Die fürsorgliche Liebe einer Mutter

Predigt des Päpstlichen Legaten, Angelo Kardinal Sodano, am 13. Mai zum 90. Jahrestag der ersten Erscheinung der Jungfrau Maria
Als Päpstlicher Legat vertrat S. Eminenz Kardinal Angelo Sodano am 13. Mai 2007 den Heiligen Vater bei den Feierlichkeiten in Fatima, welche anläßlich der 90-Jahr-Feier der Erscheinungen dort stattfanden. In seiner Predigt resümierte er die wichtigsten Ereignisse, welche das Heiligtum im Laufe der vergangenen 90 Jahre prägten. „Fatima habe sich der Welt eingeprägt", so zitierte er den verstorbenen
Patriarchen von Lissabon, Kardinal Cerejeira. Die universale Mutterschaft Mariens sei besonders in Fatima spürbar und unübersehbar. Hier habe sie der Welt ihr Herz gezeigt, das sich in der Stunde von Kalvaria zugleich mit dem durchbohrten Herzen ihres Sohnes geöffnet habe.
Es sind 90 Jahre vergangen seit jenem fernen 13. Mai 1917, als die allerseligste Jungfrau Maria ihren Blick auf die Cova da Iria richtete, dieses schöne Fleckchen Erde in Portugal. Sie erschien Lucia dos Santos, Francisco und Jacinta Mario und vertraute ihnen später eine Botschaft für die ganze Welt an. Die drei Hirtenkinder waren ganz damit beschäftigt, ihre Herde zu hüten, als sie von einem hellen Blitz überrascht wurden: Es war eine sehr schöne Frau, die ihnen über einer Steineiche erschien und sie um Gebet und Sühne für das Ende des Krieges und für die Anliegen der ganzen Welt bat. So begann das marianische Epos, das fünf Monate - bis zum 13. Oktober desselben Jahres - dauern und dann vor der Welt erstrahlen sollte, wie es für die Werke Gottes bezeichnend ist. Zu Recht konnte der verstorbene Patriarch von Lissabon, Kardinal Cerejeira, sagen: „Nicht die Kirche hat Fatima in der Welt durchgesetzt, sondern es ist Fatima selbst, das sich der Welt eingeprägt hat."

Die Haltung der Kirche
Sehr bald schloß sich der Bischof von Leiria dem Gebet der Gläubigen an und führte Scharen von Pilgern hierher, die angezogen wurden von der Botschaft Mariens und den außergewöhnlichen Zeichen, die sie begleiteten. Hierhin sandte Pius XII. seligen Angedenkens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Kardinal Aloisi Masella, damit er in seinem Namen die Statue der Jungfrau kröne. Es war der 13. Mai 1946. In Anwesenheit von 600.000 Gläubigen wurde das Haupt der Jungfrau Maria mit einer Goldkrone geschmückt. Derselbe Papst hatte in einem dramatischen Moment dieses weltweiten Konfliktes, am 31. Oktober 1942, die ganze Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht. Aus Anlaß des 50. Jahrestages der Erscheinungen, am 13. Mai 1967, suchte Papst Paul VI. seligen Angedenkens als Pilger dieses Heiligtum auf. Und wie sollte man die tiefe Verehrung des verstorbenen Johannes Pauls II. für die Jungfrau von Fatima vergessen?

Die Weihe an Maria
Schon am 13. Mai 1982 war Papst Johannes Paul II. in dieses schöne Heiligtum gekommen, um der Gottesmutter nach dem Attentat für die überstandene Gefahr zu danken. Hier vollzog der Papst jenen feierlichen Akt der Weihe der Welt an Maria, an den wir uns alle gut erinnern. Diese Weihe sollte er in der Basilika St. Peter im Vatikan am 25. März 1984 erneuern, in spiritueller Einheit mit den Bischöfen der ganzen Welt. Mit starker und feierlicher Stimme vertraute der Hirte der Universalkirche dem Herzen Mariens das Schicksal der Menschen und der Nationen an, in großer Sorge um ihr irdisches und ewiges Heil. Der Diener Gottes Johannes Paul II. kam noch zweimal hierhin, 1991 und im Jahr 2000. Heute ist hier schließlich Papst Benedikt XVI. gegenwärtig, der mich gesandt hat, ihn bei diesem festlichen Anlass zu vertreten. Er selbst befindet sich heute in Brasilien, im großen Heiligtum Unserer Lieben Frau von Aparecida und er vereint sich mit uns, den Ruhm
Mariens zu preisen. Eine Brücke des Gebetes erhebt sich heute von den Ufern des Atlantik und verbindet uns mit unseren Brüdern in Brasilien in dem Wunsch, uns alle dem Unbefleckten Herzen Mariens anzuvertrauen und zu ihrer mütterlichen Fürsprache Zuflucht zu nehmen.

