|
|
Im Evangelium des 11. Sonntags im Jahr 2010 zeigt uns Jesus die heilende Verbindung von Vergebung, Reue und Liebe auf in einer provozierenden Szene.
Vergebung löst, heilt und wandelt um
Kommentar zu den Lesungen von Maria Anna Leenen
2 Sam 12,7-10.13; Gal 2,16.19-21; Lk 7,36-8,3
Es war eine kluge List! Mit einer fingierten Anklage hatte der Prophet Natan König David getäuscht, um ihm die Dimension seiner Sünde deutlichzumachen. David war König, aber auch zugleich oberster Richter im Volk. Natan klagt ihm, ein reicher Mann hätte einem Armen das einzige Lamm weggenommen, um es als Braten seinem Gast vorzusetzen. David reagiert überaus wütend über das schwere Vergehen und spricht das Todesurteil aus über den habgierigen Reichen. (vgl. 2 Sam 12,1-6). An diesem Punkt der spannenden biblischen Erzählung beginnt die Lesung des heutigen Sonntags. Natan öffnet dem König die Augen. Er hält ihm einen Spiegel vor und macht ihm klar, er selber sei der habgierige Reiche, da er dem Urija seine Frau weggenommen habe und ihn ermorden ließ. Dabei sei er von Gott so über alle Maßen beschenkt worden, er, ein ehemaliger Hirtenknabe, der zum König von Israel gesalbt worden sei. „Aber warum hast du das Wort des Herrn verachtet und etwas getan, was ihm mißfällt? Du hast den Hetiter Urija mit dem Schwert erschlagen und hast dir seine Frau zur Frau genommen; durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umgebracht." (Verse 8-9)
Die Strafandrohung, die Natan im Namen Gottes ausspricht, ist drastisch, sogar ohne die Verse 10+11, die für die Lesung vom 11. Sonntag ausgelassen wurden. "Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde." (V 10)
David ist König und Richter des Volkes Israel und damit auch Vorbild. Sein Vergehen wiegt doppelt schwer. Nicht nur, dass diese Sünde seine Undankbarkeit zeigt Gott gegenüber. Gleich gegen drei der zehn Gebote hat David verstoßen: Du sollst nicht morden. (vgl. Ex 20,13) Du sollst nicht die Ehe brechen. (vgl. Ex 20,14) Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen. (Ex 20,17)
Nur mit einem Satz wird die Reaktion Davids auf die harte Strafe ausgedrückt: "Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den Herrn gesündigt." (V.13) David erkennt seine Schuld, er bekennt und bereut. Er übernimmt die Verantwortung für sein Tun. Das ist Grund genug für Gott, ihm durch Natan sagen zu lassen, daß das Todesurteil aufgehoben ist. "Natan antwortete David: Der Herr hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben." (V. 13b) Für Gott, den Beschützer und Anwalt der Armen und derer, die an den Rand gedrängt werden, gibt es keine unterschiedlichen Maßstäbe für die Moral: hier Oberschicht, da einfaches Volk. Sünde ist Sünde. Aber es gilt auch: Reue und Umkehr tilgen die Schuld beim König und beim kleinen Mann.
Im Evangelium zeigt Jesus die heilende Verbindung von Vergebung, Reue und Liebe auf in einer provozierenden Szene.
Jesus ist zu einem vornehmen Gastmahl eingeladen von Simon, dem Pharisäer. Simon gehört nicht zu denen, die Jesus in unerbittlicher Feindschaft gegenüberstehen. Das zeigt die ehrerbietige Anrede: "Meister". (Lk 7, 40) Die Türen des Gastgeberhauses sind offen, so daß das Gespräch bei Tisch von anderen, die nicht eingeladen sind, verfolgt werden kann. Die Gäste liegen um den Tisch - Kopf und Schultern zur Mitte - was erklärt, daß die Frau, die plötzlich hereinkommt, ohne Schwierigkeiten an das Fußende der Liege gelangt, auf der Jesus ruht.
Das Verhalten dieser Frau ist skandalös! "Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit Öl." (Verse 37-38) Die Frau muß Jesus von früher her kennen, denn sie kommt sofort zum Haus des Simon, als sie erfährt, daß Jesus dort ist. Und die frühere Begegnung hat in ihr tiefe Spuren hinterlassen. Die anderen Gäste allerdings - es werden ausschließlich Männer gewesen sein - wissen, wer und was diese Frau ist und denken in eine ganz spezielle Richtung. Jesus scheint also doch wohl nicht der große Prophet zu sein, wenn eine solche Frau ihn berühren darf. (V. 30) Ihre Tränen, das offene Haar (streng verpönt bei gläubigen Jüdinnen!) die Küsse und die Salbung mit Öl, man kann sich gut vorstellen, was die Männer gedacht haben. Außerdem macht diese Sünderin Jesus durch ihre Berührung unrein und Jesus dadurch die anderen Gäste. Eine unmögliche, höchst peinliche Situation.
In dem kurzen Dialog, indem Jesus die Geschichte von den zwei Schuldnern erzählt, denen eine je unterschiedlich große Schuld erlassen wird, ist nicht nur Jesu beeindruckende Fähigkeit zu spüren, tiefe Weisheit in Kürzestform zu vermitteln. Jesus kritisiert die sicherlich geringen Nachlässigkeiten des Simon (fehlendes Wasser zum Füße waschen, kein Begrüßungskuß, kein Salben des Haars) und setzt dies in Beziehung zur überströmenden Liebesbezeugung der Sünderin. Er zeigt damit die Verbindung auf, die zwischen Liebe, Vergebung, Schuld und Reue bestehen. Vergebung öffnet für die Liebe, Liebe läßt Schuld und Versagen erkennen und bereuen, was weitere Vergebung und damit noch tiefere Liebe auslöst.
Daß die Frauen in der Gruppe um Jesus offener waren für diese wundervolle Korrespondenz, deutet der Evangelist Lukas in den nächsten Versen an. Zu Beginn des 8. Kapitels zählt er die Frauen auf, die den heilenden Prozeß von Glaube, Vergebung und Liebe erfahren haben, was Konsequenzen hatte: "Sie alle unterstützen Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen." (8,3)
Paulus ist dieser Prozeß gut bekannt. Er weiß, wie sehr er dem liebevollen Wirken Jesu seine Umkehr verdankt. "Weil wir aber erkannt haben, daß der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Jesus Christus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch die Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht."(Gal 2,16) Durch einen Glauben, der in die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus führt und der öffnet und löst und heilt und umwandelt. "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." (Verse 19b-20a)
Quelle:
[Maria Anna Leenen,
1956, lebt seit 16 Jahren als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück.
Leenen arbeitet als freie Autorin und Publizistin mit dem Schwerpunkt Christliche
Spiritualität, vor allem eremitisches Leben heute, Gebet und Kontemplation.www.maria-anna-leenen.de]
Impressum