Mit der Ausrufung des Rosenkranzjahres am 16. Okt. 2002 hat Papst Johannes Paul II. auch das Apostolische Schreiben "Rosarium Virginis Mariae" veröffentlicht. Michael Wohner, der Priesteramtskandidat im 3. Semester im Bistum Eichstätt ist, erschließt das neue Dokument der Kirche:
In "Rosarium Virginis Mariae" legt der Papst dar, daß der Rosenkranz in seiner Schlichtheit und Tiefe auch im dritten Jahrtausend ein Gebet von großer Bedeutung bleibt und dazu bestimmt ist, Früchte der Heiligkeit hervorzubringen. Er selbst bezeichnet ihn als sein Lieblingsgebet.
Gibt es aber nicht auch Einwände gegen dieses Gebet? Wird dadurch nicht die zentrale Bedeutung der Liturgie abgewertet? Gilt der Rosenkranz wegen seines marianischen Charakters nicht auch als wenig ökumenisch? Was also soll dieses Gebet so attraktiv machen? Um diese und ähnliche Fragen zu beantworten, verweist der Papst auf eine der letzten Liebestaten des Herrn selbst:
Mit den Worten "Frau, siehe dein Sohn!" (Joh 19,26) hat er in der Person des Lieblingsjüngers alle Kinder der Kirche der mütterlichen Sorge Marias anvertraut. Und die Mutter Christi ha bis in die heutige Zeit auf verschiedene Weisen ihre Gegenwart und Stimme vernehmbar gemacht und dabei immer wieder das Volk Gottes zum Gebet des Rosenkranzes aufgerufen. Am bedeutendsten sind wohl die Erscheinungen in Lourdes und Fatima.
"Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach" (Lk 2,19). Ihre Gedanken bildeten, in gewisser Weise, den "Rosenkranz". Beim Beten des Rosenkranzes kommt die christliche Gemeinde mit dem Andenken und dem Blick Marias in Einklang. Wir erinnern uns mit Maria. Es ist ein Erinnern, das die Werke, die Gott in der Heilsgeschichte erfüllt hat, vergegenwärtigt. Diese Aktualisierung verwirklicht sich zwar vor allem in der Liturgie, die ein Heilswerk par excellence darstellt, aber das geistliche Leben deckt sich ja nicht schlechthin mit der Teilnahme an der heiligen Liturgie. Der Rosenkranz ist Heilsbetrachtung, eine Meditation über Christus mit Maria. Er läßt uns die Geheimnisse im Leben derjenigen schauen, die ihm am nächsten stand. Durch das Herz seiner Mutter bringt uns das Gebet in lebendige Verbindung mit Jesus. Maria soll unser Vorbild sein in der Betrachtung des Antlitzes Christi. Wir sollen uns in ihre Schule begeben, um Christus besser zu erfassen, tiefer in die Geheimnisse einzudringen und schließlich seine Botschaft zu verstehen. Durch solch tieferes Eintauchen in die Geheimnisse bereitet der Rosenkranz uns auf die Liturgie vor, anstatt ihre Bedeutung abzuwerten. Er ist der Widerhall, indem er uns ermöglicht, sie in der Fülle innerer Anteilnahme zu leben und daraus gute Früchte für das Leben im Alltag hervorzubringen.
Beim Beten des Rosenkranzes steht die Betrachtung der Geheimnisse Christi im Mittelpunkt. Er ist eine Art "Kurzfassung des Evangeliums" und um seinen christologischen Gehalt deutlicher zu machen, hält es der Papst für sinnvoll, die Betrachtung auch auf einige besonders bedeutende Momente des öffentlichen Lebens Jesu zwischen seiner Taufe und dem Leidensweg, zu lenken. Dazu empfiehlt er die Einfügung der sogenannten lichtreichen Geheimnisse. Diese handeln von der Taufe Jesu im Jordan, seiner Selbstoffenbarung bei der Hochzeit zu Kana, seiner Verkündigung des Reiches Gottes mit dem Ruf zur Umkehr, seiner Verklärung und der Einsetzung der Eucharistie. Sie sollen nach dem Gedächtnis der Inkarnation und des verborgenen Lebens Christi (freudenreiche Geheimnisse) eingeordnet werden, und vor der Betrachtung seines Erleidens der Passion (schmerzhafte Geheimnisse), auf die der Triumph der Auferstehung (glorreiche Geheimnisse) folgt.