Die Mutterschaft Mariens
Liebe Pilger, das heutige Evangelium öffnet unsere Herzen für die Hoffnung, indem es uns die bewegende Szene auf Golgota vor Augen führt, als Jesus vom Kreuz zu dem Jünger, den er liebte, sprach: „Sohn, siehe, deine Mutter" (Joh 19,27). Von diesem Augenblick an wurde die Mutter Gottes zur Mutter des Menschen. In diesem Augenblick beginnt die geistliche Mutterschaft Mariens, das Geheimnis ihrer universalen Mutterschaft, wenn es wahr ist, daß Mutterschaft Liebe und Fürsorge für das Leben jedes Kindes bedeutet. Die „weiße Frau" - wie sie von den einfachen sieben bis zehn Jahre alten Kindern genannt wurde - zeigte eine besondere Vorliebe für sie. Es war ein Zeichen ihrer Vorliebe für die Kleinen, die Armen und die Leidenden. Die Mutter Gottes zeigte so, daß sie wirklich auch die Mutter des Menschen ist.

Die Botschaft Mariens
Heute sind 90 Jahre vergangen seit den Erscheinungen in der Cova da Iria, und wir wollen Maria bitten, daß sie weiterhin ihre mütterliche Fürsorge den Frauen und Männern unserer Zeit erweist, die manchmal versucht sind, Gott zu vergessen und ihr Herz an das „Goldene Kalb" der irdischen Eitelkeiten zu hängen. Maria weiß, daß hier das ewige Heil ihrer Kinder auf dem Spiel steht, und deshalb wiederholt sie den Aufruf Jesu: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). Die Botschaft Jesu wird so die Botschaft Mariens. Es ist ein starker und entschiedener Appell, so wie der, den eine Mutter an ihre Kinder in den wichtigen Augenblicken ihres Lebens zu richten weiß. Wir sind Maria von ihrem Sohn am Kreuz anvertraut worden, als er in den Qualen der Agonie sagte: „Frau, siehe, dein Sohn" und von jenem Augenblick an öffnete sich das Herz der Mutter für uns, wie sich das Herz des Sohnes geöffnet hatte, das von der Lanze des Soldaten durchbohrt worden
war. Es war ein Herz, das von derselben Liebe zum Menschen und zur Welt geöffnet worden war.

Unser Gebet
Heute spüren wir die Notwendigkeit, uns mit dem Ruf eines bekannten liturgischen Hymnus an Maria zu wenden: „Monstra te esse matrem"; o Maria, zeige, daß du Mutter bist! Viele scheinen sich heute vom Haus des Vaters zu entfernen, und wir sammeln uns eng um die Mutter, damit sie deren Gewissen erhellt und die verlorenen Söhne und Töchter dazu führt, in das Haus des Vaters zurückzukehren. Besonders ihre in Europa lebenden Kinder sind versucht, jenen Glauben zu vergessen, der im Lauf der Jahrhunderte ihre Kraft war. In unseren Ländern ist eine schleichende Apostasie im Gange, die uns Sorgen bereiten muß. Dem Unbefleckten Herzen Mariens vertrauen wir heute das Schicksal der Menschen und Völker unseres Kontinents an, indem wir uns dafür einsetzen, in das Herz unserer Gesellschaft wieder jenen Sauerteig des Evangeliums zu bringen, der seine Geschichte im Lauf der Jahrhunderte durchdrungen hat. Für dieses edle Ziel versprechen wir Maria, intensiv zu arbeiten, indem wir versuchen, „Salz der Erde und Licht der Welt" zu sein. Mit unserem Gebet, unserer Arbeit und unserem christlichen Zeugnis antworten wir auf den Aufruf Mariens und unterstützen die Verbreitung des Evangeliums Jesu Christi in der Welt von heute. Denn
mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Gaudium et spes, 10) glauben wir, „daß in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist", in Christus, „der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit". Amen.
(OR dt, Nr. 21, 25.05.2007, S. 3)

Maria, Mutter des „Ja",
du hast auf Jesus gehört
und kennst den Klang seiner Stimme
und den Schlag seines Herzens.
Du Morgenstern, sprich zu uns über Ihn,
und erzähle uns, wie du Ihm auf dem
Weg des Glaubens nachfolgst.
Maria, die du in Nazareth mit Jesus
zusammengewohnt hast,
präge unserem Leben deine Gefühle ein,
deine Fügsamkeit, dein Schweigen,
das zuhört und das Wort in
wahrhaft freien Entscheidungen
zum Erblühen bringt.
Maria, erzähle uns von Jesus,
damit die Frische unseres Glaubens
in unseren Augen erstrahle
und die Herzen jener erwärme,
die uns begegnen,
wie du es beim Besuch
bei Elisabeth getan hast,
die sich in hohem Alter mit dir über das
Geschenk des Lebens gefreut hat.
Maria, Jungfrau des „Magnifikat",
hilf uns, die Freude in die Welt
zu bringen, und ermutige wie in Kana
alle jungen Menschen,
die sich im Dienst an den Brüdern
engagieren, nur das zu tun,
was Jesus sagt.
Maria, richte deinen Blick
auf die Agora der Jugendlichen,
damit sie zu einem fruchtbaren Boden
der Kirche werde.
Bitte dafür, daß Jesus, der gestorben
und auferstanden ist,
in uns neu geboren wird und uns
verwandle in einer Nacht voller Licht,
die erfüllt ist von Ihm.
Maria, Gottesmutter
du Pforte des Himmels,
hilf uns, den Blick nach oben zu richten.
Wir wollen Jesus sehen.
Mit ihm sprechen.
Allen seine Liebe verkünden.

(Quelle: "Bote von Fatima" 7/2007, S. 98f., Regensburg, sehr empfehlenswerte Zeitschrift!)
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