|
|
"Etwa
600 Liter köstlichen Weins hat der Herr den Hochzeitsgästen von
Kana aus dem Wasser geschenkt, das die Diener seiner Weisung gemäß
geschöpft hatten. Auch wenn wir daran denken, daß orientalische
Hochzeiten eine volle Woche dauerten und daß der ganze Familienclan
der Brautleute versammelt war, bleibt dies eine unbegreifliche Fülle.
Die Fülle, der Überfluß ist das Zeichen Gottes in seiner
Schöpfung: Er verschwendet das ganze All, um den Menschen Raum zu
geben. Er gibt Leben in unbegreiflicher Fülle. Und in der Erlösung
verschwendet er sich selbst, wird ein Mensch, geht in die ganze Armut des
Menschseins ein, weil ihm nichts ausreicht, um seine Liebe zu zeigen. Überfluß
ist Ausdruck der Liebe, die nicht rechnet und nicht zählt, sondern,
ohne nach sich selbst zu fragen, sich verschenkt. Der Überfluß
von Kana fügt sich ein in die Weise, wie Gott sich dem Menschen zeigt
- die ganze Geschichte hindurch. Er läßt uns die Herrlichkeit,
die Größe und die unerschöpfliche Güte Gottes ahnen.
Neben dem Weinwunder
steht im Evangelium das Brotwunder, in dem der Herr mit fünf Broten
die Tausende sättigt und so viel gibt, daß zwölf Körbe
voll Brot übrigbleiben. Wenn Brot das Sinnbild ist für das, was
der Mensch zum Leben braucht, so ist Wein an sich schon Sinnbild für
den Überfluß, den wir auch nötig haben. Er ist Zeichen
der Freude, der Verklärung der Schöpfung. Er holt uns aus der
Traurigkeit und der Müdigkeit des Alltags heraus und läßt
das Miteinander zum Fest werden. Er weitet die Sinne und die Seele, er
löst die Zunge und öffnet das Herz; er schiebt die Schranken,
die unsere Existenz begrenzen, ein wenig hinaus. So ist der Wein zum Sinnbild
für die Gabe des Heiligen Geistes geworden: Die Überlieferung
spricht von der nüchternen Trunkenheit, die der Geist uns verleiht
und geht wohl dabei von der Pfingstgeschichte aus, in der die Apostel den
Außenstehenden wie Trunkene erschienen. Sie waren nüchtern,
und sie waren trunken zugleich: von der Freude des Heiligen Geistes erfüllt,
der ihr Leben weit geöffnet hatte, Ihnen Worte eingab, die nicht aus
ihnen selber kamen, sie die Schönheit des Lebens spüren ließ,
das vom Licht des lebendigen Gottes erleuchtet wird. So fangen wir schon
an, etwas von der Bedeutung dieses Weinwunders zu verstehen, das ja Johannes
ausdrücklich als ein Zeichen beschreibt - also als eine Wirklichkeit,
die über das unmittelbar Geschehene hinaus auf Größeres
verweist. Die große Gabe läßt die Unerschöpflichkeit
der Liebe Gottes ahnen, sie spricht von einer Liebe, die aus dem Ewigen
kommt, die unermeßlich und daher erlösend ist. Das Weinwunder
hilft uns so zu verstehen, was es heißt, durch Christus im Glauben
den Heiligen Geist zu empfangen - eine neue Höhe und eine Fülle
des Lebens.
Aber wir müssen
noch einen Schritt weitergehen: Der Wein schafft Festlichkeit, hatten wir
gesagt. In der Tat steht er in unserem Evangelium im Zusammenhang einer
Hochzeit. Er verweist auf das Große, das in ihr geschieht: das Einswerden
zweier Menschen durch die vom Schöpfer in sie eingesenkte Liebe, die
sie zu einem Fleisch werden läßt, wie Adam nach dem biblischen
Bericht am Schöpfungsmorgen sagt, in dem Augenblick, in dem Gott ihm
die Frau zuführt und damit erst sein Leben ganz werden läßt.
