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Sei gegrüßt, o Königin
Msgr. Willibald Kammermeier, Niederviehbach

Zum Gebetsschatz unserer Kirche gehört das „Salve Regina", das „Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit". Je länger und je lieber man es betet, desto mehr wird man spüren, in welche Weiten und Tiefen es führt. Es gehört zu den Gebeten - und das ist die Nagelprobe auf ihre Echtheit -, die mit dem Beter wachsen, oder besser: an denen der Beter wächst. Solche Gebete sind dem Beter immer ein Stück voraus, so sehr er sie auch nach allen Richtungen hin auszuschreiten meint. Es sind Alltagsgebete, gewöhnlich wie das tägliche Brot, und führen doch den Beter über den Alltag hinaus. Sie weisen uns auf Gott. Wenn sich das „Salve Regina" auch an Maria, die Mutter Gottes, richtet, so erreicht es seinen Gipfel in dem „Zeige uns Jesus!" Maria ist ein vorzüglicher Weiser auf Jesus, ein vorzüglicher Weiser auf den dreifaltigen Gott. Sie kennt das Leben der Menschen und das Leid der Erde aus eigener Erfahrung, und darum hebt sich die Krone, die sie trägt, aus den Tränen, die das Leid ihr entpreßt hat. Zugleich aber sind es unsere Tränen, die Tränen derer, die im „Tal der Tränen" wohnen, die ihre Krone benetzen; und sie läßt es geschehen, weil sie die Mutter der Barmherzigkeit ist. So ist Mariens Krone von Tränen betaut, von ihren eigenen sowohl wie von den unseren.
„Zeige uns Jesus"
Die alten Römer kannten das Wort: „Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano." - „Man muß beten, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei."
Die moderne Sportbewegung hat dieses Wort für sich in Anspruch genommen - „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" -, hat dabei freilich das „Man muß darum beten, daß es so sei" unter den Tisch fallen lassen. Und auch noch ein anderes wurde übersehen: Daß geistige Leistungen nur auf der Grundlage eines gesunden Körpers möglich seien, ist von der Geschichte mehr als einmal berichtigt worden.
Man braucht nur auf den heiligen Paulus zu schauen, der mit einer geheimnisvollen Krankheit behaftet war - mit was für einer, wissen wir nicht; man hat an Epilepsie gedacht - und wird merken, daß dieser kranke Mensch unendlich viel im Dienste Jesu Christi, in der Verkündigung der Heilsbotschaft getan hat. „Ich habe mehr gearbeitet, als sie alle", kann dieser von seiner Krankheit geplagte Mann schreiben (1 Kor 15,10); er setzt allerdings hinzu, daß nicht er selber es gewesen sei, sondern die Gnade Gottes in ihm, die ihn unermüdlich tätig sein ließ.
Etwa nach dem Jahr 1000 hat es einen lahmen Menschen gegeben, einen Mann, der des Gebrauchs seiner Glieder von Jugend an beraubt war, und der doch, wie man ihn nannte, das „Wunder seines Jahrhunderts" wurde. Später freilich ist er wieder vergessen worden. Es ist der Mönch Hermann der Lahme. Aus hochadeligem Geblüt geboren, wurde er von seinen Eltern dem Kloster Reichenau zur Erziehung übergeben. Dort lernte er den Gottesdienst und den feierlichen Chorgesang lieben; aber er konnte nicht Priester werden, denn er war, wie sein Biograph Berthold berichtet, „so sehr gelähmt, daß er sich von der Stelle, wo man ihn hingelegt, ohne fremde Hilfe weder fortzubewegen noch auch nur auf die andere Seite zu wenden vermochte und nur in einer Art Tragsessel, auf welchen ihn sein Diener niedergelassen hatte, mühsam und gekrümmt sitzen konnte. Überdies war er durch die Grausamkeit der Natur auch an Mund, Zunge und Lippen gelähmt, so daß er nur gebrochene und kaum verständliche Laute hervorbringen konnte; ebenso konnte er mit seinen gleichfalls gelähmten Fingern nur mühsam schreiben" (1). Aber in diesem äußerlich verkrüppelten Menschen lebte ein wacher Verstand und ein warmes Herz. Abt Berno von der Reichenau hatte das erkannt, sonst hätte er den Dreißigjährigen nicht als Mönch ins Kloster aufgenommen. Hermann wurde ein gefeierter Lehrer und der größte Schriftsteller der Reichenau. Zu Hunderten saßen junge Menschen zu Füßen des Lahmen, dem der Unterricht freilich oft eine furchtbare Qual war. Er schreibt eine Weltchronik, schreibt ein Buch über die Tonkunst - er war ein großer Liebhaber der Musik -, er schreibt über die Regeln der Rechenkunst, berechnete Mondfinsternisse auf die Stunde genau voraus. Trotz seines Leidens war er immer freundlich und heiter; er klagte nie. Er war voll Dankbarkeit gegen alle, die ihm im Leben halfen. In seinem zweiundvierzigsten Lebensjahr raffte ihn eine Lungenentzündung hinweg. Das war im Jahre 1054. Als inniger Marienverehrer hat er uns zwei großartige Mariengebete geschenkt, die die Zeiten überdauert haben: das „Alma redemptoris mater", das die Kirche in ihrem Stundengebet als Marianische Antiphon der Adventszeit betet (deutsche Übersetzung GL Nr. 577) und das „Salve Regina" (GL Nr. 570 und 571):
Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung, sei gegrüßt! Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas, zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elende zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. 0 gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.
