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Wo Gott ist, da ist Zukunft! Diözesanbischof Dr. Gerhard Ludwig Müller, Regensburg |
Zum Abschluß
der Großen Visitation im Dekanat Landshut-Altheim hielt Bischof Dr.
Gerhard Ludwig Müller in der Pfarrei Landshut-St. Pius am 13. Oktober
2011 ein feierliches Pontifikalamt mit Krönung der dort hoch verehrten
Fatima-Statue. In seiner Predigt verwies er besonders auf das Geschenk
der Kirche, die kein Werk der Menschen,
sondern Stiftung Gottes sei. Christus sei es, der die Kirche immer reinige
und von innen her erneuere. In Anlehnung an das Wort des Papstes in Freiburg
wies der Bischof auf die geforderte Ent-Weltlichung der Kirche hin, die
darin bestehe, sich mit Christus immer tiefer zu verbinden, ihn zum alleinigen
Maßstab des Dienstes in der Kirche zu nehmen und sich von Gottes
Größe „hinaufziehen" zu lassen. Die
Gottesmutter Maria sei allen Vorbild der Treue zu Christus. Sie rufe die
Menschen zu Werken der Buße und zur Erneuerung des Denkens und Handelns
auf, gleichsam zu einer „Ent-Weltlichung". So sei Maria die lebendige Darstellung
der Botschaft, „wo
Gott ist, da ist Zukunft". Wir
danken dem Hwst. Herrn Bischof, daß wir den Wortlaut seiner wegweisenden
Predigt für unsere Leser nachstehend dokumentieren dürfen.
Meine lieben Schwestern
und Brüder in unserem gemeinsamen christlichen Glauben!
Wir alle stehen noch
unter dem Eindruck des Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI. vor knapp
drei Wochen. Rund 6000 Männer und Frauen aus unserem Bistum - darunter
3500 Jugendliche - sind nach Berlin gefahren, um an der Papstmesse im Olympiastadium
teilzunehmen. Darauf können wir sehr stolz sein! Viele andere haben
die Gottesdienste und Programmpunkte des Besuchs über das Fernsehen
und andere Medien verfolgt. Ich glaube, wir sind alle beeindruckt davon,
wie ein 84-Jähriger mit einer solchen Klarheit und Wahrheit das Evangelium
verkündet hat. Es hat sich gezeigt, daß die Mächte des
Lichtes stärker sind als die Finsternis, die sich schon im Vorfeld
des Besuchs ausgebreitet hat. Das Licht Gottes ist immer stärker als
alle Mächte, die sich gegen die Wahrheit Gottes auftürmen und
die heutigen Möglichkeiten mißbrauchen, um gegen die Kirche
Stimmung zu machen.
So steht die Frage
auf: Was ist denn eigentlich die Kirche, in die wir hineinberufen worden
sind durch den Glauben und der wir angehören durch die Sakramente
der Taufe, der Firmung und der Eucharistie? Die Kirche besteht aus schwachen
und sündigen Menschen; sie besteht aus uns. Aber sie ist kein Werk
der Menschen, sondern eine Stiftung Gottes. Die Kirche ist Teilhabe an
der Gemeinschaft des Sohnes Gottes mit dem Vater im Heiligen Geist. Christus,
der Sohn Gottes, hat bei seiner Menschwerdung die Kirche gleichsam als
Geschenk mitgebracht - nicht als eine menschliche Organisation, sondern
als das Sich-Öffnen des Herzens Gottes für uns Menschen. Die
Kirche ist communio (Gemeinschaft), Lebensgemeinschaft mit Gott im Heiligen
Geist.
Als Getaufte sind
wir gleichsam die Schauseite der Kirche, die nach außen sichtbar
ist. An uns kann man vielleicht Anstoß nehmen, weil wir trotz der
Berufung und Gnade Gottes immer auch sündige, schwache und mit Fehlern
behaftete Menschen bleiben. Wir alle - das gilt auch für den Papst,
die Bischöfe und die Priester -sind, solange wir leben, auf dem Pilgerweg
des Glaubens unterwegs. Wir haben noch nicht das examen mortis, die letzte
Prüfung des Todes bestanden. So sind wir anfällig für das
Böse und können zum Stein des Anstoßes für unsere
Mitmenschen werden.
Wer aber tiefer schaut,
der weiß, daß er nicht an die Menschen in der Kirche glaubt,
sondern seine Hoffnung auf Jesus Christus setzt. Christus ist es, der seine
Kirche immer reinigt und von innen heraus erneuert, wenn wir uns seinem
Bußruf nur nicht verschließen, sondern für ihn offen sind,
unsere Sünde und Schuld bekennen, uns der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen
und diese Barmherzigkeit allen Menschen verkünden und hörbar
machen.
