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Sünde und Strafe

Stiftskanonikus Georg Z i n n b a u e r, Regensburg

In einer dreiteiligen Artikelserie sollen in dieser und in den folgenden Ausgaben wichtige Inhalte unseres Glaubens, die heute kaum mehr in Predigten thematisiert werden, dargestellt werden. Der erste Beitrag handelt von „Sünde und Strafe". Dann folgen die Themen „Reue und Vergebung" sowie „Teufel und Hölle". Dem Autor, Stiftskanonikus Georg Zinnbauer, sei dafür bereits an dieser Stelle ein herzliches Vergelt's Gott gesagt.
Wir hoffen, daß unsere Leser aus der Beschäftigung mit diesen sicher ernsten Themen dennoch reichen geistlichen Gewinn ziehen.
Jerusalem war die Stadt, wo sich zum ersten Male das unerhörte Geschehen der Weltgeschichte abspielte: Ein Volk lehnt Gott ab. Menschliche Verstocktheit setzt der Macht der Gnade ein Ende und beschwört das Unheil und die Katastrophe herauf. „Jerusalem, wenn doch auch du es erkannt hättest, und zwar an diesem deinen Tage, was dir zum Frieden dient. Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Es werden Tage über dich kommen, da deine Feinde dich mit einem Wall umgeben, dich ringsum einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich samt deinen Kindern in deinen Mauern zu Boden schmettern und keinen Stein auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast."
Christus stellt also deutlich einen Zusammenhang her zwischen dem Unglauben des Volkes und der drohenden Katastrophe. Er stellt deutlich einen Zusammenhang her zwischen der Ablehnung des Messias, des Heilsbringers, und dem Unheil, das über das Volk hereinbrechen wird.
Ja, es besteht überhaupt ein Zusammenhang zwischen der Sünde, das heißt der Ablehnung der Liebe und des Gesetzes Gottes, und dem Unglück in der Welt. Wir alle kennen die verheerenden Folgen der Ursünde im Paradies. Die Theologie des Römerbriefes beschäftigt sich näherhin mit den Auswirkungen der Sünde auf Welt und Menschen, wenn Paulus im 3. Kapitel schreibt: „Keiner ist gerecht, auch nicht einer. Keiner ist verständig. Keiner fragt nach Gott. Alle sind abgewichen, alle verdorben, keiner tut, was recht ist. Ihre Kehle gleicht dem offenen Grab. Mit ihrer Zunge reden sie Trug. Auf ihren Lippen ist Natterngift. Ihr Mund ist voll Fluch und Bitterkeit. Eilig sind ihre Füße, um Blut zu vergießen. Zerstörung und Verderben kennzeichnen ihren Weg, den Weg des Friedens kennen sie nicht. Gottesfurcht ist ihnen fremd."
Und dann zählt Paulus all die Folgen der Ursünde auf: Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Unzucht, Bosheit, Neid, Mordlust, Streitsucht, Zorn, Feindschaft. Wir sind berufen, die Güte Gottes sichtbar werden zu lassen.
(Vinzenz von Paul)

