Leseprobe
MEIN WEG ZUR KATHOLISCHEN KIRCHE

1974 konvertierte der damals 43jährige norwegische lutherische Theologe und Bibelwissenschafter Erik M. Morstad zur Katholischen Kirche. Am Vorabend des Jubiläumsjahres 2000 veröffentlichte er den Lebensbericht seiner Rückkehr, der nun bereits in vierter Auflage vorliegt und von Josef Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) mit den Worten gewürdigt wurde:
„eine Confessio, die gerade für diese Stunde von großer Bedeutung ist."
Wenn ein lutherischer Bibelwissenschafter zur Katholischen Kirche überwechselt und rückblickend die Defizite seiner bisherigen Glaubensgemeinschaft aufzeigt, dann weiß er, wovon er spricht.

Erik Morstad sieht in Luthers Bibelauslegung eine radikale Verkürzung der Offenbarung, die darauf hinausläuft, die Menschwerdung Gottes nicht ernstzunehmen, ja letztlich zu leugnen. Luthers Jesus, so Merstad, trägt zwar noch den Namen, ist aber von der Person des Gottessohnes Jesus Christus abgelöst und zu einem „bloßen Glaubensprinzip" reduziert worden ohne Beziehung zum konkreten Jesus, wie ihn uns die vier Evangelien überliefern. Für Luther zählt nur die Predigt Jesu, seine Werke und Taten dagegen: die Wunder, die seine Göttlichkeit manifestieren, die Stiftung der Kirche durch die Erwählung der zwölf Apostel, die er innigst liebte und mit denen er im Abendmahlsaal zusammensaß und für die er sich hingab, die Einsetzung der Sakramente und die Berufung des Petrus zum Felsenfundament - dies alles ist für ihn nutzlos und ohne Bedeutung. Mit dieser Verflüchtigung der Inkarnation aber fehlt der reformatorischen Hauptlehre, der „Rechtfertigung allein durch den Glauben ohne Werke" das Mark der frohen Botschaft, nämlich die notwendige seinsmäßige Verankerung in Jesus Christus, dem Sohn Gottes. „So verstand ich", schreibt Morstad, „daß Luther Jesu Erwählung seiner zwölf Apostel in ihrer kirchlichen, immerdauernden Wirklichkeit leugnen mußte, und zwar mit all seiner aufgestauten Wut gegen Papst, Priester und Ordensleute, lebenslang, seitdem er als Reformator auf die Bühne trat. Diese Gefühle waren - wie bei Lutheranern oft - auch meine eigenen."Daraus ergaben sich weitere Folgen. Denn „indem Luther Jesus als den Gottessohn betrachtet, der zwar vom Himmel gekommen sei, aber bei seinem Kommen als Mensch seine Göttlichkeit ablegte, um als Nur-Mensch verzweifelt um die Gnade Gottes zu ringen, legte Luther den Weg frei für den Atheismus und damit für die moderne Ausradierung aller göttlichen Werke Jesu in den Evangelien." Weil Luther in Jesu Apostelwahl bloß eine Art Amtseinführung auf Zeit, aber kein grundlegendes Ereignis für die Errichtung seiner Kirche sah, wurde in der Confessio Augustana, der protestantischen Bekenntnisschrift, die Wahl der zwölf Apostel auch mit keinem Wort erwähnt. „Diese Wahl, dieser Bund der Liebe zwischen dem Bräutigam Jesus und der Braut, der Kirche Gottes", so Merstad weiter, „existiert in der lutherischen Definition vom Evangelium nicht." Die evangelisch-lutherische Gemeinschaft „ist nicht im neutestamentlichen Jesus verwurzelt. Sie ist ein großer Zweig, der im Sturm vom Stamm abgerissen ist." Wenn der heilige Paulus im Römerbrief von der „Rechtfertigung allein aus dem Glauben" spricht und dabei von den Aposteln nichts erwähnt, so besagt das gar nichts. Die römischen Adressaten seines Briefes wußten längst darüber Bescheid. Wie sehr übrigens die Zwölf zum Kern seiner Verkündigung gehörten, wird deutlich, wenn Paulus etwa die Korinther an das „Evangelium" erinnert, das auch er empfangen und ihnen weitergegeben hat als Fundament ihres Glaubens: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, daß er begraben wurde, am dritten Tag auferstand und dem Kephas erschien und dann den Zwölf (vgl. l Kor 15, 1-4). Die von Christus aus Liebe erwählten Apostel waren die entscheidenden Zeugen seiner wahren Auferstehung und damit ein unaufgebbarer Bestandteil des Evangeliums. Wenn also behauptet wird, die Stelle im Römerbrief (Rom 3,22-26) „gerecht aus Glauben" sei das Herzstück des „Evangeliums nach Paulus" und hier lägen weder ein Amt noch gute Werke vor, so muß man einfach sagen: im