Durch diese Einbeziehung neuer Geheimnisse soll nicht der traditionelle Aufbau des Gebetes verändert werden. Sie ist vielmehr dazu bestimmt, neues spirituelles Interesse am Rosenkranz zu wecken und ihn zu einer wirklichen Einführung in die Tiefen des Herzens Jesu, den Urgrund der Freude und des Lichtes, des Leidens und der Verherrlichung zu machen. Die Betrachtung Christi entlang seiner verschiedenen Lebensabschnitte läßt den Betenden die Wahrheit über den Menschen erfassen. Von der Geburt, die uns die Heiligkeit des Lebens vor Augen stellt, bis zur Betrachtung Christi und seiner Mutter in der Glorie des Himmels, die uns das Ziel, zu dem jeder von uns berufen ist, sehen läßt, wird dem Betenden das Bild des wahren Menschen gezeigt.
Den Rosenkranz betrachtend zu beten bedeutet, unsere Anliegen dem erbarmenden Herzen Jesu und seiner Mutter zu übergeben. Wir empfehlen uns besonders dem mütterlichen Wirken der heiligen Jungfrau, im Vertrauen darauf, daß ihre mütterliche Fürsprache beim Herzen ihres Sohnes alles vermag. In die Abfolge der Geheimnisse können wir alle Ereignisse einschließen, die unser eigenes Leben, das der Familie, der Nation, der Kirche und der Menschheit ausmachen. Dadurch bekommt dieses schlichte Gebet den Rhythmus des menschlichen Lebens. Und damit ist man beim eigentlichen Sinn dieses Gebetes angelangt:
Das betrachtende Beten soll zur Gleichgestaltung mit Christus, der "unser Friede" ist, führen. Das ist das eigentliche "Programm" christlichen Lebens. Wer sich das Christusgeheimnis verinnerlicht, eignet sich das Geheimnis des Friedens an und macht es zu seinem Lebensentwurf. Schon allein durch die ruhige Abfolge des Ave Maria übt das Gebet einen friedensstiftenden Einfluß auf den Beter aus. Indem wir durch das Rosenkranzgebet unseren Blick auf Christus richten, werden wir zu Friedensstiftern in der Welt. Als Gebet um den Frieden ist der Rosenkranz auch schon immer das Gebet der Familie und für die Familie. Deswegen fordert der Papst dazu auf, mit Überzeugung das Rosenkranzgebet in den Familien anzuregen. Durch das gemeinsame Gebet entsteht Einheit. Das gemeinsame Gebet ermöglicht Kommunikation untereinander, die in unserer heutigen Gesellschaft immer schwieriger wird. Das gemeinsame Gebet soll die Keimzelle der Gesellschaft stärken und die verheerenden Auswirkungen der derzeitigen epochalen Krise eindämmen. So können wir zu lebendigen Zeichen der Nähe und Liebe Gottes in der Welt werden.
Neben diesen allgemeinen Gedanken und der Einführung der neuen Geheimnisse enthält das Schreiben auch einige Empfehlungen für einen veränderten Verlauf des Rosenkranzgebetes:
Als erstes gilt es, die Menschen überhaupt wieder auf diesen Schatz aufmerksam zu machen. Wie viele Christen gibt es, die sich anderen Religionen wegen deren meditativen Gebetsformen zuwenden, nur auf Grund zu geringen Wissens um die kontemplative Gebetstradition des Christentums? Es wird davor gewarnt, daß beim Beten eine nur oberflächliche Betrachtung entsteht, oder daß der Rosenkranz gar als eine Art magische Beschwörung angesehen wird. Auch die zum Beten verwendete Perlschnur darf nicht zu einem magischen Gegenstand verkommen, obgleich ihr eine wichtige symbolische Bedeutung zukommt. So läuft der Rosenkranz auf das Kreuz hin zusammen. Christus ist der Mittelpunkt des Lebens und des Gebetes. Alles geht von ihm aus, alles strebt zu ihm hin, alles führt durch ihn im Heiligen Geist zum Vater. Wir müssen dieses Gebet als Ausdruck unserer Liebe verstehen, die nicht müde wird. Dann wird das Rosenkranzgebet auch nicht zu einer trockenen und langweiligen oder gar mechanischen Frömmigkeitsform.