So weist aber das Zeichen von Kana in eine noch größere Tiefe
hinein: Jesus ist gekommen, um die menschliche Natur, den Menschen selbst
in die hochzeitliche Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen. Gott und
sein Geschöpf sollen eins werden - nicht ein Fleisch, sondern ein
Geist, wie Paulus sagt (1 Kor 6,17). Paulus drückt es auch so aus:
Die Gläubigen werden zusammen mit Christus ein einziger Leib, sein
Leib. In der Menschwerdung im Schoß Marias war diese Hochzeit letztlich
schon geschehen: Gott, der Sohn Gottes, hatte menschliches Fleisch, das
Menschsein selbst so an sich gezogen, daß der wahre Mensch Jesus
und der ewige Sohn Gottes nur eine Person miteinander bilden. Diese im
Geheimnis der Inkarnation geschehene Hochzeit muß nun ausgeweitet
werden, die ganze Geschichte hindurch; der Herr will „alle
an sich ziehen" (Joh 12,32), damit schließlich „Gott alles in allem
sei" (1 Kor 15,28). Die Stunde Jesu, von der
er in der Antwort an seine Mutter spricht, ist die Stunde der Hochzeit.
Auf diese Stunde geht er zu, für sie ist er da. Sie beginnt, wie wir
gesagt haben, mit der Empfängnis im Schoß der Mutter, und sie
erreicht ihren Höhepunkt am Kreuz, das Johannes immer zugleich als
den Augenblick der Verherrlichung Jesu bezeichnet. Am Kreuz gibt er sich
ganz: Das Kreuz ist der Akt, in dem er sich völlig und endgültig
an die Menschen verschenkt und uns alle so in seine Arme zieht. Weil es
die letzte und höchste Stufe der Liebe ist, darum ist es in aller
Erniedrigung die Stunde der Herrlichkeit: Gottes Liebe wird nirgends so
gewaltig sichtbar wie in dem Augenblick, in dem der Sohn uns „bis
ans Ende" (Joh 13,1) geliebt hat. Aus der
geöffneten Seite Jesu sind Blut und Wasser geflossen - Taufe und Eucharistie:
Die beiden Grundsakramente des Christentums entspringen hier. Die Eucharistie
ist die endgültige Gabe des neuen Weines in einem Überfluß
und einer Fülle, die durch alle Jahrhunderte und für alle Generationen
reichen. Auf diesen Wein als reale Schenkung von Jesu Liebe, als reales
Erscheinen seiner göttlichen Herrlichkeit unter uns, weist die Weinspende
von Kana voraus.
Am Schluß der
Geschichte von Kana steht ein bedeutsames Wort, in dem der Evangelist den
Sinn dieses Ereignisses aufdeckt: Jesus offenbarte
seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn (2,11). Das
eigentliche Ziel des Ereignisses von Kana ist nicht der Wein - er ist nur
Zeichen, und er ist längst verbraucht und vergangen. Das Ziel war
das Erscheinen der Herrlichkeit Jesu, das Aufscheinen von Gottes unendlicher
Güte, und so das Erwachen des Glaubens in den Jüngern. Das tiefere
Wunder von Kana ist der Glaube der Jünger, die anfangen, durch das
äußere Geschehen hindurch zu schauen und das Größere
zu erkennen: Gottes heilige Gegenwart in unserer Mitte.
Darum geht es auch
heute, und von hier aus verstehen wir die Sendung Marias, die in der Hochzeitsgeschichte
sichtbar wird. Maria bittet den Herrn nicht um ein Wunder. Noch war überhaupt
nicht klar, ob Wunder zu wirken zu seiner Sendung gehöre. Sie trägt
einfach die Schwierigkeit vor den Herrn hin, in die die Freunde geraten
waren. Sie legt alles Jesus in die Hände und überläßt
ihm, was er tut. Auch die scheinbare Abweisung entmutigt sie nicht. Ihr
Vertrauen zu Jesus, ihrem Sohn, und ihr Einssein mit seinem noch unbekannten
Willen bleibt ungebrochen. An dieser Stelle schon spricht sie zu uns: Auch
wir müssen in unserer Beziehung zum Herrn immer wieder durch Abweisungen
hindurchgehen. „Meine Gedanken sind nicht
eure Gedanken ..." - Die Wahrheit dieses Bibelwortes
erfahren wir in unserem Leben. Dann ist es wichtig, unseren Eigensinn abzulegen,
uns nicht der Enttäuschung oder gar dem Zweifel zu überlassen.
Gerade so können wir lernen, unseren oft verkehrten Willen umwandeln
zu lassen, daß er dem Willen Gottes gemäß und so recht
werde.
An dieser Stelle steht
dann das Wort Marias an die Diener, das nach dem Fiat vielleicht ihr schönstes
Wort ist. Im letzten ist es nur Anwendung des Fiat, ihres Ja, auf uns alle
und für uns alle: Was er euch sagt, das tut. Das bedeutet für
uns: Legt euren Willen in seinen Willen hinein. Seid hörend und bereit
für seinen Anruf. Seht ihn als den Herrn an, der Weg weist und auf
rechte Weise führt. Mit diesem Wort lädt sie die Diener und uns
zum Glauben ein. Sie hat das Weinwunder als solches nicht erbeten, sondern
ganz offen gelassen, was der Herr tun werde. Aber sie hat zum Glauben gerufen
und so zum eigentlichen Wunder hingeführt. Elisabeth hatte Maria bei
ihrem Besuch mit den Worten gegrüßt: „Selig
bist du, weil du geglaubt hast ..." (Lk 1,45).
In ihrem Glauben hat sie die Tür aufgetan für die Menschwerdung
des Wortes, für die heilige Hochzeit zwischen dem ewigen Gott und
seinem Geschöpf, dem Menschen. Aus ihrem Glauben heraus, als Glaubende
wird sie nun die Wegführerin -Hodegetria, sagt die Ostkirche - zum
Glauben hin, in das hochzeitliche Geheimnis der Liebe Christi hinein. So
hat sie den Kern des Ereignisses vorweggenommen und zeigt uns den Kern,
das Bleibende, worauf es für immer ankommt.
Was er euch sagt,
das tut - glaubt an Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Glaubt
mit einem Glauben, der Liebe ist; glaubt mit einem Glauben, der nicht bloß
Theorie ist, sondern Leben; glaubt mit einem Glauben, der Gottes Willen
annimmt, auch wenn wir ihn nicht kennen und wenn er gegen unseren Willen
steht. Glaubt, dann werdet ihr mitten in den irdischen Dingen die Herrlichkeit
Gottes, den Überfluß und den Glanz seiner Liebe sehen. Glaubt,
dann werdet ihr sehend: Wo andere nur das Kreuz, das Scheitern, ein schimpfliches
Ende sehen, seht ihr das Übermaß der verschwenderischen Liebe
Gottes, seine Herrlichkeit, die uns rettet. Glaubt - dann empfangt ihr
den köstlichen Wein von Gottes Gegenwart in eurem Leben. Glaubt, und
die armseligen Wasser des Alltags, die armseligen Gaben, die wir bringen
können, wandeln sich in den Wein seiner heiligen Nähe.
So redet Maria zu
uns, gerade hier in Fatima. Am Kreuz hat der Herr sie zur Mutter des Lieblingsjüngers,
zur Mutter aller seiner Jünger, zu unserer Mutter gemacht. Deswegen
kann sie nicht mehr aus der Geschichte verschwinden. Deswegen ist sie mit
ihm und für ihn da. Deswegen redet sie auch heute zu uns. Durch die
beiden großen Zeichen Lourdes und Fatima steht sie unter uns und
spricht uns an. Es braucht nicht vieler Worte, denn alles ist gesagt in
dem einen wesentlichen Wort: Was er euch sagt, das tut. Maria hat zu den
Kleinen, den Unmündigen geredet, mitten in einer aufgeklärten
Welt voll Wissensstolz und Fortschrittsglauben, aber in einer Welt auch
voller Zerstörungen, voller Angst und voller Verzweiflung: Sie haben
keinen Wein mehr, nur Wasser. Wie sehr gilt das gerade heute. Maria spricht
zu den Unmündigen, um uns zu zeigen, worauf es ankommt: auf das eine
Notwendige, auf das ganz Einfache, auf das, was für alle gleich wichtig
und gleich möglich ist: glauben an Jesus Christus, die gesegnete Frucht
ihres Leibes. Wir danken ihr für ihre mütterliche Gegenwart.
Dafür, daß sie an diesem Ort lebendig und laut zu uns redet.
Wir bitten sie: Zeige uns Jesus nach dieser
Verbannung, du Gütige, du Milde, du süße Jungfrau Maria.
Amen"
(Quelle:
"Bote von Fatima", Dez. 1996, S. 162, Regensburg)
Bildnachweis: (C)
Kirche-in-Not.de