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- Imprimatur! - |
EINLEITUNG
Gott,
der Vater, sandte den Sohn, das Reich zu gründen. Seine Einheit mit
dem Auftrag des Vaters offenbarte Christus den verständnislosen Jüngern
am Jakobsbrunnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich
gesandt hat, und sein Werk zu Ende zuführen (Joh 4,34). Der Heilige
Geist aber bewirkt die untilgbare Sehnsucht des Menschen nach dem Reich;
zugleich aber läßt er durch die Kirche, deren Beistand und sakramentales
Lebensprinzip er ist, das Evangelium vom Reich Gottes (Mk 1,14) bezeugen
(vgl. Apg 1,8) bis zur Wiederkunft des Herrn.
Unter
dem Gesichtspunkt des Gottesreiches erhellen sich auch alle Dokumente des
II. Vatikanischen Konzils und entfalten ihre innere Dynamik bis hin zu
den Lehrschreiben Papst Pauls VI. Über die Evangelisierung in der
Welt von heute (1975), in dem er pointiert schreibt: Nur das Reich also
ist ein absoluter Wert und relativiert alles andere (EN 8). Ja, bis hin
zu den beschwörenden Appellen Papst Johannes Pauls II. auf allen Kontinenten
der Erde - so auch in Österreich -: Durch eine umfassende Neu-Evangelisierung
muß die Kirche versuchen, dem Prozeß der kirchlichen Entfremdung
in ihren eigenen Reihen Einhalt zu gebieten und Mittel und Wege zu finden,
um auch die der Kirche Fernstehenden wieder zurückzugewinnen und die
ganze menschliche Gesellschaft mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchdringen
(1987).
Der
Kirche ist von Anfang an die großartige Offenbarung zuteil geworden,
daß das Reich Gottes ein für die Welt durchbohrtes Herz ist.
Jesus ist dieses Herz, das da spricht: Kommt alle zu mir, die ihr euch
plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen
(Mt 11,28). Durch dieses Herz und mit ihm und in ihm wird dem suchenden
Menschen in Wahrheit Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10) geschenkt. Es
ist der Schlüssel zur Neu-Evangelisierung; in ihm liegen Mittel und
Wege beschlossen.
Wie
alles Wahre einfach ist, so auch die Gebetserkenntnis, daß Kirche
ihre eigene Erneuerung und den Sieg über die diabolischen Mächte
nur empfängt im Blick auf das geöffnete Herz des Erlösers
(vgl. Joh 19,37).
In
einzigartiger Weise erschließt der Herr sein Herz bei der innigen
Mitfeier des heiligen Meßopfers; es vereinigt sich mit uns und läßt
uns eindringen in das Wesentliche seines Lebens (Wessely), so daß
wir jetzt schon im Glauben teilnehmen am Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit.
Dem
treuen Anbeter der heiligsten Eucharistie wird nicht selten die Gnade gewährt,
sein Herz ganz dem Herrn zu weihen, der es in das seine legt, um es ihm
dann mit einem Funken seiner Liebe erfüllt zurückzugeben, wie
es die hl. Margareta Maria Alacoque in ihrer ersten Vision (1673) berichtet.
Ein tiefer Schmerz, der im Herzen des Mystikers zurückbleibt, bedeutet
die Einladung, am Erlösungswerk Christi durch sühnende Liebe
mitzuwirken.
Also
ist die Herz-Jesu-Verehrung nicht überholt oder nur für einfältige
Seelen gedacht, sondern in der Tat das große Heilmittel auch unserer
Zeit. Mit dem Herzen des Herrn schlägt auch das der Gottesmutter für
das ewige Heil des Menschen. Im Reich des Herzens Jesu ist Maria gegenwärtig,
wie Jesus selbst das mütterliche Wirken Mariens beseelt.
Die
Arbeitsgemeinschaft Unio Gor Jesu glaubte darum auf ihrer ersten Studientagung
Siehe dieses Herz einen wesentlichen Akzent zu setzen, indem sie zwischen
dem Referat über Die theologischen Grundlagen der Herz-Jesu-Verehrung
und dem über Die Mystik des heiligsten Herzens Jesu, in der Mitte
also, die Einheit beider Herzen aufleuchten ließ, und zwar durch
das Referat über Das Herz Jesu und das Herz Mariens in ihrer Einheit.
Die
Veröffentlichung der Vorträge erfolgt auf Wunsch der fast 200
Teilnehmer der Herz-Jesu-Studientagung am 23. Jänner 1992 im Leo-Saal
des Wiener Churhauses.
Wir
hoffen, daß dieser geistliche Impuls Eingang in die Herzen vieler
Menschen findet zum Aufbau des Leibes Christi.
P.
Hans Schädle SCJ
Moderator
der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Herz-Jesu-Verehrung
„Unio
Cor Jesu"
Diözesanbischof
Prof. Dr. Kurt Krenn
DIE
THEOLOGISCHEN GRUNDLAGEN DER
HERZ-JESU-VEREHRUNG
1.
Es
gab Zeiten, in denen das Herz Jesu eine lebendige Mitte gläubiger
Frömmigkeit und christlicher Lebensart war. Viele feierten den Herz-Jesu-Freitag,
beichteten und kommunizierten und gaben so ihren Gebeten und Lebensentscheidungen
gleichsam eine ständige sakramentale Dimension der Beichte und der
Eucharistie.
Die
großen Zeiten der Herz-Jesu-Verehrung scheinen heute unwiederbringliche
Vergangenheit zu sein:
Mag
sein, daß manche meinten, das Herz des Erlösers wäre kein
angemessener Ausdruck der Christusgestalt und der Christusperson.
Mag
sein, daß manche meinten, das Herz Jesu sei eher Ausdruck privater
Frömmigkeit, während sich die nachkonziliare Liturgie ganz dem
öffentlichen Gebet der Kirche zuwandte.
Mag
sein, daß ästhetische Gefühle zu dominieren begannen, die
in den Darstellungen des Herzens Jesu den Kitsch denunzierten.
Mag
sein, daß der Sühnegedanke der Autonomie des menschlichen Gewissens
und seiner Freiheit so zu widersprechen schien, daß man alles Vermittelnde
ausschließen wollte, um nur mehr Gott selbst unmittelbar und direkt
zu begegnen.
Mag
sein, daß das Herz Jesu als der Inbegriff alles bisher Geltenden
abgelehnt wurde, um neuen Ufern der Modernität zuzustreben.
2.
Offenkundig
waren es mindestens Mißverständnisse, die die Herz-Jesu-Verehrung
in unserer Kirche zurückdrängten. Wenn wir uns nun um eine Erneuerung
und Wiederbelebung dieser Verehrung bemühen, werden wir das bessere
Gelingen haben, wenn wir den verlorenen Zusammenhang mit dem Christusgeheimnis
neu entdecken, als wenn wir mit Vorurteilen, Mißverständnissen
und Geschmacksurteilen der heutigen Zeit uns abgeben.