Es ist üblich, das Gebet mit der Anrufung des Psalmes 70 oder mit dem Credo zu beginnen. Um der Meditation der einzelnen Geheimnisse eine größere Tiefe zu geben, schlägt der Papst vor, der Betrachtung ein passendes Bibelwort voranzustellen, das zu manchen Anlässen auch durch einen kurzen Kommentar erläutert werden kann. Ein auf diese Weise erweiterter Rosenkranz ersetzt jedoch nicht die persönliche Lektüre der Heiligen Schrift, sondern setzt sie vielmehr voraus und regt sie an. Bietet uns das nicht die Möglichkeit, das "Jahr des Rosenkranzes" mit dem "Jahr der Bibel 2003" zu verbinden? Man könnte z.B. einen Bibelkreis mit dem Gebet eines Rosenkranzgesätzes, das der zu besprechenden Bibelstelle nahe kommt, beginnen oder beenden und es lassen sich sicherlich genügend andere Gelegenheiten finden, das Rosenkranzgebet zu fördern. Damit die Seele sich auf den Inhalt eines bestimmten Geheimnisses besinnen kann, soll nach der Ankündigung des jeweiligen Geheimnisses und nach der Wortver- kündigung eine Zeit lang innegehalten werden. Auf Stille folgt das Vaterunser, das uns in die Vertrautheit mit dem Vater einführen soll. Es bildet gleichsam das Fundament dieser christologisch-marianischen Betrachtung und verleiht der Meditation des Geheimnisses selbst beim Beten in Einsamkeit eine kirchliche Dimension. Dem Vaterunser schließen sich die zehn Ave Maria an. Versteht man dieses Gebet recht, so kann man feststellen, daß der marianische Charakter dem christologischen nicht entgegensteht, sondern ihn sogar unterstreicht und hervorhebt. Der Angelpunkt der Gebetsteile ist das Wort "Jesus". Seinetwegen wird Maria gegrüßt, seinetwegen aber auch um Fürbitte in der tiefsten universalen Heilssorge der Menschen, die sich aus Sünden- und Todesnot ergibt, angefleht. Der Name des Herrn soll besonders betont werden. Den vor allem in deutschsprachigen Ländern verbreiteten Brauch, die Geheimnisse als Relativsätze an den Namen "Jesus" anzufügen, hält der Papst für lobenswert, weil dadurch das Bekenntnis des Glaubens bekräftigt und gleichzeitig die Betrachtung wach gehalten wird. Die trinitarische Doxologie ist der Zielpunkt jeder christlichen Meditation. Christus ist der Weg, der uns im Geist zum Vater führt. Deswegen soll das Ehre sei dem Vater beim Rosenkranzbeten besonders hervorgehoben werden. Beim öffentlichen Gebet kann man es dazu z.B. singen. Jedes Gesätz soll mit einem abschließenden Stoßgebet enden, das darauf ausgerichtet ist, die besonderen geistlichen Früchte aus der Betrachtung des jeweiligen Geheimnisses zu gewinnen.
Wie bereits üblich, kann dieses Gebet vielfältige Formen annehmen. Für sinnvoll wird es jedoch erachtet, sich an den Erfahrungen marianischer Zentren und Wallfahrtsorte zu orientieren. Am Ende des Gebetes soll der Blick des Betenden noch einmal auf den umfassenden Rahmen kirchlicher Anliegen und Nöte geweitet werden. Deswegen schließt der Rosenkranz mit dem Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters ab. Im Anschluß an den Rosenkranz kann dann noch mit dem Salve regina oder der Lauretanischen Litanei ein Lob der heiligen Jungfrau folgen.
Für die Menschen, die nicht jeden Tag den ganzen Rosenkranz beten können, empfiehlt der Papst eine bestimmte wöchentliche Ordnung. So können montags und samstags die freudenreichen, dienstags und freitags die schmerzhaften, mittwochs und sonntags die glorreichen und donnerstags die lichtreichen Geheimnisse gebetet werden.
Der Papst hat uns mit seinem Schreiben Anregungen gegeben, uns wieder auf die Tiefe und den Nutzen des Rosenkranzgebetes zu besinnen. Jetzt liegt es an uns, uns seine Anregungen zu eigen zu machen und sie in die Tat umzusetzen. Wagen wir uns auf diesen geistlichen Weg, auf dem Maria sich zur Mutter, Lehrerin und Führerin macht, um uns mit ihrer mächtigen Fürbitte zu unterstützen. Beten wir darum, daß wir Christus durch die Hilfe Marias immer ähnlicher werden, beten wir für den Frieden mit uns selbst, für den Frieden in unseren Familien und den Frieden in der ganzen Welt.
(Quelle: "KIRCHE heute", Nr. 1/2003,
S. 16ff.; bestellen Sie sich diese sehr empfehlenswerte Zeitschrift!
Adr.: KIRCHE heute, Pf. 1406, 84498
Altötting)
O mein Jesus, verzeih' uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle und führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen!
(Gebet von Fatima, welches üblicherweise
nach jedem Gesätz eines Rosenkranzes angefügt wird. Dieses Gebet
wurde den Kindern von Fatima von der Muttergottes selbst gelehrt und anempfohlen!)
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