergangene Jahrhunderte gedacht
haben, sondern
an
Menschen, die noch nicht im Bereich des kommunistischen Atheismus leben
mußten, die noch gläubig waren, die ihr Leben und ihr Kreuz
im Glauben zu meistern versuchten. Sind wir heute in Deutschland noch gläubig?
Gehören
wir noch zu den Menschen von „früher"?
Auf
den Punkt gebracht lautet daher die Frage des Krebskranken so: Wie wird
ein gläubiger Christ mit Krankheit und Leid fertig? Er geht z. B.
zur
Schmerzensmutter:
Die Kunst kennt viele Darstellungen der von einem Schwert Durchbohrten,
der Mutter auf dem Kreuzweg oder unter dem Kreuz
oder
nach der Kreuzabnahme, als der tote Sohn ihr in den Schoß gelegt
wurde. Die vielen Darstellungen in Kirchen und Kapellen bezeugen die Erfahrung
vieler Gläubiger, daß sich eigene Not im Blick auf Maria leichter
bewältigen oder tragen läßt.
Wer
uns weiterhelfen soll, muß erstens selber Leid erfahren haben. Einem
Gesunden und Wohletablierten steht es schlecht an, dem von Schmerz
Geplagten
einen Zuspruch zu geben. Der Helfer darf zweitens infolge seiner Not nicht
innerlich zermürbt oder verzweifelt sein; im Leid verlieren viele
den Glauben an den guten Gott. Der Helfer muß drittens das Leid innerlich
angenommen haben. Diese Annahme gelingt aber nur durch einen innigen Bezug
zu Jesus, dem Gekreuzigten.
Die Antwort
Die
vielen Pilger, die während des Jahres hierher kommen, und wir heute
antworten auf die Frage des Krebskranken: Wir gehen nach Mindelstetten,
zur
Anna
Schäffer. Was können wir von ihr lernen?
Eine
Vorbemerkung scheint mir hier nötig: Wenn wir vom vorbildlichen Leiden
Anna Schäffers sprechen, soll keineswegs das Leiden glorifiziert werden.
Unsere
Natur wehrt sich gegen Schmerzen und Leid. Als Anna zwei Jahre vor ihrem
Unglück einen Traum sah, daß sie vieles leiden wird, verließ
sie zutiefst erschrocken ihren Arbeitsplatz. Sie drehte durch. Wenn Jesus
das Leid glorifizieren wollte, hätte er nicht die vielen Kranken geheilt.
Es stimmt. Der Mensch leidet nicht gern. Deshalb wünscht Anna in ihren
Briefen den Kranken Besserung und Gesundheit. Und das Wunder, das zur Heiligsprechung
noch erwartet wird, dürfte auch eine medizinisch unerklärliche
Heilung sein.
Umso
mehr überraschen dann folgende Worte in Annas Briefen: „Ich danke
Dir, o guter Jesus für alle Schmerzen, die Du mir auf meinem Krankenbette
geschenkt
hast""1. Anna betrachtet das Kreuz als Geschenk Jesu: „Ich bin nun schon
16 Jahre krank und liege seit meinem 18. Lebensjahr. Im Dienst verunglückte
ich, ich fiel in einen kochenden Waschkessel mit Lauge und verbrannte mit
beide Füße recht arg und bin bis heute noch nicht geheilt und
sind meine Füße auch ganz steif und ich habe noch an beiden
32 Wunden, welche recht arg eitern ... Herz Jesu, ich danke dir für
alle Schmerzen und für alles Kreuz, welches du mir auf meinem Krankenbette
geschenkt hast."2 Wir sehen: Anna spricht davon, daß sie „noch nicht
geheilt" ist. Sie will also geheilt werden und empfindet hierin ganz natürlich,
sie nimmt aber die Krankheit an und handelt darin gläubig. Uns, die
wir Anna verehren und von ihr lernen wollen, stellt sich die Frage, wie
sie es fertig gebracht hat, für ihre unsäglichen Schmerzen sogar
noch zu danken.
Bild: Gnadenkreuz von Heroldsbach
Der
Weg zum Ja
Eine
solche Haltung gelingt nicht in einer Stunde, sondern bedarf Monate und
Jahre innerer Reifung. Dabei müssen wir den Blick auf das Kreuz Christi
richten und immer tiefer in das Geheimnis des Kreuzes eindringen. Das Kreuz
ist zunächst ein Bild für unsägliches Leiden; aber nicht
das Übermaß der Schmerzen bringt Erlösung, sondern die
Liebe: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen
Sohn hingab" (Joh 3,66). Dabei ist noch zu bedenken, daß Jesus jederzeit
gekonnt hätte, vom Kreuz herabzusteigen: Er mußte nicht nur
die Qualen aushalten, sondern zugleich dem verständlichen Verlangen
widerstehen, das Kreuz abzuwerfen. Er hat sich ja, wie es im zweiten Hochgebet
heißt, „aus freiem Willen" dem Leiden unterworfen. Dieser freie Wille
Jesu war ganz vom Willen seines Vaters bestimmt, d. h. vom Gehorsam bis
zum Tod (vgl. Phil 2,8). Liebe und Gehorsam erweisen aber gerade im Leiden,
wenn's schwer fällt, ihre Echtheit und Uneigennützigkeit.
