Siehe dieses Herz, das Dich so sehr liebt!
- Imprimatur! -

EINLEITUNG
Gott, der Vater, sandte den Sohn, das Reich zu gründen. Seine Einheit mit dem Auftrag des Vaters offenbarte Christus den verständnislosen Jüngern am Jakobsbrunnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zuführen (Joh 4,34). Der Heilige Geist aber bewirkt die untilgbare Sehnsucht des Menschen nach dem Reich; zugleich aber läßt er durch die Kirche, deren Beistand und sakramentales Lebensprinzip er ist, das Evangelium vom Reich Gottes (Mk 1,14) bezeugen (vgl. Apg 1,8) bis zur Wiederkunft des Herrn.
Unter dem Gesichtspunkt des Gottesreiches erhellen sich auch alle Dokumente des II. Vatikanischen Konzils und entfalten ihre innere Dynamik bis hin zu den Lehrschreiben Papst Pauls VI. Über die Evangelisierung in der Welt von heute (1975), in dem er pointiert schreibt: Nur das Reich also ist ein absoluter Wert und relativiert alles andere (EN 8). Ja, bis hin zu den beschwörenden Appellen Papst Johannes Pauls II. auf allen Kontinenten der Erde - so auch in Österreich -: Durch eine umfassende Neu-Evangelisierung muß die Kirche versuchen, dem Prozeß der kirchlichen Entfremdung in ihren eigenen Reihen Einhalt zu gebieten und Mittel und Wege zu finden, um auch die der Kirche Fernstehenden wieder zurückzugewinnen und die ganze menschliche Gesellschaft mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchdringen (1987).
Der Kirche ist von Anfang an die großartige Offenbarung zuteil geworden, daß das Reich Gottes ein für die Welt durchbohrtes Herz ist. Jesus ist dieses Herz, das da spricht: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen (Mt 11,28). Durch dieses Herz und mit ihm und in ihm wird dem suchenden Menschen in Wahrheit Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10) geschenkt. Es ist der Schlüssel zur Neu-Evangelisierung; in ihm liegen Mittel und Wege beschlossen.
Wie alles Wahre einfach ist, so auch die Gebetserkenntnis, daß Kirche ihre eigene Erneuerung und den Sieg über die diabolischen Mächte nur empfängt im Blick auf das geöffnete Herz des Erlösers (vgl. Joh 19,37).
In einzigartiger Weise erschließt der Herr sein Herz bei der innigen Mitfeier des heiligen Meßopfers; es vereinigt sich mit uns und läßt uns eindringen in das Wesentliche seines Lebens (Wessely), so daß wir jetzt schon im Glauben teilnehmen am Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit.
Dem treuen Anbeter der heiligsten Eucharistie wird nicht selten die Gnade gewährt, sein Herz ganz dem Herrn zu weihen, der es in das seine legt, um es ihm dann mit einem Funken seiner Liebe erfüllt zurückzugeben, wie es die hl. Margareta Maria Alacoque in ihrer ersten Vision (1673) berichtet. Ein tiefer Schmerz, der im Herzen des Mystikers zurückbleibt, bedeutet die Einladung, am Erlösungswerk Christi durch sühnende Liebe mitzuwirken.
Also ist die Herz-Jesu-Verehrung nicht überholt oder nur für einfältige Seelen gedacht, sondern in der Tat das große Heilmittel auch unserer Zeit. Mit dem Herzen des Herrn schlägt auch das der Gottesmutter für das ewige Heil des Menschen. Im Reich des Herzens Jesu ist Maria gegenwärtig, wie Jesus selbst das mütterliche Wirken Mariens beseelt.
Die Arbeitsgemeinschaft Unio Gor Jesu glaubte darum auf ihrer ersten Studientagung Siehe dieses Herz einen wesentlichen Akzent zu setzen, indem sie zwischen dem Referat über Die theologischen Grundlagen der Herz-Jesu-Verehrung und dem über Die Mystik des heiligsten Herzens Jesu, in der Mitte also, die Einheit beider Herzen aufleuchten ließ, und zwar durch das Referat über Das Herz Jesu und das Herz Mariens in ihrer Einheit.
Die Veröffentlichung der Vorträge erfolgt auf Wunsch der fast 200 Teilnehmer der Herz-Jesu-Studientagung am 23. Jänner 1992 im Leo-Saal des Wiener Churhauses.
Wir hoffen, daß dieser geistliche Impuls Eingang in die Herzen vieler Menschen findet zum Aufbau des Leibes Christi.
P. Hans Schädle SCJ
Moderator der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Herz-Jesu-Verehrung
„Unio Cor Jesu"


Diözesanbischof Prof. Dr. Kurt Krenn
DIE THEOLOGISCHEN GRUNDLAGEN DER
HERZ-JESU-VEREHRUNG
1.
Es gab Zeiten, in denen das Herz Jesu eine lebendige Mitte gläubiger Frömmigkeit und christlicher Lebensart war. Viele feierten den Herz-Jesu-Freitag, beichteten und kommunizierten und gaben so ihren Gebeten und Lebensentscheidungen gleichsam eine ständige sakramentale Dimension der Beichte und der Eucharistie.
Die großen Zeiten der Herz-Jesu-Verehrung scheinen heute unwiederbringliche Vergangenheit zu sein:
Mag sein, daß manche meinten, das Herz des Erlösers wäre kein angemessener Ausdruck der Christusgestalt und der Christusperson.
Mag sein, daß manche meinten, das Herz Jesu sei eher Ausdruck privater Frömmigkeit, während sich die nachkonziliare Liturgie ganz dem öffentlichen Gebet der Kirche zuwandte.
Mag sein, daß ästhetische Gefühle zu dominieren begannen, die in den Darstellungen des Herzens Jesu den Kitsch denunzierten.
Mag sein, daß der Sühnegedanke der Autonomie des menschlichen Gewissens und seiner Freiheit so zu widersprechen schien, daß man alles Vermittelnde ausschließen wollte, um nur mehr Gott selbst unmittelbar und direkt zu begegnen.
Mag sein, daß das Herz Jesu als der Inbegriff alles bisher Geltenden abgelehnt wurde, um neuen Ufern der Modernität zuzustreben.