Das ist also das Mariengebet des Mönches Hermann des Lahmen von der Reichenau. Die letzte Anrufung allerdings „O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria" hat der heilige Bernhard von Clairvaux angefügt. Er soll sie zum erstenmal im Mariendom in Speyer ausgerufen haben. Für uns ist es wichtig zu wissen, daß das „Salve Regina" von einem Menschen stammt, der aus eigener Erfahrung um das Leid der Welt wußte; von einem kranken, einem gelähmten Menschen, dessen Leben, rein äußerlich gesehen, eine einzige Qual gewesen ist. Aus dieser Not heraus hat Hermann der Lahme auf Maria gebaut. Er wußte, daß, seit es Menschen gab, ein Ozean von Tränen geweint worden war - und wir wissen es auch und wir haben manche Träne selber mitgeweint. Aber da Hermann der Lahme auf Maria schaute, hat er erfahren, was sie uns alles im Leben bedeuten kann: Leben, Wonne, Hoffnung. Und was erwartet er von ihr? Daß sie uns ihr barmherziges Auge zuwende, daß sie an uns denke, daß sie uns nicht vergesse. Der Blick Mariens, der auf unserem Leben ruht, das Auge Mariens, das auf uns schaut: das hat Hermann der Lahme vor über neunhundert Jahren erbeten - und wir erbitten es heute noch!
Aber dabei bleibt der Beter nicht stehen: Er betet um Jesus; er betet, daß Maria uns ihren Sohn zeige. An der Hand des Beters vor neunhundert Jahren müssen auch wir um Jesus beten; das ist das entscheidende Gebet überhaupt: „Zeige uns Jesus!"

„Zeige uns Jesus!"
Damit kommt zum Ausdruck, daß es um Jesus geht, auch wenn wir uns an Maria wenden. Marienverehrung darf niemals isoliert, darf niemals für sich stehen; sie muß auf Jesus hingeordnet sein und durch Jesus auf den dreifaltigen Gott. Das 2. Vatikanische Konzil hat die Glaubenslehre über Maria als letztes Kapitel der Kirchenkonstitution angefügt und dieses Kapitel überschrieben: „Die selige jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche." Schon diese Überschrift zeigt, daß wir Maria im Geheimnis Christi und der Kirche sehen müssen. Wenn wir sie aber so sehen, dann merken wir, daß im Mariengeheimnis viele Linien der Heilsgeschichte zusammenlaufen, daß viele Glaubenswahrheiten uns an ihrer Gestalt offenbar werden. Sie ist Gottesmutter, und das besagt, daß ihr Sohn, den sie geboren hat, nicht nur Mensch ist, sondern Gott; daß er der Gott-Mensch ist. Die Jungfrauengeburt steht mit der Gottesmutterschaft in engstem Zusammenhang, denn durch sie wird verdeutlicht, daß mit der Gottesmutterschaft Mariens ein absolut neuer Anfang von oben her, von Gott her gesetzt worden ist. Die vaterlose Empfängnis Jesu im Schoß Mariens weist uns darauf hin, daß hier etwas ganz Neues beginnt, daß Gott selber etwas Neues beginnt. Jesus hat nicht nur, wie die Propheten des Alten Bundes, den Geist Gottes empfangen, sondern er stammt seiner irdischen Existenz nach aus dem Geist Gottes und von seiner Mutter Maria - „Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden", so beten wir im Credo der Messe. Auch nach der Geburt Jesu ist Maria Jungfrau geblieben; sie ist die immerwährende Jungfrau. Die „Brüder und Schwestern" Jesu, von denen im Neuen Testament die Rede ist, sind nicht leibliche Geschwister, sondern nahe Verwandte des Herrn.
