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DAS KREUZ ALS APPELL AN UNSEREN GUTEN WILLEN |
(Versuch
einer Meditation) Das Kreuz, aufgestellt oder
aufgehängt, mit und ohne Korpus, in variationsreichen künstlerischen
Formen, hochgeachtet und übersehen, geliebt und gehaßt, ist
aus unserer Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Man kann sagen, überall,
wo Christen sind, begegnet man dem Kreuz. Seit Kaiser Konstantin die Kirche
aus den Katakomben befreite, breitete sich das Kreuz rund um den Erdball
aus, bis heute beinahe überall. Wir fragen: Was hat Christenvolk und
Kirchenleitung, bisweilen auch politische Amtsträger dazu bewogen,
das Kreuz dermaßen zu verbreiten? Es ist die Begeisterung für
seine zentrale Botschaft; So sehr hat Gott die Welt geliebt - und liebt
sie immer noch - , daß er seinen eingeborenen Sohn Mensch werden
und am Kreuz erhöhen ließ, damit wir zum Heile fänden.
Das Kreuz an Straßen und Plätzen, auf Türmen und
Hügeln,
auf Gebäuden und in Räumen, öffentlichen wie privaten, spricht
Gläubige, Halb- und Ungläubige gleichermaßen an, ist ein
Gruß vom lieben Gott, eine Einladung zum Fest, ist Botschaft und
Mahnung: O Mensch, laß dich ergreifen von der Güte Gottes, verweigere
dich nicht, glaube, hoffe und liebe! Hab keine Angst, folge dem nach, der
uns den Weg ins ewige Leben bahnte. „Trag das Kreuz, es wird dich tragen,
wird dir sein Geheimnis sagen, welcher Weg zum Heile war." Das so mannigfach
uns begegnende Kreuz will unsere Erinnerung wach halten an ihn, der gesagt
hat: „Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt"
(Mt 28,20). Seine Anwesenheit realisiert er
durch das Wort der Hl. Schrift, durch die Eucharistie, durch das Bischofsamt,
durch Kirchenbau und Heiligenbild und last not least durch die wichtigste
Ikone, das Kreuz. So sind wir in der Lage, das Wort aus Psalm 24,15 tiefer
zu erfüllen, als es der alttestamentliche Gläubige vermochte:
„Meine Augen sind stets auf den Herrn gerichtet." Dazu ein paar Beispiele.
Wer eine Kirche betritt, sieht oft schon von weitem: Hoch über oder
hinter dem Altar hängt das Kreuz. Damit der zelebrierende Priester
es nicht übersieht, liegt gemäß liturgischer Vorschrift
ein kleines Kreuz auf dem Altar, so daß seine Augen immer den Herrn
vor sich haben, der jetzt gerade seinen Leib und sein Blut, sein Opfer
für uns gegenwärtig setzt. Die am Kreuz ausgebreiteten Arme sind
nicht nur mehr Ausdruck des Schmerzes, sondern Geste der Liebe, als wollte
er uns alle umarmen und an sein geöffnetes Herz drücken. In Ehrfurcht
verneigen wir uns vor ihm oder beugen das Knie, wie ebenfalls vor Altar
und Tabernakel. Das Evangelienbuch ehren wir mit einem KUß. Der heilige
Franziskus belehrte seine Brüder mit folgenden Worten: „Wenn
ihr eine Kirche betretet, fallt nieder und sprecht: wir beten dich an,
Herr Jesus Christus, und preisen dich, hier und in allen Kirchen der Welt,
weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast."
Vom heiligen Bernhard und vom heiligen Franz hat die Mystik Bilder hervorgebracht,
wo sie, neben dem gekreuzigten Heiland stehend, ihn umarmen. Das heißt,
vom Kreuz geht der Appell aus, schenke die Liebe zurück, die du zuvor
erhalten hast. Und wenn dein Herz voll ist von Sorgen, um Arbeit und Brot,
um Gesundheit und Familie usw., schütte es aus wie weiland die Leute
in Israel, die den Heiland um Hilfe angingen: Jesus, Sohn Davids, erbarme
dich meiner! Laß dir helfen, laß dich aber auch ermutigen,
daß du dein persönliches Lebenskreuz ohne zu ermatten tragen
kannst in der getreuen Nachfolge des Herrn. Das katholische Volk pflegt
den Brauch, den Verstorbenen beim Einsargen das sog. Sterbekreuz in die
gefalteten Hände zu stecken. Ja, der Tod ist der letzte Akt unserer
persönlichen Kreuzesnachfolge und wir sollten den Brauch ohne Scheu
beibehalten, denn er hilft uns, den unvermeidlichen Tod als Heimgang zum
Vater zu bestehen. Auf dem Grab unserer Angehörigen richten wir das
Kreuz oder den Grabstein auf, der merken läßt, welche Hoffnung
den Verstorbenen gestärkt hat. Das Kreuz im Gerichtssaal und in der
Gefängniszelle. Welchen Appell könnte es für einen ansprechbaren
Menschen bedeuten? Nun, es sagt dem Kriminellen: Wenn du dich schuldig
weißt, kehr um, fang von vorne an. Sag die Wahrheit! Wage es, ein
rechtschaffenes Leben zu führen, Gott liebt dich. Nimm die Buße,
d.h. Besserung, an! Wenn du dich aber unschuldig weißt, dann kämpfe
mit Hilfe deines Anwalts um dein Recht. Laß dich nicht so schnell
entmutigen! Bei Mißerfolg laß dich nicht verbittern. Blicke
auf das Kreuz, an dem einer hängt, der auch unschuldig war und trotzdem
unter die Verbrecher gezählt wurde. Den bitteren Kelch mußte
er bis zur Neige trinken, erbarmungslos wurde er gemartert; er starb, erstand
aber an Ostern. Bedenke: Menschen können dich verkennen, verraten
und töten. Auslöschen können sie dich nicht. Du wirst auferstehen.