2.
Offenkundig waren es mindestens Mißverständnisse, die die Herz-Jesu-Verehrung in unserer Kirche zurückdrängten. Wenn wir uns nun um eine Erneuerung und Wiederbelebung dieser Verehrung bemühen, werden wir das bessere Gelingen haben, wenn wir den verlorenen Zusammenhang mit dem Christusgeheimnis neu entdecken, als wenn wir mit Vorurteilen, Mißverständnissen und Geschmacksurteilen der heutigen Zeit uns abgeben.

3.
Das Herz Jesu verehren wir mit der gleichen göttlichen Anbetung wie Christus, den menschgewordenen Gottessohn selbst. Wir verehren es anders als die Wunden Christi, anders als die Hände und Füße Christi, deren Geheiligtsein auch ein Grund der Verehrung ist.
Freilich schauen wir zunächst auf das Menschenherz des Erlösers, das in Jesus schlägt, das von des Soldaten Lanze durchbohrt wurde, dessen Schlagen irdisches Leben und dessen Stillstand menschlichen Tod bedeutet. Doch hat „Herz" immer schon mehr bedeutet als das Lebensorgan eines konkreten Menschen. Das Herz bedeutet auf vielfache Weise „Mitte".

4.
Was in der Tradition der Kirche im Lauf der Jahrhunderte an theologischer Einsicht, an Frömmigkeit und Weisen der Verehrung des Herzens Jesu sich entfaltet hat, hat sodann in der Enzyklika „Haurietis aquas" (15. Mai 1956) durch Papst Pius XII. seine ausdrückliche theologische Lehre und Deutung erhalten.
Warum es gerade das „Herz" ist, das Wirklichkeit und Symbol zugleich als das Herz des Erlösers ist, beantwortet die Enzyklika „Haurietis aquas" (HA) so: Es ist ein doppelter Grund, warum die Kirche dem Herzen des göttlichen Erlösers die Verehrung der Anbetung erweist. Der erste Grund trifft auch auf die anderen hochheiligen Glieder des Leibes Jesu Christi zu und besagt, daß das Herz Jesu als edelster Teil der menschlichen Natur mit der Person des göttlichen Wortes hypostatisch verbunden ist; daher dieselbe Verehrung der Anbetung, die die Kirche der Person des fleischgewordenen Sohnes Gottes erweist (vgl. HA, DH 3922).
Als zweiten Grund nennt Pius XII.: Das Herz des göttlichen Erlösers ist mehr als alle anderen Glieder seines Leibes ein natürliches Kennzeichen bzw. Symbol für seine Liebe zum Menschengeschlecht; und im heiligsten Herzen liegt das Symbol und das ausgeprägte Bild der unbegrenzten Liebe Jesu Christi vor, die uns zur gegenseitigen Liebe bewegt.

5.
Wirklichkeit und Symbol der Erlöserliebe liegen im Herzen Jesu in einer Weise vor, daß geradezu die Wirklichkeit der Erlöserliebe im Herzen Jesu ihr angemessenes Symbol und das Symbol des Herzens Jesu nur in der Wirklichkeit der hypostatischen Union die Erfüllung seiner symbolischen Bedeutung hat.

Es gehört zur Erfahrung des menschlichen Daseins, daß zwischen Symbol/Bild und dessen Wirklichkeit ein unaufhebbarer Unterschied besteht, der das eine nicht das andere sein läßt: das sichtbare Symbol ist für uns nicht die unsichtbare Wirklichkeit und umgekehrt. Was aber ersehnt der glaubende Mensch mehr, als jenes Ineinander von Symbol und Wirklichkeit, das er in seiner eigenen Welt nie vollkommen erreicht?
Wenn aber die Verehrung des Herzens Jesu die Menschen so bewegt - und es sind gerade die einfachen und demütigen Menschen die bewegten - muß man sich fragen, was die gläubigen Menschen im Herzen Jesu erfaßt haben. Es ist wohl nicht der theologische Diskurs, an dessen Ende das Herz Jesu eine neue rationale Schlußfolgerung ist. Es ist eher eine Intuition des glaubenden und liebenden Menschen, der im Herzen Jesu das einzigartige Ereignis der Gnade erfährt, daß er schaut und im Herzen Jesu weiß, daß es das wahrhaftige Bild des Gottessohnes ist, in etwa mit dem Vollkommensein vergleichbar, wie Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist (vgl. Kol 1,15): Nichts mehr trennt in Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes von Gott selbst. Und wenn wir von Gott und von seiner barmherzigen Güte ausgehen, erfährt die Intuition des glaubenden und liebenden Menschen, daß Gottes unüberbietbares, offenkundiges Bild auch das Herz in Jesus Christus ist.
Wer sich auf das Herz Jesu einläßt, ist gefangen von der Vollkommenheit des Zusammenhalts zwischen Symbol und Wirklichkeit, wie sie ähnlich nur im Sohn als dem Ebenbild des göttlichen Vaters sein kann. Was Zusammenhalt ist, ist nun aber nicht mehr abstrakte Idee, sondern konkrete, personale, hypostatische Wirklichkeit des Herzens Jesu. Gott hat sich darin geoffenbart, ohne weniger als Gott zu sein.

6.
Die Herz-Jesu-Verehrung ist in ihrer spezifisch ausgepräg-ten Form nicht schlechthin glaubensnotwendig; sie ist je-doch in einem ganz hohen Sinn glaubenskonform und dem Ernst und der geheimnisvollen Größe Jesu Christi und des göttlichen Vaters angemessen. Es darf aber niemand aus Glaubensgründen die Herz-Jesu-Verehrung ablehnen oder diese anderen verwehren; es bleibt jedoch die Freiheit des einzelnen Gläubigen bei der Annahme dieser Verehrung in ihrer spezifischen Form. Man kann jedoch auch festhalten, daß die gläubige Orientierung am Herzen Jesu die Entscheidung für das auch in sich „Bessere, Angemessenere, Gottgefälligere" ist. Wer sich jedoch mit Geduld, gläubiger Bereitschaft und theologischer Einsichtigkeit dem Herzen Jesu zuwendet, der wird erfassen, daß das Ineinandergehen von wahrhaftigem Bild und der Wirklichkeit Gottes nicht nur im göttlichen Sohn als dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes ständig gilt, sondern daß durch diesen angemessenen Zusammenhalt von Bild/Symbol mit dem unsichtbaren Gott der Mensch nun als Mensch fähig geworden ist: Das Herz Jesu ist nicht irgendein natürliches Symbol der unermeßlichen Liebe; es ist der angemessene Ausdruck in Menschlichkeit von dem, was in der hypostatischen Union Wirklichkeit ist. Mit der Person des göttlichen Wortes, des ewigen Sohnes des fleischgewordenen Wortes Jesus Christus sind die göttliche und die vollkommene menschliche Natur vereint, so daß wir vom einen Herrn bekennen: er ist wahrer Gott und wahrer Mensch.

7.
Wir müssen jedoch beachten: Der Mensch ist nicht aus sich Gott, sondern er ist und bleibt ein Geschöpf; niemals ergäbe sich aus der menschlichen Natur irgendein Recht auf eine hypostatische Union in Christus. Gleiches können wir vom „Herzen" sagen: Nicht das menschliche Herz ist aus sich fähig, jenes vollkommene Abbild als der Zusammenhalt zwischen Symbol und Wirklichkeit zu sein. Die Herz-Jesu-Enzyklika Pius XII. sagt dazu: Wir behaupten aber nicht, daß das Herz Jesu so zu verstehen ist, daß man in ihm ein sogenanntes formales Abbild bzw. ein vollkommenes und absolutes Zeichen seiner göttlichen Liebe besitzt und anbetet, da ihr innerstes Wesen in keiner Weise durch irgendein geschaffenes Abbild erreicht werden kann; vielmehr betet ein Christgläubiger, wenn er das Herz Jesu verehrt, zusammen mit der Kirche ein Zeichen und gleichsam die Spur der göttlichen Liebe an. Es ist also notwendig, daß . . . ein jeder immer im Herzen festhält, daß die Wahrheit des natürlichen Symbols, wodurch das physische Herz Jesu auf die Person des Wortes bezogen wird, sich ganz auf die grundlegende Wahrheit der hypostatischen Union stützt. . . (HA, DH 3925).
Obwohl das Geschöpfliche „aus sich" nicht ausreicht, in die hypostatische Union einzutreten, weil es als geschaffenes Abbild nicht absolutes und vollkommenes Zeichen der göttlichen Liebe sein kann, spricht HA dennoch von einem möglichen Emporsteigen aus der körperlichen Wirklichkeit des Herzens Jesu hin zur Anbetung der göttlichen Liebe des fleischgewordenen Wortes (vgl. HA, DH 3925).
Worin aber erweist sich das Geschöpfliche des Herzens als das dennoch mit dem Göttlichen in der hypostatischen Union verbundene?

8.
Zunächst hat die Glaubenslehre der Kirche festgelegt, daß Christus die ungeteilte, unversehrte und vollkommene menschliche Natur, die im reinsten Schoß der Jungfrau Maria aus der Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde, mit seiner göttlichen Person verbunden hat. Als Christus die menschliche Natur annahm, hat er in keiner Weise vermindert, in keiner Weise verändert, was das Geistige und Leibliche anlangt; Christus ist wirklich Mensch, mit Verstand und Wille begabt, begabt mit den übrigen inneren und äußeren Erkenntnisfähigkeiten, begabt mit dem Streben der Sinne und mit allen natürlichen Antrieben (vgl. HA, DH 3925), begabt auch mit einem physischen, menschlichen Herzen.
Auch wenn das Geschöpf aus sich und in sich niemals Gott sein kann, gibt es die Unterscheidung, daß das eine im Geschöpf mit der Person des Wortes verbunden werden kann, das andere nicht. Was verbunden werden kann, ist das Heilige, Vollkommene und in sich Wahre des Geschöpfes. Das unheilige Geschöpf wäre nie der hypostatischen Union fähig.
Nichts Böses, nichts Sündhaftes, nichts Fehlerhaftes und Ungeordnetes, nichts Unvollkommenes und Geteiltes in der menschlichen Natur kann sich mit der Person des Wortes verbinden. In der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die Menschennatur jene Prüfung der Heiligkeit und Vollkommenheit bestanden, die besagt, daß es nicht zur Natur des Menschen gehört, sündig oder fehlerhaft zu sein. Würden Sünde und Fehlerhaftigkeit zum Wesen des Menschen gehören, gäbe es kein Geeintsein der göttlichen und menschlichen Natur in der Person Christi, denn in Christus könnte nicht geeint sein, was der Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes innerlich widerspricht. Nicht nur in der Schöpfung am Anfang waren Heiligkeit und Gerechtigkeit die Gabe Gottes an den Menschen. Mit der Annahme der menschlichen Natur in der Fleischwerdung des Wortes hat Gott für immer die Wahrheit der menschlichen Natur bestätigt, wie sie in ihrer Ungeteiltheit, Unversehrtheit und Vollkommenheit von Christus angenommen und im reinsten Schoß der Jungfrau Maria aus der Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde.

9.
Es ist nicht allein Christus als göttliche Person, die die menschliche Natur mit sich verbunden hat, sie wirklich angenommen hat, ohne sie zu vermindern oder zu verändern (vgl. HA, DA 9223); es ist gleichfalls die Kraft des Heiligen Geistes, die sich in der Menschwerdung Christi für die Wahrheit der menschlichen Natur in Christus verbürgt: So ist der Gottmensch Jesus Christus in seiner Menschennatur die Gegenwart all dessen, was Gottes Plan und Allmacht als „Menschen" schuf, ohne den Einspruch der Sünde von seiten des Menschen. Zur Wahrheit der menschlichen Natur in Christus gehören das Geistige und Leibliche, Verstand und Wille, innere und äußere Erkenntnisfähigkeiten, das Begehren der Sinne und alle natürlichen Antriebe (vgl. HA, DH 3928).
Das Herz des Menschen ist eine Mitte; ohne das Herz gibt es kein Menschenleben, nicht einmal menschliche Regungen. Und Jesus Christus war mit einem solchen Herzen - auch physisch - begabt. So darf das Herz Jesu als jene Mitte gelten, in der sich alles Menschliche Jesu verbindet und von der alles ausgeht. Das Herz Jesu ist aber auch jene Mitte, die vom Wort in seiner Menschwerdung aufgenommen und unvermischt, aber dennoch untrennbar mit dem Göttlichen verbunden wurde.
So stellt HA das Herz des fleischgewordenen Wortes als vorzügliches Kennzeichen und Symbol für eine dreifache Liebe dar:
1. Es ist Symbol jener göttlichen Liebe, die Jesus gemeinsam mit dem Vater und dem Heiligen Geist hat, die aber nur in ihm selbst, als dem Wort, Fleisch geworden ist.
2. Es ist Symbol für jene brennende Liebe, die, in sein Herz eingegossen, den menschlichen Willen Christi reich macht und deren Handeln ein zweifaches vollkommenes Wissen erleuchtet und leitet, das heißt das selige und das eingegossene Wissen.
3. Es ist auch Symbol für die sinnenhafte Regung, weil der Leib Jesus Christi über ein vollkommenes Sinnen- und
Empfindungsvermögen verfügt und zwar mehr als alle anderen Leiber von Menschen (vgl. HA, DH 3924).
Diese drei Weisen von Liebe finden sich in der Person des göttlichen Erlösers; sie sind aber auch untereinander durch ein natürliches Band verbunden, denn die menschliche und die sinnenhafte Liebe ordnen sich der göttlichen Liebe unter und stehen zu dieser in Ähnlichkeit (vgl. HA, DH 3925).
Diese Unterscheidungen und Zuordnungen von Liebe im Herzen Jesu bringen in der abstrakten Weise von Theologie die Wirklichkeit der menschlichen Natur und ihres Verhältnisses zur göttlichen Natur in einer Weise zum Ausdruck, wie sie nur ohne die Last von Sünde und Sündigkeit möglich ist.

Ein Beispiel möge dies erläutern: Heute entzieht man in der Forschung viele Gegenstände der Schwerkraft durch das Aufsuchen der Schwerelosigkeit im Weltraum; ähnlich kann man im Herzen Jesu den Menschen ohne alle Schwere der Sünde betrachten. Wie ganz anders faßbar, meßbar und beurteilbar sind Gegenstände außerhalb der Schwerkraft; wie ganz anders strahlt und zeigt sich die Menschennatur dort, wo sie nie die Schwere der Sünde erfuhr und makellos ist: im Herzen Jesu und im Unbefleckten Herzen Mariens (vgl. HA, DH 3926).

10.
Wenn wir bereits zu Beginn unserer Überlegungen gerade im Herzen Jesu den besonderen Zusammenhalt von Symbol und Wirklichkeit festgestellt haben, wissen wir nunmehr genauer, was Symbol und Wirklichkeit zusammen-hält. HA betont, daß die Wahrheit des natürlichen Symbols, das heißt des physischen Herzens Jesu, sich ganz auf die grundlegende Wahrheit der hypostatischen Union stützt: eine Person in zwei unterschiedlichen und unversehrten Naturen (vgl. HA, DH 3925).
Kein natürliches Symbol kann aus sich das übernatürliche Göttliche erreichen; auch die vollkommenste Darstellung des physischen Herzens Jesu erreichte nichts Heilvolles, wäre sie nicht vom Glauben und von der Wirklichkeit der hypostatischen Union erhellt und getragen. Was also verbirgt sich in dieser wunderbaren Ganzheit, die wir als das Herz Jesu verehren und anbeten?
Gemäß unserer Glaubenslehre ist Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch. Gemäß der Schrift ist der menschgewordene Sohn Gottes uns Menschen in allem gleich, ausgenommen die Sünde. Für das Erlösungsereignis der hypostatischen Union mußte die menschliche Natur Christi die völlige Übereinstimmung mit seiner göttlichen Natur finden, ohne daß die menschliche Natur dabei zerstört, aufgebraucht oder vermindert wird. Die hypostatische Union ist jener Heilsfall, der nicht die Sünde braucht, um durch Versöhnung Menschliches mit dem Göttlichen zur Übereinstimmung zu bringen: Das Menschliche hellt sich am Göttlichen auf, es verliert sich nicht im Göttlichen, sondern wird zur Wirklichkeit der reinen Selbstbehauptung Gottes im Menschlichen.
Es liegt jedoch in der Mentalität heutigen Denkens, das Geheimnis des menschlichen Selbst in der sündigen, gottfeindlichen Selbstbehauptung auszulegen; die Sünde wird als die Mitte des Geheimnisses Mensch deklariert. Daraus ergibt sich die fatale Ideologie, daß Verneinung, Auflehnung, Sündenfall, Gewalt und Irrtum zum Wesen des Menschen und seiner Geschichte gehören; in nächster Konsequenz würde dies heißen, daß man Gott nicht finden kann, wenn man nicht zuerst die Sünde und den Ungehorsam zur Selbstfindung sucht. Aus dieser Ideologie der notwendigen Sündigkeit für die Selbstfindung ist die Sünde zum „Wesen" des Menschen umgewandelt worden und daher eigentlich schon gar nicht mehr Sünde: Des Menschen Geheimnis, aus dem er alle Kräfte seines Selbst schöpft, scheint die Sünde zu sein.
Dem jedoch widerspricht die Menschwerdung des Gottessohnes, der die Menschennatur in der vollkommenen Übereinstimmung mit dem Göttlichen in seiner Person angenommen hat. Gegen das Vorurteil der gesamten Geschichte immerwährender Sündigkeit stellt Christus das vollkommene persönliche Menschsein; der Schöpfer stellt sich gegen die Geschichte, die Wahrheit gegen das Vorurteil, die Hingabe gegen die Selbstbehauptung. Unendlicher Reichtum der Wahrheit über den Menschen, die Übereinstimmung mit Gott ist, ist in der Menschwerdung des Gottessohnes grundgelegt; die lange Geschichte des Menschen ist in ihrem Sinn in der hypostatischen Union zusammengefaßt. Denn auch inmitten von Sündigkeit und Selbstherrlichkeit des Menschen kann schließlich nichts anderes offenbar werden als jenes Licht, das das Geheimnis des Menschen in dessen Heiligkeit und Vollkommenheit erhellt. Christus wurde in allem uns gleich; er geht in seiner Menschennatur keinen abgekürzten Weg, sondern nimmt alles auf sich, was des Menschen ist, auch dessen Begehren der Sinne und natürliche Antriebe, um in allem die Wahrheit des Menschseins in Heiligkeit zu erfüllen, die Übereinstimmung mit Gott ist. Christus ist uns in allem gleich, ausgenommen die Sünde: dies ist die biblische Beschreibung dessen, was das Herz Jesu ist.
Je mehr wir in das Geheimnis der hypostatischen Union des menschgewordenen Gottessohnes eintreten, desto ehrwürdiger wird für uns das natürliche Symbol des Herzens Jesu, das wohl im ästhetischen Urteil relativiert werden kann, das aber immer und in jeder Form das Sieges-zeichen der Liebe Gottes im Menschen ist. Denn in allem, was „Herz" besagen mag (sinnenhafte Liebe, geistige Liebe, Verstand und Wille, Leib und Seele, Erkenntnisfähigkeit, Begehren der Sinne, natürliche Antriebe . . .), ist in Jesus die menschliche mit der göttlichen Natur in einzigartiger und unüberbietbarer Übereinstimmung verbunden. Heilvoll und ein für allemal ausgetragen ist in Christus die Vereinigung von Gott und Mensch, wie sie die Urabsicht des Schöpfers und das Anliegen der Liebe des Erlösers ist.

11.
So ist die Verehrung des Herzens Jesu ein Vorgang, der für den anbetenden Menschen zu einer theologischen Regel führt, die immer angewendet werden kann, wenn wir der Menschwerdung Christi und dem Werk der Erlösung denkend und glaubend nachgehen: Wir beginnen beim natürlichen Bild und Symbol, wir dürfen emporsteigen und bei der göttlichen Liebe des Erlösers verweilen, der ein Menschenherz hat. In der Betrachtung des Herzens Jesu offenbart sich als konkret und sagbar, was das größte unter allen Geheimnissen - die Menschwerdung Gottes - ist. Längst haben wir das natürliche Symbol oft hinter uns gelassen, dennoch bleibt das Herz Jesu die Bürgschaft jener Solidarität, die Jesus, ein Mensch mit einem Herzen, mit den vielen Menschen mit einem Herzen hat; Christus ist uns in allem gleich, aber die menschliche Solidarität des Herzens Jesu ist längst der Inbegriff göttlicher Liebe geworden. Immer noch ist es das Herz Jesu, doch längst hat sich die Länge, Breite, Höhe und Tiefe der Liebe Christi geoffenbart, die alles vorerst natürliche Erkennen übersteigt. Durch das Herz Jesu, das wir verehren und anbeten, erkennen wir Jesus. Dies ist die theologische Regel: Jeder Schritt in das Geheimnis Jesu Christi hinein ist nicht das Verlassen eines Vorläufigen und Verhüllten, das eben überwunden wird; jeder Schritt hinein in das Geheimnis der hypostatischen Union läßt nichts Vorangehendes als überwunden zurück, sondern erhellt dieses in neuem Licht, so daß schließlich alles in der Gegenwart Gottes leuchtet und nichts mehr „früher" oder „später", nichts mehr „Ursache" oder „Wirkung", nichts mehr „Teil" oder „Ganzes", sondern nur mehr Gott alles in allem ist.
In lumine tuo videbimus lumen, in deinem Licht schauen wir das Licht (PS 36,10). Dieses Wort des Psalmes könnte Ausdruck jenes anbetenden Schauens sein, das sich uns im Herzen Jesu eröffnet, das uns nicht Dinge, Verhältnisse und Abfolgen sehen und erkennen läßt, sondern wieder „Licht" ist, das heißt Licht in reiner Gegenwart, ohne Zeitlichkeit und Abfolgen, Licht, das wiederum in uns Licht und Gegenwart des Unendlichen ist. Jesus, in deinem Menschsein erkennen wir den Menschen, in deinem Gottsein erkennen wir den erlösten Menschen, denn du bist uns in allem gleich, ausgenommen die Sünde!

12.
Dieser Beitrag hat es übernommen, die theologischen Grundlagen der Herz-Jesu-Verehrung darzustellen; nun wäre es geboten, den Aussagen der Schrift sich zuzuwenden, vor allem dem Johannesevangelium und der Offenbarung des Johannes. Die in der Liturgie verwendeten Texte der Schrift sind uns geläufig: von der durch des Soldaten Lanze geöffneten Seite des Gekreuzigten bis zum Lobpreis der Liebe Christi, die alles Erkennen übersteigt (vgl. Eph 3,19). In diese biblischen Texte und Bilder hinein mußte jedoch zuerst die unfehlbare Glaubenslehre der Kirche von der hypostatischen Vereinigung leuchten, daß Christus eben die göttliche und die menschliche Natur in der einen göttlichen Person vereint: daß Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist; daß diese beiden Naturen unvermischt unterschieden bleiben und unversehrt; daß Christus eine menschliche Seele hat, einen wahren menschlichen Geist, ein eigenes menschliches Wollen und ein eigenes menschliches Handeln. Die hypostatische Union ist gleichsam jene Mitte, die alle Aussagen der Schrift und der Glaubenslehre der Kirche eint und uns gestattet, das Herz Jesu als göttlich zu verehren und darin Vertiefung unseres Glaubens und Bekehrung unseres Lebens zu suchen.
Auch der Gedanke der Sühne, des Einstehens des leidenden und gekreuzigten Gottessohnes für die vielen Erlösten, erhält Licht aus der Theologie des Herzens Jesu: Wer konnte besser für die Sünden der Menschen leidend einstehen als jener, der - uns in allem gleich, aber sündelos - als der wahre Mensch die Sache des Menschen vertritt und in seiner Gottmenschlichkeit unfehlbar seines und der anderen Menschsein mit der göttlichen Liebe verbindet?

13.
Wenn in heutiger Zeit etwas für die Bekehrung des Zeitgeistes, der die Kirche quält und das Gotteswerk der Erlösung in Frage stellt, geschehen kann, so kann es uns die Aufforderung an den selbstherrlichen und selbstbezogenen Menschen sein, sein Menschendasein in der Fülle der Menschen- und Gottesnatur Christi anzuschauen und Teilhaber dessen zu sein, was der Psalm sagt: In deinem Licht erkennen wir das Licht. Dies verändert unsere Herzen, die von der Wohltat der Sühne des Erlösers leben dürfen. Dies ist schon Wirklichkeit ohne Einspruch der Sünde und ohne Bedarf an Sühne für Sünden im Unbefleckten Herzen der Gottesgebärerin; Licht aus dem Licht Christi ist Maria, die nie etwas anderes war, ist und sein wird, als die reine Gegenwart Gottes im erlösten Menschen.

Ildefons Fux OSB

DAS HERZ JESU UND DAS HERZ MARIENS IN IHRER EINHEIT
1. Auch auf dem Markt der Spiritualitäten ist das Angebot groß, ja schier unüberblickbar geworden. Der Christ, ohnedies in Versuchung, selbst über die Gestalt seiner Frömmigkeit frei zu verfügen, wird in eine innere Situation geführt, in der er vermeint, nach Belieben wählen, ja nach eigenem Ermessen kreativ sein zu dürfen, etwa auch in der Kombination von verschiedenen geistlichen Elementen. So wird er unversehens zum Herrn über seine Frömmigkeit, die sich dann aber nicht von vorgegebener Wahrheit bestimmen läßt, das heißt unter dem Gericht Gottes steht, sondern sich vom je eigenen subjektiven Geschmack herleitet und von diesem geformt wird.
Gerade in der Gegenwartssituation, in der der Mensch zum Maß auch seiner Frömmigkeit wird, muß betont werden, daß aller Spiritualität Antwortcharakter eignet. Insofern sie authentisch und echt ist, das Siegel der Wahrheit an ihrer Stirn trägt, sucht sie vorgegebener Wirklichkeit zu entsprechen und die Kongruenz zu finden zwischen den göttlichen Dingen, die in der Sprache der Ewigkeit unsere Existenz erreichen, und unserem Verhalten, das nach dem sucht, was der Wahrheit Gottes gemäß ist. So heißt es in der Aufforderung Jesu eben nicht, Gott das zu geben, was wir dafür als recht erachten, sondern das, was Gott entspricht, was Gottes ist (Mt. 22,21). Die Antwort des Frommen auf das Wort Gottes kann nur von Gott her mensuriert werden, wenn sie wirklich Gott gemäß, Gott-entsprechend und deshalb auch Gottes würdig sein soll. Die unabdingbare Notwendigkeit der Gnade leuchtet auf, denn nur in ihr kann die geforderte Konnaturalität zwischen Gott und menschlichem Tun erreicht werden.
2. In einer ersten Anwendung auf die Herz-Jesu-Verehrung wird deutlich, daß diese ihren Inhalt und ihre Gestalt nicht von uns, sondern von ihrem „Objekt", eben vom Herzen des Herrn selber empfängt. Das Herz Christi als vorausliegende Wirklichkeit bestimmt alle Antwort auf diese Wirklichkeit, legt das Herz-Entsprechende und Herz-Gemäße fest, das, was die Herz-Jesu-Verehrung aller subjektiven Formung entkleidet und sie objektiv sein läßt, unter dem Anspruch der Wahrheit stehend.
Wenn also die hl. Magdalena Sophia Barat (1779-1865) lehrt, die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens bildeten nicht zwei verschiedene Andachten, die man in Parallelität und Konkurrenz mißverstehen könnte, sondern nur eine, dem Inhalt und der Zahl nach einzige Andacht, so nicht deshalb, weil sie hier nach Art positiver Festsetzung eine Verbindung herstellt, sondern im Objekt der Andacht bereits Einheit vorfindet. Diese Einheit vor Augen, sprach der hl. Jean Eudes von ein und demselben Herzen Jesu und Mariens: le meme coeur.
3. Diese Einheit des Herzens Christi und des Herzens Mariens zu umschreiben, zu deuten und theologisch aufzuhellen, ist nun unsere Aufgabe. Gelingt es, sie zu lösen, dann wird von der „Wahrheit des Herzens" her sichtbar, daß die Hinwendung zum einen Herzen auch Hinwendung zum anderen Herzen ist, und daß der, der sich dem Herzen Mariens schenkt, eben dadurch auch dem Herzen Jesu gehört und umgekehrt. Was Gott verbunden hat (Mt 19,6), ist in dieser seiner Verbindung und Einheit zu erkennen und anzuerkennen. Diese von Gott selbst gestiftete Einheit des einen im anderen hat ihrerseits wieder Vorausliegendes im innergöttlichen Bereich, indem nämlich die drei göttlichen Personen einer im anderen subsistieren. So soll im folgenden von der trinitarischen Perichorese die Rede sein.
4. Es ist katholischer Glaube, daß es in Gott zwei Hervorgänge gibt. Der Sohn geht aus dem Vater hervor, und dieser Hervorgang wird Zeugung genannt: Gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater. Der Heilige Geist geht aus Vater und Sohn hervor, - qui ex Patre Filioqne procedit -, und dieser Hervorgang wird Hauchung genannt.
Beide Hervorgänge sind aber mit einem Verbleiben verbunden. In der physikalischen Welt ist ein Hervorgehen begriffsnotwendig mit einer stets wachsenden Entfernung vom Ursprung verbunden, doch schon im Bereich des Geistes treffen wir auf einen gewissen Reflex jener Besonderheit, die die innergöttlichen Hervorgänge kennzeichnet. Die Idee beispielsweise, die aus einem Geist geboren wird, bleibt im Geist, der sie hervorbringt, und durchdringt diesen: Verbum exit a corde, et manet in eo (Das Wort geht aus dem Herzen hervor und bleibt in ihm. STh l, qu. 42 a. 5 ad 2). Die Zeugung eines Gedankens ist also ein immanenter Akt, der den Bereich des Geistes nicht verläßt, keine processio ad extra. Auf die trinitarische Wirklichkeit angewandt, sagt schon Cyrill von Alexandrien, daß das Ewige Wort im zeugenden Geist (des Vaters) verbleibt: Verbum manet in mente generante (Das Wort bleibt im Geist, der es hervorbringt). So lehrt der hl. Thomas von Aquin dieses Sein des einen im anderen im Hinblick auf Wesen, Beziehung und Ursprung der drei göttlichen Personen: Filius est in Patre et e converso (Der Sohn ist im Vater und umgekehrt. STh l, qu. 42 a. 5 c). Am prägnantesten wird es dann das Konzil von Florenz im Jakobitendekret zum Ausdruck bringen (DH 133l): Pater est totus in Filio, totus in Spiritu Sancto; Filius totus est in Patre, totus in Spiritu Sancto; Spiritus Sanctus totus est in Patre, totus in Filio. (Der Vater ist ganz im Sohn, ganz im Heiligen Geist; der Sohn ist ganz im Vater, ganz im Heiligen Geist; der Heilige Geist ist ganz im Vater, ganz im Sohn.)
In der Schrift begegnet eine Stelle, in der das passive wie das aktive Moment deutlich wird, das Ineinander und das einander Durchdringen, wenn Johannes im Prolog (1,18) vom Eingeborenen spricht, qui est in sinu Patris (der im Schoß des Vaters ruht - circuminsessio); der griechische Text hingegen drückt Bewegung und Richtung aus (circumincessio, perichoresis). Und an anderer Stelle sagt der Heiland zu Philippus: Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? (Joh 14,10).
5. Ohne auf die christologische Perichorese der beiden Natu-ren, die einander durchdringen, näher eingehen zu können, versuchen wir, vorweg die These zu formulieren, daß das innergöttliche einer im anderen in den geschöpflichen Bereich hinein Ausweitung und gewissermaßen Fortsetzung erfährt im Verhältnis des Meisters zum Jünger und umgekehrt.
Jesus liebt es ja, seine Beziehung zum Jünger in Analogie und Parallelität zu seinem eigenen Verhältnis zum Vater darzustellen: Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt (Joh 17,18). Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch (Joh 20,21). Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich ißt, durch mich leben (Joh 6,57).
Aber nicht allein das Senden und Gesandtwerden „wiederholt" sich in der Jüngerbeziehung, sondern auch das Bleiben: Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm (Joh 6,56).
Die Eucharistie begründet das Leben des einen im andern: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Der Jünger wird zum Gefäß der Gegenwart des Meisters, der - mit dem Vater und dem Heiligen Geist - kommt und in seinem Inneren Wohnung nimmt (vgl. Joh 14,23). Der Jünger wiederum wird aufgenommen in die Wirklichkeit des Christusgeheimnisses und wird - wie Paulus selbst - zu einem Menschen „in Christus": Ist also jemand in Christus Jesus, dann ist er eine neue Schöpfung (2 Kor 5,17). Im Inneren des Herrn findet er eine neue Existenzweise in Verborgenheit.
6. Diese Jüngerbeziehung findet in Maria, der ersten Jüngerin, reinste und vollkommenste Verwirklichung. Denn Christus, aus seiner Mutter Maria hervorgehend, bleibt am Ort seines Ursprungs, welche Tatsache das Gebet Jesus, der du in Maria lebst meditiert. Der Herr ist Mariens Lebensprinzip, er ist die Seele ihrer Seele und der Geist ihres Geistes. Und Jesus seinerseits entläßt Maria nicht aus seinem Herzen, aus dem sie, ganz Tochter des Sohnes, hervorgegangen ist. Aus der Seite des Herrn geboren und als Neue Eva der Herzwunde des Neuen Adam entnommen, verbleibt sie in ihm, dem Ursprung (vgl. Kol 1,18); so findet sie in sinu filii, im Schoß des Sohnes, ihren eigentlichen Lebensraum, den Ort ihrer Ruhe (vgl. PS 95,11). Maria darf im Aufblick zum geöffneten Herzen ihres Sohnes mit dem Psalmisten sagen: All meine Quellen entspringen in dir (PS 87,7). Gleichzeitig ist sie als Braut die sanfte Taube, die sich in der Höhlung des Felsens birgt (vgl. Hid 2,14); und dieser Fels war Christus (l Kor 10,4). Ganz aufgenommen in das Innere Jesu, „verschwindet" sie in der göttlich-unendlichen Liebe ihres Sohnes wie ein Tropfen im Meer, welches Bild die hl. Therese von Lisieux im Rückblick auf ihre erste hl. Kommunion gebraucht.
7. Wenn Jesus in Maria ist und in Maria lebt und Maria in Jesus ist und in Jesus lebt und bleibt, so ist es naheliegend, dieses Sein des einen im anderen in besonderer Konkretisierung und theologischer Verdichtung in der Perichorese der Herzen zu erblicken. Denn was von der Person in ihrer Ganzheit gilt, hat offenbar besondere Geltung für die Mitte der Person, die wir als das personale Zentrum bezeichnen bzw. eben als das Herz. Das Herz des einen im Herzen des anderen gilt es in wechselweiser Durchdringung und im gegenseitigen Ineinander zu verstehen. Hier
ist es die Hagiographie, die uns in den Texten und Zeugnissen der Mystiker das empirische Material liefert, das uns einlädt und herausfordert, zu einer Theologie des Herzens zu gelangen und paradigmatisch auf die Einheit der heiligsten Herzen Jesu und Mariens anzuwenden.
8. Ein erstes Bildwort der Heiligen ist jenes von der Zufluchtsstätte. In dieser Qualität werden die fünf Wunden Christi verstanden, insbesonders die Herzwunde des Herrn. Seit dem 13. Jh. beten wir im Anima Christi: Birg in deinen Wunden mich. Versenken Sie . . . ihr Herz in die Wunden des Herrn, rät der hl. Franz von Sales der hl. Johanna Franziska von Chantal (1604 V 3). Insbesondere die Herzwunde Christi hat diese Funktion des Bergens und Schützens. Komm in die Wunde meiner heiligen Seite . . ., das ist die Wunde der Liebe . . . Komm in mein Herz, und du wirst nichts fürchten, sagt der Herr zu Marie-Marthe Chambon (1841-1907). Umgekehrt sucht der Herr selbst Zuflucht und Sicherheit im Herzen der Jüngerin: Ich will, daß mir dein Herz eine Zufluchtsstätte sei, in die ich mich zurückziehen kann, . . . wenn die Sünder mich verfolgen, hört Margareta Maria Alacoque den Heiland sprechen (Exerzitien 1678). So ist die Herzwunde Christi die Sicherheit Mariens und das Herz Mariens zum Trost Jesu geworden.
9. Ein weiteres Bildwort, das die Einheit der Herzen veranschaulichen will und das wiederum der hl. Franz von Sales gebraucht, ist jenes vom Pfropfreis, das schon der hl. Paulus im Hinblick auf das Verhältnis der Heiden zu Israel im Römerbrief gebraucht hat (Rom 11,13-24). Wir, die wir gute Früchte tragen wollen, müssen uns glücklich schätzen, unsere Herzen auf das Herz des Heilands aufpfropfen zu können . . . (DA 5,313). Dann kommt es zu einem Austausch des Lebens, einer im andern, ohne Verlust der personalen Identität. Wann werden wir leben, ohne selbst zu leben, ruft der hl. Bischof von Genf aus, und wann wird Jesus Christus ganz in uns leben? (DA 5,209). Bei Maria ist es Wirklichkeit geworden; der Triumph über alle Neigungen und Gedanken, die sich ihren Eigenbereich schaffen und absichern wollen, ist bei Maria in der Gnadenfülle ihrer Unbefleckten Empfängnis längst errungen. Christus ist ihr Leben (vgl. Phil 1,21), und sie kennt kein anderes Leben als das ihres Sohnes und Erlösers. Sie bleibt in seiner Liebe; deshalb bleibt Gott in ihr (vgl. l Joh 4,16).
10. Franz von Sales erinnert aber auch an den Herzenstausch, wie er der hl. Katharina von Siena widerfuhr und der ebenfalls Bild für die geheimnisvolle Einheit der Herzen ist. Was er der hl. Johanna Franziska Chantal wünscht, daß nämlich der Herr ihr das Herz entreißen möge, wie er es der frommen Katharina von Siena tat, was er sich selber wünscht, nämlich eines Tages nach Empfang der hl. