Maria Himmelfahrt
Bischof Dr. Friedhelm H o f m a n n, Würzburg

Unsicherheit, Bedrohung und Rebellion kennzeichnen unsere Zeit. Vor den Pforten der Kirche machen sie keinen Halt. Ringen und Zweifel, Anfechtungen von innen und außen schrecken viele Gläubige auf, stiften Unruhe, verleiten zur Angst. Wohl mancher von uns mag sich die bange Frage stellen: Wie soll es mit der Kirche in unserer Zeit weitergehen?

1. In der Messe vom Fest Maria Himmelfahrt stellt uns die Kirche im Introitus und in der Lesung aus der Geheimen Offenbarung (Apokalypse 12) ein Bild vor Augen, das der Apostel Johannes als Vision schaute. Er sieht eine lichtumflossene schwangere Frau von strahlender Schönheit am Himmel und im grellen Gegensatz dazu einen drohenden Drachen, der sie und ihr Kind verschlingen will.
Unter dem Bild dieser Frau von himmlischer Schönheit ist das Gottesvolk des Alten und Neuen Bundes zu verstehen, das vom Drachen, dem Bild finsterer Unheilsgewalt und teuflischer Tücke, also vom Satan, bedroht wird.
Wieso wird diese Stelle aus der Heiligen Schrift aber am Fest Maria Himmelfahrt verwendet? Weil sich gewisse Züge dieser apokalyptischen Frau, d. h. der Kirche, auch auf Maria übertragen lassen. In ihr hat die Heilsschwangerschaft des Alten Bundes, die Sehnsucht nach dem Messias, ihre konkrete Erfüllung gefunden.
Sie gebar als Glied der Gemeinde den verheißenen Messias und steht damit stellvertretend für die Gemeinde.
Gerade in der Doppelsicht des Bildes, als Kirche und Maria, gewinnt diese Vision für unsere Situation an voller Bedeutung.

2. Die Kirche wird in unseren Tagen von innen und außen bedroht. Das ist aber in Wirklichkeit nichts Neues.
Aus der Kirchengeschichte wissen wir um ähnliche Kämpfe, die oftmals die Kirche bis ins Mark erschütterten. Wir brauchen nur an die frühchristliche Verfolgung zu denken, an die Völkerwanderungszeit, die Zeit der Gegenpäpste, die Reformation oder den Kulturkampf.
Johannes schaute diese Gefahren in der vom Drachen bedrohten Frau. Nicht ohne Grund sprechen wir von einer „streitenden" Kirche. Ein zweifaches verdeutlicht uns also dieses Bild: Die Kirche wird bis ans Ende der Zeiten in der Anfechtung stehen, innerlich und äußerlich, aber - und das ist das Zweite - der Satan wird sie nicht überwinden. Diese Verheißung ist schon in Maria erfüllt: So wie sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen ist, so wird auch die Kirche am Ende der Zeiten von der „streitenden" zur „triumphierenden" Kirche übergehen. Diese apokalyptische Frau in ihrer
Herrlichkeit wird somit zum Zeichen des kommenden Sieges. Johannes sah sie als Zeichen am Himmel. Das Firmament ist für ihn gleichsam die ausgespannte Leinwand, auf der dieses Bild gemalt ist.
Auch in vielen modernen Kirchen fand dieses Bild einen Platz. So etwa prangt es als Wahrzeichen in einer Plastik über der Eingangstüre der Maria-Regina-Martyrum-Kirche in Berlin. Wer von Ihnen dieses mit wenigen Strichen eindrucksvoll skizzierte Zeichen auf der großen fensterlosen Wand gesehen hat, wird es nicht vergessen.
Gerade an dieser Berliner Kirche „Maria - Königin der Märtyrer" steht es dem Besucher vor Augen: In Maria haben wir die Eröffnung dessen, was uns, der gesamten Kirche, nach aller Sorge, Bedrohung und Kampf zuteil wird: geborgene Wohnstatt bei Gott. Das ist das Ziel unserer Wanderung, unserer irdischen Pilgerschaft.
Dieses Zeichen, die apokalyptische Frau, ist wie ein Fixstern, der am Himmel leuchtet. Wie die Seefahrer nach festen Sternen suchen, um ihren Weg zu finden, wie die Astrologen auf Grund der Fixsterne die Position unserer Erde ausmachen, so sollen auch wir uns nach diesem Zeichen ausrichten und an diesem Zeichen aufrichten.

3. Auch wir werden durch dieses Zeichen zum Engagement aufgerufen. Heute gilt es, nicht mutlos zu werden, zu resignieren, sondern mit und in der Kirche für die Sache Gottes zu streiten. Dann gelten auch für uns die Sätze aus dem 12. Kapitel der Apokalypse „Jetzt ist gekommen das Heil, die Macht und Herrschaft unseres Gottes und die Gewalt seines Gesalbten. Denn gestürzt ist der Ankläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott anklagte. Sie haben ihn durch das Blut des Lammes überwunden durch ihr Zeugniswort; sie liebten ja ihr Leben so wenig, daß sie den Tod erlitten.
So freut euch denn ihr Himmel, und ihr, die ihr darinnen wohnet." (Apg 12,10b-12a). Amen.
(Quelle: "Bote von Fatima" 8/9-2008, S. 116f., Regensburg)


zurück zur Hauptseite