3.
Das
Herz Jesu verehren wir mit der gleichen göttlichen Anbetung wie Christus,
den menschgewordenen Gottessohn selbst. Wir verehren es anders als die
Wunden Christi, anders als die Hände und Füße Christi,
deren Geheiligtsein auch ein Grund der Verehrung ist.
Freilich
schauen wir zunächst auf das Menschenherz des Erlösers, das in
Jesus schlägt, das von des Soldaten Lanze durchbohrt wurde, dessen
Schlagen irdisches Leben und dessen Stillstand menschlichen Tod bedeutet.
Doch hat „Herz" immer schon mehr bedeutet als das Lebensorgan eines konkreten
Menschen. Das Herz bedeutet auf vielfache Weise „Mitte".
4.
Was
in der Tradition der Kirche im Lauf der Jahrhunderte an theologischer Einsicht,
an Frömmigkeit und Weisen der Verehrung des Herzens Jesu sich entfaltet
hat, hat sodann in der Enzyklika „Haurietis aquas" (15. Mai 1956) durch
Papst Pius XII. seine ausdrückliche theologische Lehre und Deutung
erhalten.
Warum
es gerade das „Herz" ist, das Wirklichkeit und Symbol zugleich als das
Herz des Erlösers ist, beantwortet die Enzyklika „Haurietis aquas"
(HA) so: Es ist ein doppelter Grund, warum die Kirche dem Herzen des göttlichen
Erlösers die Verehrung der Anbetung erweist. Der erste Grund trifft
auch auf die anderen hochheiligen Glieder des Leibes Jesu Christi zu und
besagt, daß das Herz Jesu als edelster Teil der menschlichen Natur
mit der Person des göttlichen Wortes hypostatisch verbunden ist; daher
dieselbe Verehrung der Anbetung, die die Kirche der Person des fleischgewordenen
Sohnes Gottes erweist (vgl. HA, DH 3922).
Als
zweiten Grund nennt Pius XII.: Das Herz des göttlichen Erlösers
ist mehr als alle anderen Glieder seines Leibes ein natürliches Kennzeichen
bzw. Symbol für seine Liebe zum Menschengeschlecht; und im heiligsten
Herzen liegt das Symbol und das ausgeprägte Bild der unbegrenzten
Liebe Jesu Christi vor, die uns zur gegenseitigen Liebe bewegt.
5.
Wirklichkeit
und Symbol der Erlöserliebe liegen im Herzen Jesu in einer Weise vor,
daß geradezu die Wirklichkeit der Erlöserliebe im Herzen Jesu
ihr angemessenes Symbol und das Symbol des Herzens Jesu nur in der Wirklichkeit
der hypostatischen Union die Erfüllung seiner symbolischen Bedeutung
hat.
Es
gehört zur Erfahrung des menschlichen Daseins, daß zwischen
Symbol/Bild und dessen Wirklichkeit ein unaufhebbarer Unterschied besteht,
der das eine nicht das andere sein läßt: das sichtbare Symbol
ist für uns nicht die unsichtbare Wirklichkeit und umgekehrt. Was
aber ersehnt der glaubende Mensch mehr, als jenes Ineinander von Symbol
und Wirklichkeit, das er in seiner eigenen Welt nie vollkommen erreicht?
Wenn
aber die Verehrung des Herzens Jesu die Menschen so bewegt - und es sind
gerade die einfachen und demütigen Menschen die bewegten - muß
man sich fragen, was die gläubigen Menschen im Herzen Jesu erfaßt
haben. Es ist wohl nicht der theologische Diskurs, an dessen Ende das Herz
Jesu eine neue rationale Schlußfolgerung ist. Es ist eher eine Intuition
des glaubenden und liebenden Menschen, der im Herzen Jesu das einzigartige
Ereignis der Gnade erfährt, daß er schaut und im Herzen Jesu
weiß, daß es das wahrhaftige Bild des Gottessohnes ist, in
etwa mit dem Vollkommensein vergleichbar, wie Christus das Ebenbild des
unsichtbaren Gottes ist (vgl. Kol 1,15): Nichts mehr trennt in Christus
das Ebenbild des unsichtbaren Gottes von Gott selbst. Und wenn wir von
Gott und von seiner barmherzigen Güte ausgehen, erfährt die Intuition
des glaubenden und liebenden Menschen, daß Gottes unüberbietbares,
offenkundiges Bild auch das Herz in Jesus Christus ist.
Wer
sich auf das Herz Jesu einläßt, ist gefangen von der Vollkommenheit
des Zusammenhalts zwischen Symbol und Wirklichkeit, wie sie ähnlich
nur im Sohn als dem Ebenbild des göttlichen Vaters sein kann. Was
Zusammenhalt ist, ist nun aber nicht mehr abstrakte Idee, sondern konkrete,
personale, hypostatische Wirklichkeit des Herzens Jesu. Gott hat sich darin
geoffenbart, ohne weniger als Gott zu sein.
6.
Die
Herz-Jesu-Verehrung ist in ihrer spezifisch ausgepräg-ten Form nicht
schlechthin glaubensnotwendig; sie ist je-doch in einem ganz hohen Sinn
glaubenskonform und dem Ernst und der geheimnisvollen Größe
Jesu Christi und des göttlichen Vaters angemessen. Es darf aber niemand
aus Glaubensgründen die Herz-Jesu-Verehrung ablehnen oder diese anderen
verwehren; es bleibt jedoch die Freiheit des einzelnen Gläubigen bei
der Annahme dieser Verehrung in ihrer spezifischen Form. Man kann jedoch
auch festhalten, daß die gläubige Orientierung am Herzen Jesu
die Entscheidung für das auch in sich „Bessere, Angemessenere, Gottgefälligere"
ist. Wer sich jedoch mit Geduld, gläubiger Bereitschaft und theologischer
Einsichtigkeit dem Herzen Jesu zuwendet, der wird erfassen, daß das
Ineinandergehen von wahrhaftigem Bild und der Wirklichkeit Gottes nicht
nur im göttlichen Sohn als dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes ständig
gilt, sondern daß durch diesen angemessenen Zusammenhalt von Bild/Symbol
mit dem unsichtbaren Gott der Mensch nun als Mensch fähig geworden
ist: Das Herz Jesu ist nicht irgendein natürliches Symbol der unermeßlichen
Liebe; es ist der angemessene Ausdruck in Menschlichkeit von dem, was in
der hypostatischen Union Wirklichkeit ist. Mit der Person des göttlichen
Wortes, des ewigen Sohnes des fleischgewordenen Wortes Jesus Christus sind
die göttliche und die vollkommene menschliche Natur vereint, so daß
wir vom einen Herrn bekennen: er ist wahrer Gott und wahrer Mensch.
7.
