Maria zeigt uns, worauf es ankommt
Als Papst Benedikt noch Kardinal war, hielt er am 13. Okt. 1996 eine sehr bemerkenswerte Rede, die wir hier wiedergeben und Ihrer Aufmerksamkeit schenken:

"Etwa 600 Liter köstlichen Weins hat der Herr den Hochzeitsgästen von Kana aus dem Wasser geschenkt, das die Diener seiner Weisung gemäß geschöpft hatten. Auch wenn wir daran denken, daß orientalische Hochzeiten eine volle Woche dauerten und daß der ganze Familienclan der Brautleute versammelt war, bleibt dies eine unbegreifliche Fülle. Die Fülle, der Überfluß ist das Zeichen Gottes in seiner Schöpfung: Er verschwendet das ganze All, um den Menschen Raum zu geben. Er gibt Leben in unbegreiflicher Fülle. Und in der Erlösung verschwendet er sich selbst, wird ein Mensch, geht in die ganze Armut des Menschseins ein, weil ihm nichts ausreicht, um seine Liebe zu zeigen. Überfluß ist Ausdruck der Liebe, die nicht rechnet und nicht zählt, sondern, ohne nach sich selbst zu fragen, sich verschenkt. Der Überfluß von Kana fügt sich ein in die Weise, wie Gott sich dem Menschen zeigt - die ganze Geschichte hindurch. Er läßt uns die Herrlichkeit, die Größe und die unerschöpfliche Güte Gottes ahnen.
Neben dem Weinwunder steht im Evangelium das Brotwunder, in dem der Herr mit fünf Broten die Tausende sättigt und so viel gibt, daß zwölf Körbe voll Brot übrigbleiben. Wenn Brot das Sinnbild ist für das, was der Mensch zum Leben braucht, so ist Wein an sich schon Sinnbild für den Überfluß, den wir auch nötig haben. Er ist Zeichen der Freude, der Verklärung der Schöpfung. Er holt uns aus der Traurigkeit und der Müdigkeit des Alltags heraus und läßt das Miteinander zum Fest werden. Er weitet die Sinne und die Seele, er löst die Zunge und öffnet das Herz; er schiebt die Schranken, die unsere Existenz begrenzen, ein wenig hinaus. So ist der Wein zum Sinnbild für die Gabe des Heiligen Geistes geworden: Die Überlieferung spricht von der nüchternen Trunkenheit, die der Geist uns verleiht und geht wohl dabei von der Pfingstgeschichte aus, in der die Apostel den Außenstehenden wie Trunkene erschienen. Sie waren nüchtern, und sie waren trunken zugleich: von der Freude des Heiligen Geistes erfüllt, der ihr Leben weit geöffnet hatte, Ihnen Worte eingab, die nicht aus ihnen selber kamen, sie die Schönheit des Lebens spüren ließ, das vom Licht des lebendigen Gottes erleuchtet wird. So fangen wir schon an, etwas von der Bedeutung dieses Weinwunders zu verstehen, das ja Johannes ausdrücklich als ein Zeichen beschreibt - also als eine Wirklichkeit, die über das unmittelbar Geschehene hinaus auf Größeres verweist. Die große Gabe läßt die Unerschöpflichkeit der Liebe Gottes ahnen, sie spricht von einer Liebe, die aus dem Ewigen kommt, die unermeßlich und daher erlösend ist. Das Weinwunder hilft uns so zu verstehen, was es heißt, durch Christus im Glauben den Heiligen Geist zu empfangen - eine neue Höhe und eine Fülle des Lebens.
Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen: Der Wein schafft Festlichkeit, hatten wir gesagt. In der Tat steht er in unserem Evangelium im Zusammenhang einer Hochzeit. Er verweist auf das Große, das in ihr geschieht: das Einswerden zweier Menschen durch die vom Schöpfer in sie eingesenkte Liebe, die sie zu einem Fleisch werden läßt, wie Adam nach dem biblischen Bericht am Schöpfungsmorgen sagt, in dem Augenblick, in dem Gott ihm die Frau zuführt und damit erst sein Leben ganz werden läßt. So weist aber das Zeichen von Kana in eine noch größere Tiefe hinein: Jesus ist gekommen, um die menschliche Natur, den Menschen selbst in die hochzeitliche Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen. Gott und sein Geschöpf sollen eins werden - nicht ein Fleisch, sondern ein Geist, wie Paulus sagt (1 Kor 6,17). Paulus drückt es auch so aus: Die Gläubigen werden zusammen mit Christus ein einziger Leib, sein Leib. In der Menschwerdung im Schoß Marias war diese Hochzeit letztlich schon geschehen: Gott, der Sohn Gottes, hatte menschliches Fleisch, das Menschsein selbst so an sich gezogen, daß der wahre Mensch Jesus und der ewige Sohn Gottes nur eine Person miteinander bilden. Diese im Geheimnis der Inkarnation geschehene Hochzeit muß nun ausgeweitet werden, die ganze Geschichte hindurch; der Herr will „alle an sich ziehen" (Joh 12,32), damit schließlich „Gott alles in allem sei" (1 Kor 15,28). Die Stunde Jesu, von der er in der Antwort an seine Mutter spricht, ist die Stunde der Hochzeit. Auf diese Stunde geht er zu, für sie ist er da. Sie beginnt, wie wir gesagt haben, mit der Empfängnis im Schoß der Mutter, und sie erreicht ihren Höhepunkt am Kreuz, das Johannes immer zugleich als den Augenblick der Verherrlichung Jesu bezeichnet. Am Kreuz gibt er sich ganz: Das Kreuz ist der Akt, in dem er sich völlig und endgültig an die Menschen verschenkt und uns alle so in seine Arme zieht. Weil es die letzte und höchste Stufe der Liebe ist, darum ist es in aller Erniedrigung die Stunde der Herrlichkeit: Gottes Liebe wird nirgends so gewaltig sichtbar wie in dem Augenblick, in dem der Sohn uns „bis ans Ende" (Joh 13,1) geliebt hat. Aus der geöffneten Seite Jesu sind Blut und Wasser geflossen - Taufe und Eucharistie: Die beiden Grundsakramente des Christentums entspringen hier. Die Eucharistie ist die endgültige Gabe des neuen Weines in einem Überfluß und einer Fülle, die durch alle Jahrhunderte und für alle Generationen reichen. Auf diesen Wein als reale Schenkung von Jesu Liebe, als reales Erscheinen seiner göttlichen Herrlichkeit unter uns, weist die Weinspende von Kana voraus.
Am Schluß der Geschichte von Kana steht ein bedeutsames Wort, in dem der Evangelist den Sinn dieses Ereignisses aufdeckt: Jesus offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn (2,11). Das eigentliche Ziel des Ereignisses von Kana ist nicht der Wein - er ist nur Zeichen, und er ist längst verbraucht und vergangen. Das Ziel war das Erscheinen der Herrlichkeit Jesu, das Aufscheinen von Gottes unendlicher Güte, und so das Erwachen des Glaubens in den Jüngern. Das tiefere Wunder von Kana ist der Glaube der Jünger, die anfangen, durch das äußere Geschehen hindurch zu schauen und das Größere zu erkennen: Gottes heilige Gegenwart in unserer Mitte.
Darum geht es auch heute, und von hier aus verstehen wir die Sendung Marias, die in der Hochzeitsgeschichte sichtbar wird. Maria bittet den Herrn nicht um ein Wunder. Noch war überhaupt nicht klar, ob Wunder zu wirken zu seiner Sendung gehöre. Sie trägt einfach die Schwierigkeit vor den Herrn hin, in die die Freunde geraten waren. Sie legt alles Jesus in die Hände und überläßt ihm, was er tut. Auch die scheinbare Abweisung entmutigt sie nicht. Ihr Vertrauen zu Jesus, ihrem Sohn, und ihr Einssein mit seinem noch unbekannten Willen bleibt ungebrochen. An dieser Stelle schon spricht sie zu uns: Auch wir müssen in unserer Beziehung zum Herrn immer wieder durch Abweisungen hindurchgehen. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken ..." - Die Wahrheit dieses Bibelwortes erfahren wir in unserem Leben. Dann ist es wichtig, unseren Eigensinn abzulegen, uns nicht der Enttäuschung oder gar dem Zweifel zu überlassen. Gerade so können wir lernen, unseren oft verkehrten Willen umwandeln zu lassen, daß er dem Willen Gottes gemäß und so recht werde.