Und im 10. Kapitel des Korintherbriefes unterstreicht Paulus die Worte Christi vom Evangelium, wenn er die Sünden des auserwählten Volkes mit der Strafe Gottes in Beziehung bringt und schreibt: „Das Volk setzte sich, um zu essen und zu trinken, dann standen sie auf, um zu tanzen. Laßt uns auch nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht getrieben haben, weshalb an einem Tage 2000 umkamen. Laßt uns Christus nicht versuchen, wie ihn einige von ihnen versucht haben und durch Schlangen umkamen. Murrt nicht, wie einige von ihnen gemurrt haben und durch den Würgengel getötet wurden". Es ist die Menschheit selbst, die durch die Sünde, durch die Ablehnung Gottes und des Gewissens sich das Verderben bereitet. Nicht Gott ist an allem schuld, die Sünde ist die Wurzel allen Übels in der Welt, die Ursache aller Katastrophen und Kriege, die Sünde ist der Grund, daß immer wieder Feuer und Bomben auf Häuser und Menschen fallen. Darum schreibt auch der bekannte Münchner Fundamentaltheologe Heinrich Fries in einem seiner Bücher wörtlich: „Nicht alles Leid kann der Mensch verhindern. Aber um das Leiden gerade in seiner größten Dunkelheit und in seiner unerträglichsten Form, um das Leiden der Unschuldigen zu vermeiden, bedarf es nicht der Intervention Gottes. Das meiste könnte der Mensch selbst tun, vermeiden, verhindern, wenn er nur sich, sein Gewissen, seinen Geist, seine Freiheit, sein Herz einforderte zu Gott". Nur dann wäre Gott ungerecht, wenn wir nicht schuldig wären, sagt Pascal.
Ein Volk, über das Gott weinen muß, ein Volk, das vom Untergang bedroht ist, hat sich die Schuld dafür selbst zuzuschreiben. Jerusalem ist nicht deswegen gefallen, weil seine Führer keine hochqualifizierten, politischen Köpfe gewesen wären, sondern deswegen, weil seine politischen und religiösen Führer den Herrschaftsanspruch des Messias abgelehnt haben. Auf den Straßen und Gassen lagen die Leichen der Ermordeten, weil man Pflastersteine aufgehoben hatte, um damit den Messias zu treffen. Übrig geblieben ist nichts als verbrannte Erde, weil dieses Stück Erde den Gottessohn nicht tragen wollte. Die Mauern von Jerusalem fielen, weil man Christus den Eckstein, verworfen hatte. Der Tempel wurde in eine Wüste verwandelt, weil man Gott nicht im Geiste und in der Wahrheit anbeten wollte. Die Herrlichkeit des davidischen Königtums fiel in Schutt und Asche, weil man den Davidssohn aus Nazareth nicht anerkennen wollte. Nein, Aufstieg und Untergang einer Stadt, eines Volkes, hängen letztlich von der Religion, vom Glauben ab; das Leben und Sterben einer Nation ist mit ihrer Stellung und Haltung zu Gott untrennbar verbunden. Die Geschichte ist nicht eine Frage der Außen- oder Innenpolitik, nicht eine Frage der militärischen Stärke und Strategie, die Geschichte ist nicht eine Frage der militärischen Siege oder Niederlagen, sie ist eine Frage des Glaubens oder Unglaubens, der Moral oder Unmoral der Völker. Nicht das Unvermögen politischer Führer und Regierungen hat den Untergang so mancher Staaten und Völker herbeigeführt, sondern ihre Gottlosigkeit und ihr Unglaube. Nicht eine falsche Verteidigungspolitik oder ein Versagen der Wirtschaft hat manche Völker von der Erde verschwinden lassen, sondern ihre Gesetzlosigkeit und Zügellosigkeit. Nicht eine verkehrte Ernährungspolitik hat den Bestand mancher Völker gefährdet, sondern die Sattheit der Menschen gegenüber übernatürlichen und religiösen Fragen. Nicht eine falsche Bildungspolitik oder mangelnde Wissenschaftsförderung lassen ein Volk absinken, sondern die Abgestumpftheit und Interesselosigkeit gegenüber den Fragen der Theologie und der Glaubenswelt. - Das ist die wahre, biblisch begründete Geschichtsphilosophie, und solange die Historiker diese Sicht, diese Dimensionen der Religion nicht in ihre Geschichtsschreibung miteinbeziehen, sind und bleiben sie Geschichtsfälscher.

Es muß einmal klar gesagt werden, daß ein Zusammenhang besteht zwischen den Sünden der Menschheit und den Strafgerichten Gottes. Es muß einmal klar gesagt werden, daß ein Zusammenhang besteht zwischen dem Sexkarussell, das sich munter in unseren Filmtheatern dreht, und dem verwirrenden Durcheinander, das die Menschheit buchstäblich taumeln läßt; daß ein Zusammenhang besteht zwischen dem ausgelassenen und sündhaften Treiben in vielen Nachtbars und der Nacht, die über uns hereinzubrechen droht; daß ein Zusammenhang besteht zwischen den unverschämten und frivolen Bildern in vielen Illustrierten und Magazinen und den apokalyptischen Schreckbildern, die die Menschen der Gegenwart in Angst versetzen; Theodor Haecker sagt einmal: „Fällt Europa vom Glauben ab, dann fällt es nicht einfach ins Nichts, sondern ins Niedere, und die Steine, die die Menschen gegen den Himmel werfen, fallen auf sie selbst zurück."
(Quelle: "Bote von Fatima" 7/2006, Regensburg)
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