Wir
müssen jedoch beachten: Der Mensch ist nicht aus sich Gott, sondern
er ist und bleibt ein Geschöpf; niemals ergäbe sich aus der menschlichen
Natur irgendein Recht auf eine hypostatische Union in Christus. Gleiches
können wir vom „Herzen" sagen: Nicht das menschliche Herz ist aus
sich fähig, jenes vollkommene Abbild als der Zusammenhalt zwischen
Symbol und Wirklichkeit zu sein. Die Herz-Jesu-Enzyklika Pius XII. sagt
dazu: Wir behaupten aber nicht, daß das Herz Jesu so zu verstehen
ist, daß man in ihm ein sogenanntes formales Abbild bzw. ein vollkommenes
und absolutes Zeichen seiner göttlichen Liebe besitzt und anbetet,
da ihr innerstes Wesen in keiner Weise durch irgendein geschaffenes Abbild
erreicht werden kann; vielmehr betet ein Christgläubiger, wenn er
das Herz Jesu verehrt, zusammen mit der Kirche ein Zeichen und gleichsam
die Spur der göttlichen Liebe an. Es ist also notwendig, daß
. . . ein jeder immer im Herzen festhält, daß die Wahrheit des
natürlichen Symbols, wodurch das physische Herz Jesu auf die Person
des Wortes bezogen wird, sich ganz auf die grundlegende Wahrheit der hypostatischen
Union stützt. . . (HA, DH 3925).
Obwohl
das Geschöpfliche „aus sich" nicht ausreicht, in die hypostatische
Union einzutreten, weil es als geschaffenes Abbild nicht absolutes und
vollkommenes Zeichen der göttlichen Liebe sein kann, spricht HA dennoch
von einem möglichen Emporsteigen aus der körperlichen Wirklichkeit
des Herzens Jesu hin zur Anbetung der göttlichen Liebe des fleischgewordenen
Wortes (vgl. HA, DH 3925).
Worin
aber erweist sich das Geschöpfliche des Herzens als das dennoch mit
dem Göttlichen in der hypostatischen Union verbundene?
8.
Zunächst
hat die Glaubenslehre der Kirche festgelegt, daß Christus die ungeteilte,
unversehrte und vollkommene menschliche Natur, die im reinsten Schoß
der Jungfrau Maria aus der Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde,
mit seiner göttlichen Person verbunden hat. Als Christus die menschliche
Natur annahm, hat er in keiner Weise vermindert, in keiner Weise verändert,
was das Geistige und Leibliche anlangt; Christus ist wirklich Mensch, mit
Verstand und Wille begabt, begabt mit den übrigen inneren und äußeren
Erkenntnisfähigkeiten, begabt mit dem Streben der Sinne und mit allen
natürlichen Antrieben (vgl. HA, DH 3925), begabt auch mit einem physischen,
menschlichen Herzen.
Auch
wenn das Geschöpf aus sich und in sich niemals Gott sein kann, gibt
es die Unterscheidung, daß das eine im Geschöpf mit der Person
des Wortes verbunden werden kann, das andere nicht. Was verbunden werden
kann, ist das Heilige, Vollkommene und in sich Wahre des Geschöpfes.
Das unheilige Geschöpf wäre nie der hypostatischen Union fähig.
Nichts
Böses, nichts Sündhaftes, nichts Fehlerhaftes und Ungeordnetes,
nichts Unvollkommenes und Geteiltes in der menschlichen Natur kann sich
mit der Person des Wortes verbinden. In der Menschwerdung des Sohnes Gottes
hat die Menschennatur jene Prüfung der Heiligkeit und Vollkommenheit
bestanden, die besagt, daß es nicht zur Natur des Menschen gehört,
sündig oder fehlerhaft zu sein. Würden Sünde und Fehlerhaftigkeit
zum Wesen des Menschen gehören, gäbe es kein Geeintsein der göttlichen
und menschlichen Natur in der Person Christi, denn in Christus könnte
nicht geeint sein, was der Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes innerlich
widerspricht. Nicht nur in der Schöpfung am Anfang waren Heiligkeit
und Gerechtigkeit die Gabe Gottes an den Menschen. Mit der Annahme der
menschlichen Natur in der Fleischwerdung des Wortes hat Gott für immer
die Wahrheit der menschlichen Natur bestätigt, wie sie in ihrer Ungeteiltheit,
Unversehrtheit und Vollkommenheit von Christus angenommen und im reinsten
Schoß der Jungfrau Maria aus der Kraft des Heiligen Geistes empfangen
wurde.
9.
Es
ist nicht allein Christus als göttliche Person, die die menschliche
Natur mit sich verbunden hat, sie wirklich angenommen hat, ohne sie zu
vermindern oder zu verändern (vgl. HA, DA 9223); es ist gleichfalls
die Kraft des Heiligen Geistes, die sich in der Menschwerdung Christi für
die Wahrheit der menschlichen Natur in Christus verbürgt: So ist der
Gottmensch Jesus Christus in seiner Menschennatur die Gegenwart all dessen,
was Gottes Plan und Allmacht als „Menschen" schuf, ohne den Einspruch der
Sünde von seiten des Menschen. Zur Wahrheit der menschlichen Natur
in Christus gehören das Geistige und Leibliche, Verstand und Wille,
innere und äußere Erkenntnisfähigkeiten, das Begehren der
Sinne und alle natürlichen Antriebe (vgl. HA, DH 3928).
Das
Herz des Menschen ist eine Mitte; ohne das Herz gibt es kein Menschenleben,
nicht einmal menschliche Regungen. Und Jesus Christus war mit einem solchen
Herzen - auch physisch - begabt. So darf das Herz Jesu als jene Mitte gelten,
in der sich alles Menschliche Jesu verbindet und von der alles ausgeht.
Das Herz Jesu ist aber auch jene Mitte, die vom Wort in seiner Menschwerdung
aufgenommen und unvermischt, aber dennoch untrennbar mit dem Göttlichen
verbunden wurde.
So
stellt HA das Herz des fleischgewordenen Wortes als vorzügliches Kennzeichen
und Symbol für eine dreifache Liebe dar:
1.
Es ist Symbol jener göttlichen Liebe, die Jesus gemeinsam mit dem
Vater und dem Heiligen Geist hat, die aber nur in ihm selbst, als dem Wort,
Fleisch geworden ist.
2.
Es ist Symbol für jene brennende Liebe, die, in sein Herz eingegossen,
den menschlichen Willen Christi reich macht und deren Handeln ein zweifaches
vollkommenes Wissen erleuchtet und leitet, das heißt das selige und
das eingegossene Wissen.
3.
Es ist auch Symbol für die sinnenhafte Regung, weil der Leib Jesus
Christi über ein vollkommenes Sinnen- und
Empfindungsvermögen
verfügt und zwar mehr als alle anderen Leiber von Menschen (vgl. HA,
DH 3924).