An dieser Stelle steht dann das Wort Marias an die Diener, das nach dem Fiat vielleicht ihr schönstes Wort ist. Im letzten ist es nur Anwendung des Fiat, ihres Ja, auf uns alle und für uns alle: Was er euch sagt, das tut. Das bedeutet für uns: Legt euren Willen in seinen Willen hinein. Seid hörend und bereit für seinen Anruf. Seht ihn als den Herrn an, der Weg weist und auf rechte Weise führt. Mit diesem Wort lädt sie die Diener und uns zum Glauben ein. Sie hat das Weinwunder als solches nicht erbeten, sondern ganz offen gelassen, was der Herr tun werde. Aber sie hat zum Glauben gerufen und so zum eigentlichen Wunder hingeführt. Elisabeth hatte Maria bei ihrem Besuch mit den Worten gegrüßt: „Selig bist du, weil du geglaubt hast ..." (Lk 1,45). In ihrem Glauben hat sie die Tür aufgetan für die Menschwerdung des Wortes, für die heilige Hochzeit zwischen dem ewigen Gott und seinem Geschöpf, dem Menschen. Aus ihrem Glauben heraus, als Glaubende wird sie nun die Wegführerin -Hodegetria, sagt die Ostkirche - zum Glauben hin, in das hochzeitliche Geheimnis der Liebe Christi hinein. So hat sie den Kern des Ereignisses vorweggenommen und zeigt uns den Kern, das Bleibende, worauf es für immer ankommt.
Was er euch sagt, das tut - glaubt an Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Glaubt mit einem Glauben, der Liebe ist; glaubt mit einem Glauben, der nicht bloß Theorie ist, sondern Leben; glaubt mit einem Glauben, der Gottes Willen annimmt, auch wenn wir ihn nicht kennen und wenn er gegen unseren Willen steht. Glaubt, dann werdet ihr mitten in den irdischen Dingen die Herrlichkeit Gottes, den Überfluß und den Glanz seiner Liebe sehen. Glaubt, dann werdet ihr sehend: Wo andere nur das Kreuz, das Scheitern, ein schimpfliches Ende sehen, seht ihr das Übermaß der verschwenderischen Liebe Gottes, seine Herrlichkeit, die uns rettet. Glaubt - dann empfangt ihr den köstlichen Wein von Gottes Gegenwart in eurem Leben. Glaubt, und die armseligen Wasser des Alltags, die armseligen Gaben, die wir bringen können, wandeln sich in den Wein seiner heiligen Nähe.
So redet Maria zu uns, gerade hier in Fatima. Am Kreuz hat der Herr sie zur Mutter des Lieblingsjüngers, zur Mutter aller seiner Jünger, zu unserer Mutter gemacht. Deswegen kann sie nicht mehr aus der Geschichte verschwinden. Deswegen ist sie mit ihm und für ihn da. Deswegen redet sie auch heute zu uns. Durch die beiden großen Zeichen Lourdes und Fatima steht sie unter uns und spricht uns an. Es braucht nicht vieler Worte, denn alles ist gesagt in dem einen wesentlichen Wort: Was er euch sagt, das tut. Maria hat zu den Kleinen, den Unmündigen geredet, mitten in einer aufgeklärten Welt voll Wissensstolz und Fortschrittsglauben, aber in einer Welt auch voller Zerstörungen, voller Angst und voller Verzweiflung: Sie haben keinen Wein mehr, nur Wasser. Wie sehr gilt das gerade heute. Maria spricht zu den Unmündigen, um uns zu zeigen, worauf es ankommt: auf das eine Notwendige, auf das ganz Einfache, auf das, was für alle gleich wichtig und gleich möglich ist: glauben an Jesus Christus, die gesegnete Frucht ihres Leibes. Wir danken ihr für ihre mütterliche Gegenwart. Dafür, daß sie an diesem Ort lebendig und laut zu uns redet. Wir bitten sie: Zeige uns Jesus nach dieser Verbannung, du Gütige, du Milde, du süße Jungfrau Maria. Amen"
 (Quelle: "Bote von Fatima", Dez. 1996, S. 162, Regensburg)
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