Darum gibt es keinen
vernünftigen Grund, sich gegen die Kirche zu stellen oder sich öffentlich
von ihr zu trennen, wie dies im sog. Kirchenaustritt geschieht. Wer Anstoß
nimmt am Fehlverhalten anderer, der sollte auch bereit sein, an die eigene
Brust zu schlagen und das eigene Gewissen zu erforschen. Ich glaube, daß
es weder inner- noch außerhalb der Kirche jemanden gibt, der behaupten
könnte: Ich bin so fromm und gut, so heilig und sündenlos, daß
ich mit meinem Finger auf die anderen zeigen könnte. An die eigene
Brust gilt es zu schlagen und dankbar zu sein für all das, was wir
durch die Kirche, die unsere Mutter ist, empfangen haben: das Evangelium,
den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, die innere Gewißheit, daß
„Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum
Guten führt" (Röm 8,28). Woher wüßten
wir denn von Gott und seiner Liebe? Wer
eröffnet uns denn das Wort Gottes in der Heiligen Schrift? Wer anderes
nimmt uns denn an der Hand und führt uns hinein in diese Gemeinschaft
mit Gott, wenn nicht die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden und aller,
die in der Kirche einen Dienst übernommen haben oder ihre Charismen
einbringen?
In Freiburg hat der
Heilige Vater in seiner großen Rede im Konzerthaus ein ungebräuchliches
und vielleicht dadurch nicht so leicht verständliches Wort gebraucht.
Er hat von der notwendigen „Ent-Weltlichung" der Kirche gesprochen. Was
ist damit gemeint? - Das Gegenteil ist uns wohl bekannt: die „Ver-Weltlichung"
der Kirche. Die Kirche steht in tiefer Einheit mit Jesus Christus. Wenn
wir das jedoch nicht mehr voll erkennen und meinen, wir könnten uns
auf äußere Strukturen oder unsere gesellschaftliche Stellung
allein verlassen, dann muss von Verweltlichung der Kirche gesprochen werden.
Nur weil das soziale, caritative und erzieherische Engagement der Kirche
in Beratungsstellen, Kindergärten und Schulen gesellschaftlich anerkannt
ist, dürfen wir nicht dem Fehl-schluß verfallen, daß dadurch
schon die Sendung der Kirche erfüllt sei. Damit ist das Widerständige,
das Andere, das Kritische von Gott her längst noch nicht zur Sprache
gebracht. Es besteht immer die Versuchung, sich der Welt anzupassen und
so in ihr aufzugehen. Daher gilt es sich selbstkritisch zu besinnen. Nur
wenn Christus unser alleiniger Maßstab ist, vollziehen wir wirklich
einen Dienst am Menschen.
Der Heilige Vater
bezog sich in seiner Ansprache auf den Herrn, wenn er sagte, „daß
Christus, der Sohn Gottes, gleichsam aus dem Rahmen seines Gottseins herausgetreten
ist, Fleisch angenommen hat, Mensch geworden ist, nicht nur, um die Welt
in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein,
der sie so läßt, wie sie ist, sondern um sie zu verwandeln.
Zum Christusgeschehen gehört das Unfaßbare, daß es - wie
die Kirchenväter sagen - ein sacrum commercium, einen Tausch zwischen
Gott und den Menschen gibt". ER, der reich war, ist unseretwegen arm geworden,
damit wir sündige und hilfsbedürftige Menschen reich werden und
Anteil erhalten an der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes. Hierin gründet
die Haltung der Kirche zur Welt: Nicht weltliche Maßstäbe können
das Gnadenhandeln Gottes und das Wirken der Kirche beurteilen. Das ist
nur nach den Maßstäben möglich, die von Gott her kommen
und die unser menschliches Denken, Kalkulieren und Rechnen weit überschreiten.
Gott ist immer größer; an uns aber ist es, uns ihm zu öffnen!
Wenn wir Gottes Gnade und seinen Heilswillen auf unser Maß herunterziehen,
dann verfälschen wir sie und machen sie letztlich banal. Es kommt
vielmehr darauf an, daß wir uns von Gottes Größe hinaufziehen
und unser Herz von ihm weiten lassen.
Darum dürfen
wir zuversichtlich sein. Die Säkularisierung, jene schleichende Entchristlichung,
die wir wahrnehmen können, soll uns nicht entmutigen oder gar dazu
führen, daß wir uns einkapseln in einen Kreis von Gleichgesinnten
und Klagegesänge anstimmen. Nein, wir besinnen uns vielmehr auf Jesus
Christus! In Besitz seiner Gottheit ist er selber in unsere Welt hineingegangen.
Am Ende sollte er sich vor einer solch erbärmlichen Gestalt wie Pontius
Pilatus verantworten, der meinte, Jesus müßte sich vor ihm als
dem Inbegriff äußerer Macht und Gewalt rechtfertigen. Der Herr
aber ließ sich nicht einschüchtern, von seiner Sendung abbringen
oder nach den Maßstäben dieser Welt beurteilen: „Ich
bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen,
daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der
Wahrheit ist, hört auf meine Stimme" (Joh 18,37).