Diese
drei Weisen von Liebe finden sich in der Person des göttlichen Erlösers;
sie sind aber auch untereinander durch ein natürliches Band verbunden,
denn die menschliche und die sinnenhafte Liebe ordnen sich der göttlichen
Liebe unter und stehen zu dieser in Ähnlichkeit (vgl. HA, DH 3925).
Diese
Unterscheidungen und Zuordnungen von Liebe im Herzen Jesu bringen in der
abstrakten Weise von Theologie die Wirklichkeit der menschlichen Natur
und ihres Verhältnisses zur göttlichen Natur in einer Weise zum
Ausdruck, wie sie nur ohne die Last von Sünde und Sündigkeit
möglich ist.
Ein Beispiel möge dies erläutern: Heute entzieht man in der Forschung viele Gegenstände der Schwerkraft durch das Aufsuchen der Schwerelosigkeit im Weltraum; ähnlich kann man im Herzen Jesu den Menschen ohne alle Schwere der Sünde betrachten. Wie ganz anders faßbar, meßbar und beurteilbar sind Gegenstände außerhalb der Schwerkraft; wie ganz anders strahlt und zeigt sich die Menschennatur dort, wo sie nie die Schwere der Sünde erfuhr und makellos ist: im Herzen Jesu und im Unbefleckten Herzen Mariens (vgl. HA, DH 3926).
10.
Wenn
wir bereits zu Beginn unserer Überlegungen gerade im Herzen Jesu den
besonderen Zusammenhalt von Symbol und Wirklichkeit festgestellt haben,
wissen wir nunmehr genauer, was Symbol und Wirklichkeit zusammen-hält.
HA betont, daß die Wahrheit des natürlichen Symbols, das heißt
des physischen Herzens Jesu, sich ganz auf die grundlegende Wahrheit der
hypostatischen Union stützt: eine Person in zwei unterschiedlichen
und unversehrten Naturen (vgl. HA, DH 3925).
Kein
natürliches Symbol kann aus sich das übernatürliche Göttliche
erreichen; auch die vollkommenste Darstellung des physischen Herzens Jesu
erreichte nichts Heilvolles, wäre sie nicht vom Glauben und von der
Wirklichkeit der hypostatischen Union erhellt und getragen. Was also verbirgt
sich in dieser wunderbaren Ganzheit, die wir als das Herz Jesu verehren
und anbeten?
Gemäß
unserer Glaubenslehre ist Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch.
Gemäß der Schrift ist der menschgewordene Sohn Gottes uns Menschen
in allem gleich, ausgenommen die Sünde. Für das Erlösungsereignis
der hypostatischen Union mußte die menschliche Natur Christi die
völlige Übereinstimmung mit seiner göttlichen Natur finden,
ohne daß die menschliche Natur dabei zerstört, aufgebraucht
oder vermindert wird. Die hypostatische Union ist jener Heilsfall, der
nicht die Sünde braucht, um durch Versöhnung Menschliches mit
dem Göttlichen zur Übereinstimmung zu bringen: Das Menschliche
hellt sich am Göttlichen auf, es verliert sich nicht im Göttlichen,
sondern wird zur Wirklichkeit der reinen Selbstbehauptung Gottes im Menschlichen.
Es
liegt jedoch in der Mentalität heutigen Denkens, das Geheimnis des
menschlichen Selbst in der sündigen, gottfeindlichen Selbstbehauptung
auszulegen; die Sünde wird als die Mitte des Geheimnisses Mensch deklariert.
Daraus ergibt sich die fatale Ideologie, daß Verneinung, Auflehnung,
Sündenfall, Gewalt und Irrtum zum Wesen des Menschen und seiner Geschichte
gehören; in nächster Konsequenz würde dies heißen,
daß man Gott nicht finden kann, wenn man nicht zuerst die Sünde
und den Ungehorsam zur Selbstfindung sucht. Aus dieser Ideologie der notwendigen
Sündigkeit für die Selbstfindung ist die Sünde zum „Wesen"
des Menschen umgewandelt worden und daher eigentlich schon gar nicht mehr
Sünde: Des Menschen Geheimnis, aus dem er alle Kräfte seines
Selbst schöpft, scheint die Sünde zu sein.
Dem
jedoch widerspricht die Menschwerdung des Gottessohnes, der die Menschennatur
in der vollkommenen Übereinstimmung mit dem Göttlichen in seiner
Person angenommen hat. Gegen das Vorurteil der gesamten Geschichte immerwährender
Sündigkeit stellt Christus das vollkommene persönliche Menschsein;
der Schöpfer stellt sich gegen die Geschichte, die Wahrheit gegen
das Vorurteil, die Hingabe gegen die Selbstbehauptung. Unendlicher Reichtum
der Wahrheit über den Menschen, die Übereinstimmung mit Gott
ist, ist in der Menschwerdung des Gottessohnes grundgelegt; die lange Geschichte
des Menschen ist in ihrem Sinn in der hypostatischen Union zusammengefaßt.
Denn auch inmitten von Sündigkeit und Selbstherrlichkeit des Menschen
kann schließlich nichts anderes offenbar werden als jenes Licht,
das das Geheimnis des Menschen in dessen Heiligkeit und Vollkommenheit
erhellt. Christus wurde in allem uns gleich; er geht in seiner Menschennatur
keinen abgekürzten Weg, sondern nimmt alles auf sich, was des Menschen
ist, auch dessen Begehren der Sinne und natürliche Antriebe, um in
allem die Wahrheit des Menschseins in Heiligkeit zu erfüllen, die
Übereinstimmung mit Gott ist. Christus ist uns in allem gleich, ausgenommen
die Sünde: dies ist die biblische Beschreibung dessen, was das Herz
Jesu ist.
Je
mehr wir in das Geheimnis der hypostatischen Union des menschgewordenen
Gottessohnes eintreten, desto ehrwürdiger wird für uns das natürliche
Symbol des Herzens Jesu, das wohl im ästhetischen Urteil relativiert
werden kann, das aber immer und in jeder Form das Sieges-zeichen der Liebe
Gottes im Menschen ist. Denn in allem, was „Herz" besagen mag (sinnenhafte
Liebe, geistige Liebe, Verstand und Wille, Leib und Seele, Erkenntnisfähigkeit,
Begehren der Sinne, natürliche Antriebe . . .), ist in Jesus die menschliche
mit der göttlichen Natur in einzigartiger und unüberbietbarer
Übereinstimmung verbunden. Heilvoll und ein für allemal ausgetragen
ist in Christus die Vereinigung von Gott und Mensch, wie sie die Urabsicht
des Schöpfers und das Anliegen der Liebe des Erlösers ist.
11.
