"Durch die Verkündigung wurde die Zustimmung
der Jungfrau als Vertreterin der gesamten Menschennatur eingeholt." (hl.
Thomas von Aquin)
"Er ist die Sühne für unsere Sünden" (1 Joh 2,2)
Unser einziger Erlöser ist Jesus Christus. Es läßt
sich sogar noch genauer sagen, daß Gott die Erlösung der Menschen
nicht nur "von außen" bewirken wollte, d.h. sie gleichsam vom Himmel
her verfügt hat; zweifellos hätte er auch auf diese Weise das
Heil der Menschen bewerkstelligen können. Doch Gott wählte den
Weg der Erlösung von innen her, d.h. durch einen Menschen und nicht
ohne ihn sollte sie geschehen. Deshalb lesen wir auch im ersten Brief an
Timotheus (1 Tim 2,5): Es gibt nur "einen Mittler zwischen Gott und den
Menschen, den Menschen Christus Jesus". Immer hat in der Theologiegeschichte
die Kirche das volle und unverkürzte Menschsein Jesu verteidigt, denn
auf demselben Weg sollte das Heil erneuert werden, wie es preisgegeben
wurde: durch einen Menschen. Damit aber dieser Mensch das Heil für
die ganze Menschheit bewirken und sichern kann, ist ihm Gott mit der Macht
seiner Gottheit durch seinen ewigen Sohn zu Hilfe gekommen. Dieser ist
"von außen" hereingekommen, um "von innen", durch den Menschen Jesus
die Erlösung durchzuführen. Die Auswirkungen der Sünde sind
aber dermaßen groß, daß ein Mensch allein diese Sünden
gar nicht sühnen konnte, sondern nur Gott selbst: So hat Gott seinen
Sohn als "Geschöpf" zur Erde gesandt, um die Sünden der Menschheit
zu sühnen. Ein einziger Blutstropfen Jesu hätte ausgereicht,
um alle Sünden der gesamten Menschheit zu sühnen, denn Jesus
ist Gott! Aber Jesus wollte noch mehr tun. So hat Jesus für die Menschen
nicht nur etwas getan, sondern ist an die Stelle der Menschen und sogar
der Sünder getreten, um ihre Schuld zu tragen und vor dem Vater zu
sühnen. Der Stellvertretungsgedanke ist dem christlichen Gedanken
wohlvertraut, denn sowohl Jesus ist an die Stelle der Menschen getreten
als auch jedes Glied in der Kirche als Leib Christi nimmt immer, in all
seinem Leiden und Sich-Freuen, im Beten und Opfern, das andere stellvertretend
mit. Da Gottes Sohn als Mensch von der Menschwerdung bis zum Kreuzestod
unsere Stelle vor dem Vater eingenommen hat, muß auch jeder Gläubige
es für den anderen tun.
Mariens Einsatz für die Menschen
Jesus Christus ist der einzige Erlöser, aber Maria hat, ihm
zugeordnet, mitgewirkt (vgl. II. Vatikan. Konzil, LG 62!). Maria ist also
somit Miterlöserin! Wenn die Menschwerdung des Sohnes und die Vereinigung
von Gott und Mensch in Jesus Christus schon der Beginn der Erlösung
ist (nicht nur die Voraussetzung dafür!), dann hat die Mutter auch
zur Erlösung beigetragen. Sie hat damit für alle Menschen etwas
Gutes getan.
Schon im zweiten Jahrhundert wurde Maria als Gegenbild zu Eva erkannt.
Wie diese in ihrem Ungehorsam auf die Einflüsterungen der Schlange
gehört und über alle Menschen den Tod gebracht hat, so hat die
"Neue Eva" dem Wort des Engels geglaubt und allen das Leben ( = Christus)
zurückgebracht. Zu dieser Sicht von der Neuen Eva hat die lukanische
Verkündigungsszene den Anstoß gegeben.
In der folgenden Zeit wurde immer stärker die Bedeutung des
Ja-Worts Mariens für die Erlösung bewußt. So schreibt im
achten Jahrhundert Ambrosius Autpertus: "Selige Jungfrau, die ganze sündenverhaftete
Welt bittet Dich, doch zuzustimmen. Dich macht die Welt beim Herrn zum
Unterpfand ihres Glaubens, durch Dich, so bittet sie, möge das Unrecht
ihrer Stammeltern abgewaschen werden... Sprich das Wort der Entgegnung
und nimm den Sohn an... Dein Glaube schließt den Himmel entweder
auf oder zu" (PL 39,1986). Noch eindringlicher drückt Bernhard von
Clairvaux (+ 1153) das Warten der Menschheit auf Mariens Jawort aus: "Im
ewigen Wort Gottes sind wir alle geschaffen worden. Durch ein kurzes Wort
von Dir sollen wir neu geschaffen und dem Leben zurückgegeben werden.
Um dieses Wort bitten Dich, gütige Jungfrau, der beklagenswerte Adam
und seine Nachkommen, die, aus dem Paradies vertrieben in der Verbannung
weilen. So liegt der ganze Erdkreis Dir zu Füßen und wartet
auf Deine Antwort... Antworte und empfange das Wort. Sag Dein Wort und
nimm das göttliche Wort entgegen... Der, nach dem sich die Völker
sehnen, steht vor der Tür und klopft an... Und sie sagt das Wort:
'Siehe, ich bin die Magd des herrn' (PL 183, 83f). Hier wird die Miterlöserschaft
Mariens ganz deutlich!
