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„Was wäre der Mensch ohne Jesus Christus!“
Betrachtung Papst Benedikts XVI. beim Kreuzweg im Kolosseum
Liebe Brüder und Schwestern:

Am Ende des dramatischen Berichts über die Leidensgeschichte schreibt der heilige Evangelist Markus: „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39). Das Glaubensbekenntnis dieses römischen Soldaten, der dabei war, als die verschiedenen Etappen der Kreuzigung aufeinander folgten, versetzt uns immer wieder in Staunen. Als das Dunkel der Nacht sich anschickte, diesen in der Geschichte einzigartigen Freitag zu übermannen; als das Kreuzesopfer sich bereits erfüllt hatte und diejenigen, die dort waren, sich beeilten, um das jüdische Paschafest so zu feiern, wie es vorgeschrieben war, hallten diese wenigen Worte, die man von den Lippen eines nicht näher bekannten Kommandanten der römischen Truppe vernahm, angesichts eines so einzigartigen Todes in der Stille nach. Dieser Offizier der römischen Truppe, der an der Exekution von einem unter so vielen zum Tode Verurteilten beteiligt war, vermochte in diesem gekreuzigten Menschen Gottes Sohn zu erkennen, der in der erniedrigendsten Verlassenheit seinen Geist aushauchte. Sein schmachvolles Ende hätte den endgültigen Sieg des Hasses und des Todes über die Liebe und das Leben bedeuten müssen. Aber es war nicht so. Auf dem Golgotha-Hügel erhob sich das Kreuz, an dem ein Mensch hing, der bereits tot war, aber dieser Mensch war „Gottes Sohn“, wie der Hauptmann bekannte, als er Jesus „auf diese Weise sterben sah“, wie der Evangelist sagt.

Das Glaubensbekenntnis dieses Soldaten wiederholt sich jedes Mal, wenn wir den Passionsbericht nach Markus hören. In dieser Nacht halten – genauso wie er – auch wir inne, um das leblose Antlitz des Gekreuzigten zu betrachten, am Ende dieses traditionellen „Via Crucis“, der dank der Fernseh- und Radioübertragung zahlreiche Menschen aus allen Teilen der Welt zusammengeführt hat. Wir haben die tragische Episode eines in der Geschichte aller Zeiten einzigartigen Menschen wieder aufleben lassen, der die Welt nicht dadurch verändert hat, daß er andere umbrachte, sondern daß er zuließ, dass sie ihn, an ein Kreuz geschlagen, töteten. Dieser Mensch, einer von uns, der – während er ermordet wird – seinen Henkern vergibt, ist „Gottes Sohn“, der, wie uns der Apostel Paulus erinnert, Gott gleich war, aber nicht daran festhielt, wie Gott zu sein, sondern der sich entäußerte und wie ein Sklave wurde… „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (vgl. Phil 2,6-8).

Die schmerzvolle Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus ruft notwendigerweise sogar in den kältesten Herzen Mitgefühl hervor, ist sie doch der Höhepunkt der Offenbarung der Liebe Gottes zu jedem von uns. Der heilige Johannes stellt fest: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Christus starb aus Liebe am Kreuz. Im Lauf der Jahrtausende haben sich Scharen von Männern und Frauen von diesem Geheimnis verführen lassen und sind ihm nachgefolgt, indem sie gleichzeitig aus ihrem Leben ein Geschenk für die Brüder machten – wie Jesus und dank seiner Hilfe. Das sind die Heiligen und Märtyrer, von denen uns viele unbekannt sind. Auch in unseren Tagen gibt es so viele Menschen, die in der Stille ihrer täglichen Existenz ihre Leiden mit denen des Gekreuzigten vereinen und so zu Aposteln einer echten spirituellen und sozialen Erneuerung werden! Was wäre der Mensch ohne Christus? Der heilige Augustinus sagt es uns: „Du hättest dich für immer in einem Zustand des Elends befunden, wenn er nicht mit dir Erbarmen gehabt hätte. Du wärst nicht zum Leben zurückgekehrt, wenn er nicht deinen Tod mit dir geteilt hätte. Du wärst ohnmächtig gewesen, wenn er dir nicht zu Hilfe gekommen wäre. Du wärst verloren gegangen, wenn er nicht gekommen wäre“ (Predigt 185,1). Also, warum ihn nicht in unserem Leben aufnehmen?

Halten wir in dieser Nacht inne, und betrachten wir sein entstelltes Gesicht: Es ist das Antlitz des Schmerzensmannes, der all unsere Todesängste auf sich genommen hat. Sein Antlitz spiegelt sich im Antlitz jedes gedemütigten und beleidigten, kranken oder leidenden, einsamen, verlassenen und verachteten Menschen wider. Durch das Vergießen seines Blutes hat er uns von der Sklaverei des Todes freigekauft, die Einsamkeit unserer Tränen zerstört und ist in all unsere Leiden und Ängste eingetreten.

Brüder und Schwestern, während das Kreuz auf dem Golgatha-Hügel steht, richtet sich der Blick unseres Glaubens auf die Dämmerung des neuen Tages, und schon jetzt verkosten wir die Freude und den Glanz von Ostern. „Sind wir nun mit Christus gestorben“, schreibt der heilige Paulus, „so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6,8). In dieser Gewißheit gehen wir unseren Weg weiter. Morgen, Samstag, wollen wir mit Maria, der Jungfrau der Schmerzen, wachen und beten, und wir wollen mit allen Bedrängten beten. Beten wir vor allem für alle, die in der Gegend um L’Aquila, die von einem Erdbeben erschüttert worden ist, leiden müssen. Beten wir darum, daß ihnen auch in dieser dunklen Nacht der Stern der Hoffnung erscheine, das Licht des auferstandenen Herrn.

Schon jetzt wünsche ich allen frohe Ostern im Licht des auferstandenen Herrn!


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