So
ist die Verehrung des Herzens Jesu ein Vorgang, der für den anbetenden
Menschen zu einer theologischen Regel führt, die immer angewendet
werden kann, wenn wir der Menschwerdung Christi und dem Werk der Erlösung
denkend und glaubend nachgehen: Wir beginnen beim natürlichen Bild
und Symbol, wir dürfen emporsteigen und bei der göttlichen Liebe
des Erlösers verweilen, der ein Menschenherz hat. In der Betrachtung
des Herzens Jesu offenbart sich als konkret und sagbar, was das größte
unter allen Geheimnissen - die Menschwerdung Gottes - ist. Längst
haben wir das natürliche Symbol oft hinter uns gelassen, dennoch bleibt
das Herz Jesu die Bürgschaft jener Solidarität, die Jesus, ein
Mensch mit einem Herzen, mit den vielen Menschen mit einem Herzen hat;
Christus ist uns in allem gleich, aber die menschliche Solidarität
des Herzens Jesu ist längst der Inbegriff göttlicher Liebe geworden.
Immer noch ist es das Herz Jesu, doch längst hat sich die Länge,
Breite, Höhe und Tiefe der Liebe Christi geoffenbart, die alles vorerst
natürliche Erkennen übersteigt. Durch das Herz Jesu, das wir
verehren und anbeten, erkennen wir Jesus. Dies ist die theologische Regel:
Jeder Schritt in das Geheimnis Jesu Christi hinein ist nicht das Verlassen
eines Vorläufigen und Verhüllten, das eben überwunden wird;
jeder Schritt hinein in das Geheimnis der hypostatischen Union läßt
nichts Vorangehendes als überwunden zurück, sondern erhellt dieses
in neuem Licht, so daß schließlich alles in der Gegenwart Gottes
leuchtet und nichts mehr „früher" oder „später", nichts mehr
„Ursache" oder „Wirkung", nichts mehr „Teil" oder „Ganzes", sondern nur
mehr Gott alles in allem ist.
In
lumine tuo videbimus lumen, in deinem Licht schauen wir das Licht (PS 36,10).
Dieses Wort des Psalmes könnte Ausdruck jenes anbetenden
Schauens sein, das sich uns im Herzen Jesu
eröffnet, das uns nicht Dinge, Verhältnisse und Abfolgen sehen
und erkennen läßt, sondern wieder „Licht" ist, das heißt
Licht in reiner Gegenwart, ohne Zeitlichkeit und Abfolgen, Licht, das wiederum
in uns Licht und Gegenwart des Unendlichen ist. Jesus, in deinem Menschsein
erkennen wir den Menschen, in deinem Gottsein erkennen wir den erlösten
Menschen, denn du bist uns in allem gleich, ausgenommen die Sünde!
12.
Dieser
Beitrag hat es übernommen, die theologischen Grundlagen der Herz-Jesu-Verehrung
darzustellen; nun wäre es geboten, den Aussagen der Schrift sich zuzuwenden,
vor allem dem Johannesevangelium und der Offenbarung des Johannes. Die
in der Liturgie verwendeten Texte der Schrift sind uns geläufig: von
der durch des Soldaten Lanze geöffneten Seite des Gekreuzigten bis
zum Lobpreis der Liebe Christi, die alles Erkennen übersteigt (vgl.
Eph 3,19). In diese biblischen Texte und Bilder hinein mußte jedoch
zuerst die unfehlbare Glaubenslehre der Kirche von der hypostatischen Vereinigung
leuchten, daß Christus eben die göttliche und die menschliche
Natur in der einen göttlichen Person vereint: daß Christus wahrer
Gott und wahrer Mensch ist; daß diese beiden Naturen unvermischt
unterschieden bleiben und unversehrt; daß Christus eine menschliche
Seele hat, einen wahren menschlichen Geist, ein eigenes menschliches Wollen
und ein eigenes menschliches Handeln. Die hypostatische Union ist gleichsam
jene Mitte, die alle Aussagen der Schrift und der Glaubenslehre der Kirche
eint und uns gestattet, das Herz Jesu als göttlich zu verehren und
darin Vertiefung unseres Glaubens und Bekehrung unseres Lebens zu suchen.
Auch
der Gedanke der Sühne, des Einstehens des leidenden und gekreuzigten
Gottessohnes für die vielen Erlösten, erhält Licht aus der
Theologie des Herzens Jesu: Wer konnte besser für die Sünden
der Menschen leidend einstehen als jener, der - uns in allem gleich, aber
sündelos - als der wahre Mensch die Sache des Menschen vertritt und
in seiner Gottmenschlichkeit unfehlbar seines und der anderen Menschsein
mit der göttlichen Liebe verbindet?
13.
Wenn
in heutiger Zeit etwas für die Bekehrung des Zeitgeistes, der die
Kirche quält und das Gotteswerk der Erlösung in Frage stellt,
geschehen kann, so kann es uns die Aufforderung an den selbstherrlichen
und selbstbezogenen Menschen sein, sein Menschendasein in der Fülle
der Menschen- und Gottesnatur Christi anzuschauen und Teilhaber dessen
zu sein, was der Psalm sagt: In deinem Licht erkennen wir das Licht. Dies
verändert unsere Herzen, die von der Wohltat der Sühne des Erlösers
leben dürfen. Dies ist schon Wirklichkeit ohne Einspruch der Sünde
und ohne Bedarf an Sühne für Sünden im Unbefleckten Herzen
der Gottesgebärerin; Licht aus dem Licht Christi ist Maria, die nie
etwas anderes war, ist und sein wird, als die reine Gegenwart Gottes im
erlösten Menschen.
Ildefons Fux OSB
Friedrich Wessely (+)
Es
handelt sich dabei nicht um Privatoffenbarungen über periphere Dinge,
auch nicht um Offenbarungen, die nur das persönliche Interesse des
einen oder anderen betreffen, sondern um ein inneres Klar-Werden, ein Durchsichtig-Werden
bestimmter Tatsachen der Offenbarung. Und zwar ein Durchsichtig-Werden
und Klar-Werden auf Grund einer Beeinflussung durch Gott selbst, denn nur
so kann man von Mystik reden, auch nur so von Herz-Jesu-Mystik, wenn es
sich dabei um ein unmittelbares Eingreifen Gottes selber handelt.
Diese
Herz-Jesu-Mystik beschäftigt sich nicht mit Dingen am Rande. Das sieht
man daraus, daß in der Blütezeit der Religiosität in unseren
Landen, in der Zeit der „deutschen Mystik", man sich gerade darum bemüht
hat, die Frömmigkeit vom Unwesentlichen wegzulenken und zum Wesentlichen
hinzulenken, indem diese Mystiker immer wieder von der Geburt Gottes im
Herzen des Menschen sprachen, um die Zuhörer vom Sinnfälligen
zum rein Geistigen hinzuführen; daß es eben diese Mystiker auch
gewesen sind, die so viel vom Herzen Jesu gesprochen haben. Wir müssen
uns also auseinandersetzen mit dem, was diese Frommen beschäftigt
hat, wenn sie sich an das Herz Jesu wandten, das heißt, wir wollen
uns mit dem wesentlichen Inhalt der Herz-Jesu-Andacht und der Herz-Jesu-Verehrung
befassen.