Was sagt das Kreuz den Zeugen? Sage die Wahrheit, schwöre nicht falsch!
Setz dich ein für den Unschuldigen, laß ihn nicht im Stich!
Hilf dem Gericht, die Wahrheit aufzudecken. Was sagt das Kreuz dem Richter?
Urteile gerecht, nicht zu milde, nicht zu streng! Räume dem Delinquenten
Chancen zur Besserung ein! Laß dich nicht von den Anklägern
überrumpeln, nicht bedrohen, nicht bestechen, sei fair! Was sagt das
Kreuz dem Publikum, der Gesellschaft? Hasse das Unrecht, liebe das Recht!
Nimm Strafentlassene auf, drücke sie nicht weg. Schrei nicht nach
Rache! Verzeihe, denn auch dir muß verziehen werden, spätestens
beim Jüngsten Gericht. Die Barmherzigkeit Gottes wird dir zufließen
über das Kreuz. Was sagt das Kreuz in der Schule? Es sagt dem Schüler:
Streng dich an, wie auch Jesus sich angestrengt hat als Arbeitersohn und
Wanderprediger. Entfalte deine Anlagen. Du wirst gebraucht im Weinberg
des Herrn. Du kannst zur Vollendung der Welt beitragen. Sei ehrlich, sei
ein guter Kamerad, hilf den Behinderten, halte Klassengemeinschaft! Strebe,
aber sei kein Streber. Mach die Hausaufgaben selber, laß dich nicht
entmutigen! Bete für deine Eltern, Lehrer und Erzieher. Wenn es in
der Klasse oder auf dem Schulhof Streit gibt, riskiere ein offenes Wort
mit den Starken, verteidige den Schwachen, laß die Faust in der Tasche,
stifte Frieden! Mach mit bei Spaß und Spiel, geh aber Grobheiten
und Hänseleien aus dem Weg! Dem Lehrer sagt das Kreuz: Hab Geduld
mit den Kindern, sei unparteiisch, benote gerecht! Verzichte auf verletzende
Ausdrücke, wenn du deine Autorität einsetzen mußt. Liebe
sie alle, sei wie der Herr am Kreuz, der sogar für seine Peiniger
betete. Lobe und bestätige, immer wieder lobe! Bereite dich auf den
Unterricht gut vor, nicht nur wenn die Schulbehörde dich visitiert,
sondern alle Tage. Sei Vorbild! Dem christlichen Lehrer obliegt es, hin
und wieder auf das Kreuz und seine Botschaft für die Schule einzugehen,
nicht nur beim Schulgebet, so daß das Bewußtsein entsteht,
es ist jemand unsichtbar, aber durch das Schulkreuz erfahrbar, unter uns,
Jesus Christus unser Freund und Erlöser, der unser Heil will und sich
deshalb über jeden unserer weltlichen und geistlichen Fortschritte
freut. Man könnte nun so weiter fragen, z.B. beim Kreuz zuhaus im
sog. Herrgottswinkel: Was hätte es Eltern und Kindern, Gatten und
Ver-wandten, Angestellten und Gästen appellartig zu sagen? Wir wollen
es aber dem Leser überlassen, die Meditation selbst fortzusetzen,
das Kreuz anzuschauen, auf die gerade bestehende Situation zu beziehen
und seine Botschaft und Mahnung innerlich hörbar werden zu lassen.
Das heißt schließlich „beten". Der Blick auf das Kreuz wird
zum Dialog. Meisterlich hat es der hl. Bruder Konrad formuliert, wenn er
bekennt: „Das Kreuz ist mein Buch." Dem Nachdenklichen wird auffallen,
daß die Appelle, die vom Kreuzbild ausgehen, nicht alle unmittelbar
mit der Situation des am Kreuze Leidenden zu tun haben, sie könnten
ebenso von jedem andern Christusbild stammen. Dies hängt damit zusammen,
daß das Kreuz in unseren Wohnungen oder Schulen usw. immer den ganzen
Christus, den Verkünder in Israel, den Gekreuzigten und Auferstandenen,
ja den dreifaltigen Gott vertritt. Der Vater ist es, der seine unendliche
Liebe in der Hingabe des Sohnes offenbart und im Hl. Geist seine Gegenwart
unter uns realisiert. Wenn unsere Augen das Kreuz streifen, kommt uns nicht
nur Jesu Tod in Erinnerung, es kann uns jeder Punkt der Heilsgeschichte
berühren, deren Höhepunkt freilich immer der Opfertod Jesu am
Kreuze ist. Darum nennt der Volksmund das Kreuz in der Ecke der Wohnstube
treffend den Hergottswinkel, vor dem man sich im Gebet aufstellt, um auf
die Stimme des Herrn zu hören, die leise in unseren Herzen erklingt.
Der Anblick des Kreuzes hält die Einladung Jesu in uns wach: „Suchet
zuerst das Reich Gottes ..."
P.
Siegfried Schimmer
„Das
Kreuz ist mein; Buch. Ein Blick auf das Kreuz lehrt mich bei jeder Gelegenheit,
wie ich mich zu verhalten habe. Da lerne ich Geduld jund Demut, da lerne
ich jedes Kreuz mit Geduld zu fragen, ja, es wird mir süß und
leicht".
Hl.Bruder Konrad
(Quelle: Seraphischer Kinderfreund
Nr. 6/2006, S. 2ff., Seraphisches Liebeswerk e.V., Pf. 1351, 84497 Altötting)