Doch muß festgehalten werden: Mariens Handeln für die
Menschen besagt noch nicht, daß sie als ihre Vertreterin gesprochen
hat, wie es der hl. Thomas (STh III q 30 a I resp) meint. In diese Nähe
kommt der syrische Bischof Jakob von Sarug (+ 521): "Die reine Jungfrau
und der strahlende Engel führten die wunderbare Unterhaltung, welche
den Frieden zwischen Himmel und Erde wiederherstellte... Sie setzten sich
als Schiedsrichter zwischen die Himmlischen und Irdischen... für die
Mutter, welche unter den Bäumen den Schuldbrief unterschrieben hatte
( = Eva), trat die Tochter (Maria) ein, welche die ganze Schuld ihres Vaters
einlöste." Hier wird schon deutlicher der Gedanke, der im Eva-Maria-Gegenbild
immer schon eingeschlossen war, ausgesprochen, nämlich daß die
Tochter an die Stelle der Mutter tritt und somit bei der "wunderbaren Unterhaltung",
die in Mariens Jawort gipfelte, diese nicht nur in eigenem Namen gesprochen
und gehandelt hat. Auch die Frage bei Lk 1,34 ("Wie soll das geschehen?")
hat Maria nach Jakob als "Mund der Kirche" gestellt und "für die ganze
Schöpfung" die Erklärung vernommen. Nach Jacobus Monachus hat
Maria die Taubstummheit der durch die Sünde verhärteten Menschheit
in ein seliges Rufen verwandelt. Maria hat somit
den "Vorsitz" über das gesamte Menschengeschlecht.
Auch das ist ein gewichtiges Argument für Mariens Miterlöserschaft.
Das Ja-Wort im Namen aller
Obwohl in
diesen Texten immer eine stellvertretende Funktion Mariens anklingt, besonders
bei der Verkündigung, hat sie erst Thomas in aller Klarheit ausgesprochen.
Thomas begründet dies damit, daß "zwischen dem Gottessohn und
der menschlichen Natur eine Art geistiger Ehe" (quoddam spirituale matrimonium)
bestehe. Diesen Gedanken hat Papst Leo XIII. unter ausdrücklicher
Berufung auf den heiligen Thomas weitergeführt. Der ewige Sohn habe
sich
mit der Absicht getragen, einen geheimnisvollen Ehebund mit dem gesamten
Menschengeschlecht einzugehen. Er wollte sich dazu der freien Zustimmung
der auserwählten Mutter versichern, die in ihrer Person die Rolle
des Menschengeschlechts übernommen hatte (vgl. Enz. Octobri Mense,
1891). Um die Stellvertretung der Menschheit durch Maria näher zu
begründen, ist zu beachten, daß sie nicht nur als Privatperson
gesehen werden darf. Maria hat eine heilsgeschichtliche Bestimmung und
ist Tochter Zion, Urbild und Repräsentantin der Kirche als geistige
Braut Christi. Die Sicht Israels als Braut und Gemahlin Jahwes bzw. der
Kirche als Braut oder Frau Christi unter dem Zeichen des Ehebundes ist
sowohl dem Alten als auch dem Neuen Testament vertraut (vgl. Jes 62,4f;
Hos 1,2ff; 2,18.21f; Offb 19,7; 22,17; Eph 5,22-33). Auch wenn die Initiative
zum Bund von Gott ausgeht und er seinen Bestand sichert, schließt
er den Bund nicht ohne Zustimmung des Menschen; Gott zwingt nicht zum
Bund, er respektiert stets den freien Willen des Menschen. Daher bedarf
er der Zustimmung des Bundespartners, nämlich der Menschen. Maria
hat dieses Jawort in Vertretung ALLER Menschen ALLER Zeiten gesprochen.
Spricht aber Maria zurecht dieses Jawort als Vertreterin der gesamten
Menschheit? Müßte sie nicht vorerst von den Menschen dazu ermächtigt
werden? Da alles Unsichtbare und Sichtbare "durch IHN (= Christus) und
auf IHN hin erschaffen ist... und alles in IHM seinen Bestand hat" (Kol
1,16f), ignoriert Maria mit ihrer Zustimmung nicht das Selbstentscheidungsrecht
des einzelnen, sondern entspricht dem "wohlverstandenen Interesse"
jedes Menschen. Deshalb wird der Mensch nicht bevormundet; allerdings könnte
er, durch die Erbsünde und durch eigene Sünden belastet, sein
eigenes Lebensziel verkennen.
Maria, die Sündenlose, hatte ein unverstelltes Wissen vom Lebensziel
aller Menschen, selbst wenn diese es nicht erkennen sollten (bzw. wollten!).
So hat sie als Braut Christi, als "Braut des Heiligen Geistes" und als
Urbild der Kirche zurecht das Jawort im Namen ALLER gesprochen. Maria hatte
durch ihre Sündenlosigkeit ein viel größeres Wissen über
alles Göttliche als jeder andere lebende Mensch aller Zeiten! Die
Sünde verdunkelt nämlich den Verstand, verhindert das Wissen
und vernebelt die Übersicht...
"Er kam in Sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf"
(Joh 1,11), weil sie finster waren. Bei diesem einmaligen Ereignis der
Menschwerdung wollte sich Gott nicht aufdrängen.
Gott hat sich deshalb eine
würdige Bundespartnerin von Ewigkeit her bereitet, die den Willkommensgruß
im Namen ALLER sprechen konnte.
(Quelle: Auszüge v. Univ. Prof. Dr. Anton Ziegenaus,
Lehrstuhl für Dogmatik an der Uni Augsburg)