Da
fällt es zunächst auf, daß die Verehrung des leiblichen
Herzens Jesu einen verhältnismäßig breiten Raum einnimmt.
Bei ihren Visionen sehen die Frommen das gottmenschliche Herz Christi.
So offenbart sich unser Herr der Schwester Mechthild, indem er ihr sein
leidendes Herz zeigt, und von der hl. Luitgard wird erzählt, daß
ihr in der entscheidenden Stunde ihres Lebens die Seitenwunde geoffenbart
wurde, die zum Herzen Jesu führt. Jesus spricht dabei zu ihr: Suche
hinfort nicht die schwächlichen Worte eines törichten Menschen.
Hier sollst du betrachten, was du lieben sollst. Ich verspreche dir dafür
die Süßigkeit vollkommener Reinheit. Und Margareta Maria Alacoque
berichtet: Als ich einmal an einem Tag der Fronleichnamsoktav vor dem Allerheiligsten
betete, schenkte mir seine Liebe ganz außergewöhnliche Gnadenerweise,
und ich fühlte den heißen Wunsch, diese Liebe nur ein wenig
erwidern zu können, ihm Liebe für Liebe zu geben. Da sprach er
zu mir: Du kannst mir keine größere Liebe erzeigen, als wenn
du das tust, was ich schon so oft von dir verlangt ha-be. Er enthüllte
mir sein göttliches Herz und fuhr fort: Siehe hier das Herz, das die
Menschen so sehr geliebt hat, daß es sich nicht schonte, sondern
sich völlig hingab und verzehrte, um ihnen seine Liebe zu beweisen.
Es
wundert uns nicht, wenn Visionäre in dieser Weise das Herz Christi
schauen und dabei zu tiefer Frömmigkeit angeregt werden. Es sind aber
auch die Apostel der Herz-Jesu-Verehrung von Paray-le-Monial, die hervorgehoben
haben, daß auch das leibliche Herz Christi verehrt werden müsse.
Es sei Sitz, Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen in Jesus und auch
seiner unendlichen Liebe und müsse daher auch angebetet und verehrt
werden - und gerade diese Betonung der Verehrungswürdigkeit des leiblichen
Herzens Jesu war es, die Rom lange zögern ließ, ein eigenes
Herz-Jesu-Fest einzuführen, das die ganze Kirche verpflichten würde.
Nicht, daß man sich sträubte, das Herz Jesu anzubeten, dem ja
wie allen anderen Gliedern Christi durch die hypostatische Union Anbetung
gebührt. Vielmehr sagte man sich: Wenn das Herz Gottes durch ein eigenes
Fest geehrt werden soll, dann müßten auch noch viele andere
Feste geschaffen werden. Die Anbetungswürdigkeit des Herzens Jesu
reiche
noch nicht hin, um ein besonderes Fest einzuführen. Auch sagte man
sich, man wisse schließlich nicht, ob das leibliche Herz nicht nur
Sitz, sondern auch Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen Jesu sei.
Das also war der Grund des Zögerns während eines ganzen Jahrhunderts.
Endlich aber hat man doch das Fest eingeführt, wobei zwar nicht erklärt
wurde, daß das Herz Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen in
Jesus sei, sondern daß es der Sitz und das Symbol der Gemütsbewegungen
und insbesondere der unendlichen Liebe Christi ist.
Man
könnte nun fragen, ob mit der starken Betonung der Verehrungswürdigkeit
und Anbetungspflicht des leiblichen Herzens nicht doch etwas Unwesentliches
in den Vordergrund geschoben werde. Was liegt für ein Sinn darin,
wenn man sagt: Auch das leibliche Herz Jesu ist anbetungswürdig?
Das
leibliche Herz ist auf jeden Fall das Organ, das durch die Erregungen wie
Freude, Trauer, Liebe, Angst am meisten in Mitleidenschaft gezogen wird.
All das prägt sich dem Herzen Christi ein, und so kann man sagen:
Es ist ein stigmatisiertes Herz, es hat von all den unendlich großen
und tiefen Gemütsbewegungen, die in Jesus waren, einen Eindruck erhalten.
Indem ich dieses Herz betrachte und es anbete, erinnere ich mich an den
Wogengang des Erlebens und des Erfahrens Christi und erkenne auch, daß
dieses unendlich reiche Leben des Herrn mir nicht fremd sein kann. Ich
selbst erlebe ebenso ja Freudiges und Trauriges, vieles, was mein Herz
erhebt oder niederdrückt. All das, nur unendlich gesteigert, findet
sich auch in Christus und zwar ganz rein, verehrenswert und anbetungswürdig.
So habe ich durch mein eigenes Erleben einen sehr einfachen Weg gefunden,
um Christus zu erkennen. Wenn ein Mensch innerlich gar nichts erlebte an
Schmerz, Trauer, Furcht und Liebe, könnte er Jesus nicht erkennen,
und so bietet die eigene Erfahrung einen Zugang zur Kenntnis Christi. Dieses
Erkennen Christi ist aber sehr wesentlich, ja etwas unendlich Wichtiges
in unserer Frömmigkeit überhaupt. Sagt doch Christus selbst:
Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und
Jesus Christus, den du gesandt hast (Joh 17,3), so daß mein eigenes
Erleben mich hinführen kann zu einem Ahnen vom Erleben Christi und
darüber hinaus. Nun ein nächster Schritt.
Es
ist selbstverständlich nicht nur das leibliche Herz Christi anbetungswürdig.
Indem wir einmal unter dem Eindruck dieses stigmatisierten Herzens das
unendliche Erleben Christi geahnt haben, erfassen wir etwas von der unergründlichen
Weite dieses Herzens Christi. Da haben die deutschen Mystiker wieder einen
Gedanken, den sie sehr lieben, nämlich daß Gott alles, was er
geschaffen hat, in seinem vielgeliebten Sohn geschaffen hat. Alles nämlich,
was geschaffen wurde, wurde nach ihm geschaffen; er ist die causa exemplaris
aller geschaffenen Dinge. Alles muß in irgendeiner Weise im Einklang
sein mit dem Worte Gottes. In ähnlicher Weise kann man sagen, daß
die Menschheit Christi die unendliche Fülle des Menschentums in sich
enthält, daß in der Menschheit Christi das ganze Menschengeschlecht
geschaffen ist. Indem der Vater Jesus Christus, die Menschheit Christi,
anblickt, sieht er die ganze Fülle der Vollkommenheiten des Menschengeschlechtes
überhaupt. So ist auch das menschliche Herz Christi zugleich ein Herz,
das die Fülle der Vollkommenheiten des gesamten Menschengeschlechtes
überhaupt und jedes einzelnen Menschen enthält.