Mit der Gottesmutterschaft Mariens hängt auch ihre Unbefleckte Empfängnis zusammen, die Tatsache, daß sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt worden ist, und dies im Hinblick auf die Erlösung durch Jesus Christus. Maria ist die Vor-Erlöste. Schon vor dem Kreuzestod des Herrn wurde sie im Hinblick auf diesen Kreuzestod von der Erbsünde erlöst. Darum war sie von Anfang an die „Gnadenvolle"; so begrüßt sie der Engel, als er in Nazareth ihr die Botschaft bringt, daß sie Mutter Gottes werden solle. Darüber hinaus ist Maria, die unbefleckt Empfangene, zeit ihres Lebens auch von jeder persönlichen Sünde frei geblieben. In innigster Beziehung zu ihrem Sohne Jesus Christus hat sie teil an der Heiligkeit Jesu gehabt, und das hat für sie völlige Sündenlosigkeit bedeutet.
Wie Maria die Vor-Erlöste ist, so ist sie auch die Voll-Erlöste: Sie ist bereits mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels eingegangen. Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zeigt uns unsere einstige Vollendung an: Auch für uns wird es einmal die leibliche Auferstehung und die Aufnahme in die Herrlichkeit Gottes geben. Dann ist die Erlösung an uns vollendet, so wie sie schon jetzt an Maria vollendet ist. In der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel ist also bereits geschehen, was wir für uns erhoffen und erwarten dürfen. Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel ist für uns das unverbrüchliche Zeichen unserer Hoffnung.
In allen Gnadenvorzügen Mariens sehen wir ein Doppeltes: Sie wurden ihr um Jesu willen geschenkt, weil sie Mutter Gottes werden sollte, weil sie die Mutter Gottes gewesen ist. Das ist das eine. Das andere aber: Sie wurden ihr auch um unsretwillen geschenkt. Denn ihr Sohn Jesus Christus ist für uns Mensch geworden, hat für uns gelitten und ist für uns gekreuzigt worden, ist für uns von den Toten auferstanden und hat uns zu „neuen Menschen" gemacht, die das ewige Leben erben dürfen. So steht Maria sowohl auf der Seite Jesu, des Sohnes Gottes, wie auch auf unserer Seite. Sie ist die Mutter Gottes und unsere Mutter, die Mutter der Kirche, die Mutter der Glaubenden. Weil Maria auf der Seite Jesu Christi steht, kann sie unsere Fürsprecherin sein; weil sie auf unserer Seite steht, will sie es sein. Weil Maria auf der Seite Jesu steht, kann sie uns Jesus zeigen; weil sie auf unserer Seite steht, wendet sie uns ihre barmherzigen Augen zu. Weil sie auf der Seite Jesu steht, ist sie unsere Herrin und Königin; weil sie auf unserer Seite steht, ist sie unsere Mutter und unsere Schwester. Weil Maria auf der Seite Jesu steht, kann sie uns zu Jesus führen. Und das ist das Ziel all unserer Marienverehrung: daß wir mit Maria zu Jesus finden und damit zum dreifaltigen Gott. Maria weist uns unseren Weg. Und darum heißt Marienverehrung, dem Weg, den sie uns weist, unentwegt zu folgen.
1 Zitiert von Hans Leopold Zollner im Vorwort des Buches „Hermann der Lahme" von Agnes Herkommer. Schwäbisch Gmünd 1981, S. 5.
(Quelle: "Bote von Fatima", Okt. 2009, S. 102ff., Regensburg)

Alle Tage sing und sage Lob der Himmelskönigin; ihre Gnaden, ihre Taten ehr, o Christ, mit Herz und Sinn.
Auserlesen ist ihr Wesen, Mutter sie und Jungfrau war. Preis sie selig, überselig; groß ist sie und wunderbar.
Gotterkoren hat geboren sie den Heiland aller Welt, der gegeben Licht und Leben und den Himmel offen hält.
Ihre Ehren zu vermehren, sei von Herzen stets bereit. Benedeie sie und freue dich ob ihrer Herrlichkeit.


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