Maria - die Morgenröte einer neuen Zeit

Ein Gespräch mit Hochw. H. Geistlichen Rat Martin Übelhör

Vor 65 Jahren, am 2. April 1938, wurde Martin Übelhör von Bischof Joannes Baptista Sproll im Rottenburger Dom zum Priester geweiht. Von 1984 bis 1997 leitete er das Fatima-Apostolat in Deutschland, heute noch ist er dessen Ehrenvorsitzender und Diözesanleiter für das Bistum Rottenburg-Stuttgart. Wie kaum ein zweiter hat er die Botschaft von Fatima in Deutschland unermüdlich bekannt gemacht. Bernhard Müller (von "Fatima-ruft"/FR) sprach mit dem 89-jährigen Priester über die Bedeutung der Fatima-Botschaft für Deutschland und die deutsche Kirche.

FR: Dieser Tage feiern Sie Ihr 65-jähriges Priesterjubiläum. Die Botschaft von Fatima hat dabei Ihr priesterliches Leben wesentlich geprägt. ... Welche Bedeutung hat Fatima für Deutschland?

Pfr. M. Übelhör: In Fatima ruft Maria alle Menschen zur Umkehr und zum Gebet auf. Besonders für uns Deutsche ist dies in der heutigen kirchlichen Krisenzeit von großer Bedeutung. Und gerade im Jahr der Erscheinung 1917 haben wir Deutsche große geschichtliche Verantwortung auf uns geladen. Die deutsche Reichsregierung hatte sich in diesem Jahr nicht dazu bewegen lassen, den päpstlichen Friedensvorschlag anzunehmen, um den ersten Weltkrieg zu beenden. Mit der Zurückweisung der Friedensinitiative Papst Benedikts ist letztlich auch für Hitler der Weg frei gemacht, denn hätte man 1917 den Frieden ermöglicht, dann hätte es auch kein Versailles gegeben, wovon Hitler ja profitierte. Eine tragische Kettenreaktion. Und der zweite Fehler: Wir haben Lenin aus seinem Schweizer Exil geholt, mit 20 Millionen Mark ausgestattet und mit der deutschen Reichsbahn nach Rußland geschickt. Damit haben wir die schrecklichste Revolution aller Zeiten wesentlich mitbegünstigt, eine entsetzliche Schuld.

FR: Aber gelernt haben wir daraus nicht allzu viel. Jedenfalls bleibt die Fatima-Botschaft in Deutschlands Kirche weitgehend unbeachtet.

Pfr. M. Übelhör: Vor Jahren schon beklagte Kardinal Jäger: "Es ist erschütternd, wie die Botschaft von Fatima von der Welt mißachtet wird." Ich füge hinzu: Aber auch von vielen Kreisen in der deutschen Kirche! Und hier sind wir bei einem Grundübel unserer Zeit, daß nämlich das Prophetische verachtet wird. Maria ist ja die Königin der Propheten. Ich höre von Mitbrüdern immer wieder abfällige Bemerkungen über Lourdes und Fatima: "Überflüssig wie ein Kropf" seien solche Erscheinungen, sagte neulich ein Pfarrer. Ich halte diese rigorose Ablehnung von kirchlich anerkannten Marienerscheinungen für sehr bedenklich. Wenn ein ausländischer Staat einen deutschen Botschafter ablehnt, dann ist das ein Affront gegen die Bundesrepublik Deutschland. Ebenso ist es hier. Wenn die Priester Maria, die Mutter Jesu, als Botschafterin des Himmels ablehnen, richtet sich das auch gegen ihren göttlichen Sohn!

FR: Was will Maria in Fatima den Menschen in unserer modernen Wohlstandsgesellschaft eigentlich sagen?

Pfr. M. Übelhör: Durch die Herz-Marien-Verehrung, um die uns die Muttergottes in Fatima bittet, will sie uns darauf hinweisen, daß - wie Albert Einstein gesagt hat -, das eigentliche Schicksal der Menschen und der Menschheit das menschliche Herz ist. Immer wieder werden wir durch Maria auf das rettende Herz des Welterlösers hingewiesen. Das Herz ist der Mittelpunkt in der ganzen Heilsgeschichte. Die Liebe ist die tragende Grundkraft. Wohlstandsperioden führen Menschen oft weit von Gott weg. Goethe hat das mit den Worten ausgedrückt: "Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen". Der Mensch braucht Grenzerlebnisse, damit er an die Transzendenz erinnert wird. So gesehen ist die Botschaft von Fatima, die die Menschen aus ihrer Scheinwelt befreien möchte, gewaltig für uns. Maria will uns in Fatima die rettende Gestalt Christi von neuem zeigen. Sie ist die große Christusverkünderin.

FR: In den Predigten der Ortskirchen hört man davon nicht sehr viel.

Pfr. M. Übelhör: Schon der frühere Rottenburger Diözesanbischof Georg Mosser vertraute mir einmal klagend an: "Man versucht heute die Marienverehrung zu eliminieren bzw. soweit zurückzudrängen, daß sie nichts mehr zu sagen hat." Es ist eine objektive Tatsache, daß es einen gewaltigen Nachholbedarf an Marienfrömmigkeit gibt, vor allem beim Klerus. Ich erlebe immer wieder, daß das gläubige Volk marianischer ist als die Priester. Damit stehen die Gläubigen dem Papst in diesem Punkt oft näher als die Hauptamtlichen. Die Pfarrer brauchen sich deshalb nicht zu wundern, wenn die Kirchen immer leerer werden. Denn immer mehr Gläubige meiden die kaltgewordenen Kirchen und fliehen an die Wallfahrtsorte, die regelrecht aufblühen. Wir leben in einer Zeit, die Paulus beschrieben hat als Zeiten,  in denen man "die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich nach eigenem Kitzel Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln." Ich bitte die Bischöfe dringend, als Wächter des Glaubens für alle Glaubenswahrheiten, besonders für die gefährdeten Dogmen, öffentlich einzutreten und die Glaubensnot zu mildern. Denn nach einem spanischen Philosophen sind "Irrtümer noch gefährlicher als Laster". Die Bischöfe können sich dabei an Maria wenden, sie ist die Mutter des Glaubens.