Christus
trägt in seinem Herzen nicht nur die gesamte Menschheit, sondern auch
jeden einzelnen Menschen, so
ähnlich
wie eine Mutter ihr Kind im Herzen trägt. Eine Mutter kennt nicht
nur ihrem Intellekt nach ihr Kind; sie fühlt auch, was mit dem Kind
„los" ist, und das Kind fühlt sich verstanden und geliebt von der
Mutter. Die Mutter fühlt und lebt alles mit dem Kinde mit. Jesus nun
hat ein so weites Herz, daß er mit jedem Menschen mitzuleben vermag,
noch vielmehr als eine Mutter, die ihr Kind liebt, viel mehr, als die hl.
Monika mit Augustinus mitleben konnte. So sehen wir das Eigenartige, daß
alle Menschen auch im tiefsten Leid jemanden zur Seite haben, der nicht
nur, weil er allwissend ist, ihre Qualen kennt, sondern der sie mitträgt
und mit darunter leidet als sein anderes Selbst. Wenn Christus am Kreuz
gehangen ist und seine Mutter unter dem Kreuz stehen sah, hat er das Leiden
seiner Mutter mitgelitten, und die Schmerzen seiner Mutter haben einen
wesentlichen Teil seines eigenen Leidens ausgemacht.
So
haben es auch die deutschen Mystiker gesehen: Christus schmerzten alle
Leiden aller Auserwählten. Dadurch trug er in seinem Herzen einen
solchen Schmerz wie alle seine Auserwählten zusammen. Denn aller Gerechten
Leiden nahm Christus auf sich durch sein Mitleid, wodurch sie in seinem
Herzen schmerzlich eingeschrieben wurden. Und nicht nur im allgemeinen
nahm er sie in sein Herz, sondern auch im einzelnen und empfand sie mehr
als die, die sie um seines Namens willen getragen haben.
Das
muß man einmal auf sich wirken lassen. Erst wenn man das gedacht
und gefühlt hat, ist man reif für die Erkenntnis, daß das
Herz Christi, das leibliche Herz, das Symbol seiner unermeßlichen
Liebe ist. Dann weiß man erst, was es heißt: Christus liebt
mich.
Es
gibt viele Menschen, die glauben, daß Christus die Menschheit liebt
mit unendlicher Liebe. Auch daß er jeden
einzelnen
Menschen liebt und für jeden bereit ist, sein Leben zu opfern, glaubt
man. Aber wenn man das eigenste, ursprünglichste religiöse Leben
vor Augen hat, tritt eine Scheu ein, das wirklich einfach und kindlich
zu glauben: Daß dieser Jesus jeden Augenblick mir seine unendliche
Liebe schenkt, mit mir leben will und mein eigenes Leben mit mir trägt
- ganz anders noch, als der liebste Mensch es mit mir tragen könnte,
und daß das die realste Wirklichkeit ist: daß Jesus jeden einzelnen
Menschen in seinem Herzen trägt, auch mich. An diese Tatsache sollte
man denken und sollte sie gläubig umfangen. Wenn man das nicht tut,
ist einem jedes weitere Verstehen des Herzens Jesu versagt.
Wir
wissen aus unserem persönlichen Leben, daß schon jeden gewöhnlichen
Menschen nichts so sehr schmerzt, als wenn seine Worte nicht ernst genommen
werden, wenn man über seine Worte hinweggeht, sie wohl hört,
aber nicht glaubt; das verletzt. Wenn aber dieser Mensch ein liebender
Mensch ist, und er gerade von dem, den er liebt, so behandelt wird, daß
der Geliebte gegen ihn voll Mißtrauen ist und über das, was
er sagt, hinweggeht, so ist das ein überaus großer Schmerz.
Jesus aber liebt uns, trägt uns in seinem Herzen, jeden von uns -
und wir gehen darüber hinweg und haben seiner Liebe gegenüber
ein gewisses Mißtrauen. Nun ist die wahre Situation der Frommen so,
daß Jesus ihnen wohl sein Herz vollkommen öffnet, daß
sie aber ihrerseits infolge ihres Mißtrauens ihm ihr Herz verschließen.
Dann nützt es nichts, daß Jesus uns bereichern will; wir können
nicht bereichert werden. Darum ist es ein Fortschritt im religiösen
Leben, wenn man sich durch dieses gläubige, selbstverständliche
Vertrauen Christus gegenüber öffnet, wodurch erst der Weg zum
Geheimnis seines Herzens freigemacht wird.
Nehmen wir an, ein Mensch hätte diesen entscheidenden Schritt gewagt, und dies nicht nur einmal in seinem Leben, sondern so, daß das der Atem ist, den er atmet: das grenzenlose Vertrauen, daß Christus in jedem Augenblick ihn unendlich liebt. Einem solchen Menschen geht das Herz Christi auf. Nun sieht er nicht nur das leibliche Herz und das Symbol der Liebe, sondern er begreift es nun als die Fülle, aus der das ganze Leben Jesu hervorgeströmt ist. Das, was die Mystiker als die Spitze des Geistes bezeichnet haben, als Quelle unseres Lebens, erfaßt nun ein solcher Mensch in Christus. Es entzückt ihn und reißt ihn hin, jene verborgene Quelle in Christus zu sehen, aus der sein Leben, seine Taten, seine Wunder, alle seine Geheimnisse hervorgeflossen sind, und die zugleich die Quelle ist, in der alle diese Geheimnisse und Schönheiten des Lebens Jesu eigentlich noch immer enthalten sind. Das ist nämlich das Eigenartige an diesem Herzen, daß es alles, was sich in ihm einmal ereignet hat, bleibend in sich trägt: Die Geheimnisse seiner Kindheit, seines verborgenen Lebens, seines Sterbens, seiner Auferstehung und Himmelfahrt sind nicht vergangene Dinge, sondern etwas, was seiner Substantialität nach erhalten geblieben ist und immer erhalten bleiben wird. Wenn sogar etwas von seinem Leiden erhalten geblieben ist und immer erhalten bleiben wird, nämlich seine Wundmale, können wir um so leichter annehmen, daß auch die ändern Ereignisse eingegangen sind in einen bleibenden Zustand, daß Christus sie immer noch in seinem Herzen trägt und daß das Wesentliche davon immer noch uns zugänglich und der Anbetung ausgesetzt ist. Wir haben die Aufgabe, in diesem Herzen die verborgenen Schönheiten Christi zu entdecken, wie sie in den einzelnen Ereignissen seines Lebens sichtbar werden.
Nachdem
wir das überlegt haben, können wir noch einen Schritt weiter
machen. Es ist nicht nur so, daß Christus uns sein Herz öffnet
und uns in das Wesentliche seines Lebens eindringen läßt. In
dem Maß, als er uns eindringen läßt, will er uns sein
Herz auch schenken, sein eigenes Leben in uns zur Darstellung bringen,
so daß wir - insofern wir uns Christus ganz im Vertrauen aussetzen
- sein eigenes Leben in uns selbst empfangen.