Anfang war Gottes Tat, nicht unser Glaube. Gerade der heilige Paulus bindet, im Gegensatz zu Martin Luther, diesen Glauben an das Faktum der Auferstehung Christi. Denn „wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden" (vgl. l Kor 15,17). Morstad: Ich sah den Unterschied zwischen Paulus und Luther ... der darin besteht, daß das Denken des Paulus über Gott die Objektivität Gottes voraussetzt, bewahrt und bekennt, während Luther das subjektive Empfinden des einzelnen Menschen als das Normative einführt und es auf seinen Gott überträgt, der sich danach zu verhalten habe." Ohne Verankerung in der Ewigkeit Gottes werden auch die Gebote Gottes zu rein weltlichen Dingen. Das daraus entstehende erleichterte Glaubensleben, das Luther als „Freiheit des Christenmenschen" verkündet, sieht dann bei ihm so aus: „Sei ein Sünder und sündige stark, aber glaube und freue dich desto stärker ... es genügt, daß wir ... das Lamm (Gottes) kennen, das die Sünden der Welt trägt; von ihm entfernt uns die Sünde nicht, auch wenn wir tausendmal am Tag ehebrechen oder töten würden ..." Um seine Ansichten zu rechtfertigen, hatte Luther selbst ein eigenes Kriterium aufgestellt, nach dem die neutestamentlichen Bücher neu und unterschiedlich zu werten bzw. zu verwerfen seien. „Damit", so Morstad, „stellte er sich in Opposition zum Heiligen Geist", der ja gerade die Kirche zur Auswahl ihrer Heiligen Schriften angeleitet hat. „Luther war also nicht einzig Reformer der Kirche. Er war Leugner der Inkarnation des Sohnes Gottes als notwendige Heilstat des Dreifaltigen Gottes. Er war ein Umstürzler des Kanonischen Neuen Testamentes und der Jesusgestalt der Evangelien und somit des entsprechenden Glaubens. Diese Entdeckung sollte mich erschüttern und für mich die Weichen stellen. Der Glaube allein - jawohl, aber wo ist der Jesus, an den man glaubt, der Jesus der Evangelien, der Gott und Mensch? Verschwunden! Nicht nötig, man habe ja das Kreuz! Ja, aber welcher Mann hängt an dem Kreuz? Sein Leben, seine Werke und sein Reden haben nichts zu bedeuten; alles komme auf das Wort an, das verkündet wird: Gericht und Rechtfertigung." Am Schluß schreibt Morstad, daß er die rettende Liebe des Erlösers, wie sie in der Erwählung seiner Apostel mit Petrus an der Spitze verbürgt ist und von Anfang an in der Bischofs- und Priesterweihe treu bewahrt und weitergegeben wurde, nun endlich in der Katholischen Kirche gefunden habe: „Alle Engel und Heiligen sind da und verkünden seine Großtaten, und die Armen Seelen stimmen dem froh zu. Ich mußte zu Jesus, meinem Gott; ich mußte seine Liebe annehmen und an ihn glauben, an ihn, den Überwinder des Todes, den Architekten seiner Kirche. Und ich mußte zur Mutter des Sohnes Gottes, zur Mutter der Kirche. Ihr Ja war die Voraussetzung für die Menschwerdung Gottes, des ewigen Sohnes. Durch ihr Fleisch ist Gott Fleisch geworden, nicht anders; alles andere sind Blüten der Gnosis.In dem vom Buchstaben und vom verborgenen Atheismus versklavten Luthertum war es unmöglich, die Wahrheit zu sehen, daß das Ja Mariens die universelle und einzige voll gültige Entsprechung des Geschöpfes  gegenüber dem Schöpfer ist. Ich mußte zu Jesu Mutter, um zu Jesu Vater zu kommen, um so den Sohn wahrhaft im Heiligen Geist zu glauben und Ihm in seiner Kirche zu dienen. So ließ ich mich schließlich von der seit Kindheit gesuchten Liebe finden. Am Kreuz Christi fand Jesu Mutter mich ... Ich erhielt die Allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter der Schmerzen, zur Mutter. Denn Er, der am Kreuz für mich Gestorbene, der am dritten Tag Auferstandene, schenkte sie mir, die demütige Himmelskönigin. Und dann war nur noch eines zu tun."
(Quelle: Leseprobe der sehr empfehlenswerten Zeitschrift: "St. Josef" 13. Heft, 2008/9, Gemeinschaft vom heiligen Josef, A-3107 Kleinhain 6)
Bild: Gnadenbild von Mariazell von König Ludwig I.

Impressum


"Alles ist von Christus gekommen, auch Maria;
alles ist mit Hilfe von Maria gekommen, auch Christus.
Heilige Jungfrau, hilf uns betrachten, hilf uns anzubeten, hilf uns zu lieben."
(Papst Benedikt XVI.)

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