Nicht Pilatus, sondern Christus hat Recht behalten. Ihn hat Gott bestätigt:
Jener wurde bestätigt, der vor der Welt verworfen und verachtet war,
der scheinbar ohnmächtig am Kreuz hing und zum Gespött für
die Schriftgelehrten wurde: „Anderen hat er
geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König
von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben"
(Mt 27,42). Welcher Zynismus, welche Verachtung
sprechen doch aus diesen Worten.
Der von den Menschen
Verachtete aber ist geoffenbart worden als der „Sohn
Gottes in Macht" (Röm 1,4), der zur Rechten
des Vaters sitzt. Sein Reich der Gnade, Liebe und Menschenfreundlichkeit
wird kein Ende haben. In dieser Zukunft beherrschen nicht die einen die
anderen; hier werden nicht die Schwachen an den Rand geschoben und die
Armen verachtet. Das Reich Gottes schenkt Leben. „Wo
Gott ist, da ist Zukunft" - so
hat das Motto des Papstbesuches geheißen, das die Verkündigung
des Heiligen Vaters auf allen Stationen seiner Reise geprägt hat.
Daher fassen wir neuen Mut und treten mit neuer Liebe, Leidenschaft und
Sehnsucht für das Evangelium ein. Seien wir bestrebt, daß die
Menschen das Evangelium erkennen und auch in die Vielgestaltlichkeit ihres
Lebens und der modernen Verhältnisse umsetzen.
Ich bin sehr froh,
daß es in unserer Diözese Regensburg so viele gute und engagierte
Priester, Diakone und Laien gibt, die sich in den Pfarreien, den Bildungsstätten
und Schulen, im caritativen Bereich, im ganzen so vielfältigen kirchlichen
Wirken den geistlichen, geistigen und leiblichen Nöten und Sorgen
der Menschen zuwenden und ihnen neue Hoffnung geben. Gott sei Dank leben
in unserem Bistum, in ganz Deutschland viele Menschen, die sich nicht irre
machen oder ins Bockshorn jagen lassen von Berichten und dem Gerede vorgefertigter
Ideologien und Kampagnen, die doch nur Mißtrauen und Spaltung in
die Kirche hineintragen wollen. Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren,
sondern stehen gemeinsam zu Christus und seiner Kirche! Wir vertrauen einander
und halten communio, Gemeinschaft mit IHM und mit unseren Schwestern und
Brüdern im Glauben!
Wie
wir als Kirche als Ganze und als einzelne Christen in einem rechten Verhältnis
zum Herrn stehen, zeigt uns Maria, die Mutter Jesu, die wir in dieser Stunde
in besonderer Weise ehren. Maria wurde gewürdigt, die Mutter des Herrn
zu werden. Sie ist die von Gott „Begnadete"
(Lk 1,28), die von allen Völkern seliggepriesen
werden wird (vgl. Lk 1,48). Doch gleichzeitig ist sie auch jene Frau, der
vom greisen Simeon prophezeit wird, daß ein Schwert ihre Seele durchdringen
werde (vgl. Lk 2,35). In ihr sind gleichsam die Größe menschlicher
Berufung durch Gott, aber auch das Leid menschlichen Lebens exemplarisch
zusammengefasst. So ist Maria in ihrer Haltung und ihrer unverbrüchlichen
Treue zu Christus unser Vorbild. Mit ihren Botschaften - wir feiern heute
den 13. Oktober als Fatimatag - führt sie uns hin zu Jesus Christus
und ruft uns zu Werken der Buße und zur Erneuerung unseres Denkens
und Handelns, gleichsam zu einer Entweltlichung auf. Unser Denken und Fühlen
soll sich wieder neu an der Erkenntnis Jesu Christi ausrichten: „Christus
will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft
mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen" (Phil 3,10).
So wollen wir uns
der Fürbitte Mariens anempfehlen, ihrem Vorbild folgen, den Weg des
Glaubens, des Gehorsams und der Nachfolge Christi gehen und auch in Kreuz
und Leiden zu Christus und seiner Kirche stehen! Denn überall dort,
wo die Kirche verachtet und verfolgt wird, ist es letztlich der Herr selbst,
der verfolgt wird (vgl. Apg 9,4). Dazu helfe uns Maria, die Mutter des
Herrn, die auch unsere Mutter im Glauben ist. Sie ist die persönliche
Darstellung der Botschaft, die uns der Heilige Vater verkündet hat:
Wo Gott ist, da ist Zukunft!
Amen.
(Quelle: "Bote
von Fatima", Jan. 2012, S. 2ff., Regensburg)