Ein
praktisches Beispiel: Denken wir an die Kindheit Jesu. Wenn alles im Leben
Jesu nicht vergangen ist, dann ist auch die Kindheit der Substanz nach
erhalten geblieben, und das Herz Christi ist die Stätte, wo auch seine
Kindheit noch gefunden und angebetet werden kann. Was soll das heißen:
die Kindheit ist nicht vergangen? In der Kindheit Jesu hat Gott selbst
eine bestimmte Seite seines Wesens eröffnen wollen. Hier sieht man
die Zärtlichkeit seiner Liebe in einer anderen Weise als im erwachsenen,
leidenden und verklärten Heiland. Diese Zärtlichkeit seiner Liebe
ist erhalten geblieben, ist nicht vergangen, ist auch in seinem übrigen
Leben noch irgendwie sichtbar. Wenn wir unter dem Kreuz gestanden wären
und die Worte gehört hätten, die Jesus sprach, wären wir
über die Zartheit einer fast kindlichen Liebe, die sich da offenbarte,
erschüttert gewesen. Ein Kind ist ein Mensch, der zu seinem Mitmenschen
ein ganz köstliches Vertrauen hat. Man muß nur sehen, wie ein
Kind einem anderen Menschen begegnet. Es denkt nicht daran, das Wort eines
Erwachsenen, das Wort seiner Mutter etwa anzuzweifeln. Es nimmt alles,
was ihm gesagt wird, ganz ernst. In dieser Verfassung hat sich auch Jesus
als Kind befunden. Er hat es ernst genommen, was man ihm sagte - und das
ist erhalten geblieben. Jesus nimmt uns ernst, er nimmt für wahr,
was wir ihm sagen. Wenn ein Mensch ihm ehrlich sagt: Ich liebe dich aus
meinem ganzen Herzen, dann glaubt Jesus, daß wir ihn wirklich lieben
wollen. Warum hätte er sonst Petrus dreimal gefragt: Liebst du mich?
Er wollte doch das Ja-Wort von Petrus hören, die Liebe des Petrus
zu ihm zur Entfaltung bringen, weil er an die Worte seiner Mitmenschen
glaubt.
Das
ist erhalten geblieben. Indem Gott mir gegenübertritt, indem er mich
ein Gebet sprechen läßt, glaubt er sozusagen diesen meinen Worten;
er nimmt mich ernst, ernster als ich mich selbst nehme. Wenn wir das Kind
Jesu betrachten, sehen wir, daß es sich seiner Mutter überläßt;
es läßt für sich sorgen. So hat Jesus sich auch später
noch beim Letzten Abendmahl den Aposteln überlassen, und auch jetzt
tut er das noch. Wo seine Apostel nicht für ihn Sorge tragen, da leidet
er Mangel. Wie kommt es doch, daß es Gegenden gibt, die lau geworden
sind? Ja, weil dort seit Generationen laue Apostel waren. Jesus überläßt
sich den Händen der Menschen. Das ist etwas aus seiner Kindheit, was
der Substanz nach erhalten geblieben ist. Das könnte man durchführen
für alle Ereignisse seines Lebens. In seinem Herzen kann es gefunden
und angebetet werden. Diese Zuständlichkeiten und Ereignisse im Herzen
Jesu sind es auch, die in uns das bewirken, was Jesus selbst in sich trägt.
Wenn ich das Kind Jesus anbeten will oder das Herz Jesu anbete, insofern
ich darin die Kindheit Jesus der Substanz nach finde, heißt das:
Ich trete vor dem Kinde Jesus zurück. (Anbeten ist immer zurücktreten,
Gott allein gelten lassen, ins eigene Nichts zurückversinken. Du allem
bist wert, dazusein, ich bin es nicht - das ist Anbetung.) Wenn ich also
das Kind Jesus so anbete, wie es im Herzen Jesu erhalten ist, dann ist
mein Herz in einer Verfassung, die es erlaubt, daß diese Zuständlichkeiten
des Kindes Jesus durch Jesus selbst in mein Herz eingeprägt werden.
Dann ist ein solcher Mensch imstande, in zärtlichster Weise zu lieben,
die Menschen ernst zu nehmen und zwar ernster, als sie sich selbst nehmen,
und ein großes Vertrauen Gott gegenüber zu haben. Das gilt auch
für alle anderen Zuständlichkeiten des Lebens Jesu.
So
müssen wir das Herz Christi und die Herz-Jesu-Mystik auffassen. Es
ist zunächst eine Anbetung des leiblichen Herzens Jesu, insofern es
mir den Weg anzeigt hin zum Erleben Jesu. Ich erkenne aus meinem eigenen
Erleben, was in Jesus selbst gewesen sein muß, und finde so leicht
zu ihm hin. Dann erkenne ich die Weite des göttlichen Herzens, daß
es die ganze Welt in sich trägt, jeden Menschen und auch mich selbst,
daß es blutige Tränen geweint hat und mehr um mich besorgt war
als Monika um Augustinus. Das gilt auch heute: Die Sorge Gottes um mich
ist größer als die Sorge der besten Mutter um ihr Kind. Nachdem
ich das überlegt habe und diese realste Wirklichkeit auf mich habe
wirken lassen, dann weiß ich erst, was Liebe ist, und schließe
mein Herz dem gegenüber auf und sehe, daß das Herz Jesu schon
längst mir erschlossen ist, daß ich eintreten kann und darf,
daß ich hier die verborgenen Geheimnisse des Lebens Jesu erfassen
kann, das, was hinter Weihnachten, Ostern oder Himmelfahrt steht. Ich begreife,
wie das alles aus einer Quelle hervorfließt, und daß diese
Quelle mir zugänglich ist. Wenn ich dafür geöffnet bin,
dringen diese Schönheiten in mein Herz ein und wandeln mich um, so
daß ich Christus gleichförmig werde.
Das
sind Grundgedanken der Herz-Jesu-Verehrung. Man braucht sich nur etwas
daran erinnern, um einzusehen, daß man da eine große Aufgabe
hat, daß Herz-Jesu-Verehrung nicht eine Andacht neben anderen ist,
nicht etwas Peripheres, sondern das Allerwesentlichste. Auch aus der Tatsache,
daß es Jahrhunderte gedauert hat, bis die
Verehrung
des göttlichen Herzens Allgemeingut geworden ist, kann man schließen,
daß es sich hier um etwas sehr Wesentliches handelt. All das soll
uns ahnen lassen, daß hier ein verborgener Reichtum ist, den jedes
Geschlecht und jeder einzelne Mensch erst unter großen Mühsalen
heben muß.
(Quelle:
"Siehe dieses Herz", Studientagung über die Herz-Jesu-Verehrung, Unio
Cor Jesu, 1993, Salterrae; sehr empfehlenswert!)
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