FR: In Fatima warnt die Muttergottes, daß viele Menschen in die Hölle kommen, weil sie nicht mehr glauben.

Pfr. M. Übelhör: Maria erhellt uns damit die Sinnfrage unseres Lebens und dafür haben die Menschen auch heute noch ein Organ. Die große Bedeutung von Fatima liegt darin, den Menschen auf einen letzten Sinn, auf ein ewiges Glück hinzuweisen, das er verspielen kann. Für die Zeit nach unserem irdischen Leben ist für uns alle ein Glück geschaffen, wogegen das irdische Leben mit seinen kleinen Zeiträumen verblaßt. Fatima will uns helfen, dieses Glück, wonach der Mensch doch hungert, nicht zu verfehlen. Wenn man Fatima richtig versteht, ist es eine ganz frohe Botschaft, keine Drohbotschaft, wie von Kritikern manchmal gesagt wird.

FR: Kann eine erneuerte Marienverehrung aus der Krise der Kirche führen?

Pfr. M. Übelhör:"Ohne Marienverehrung gibt es keine Erneuerung der Kirche", hat auch Kardinal Kasper kürzlich betont. Und der Rottenburger Weihbischof Thomas M. Renz brachte es auf den Punkt, als er erklärte, so wie wir heute in der Welt die Gottvergessenheit beklagten, so müßten wir in der gegenwärtigen deutschen Kirche die Marienvergessenheit beklagen. Das ist eine innerkirchliche Krisis, die uns schwer zu schaffen macht. Ich bin überzeugt davon, daß die Tausenden von Priestern, die in den letzten Jahren ihren Dienst aufgegeben haben, das niemals in einem solchen Ausmaß getan hätten, wären sie marianisch gewesen. Denn Maria beschützt die Priester, die vom Teufel besonders angegriffen und versucht werden.

FR: Fatima gilt als moderne Prophetie. Brauchen wir heute noch Propheten?

Pfr. M. Übelhör: Während der letzten Weihbischofskonferenz in Rom trug der Papst den Bischöfen auf: "Seid Propheten!" Die Prophetie ist eine ausdrückliche Gabe des Heiligen Geistes! Paulus sagt: "Der Geist Jesu ist der Geist der Prophetie!" Und schon im AT lesen wir bei Amos: "Nichts tut der Herr, was er nicht zuvor seinen Propheten kundgetan hat!" Es war für die alten Israeliten das größte Leid, wenn sie keinen Propheten mehr hatten. Und heute gilt Prophetenwort gar nichts mehr. Aber auch Noah wurde verlacht, als er anfing, seine Arche zu bauen, so wie Maria mit ihren warnenden Worten verlacht wird. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, welch grausige Folgen die Verachtung des Prophetenwortes immer wieder hatte.

FR: Wie sehen Sie als Priester, der seit 65 Jahren seinen Dienst tut, die Zukunft der Kirche in Deutschland?

Pfr. M. Übelhör: Ich glaube an einen großen christlichen Frühling. Auch Papst Johannes Paul II. sagte ja, daß mit dem neuen Jahrtausend ein neuer Frühling aufzieht, dessen Morgenröte man jetzt schon ahnend erkennen könne. Und diese neue Blütezeit der Kirche beginnt mit Maria. Wie es in dem Marienlied "Sagt an wer ist doch diese" heißt: "Es ist Maria, die überm Paradiese als M o r g e n r ö t e  steht."  Wir sollen unser Herz nicht schwer machen, sondern uns freuen. Auch Schwester Lucia, die letzte noch lebende Seherin von Fatima, prophezeit für Deutschland eine gute Zukunft. Schon in einem Brief vor 60 Jahren schrieb sie, Deutschland werde zur Herde Christi zurückkehren, das dauere noch lange, aber es werde geschehen und die beiden heiligsten Herzen Jesu und Mariä würden in vollem Glanz über Deutschland herrschen. Ein gewaltiges Wort! Darum sage ich allen: Freut euch auf die neue Zeit!
(Quelle: "Fatima-Ruft" Nr. 181, Kisslegg, Bestellung der kostenlosen Zeitschrift: Tel.: 07563/92003)


Gebet zur Himmelskönigin

Wie schimmernde Morgenröte,
strahlend wie die Sonne, im lieblichen Glanze des Mondes
steigt Maria empor zum höchsten Himmel.
Heute besteigt die Königin der Welt den Thron der Herrlichkeit,
sie, die Den gebar, der vor dem Morgenstern ist.
Aufgenommen über die Engel, erhebt sie sich auch über die Erzengel.
Alle Verdienste der Heiligen läßt sie hinter sich.
Den sie einst an ihre Brust gedrückt, den sie in die Krippe gebettet,
sieht sie jetzt als König über alles in der Herrlichkeit des Vaters.
Für uns flehe deinen Sohn an, o Jungfrau der Jungfrauen,
durch die Er unsere Natur angenommen und uns die seinige anbietet.
Dir sei Lob, Allerhöchster, der Du aus der Jungfrau geboren bist:
Ehre sei auch dem unaussprechlichen Vater und dem Heiligen Geiste.
Amen.

(Hl. Petrus Damiani)



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