Papst Paul VI.
„MARIALIS CULTUS"
Die rechte Pflege und Entfaltung der Marienverehrung

Christus als Mittelpunkt der Marienverehrung
Die von Uns gewünschte Entfaltung der Andacht zur Jungfrau Maria, die - wie Wir eingangs angedeutet haben - in den Rahmen des einen Kultes eingefügt ist, der mit gutem Recht christlich genannt werden kann, da er von Christus seinen Ursprung und seine Wirksamkeit hat, in Christus seinen vollkommenen Ausdruck findet und durch Christus im Heiligen Geiste zum Vater führt, ist ein Element, das die echte Frömmigkeit der Kirche kennzeichnet. Denn mit innerer Notwendigkeit läßt sie im liturgischen Leben der Kirche den Erlösungsplan Gottes widerspiegeln, durch den Maria im Hinblick auf die einzigartige Stellung, die sie in ihm einnimmt, eine einzigartige Verehrung zukommt.  So folgt auch jeder echten Entfaltung des christlichen Kultes notwendig ein echtes Wachstum in der Verehrung der Mutter des Herrn.
Im Übrigen zeigt die Geschichte des religiösen Lebens auf, wie „die verschiedenen Formen der Verehrung der Gottesmutter, die die Kirche im Rahmen der gesunden und rechtgläubigen Lehre gutgeheißen hat", sich in harmonischer Unterordnung unter die Christusverehrung entfalten und um ihn kreisen wie um ihren natürlichen und notwendigen Mittelpunkt. Auch in unserem Zeitalter ist dies so der Fall. Die Betrachtung der Kirche unserer Tage über das Geheimnis Christi und über ihr eigenes Wesen haben sie dahin geführt, in der Wurzel des Christusgeheimnisses und in der Krönung ihres Wesens dieselbe Frauengestalt vorzufinden: die Jungfrau Maria, die Mutter Christi und Mutter der Kirche. Und die tiefere Erkenntnis der Sendung Mariens hat sich in jubelnde Verehrung zu ihr gewandelt und in anbetende Ehrfurcht gegenüber dem weisen Plan Gottes, der in seiner Familie - der Kirche -, wie in jedem Heim, die Gestalt einer Frau gegenwärtig wissen sollte, die verborgen und in der Haltung einer Dienerin wach „und in Güte schützend ihre Schritte zum Vaterland lenkt, bis der glorreiche Tag des Herrn kommt".

Christliche Frömmigkeit und Marienverehrung in neuer Zeit
Die Wandlungen, die sich in unserer Zeit im gesellschaftlichen Leben, im Empfinden der Völker, in den Ausdrucksformen der Literatur und der Kunst wie auch in den Formen der Massenmedien vollzogen haben, sind auch nicht spurlos an den Äußerungen des religiösen Lebens vorübergegangen. Bestimmte kultische Übungen, die in einer nicht allzu fernen Vergangenheit geeignet schienen, das religiöse Empfinden der Einzelnen wie der christlichen Gemeinschaften zum Ausdruck zu bringen, erscheinen heute ungenügend oder ungeeignet, weil gebunden an sozialkulturelle Schemen der Vergangenheit, während man heute großenteils neue Ausdrucksformen sucht für die unveränderliche Beziehung der Geschöpfe zu ihrem Schöpfer, der Kinder zu ihrem Vater. Das kann bei einigen vorübergehendes Befremden auslösen. Wer aber in vertrauensvollem Aufblick zu Gott über solche Gegebenheiten nachdenkt, entdeckt, daß viele Bestrebungen der heutigen Frömmigkeit - zum Beispiel die Verinnerlichung des religiösen Lebens - dazu angetan sind, zur Entfaltung der christlichen Frömmigkeit im Allgemeinen und der Verehrung der Allerseligsten Jungfrau im Besonderen beizutragen. So wird unser Zeitalter in treuer Befolgung der Überlieferung und in aufmerksamer Erwägung der theologischen und wissenschaftlichen Fortschritte seinen Beitrag leisten zum Lobe jener, die nach ihren eigenen prophetischen Worten alle Geschlechter seligpreisen werden (vgl. Lk 1, 48).
(Aus: Rudolf Graber/Anton Ziegenaus, Die Marianischen Weltrundschreiben der Päpste von Pius IX. bis Johannes Paul II. (1849-1988). Dritte, erweiterte und überarbeitete Auflage mit einer Einführung von Prof. Dr. Leo Scheffczyk, Regensburg 1997)
(Quelle: "Bote von Fatima", Febr. 2012, S. 24, Regensburg)



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