So
ist Jesus gestorben in vorbehaltloser Liebe und Offenheit zu seinem Vater
und ebenso in ganzer Liebe zu uns Menschen. Wir sprechen deshalb von seinem
Sühnetod: Sterbend, sich ganz hingebend an den Vater und für
die Menschen, öffnet er den Vater zu uns und die Menschen zum Vater.
Anna Schäffer hat in ihrem Kreuz nicht das Klagen und Anklagen gelernt,
sondern ist immer mehr in das Geheimnis eingedrungen, daß Jesus für
sie gestorben ist, in das Geheimnis seiner Liebe und seines Offenseins
bis zum Tod am Kreuz. Sie hat gezeigt, daß Leiden nicht nur passives
Aushalten ist, sondern auch aktive Reinigung sein kann. Sie schafft geistige
Ordnung in der Nachfolge Christi.
Die geistige Ordnung
Heute
spricht man so viel von der Umweltzerstörung, von der Störung
der natürlichen Ordnung, der Lebensbedingungen in Bezug auf Klima,
Wasser, Luft und Boden. Schlimmer jedoch - was meistens übersehen
wird - ist die Störung der geistigen Ordnung, das existenzielle Chaos,
das entsteht, wenn
wir
die Grundordnung im Leben, sein Woher und Wohin vergessen haben.
Papst
Johannes Paul II. prägte dafür den Begriff von der „Kultur des
Todes". Er meint damit, daß wir unsere Probleme immer mehr mit Töten
lösen wollen. Ich verweise nur auf die Abtreibung und den zunehmenden
Trend, Schwerkranke durch ein Mittel in den Tod zu schicken. In Holland
sollen es über 20 sein, die auf diese Weise sterben. Oder denken Sie
an den Zerfall von Ehen und Familien. Der Verlust der geistigen Ordnung
ist schlimmer als die Umweltverschmutzung, weil diese von Menschen verursacht
wird, die geistig und sittlich entgleist sind.
Der
Luftverschmutzung begegnen wir in den Städten heute mir der Errichtung
von Biotopen und Grünflächen. Auf geistiger Ebene sind diese
„Grünen
Lungen"
die Kranken, die in Liebe ihre Lage annehmen, sie aufopfern - wie man früher
sagte -, d. h. Gott schenken; er möge durch dieses liebende Leiden
wie durch ein existenzielles Gebet die Menschen erleuchten. Wenn wir die
Möglichkeit und ihre Verwirklichung durch das Sühneleiden der
einfachen Frau Anna Schäffer bedenken, wird uns bewußt, wie
viel jemand den Mitmenschen schuldig bleibt, der durch freigewählten
Tod die gläubige Annahme seiner Krankheit verweigert. Die selige Anna
Schäffer ist so gerade in unserer Zeit ein Wegweiser, dafür nämlich,
daß das Leiden „heilbringend" sein kann, wie es im Hochgebet der
hl. Messe heißt.
Die Hilfe
Anna
war durch die Betrachtung des Geheimnisses des Kreuzes angeregt worden,
ihre Krankheit aufzuopfern. Daß sie 25 schwere Jahre durchhalten
konnte,
war nicht zuerst ihre Leistung, sondern Kraft von oben. In den Heiligen
verehren wir das Werk der Gnade Gottes. Vor allem hat Anna Schäffer
diese Kraft in der hl. Kommunion erhalten. Ich möchte sie wörtlich
zitieren:
„Wenn
mir jemand die Wahl ließe, entweder ganz gesund zu sein und alle
erdenklichen irdischen Freuden zu genießen und keine heilige Kommunion empfangen
zu dürfen oder Tag und Nacht die bittersten Schmerzen ohne jeden Schlaf
zu erdulden, aber alle Tage die heilige Kommunion empfangen zu dürfen,
so würde ich mit größter Liebe das Letztere wählen,
denn kein irdisches Leiden mag hinzuwiegen, was ich im Herzen leiden mußte,
wenn
mir die heilige Kommunion entzogen wäre ... Mein Gott, ohne heilige
Kommunion recht lange krank zu sein, das müßte das schwerste
Opfer sein, nicht so des Leidens wegen, sondern der Entbehrung der heiligen
Kommunion wegen"3.
Den
Reichtum der Eucharistie erfahren wir, wenn wir in unserem Leben lange
mit ihr vertraut wurden. Wenn sie nicht schlafen konnte, hat unsere Selige
sich in Gedanken vor den Tabernakel versetzt und Anbetung gehalten. Der
Anbeter sagt: Gott, du bist die Liebe und machst mein Leben gut und fruchtbar,
sogar mein Leiden.
In
Fatima sagte Maria zu den Kindern: „Ihr werdet also viel leiden müssen,
aber die Gnade Gottes wird eure Stärke sein." Die Gnade war auch die
Stärke Annas und möge auch unsere Stärke sein, wenn wir
in ähnliche Situationen kommen.
1
E. Ritter, „Im Leiden habe ich Dich lieben gelernt!" Die Schriften Anna
Schäffers, Regensburg 1999,68.
2
Ebd. 69
3
G.F. Schwager, An sonnigen Gnadenquellen. Eucharistische Gedanken, Betrachtungen
... der sel. Anna Schäffer, Regensburg 2000, 54f.
(Quelle:
"Selige Anna Schäffer" Dez. 2009, S. 15, Regensburg)
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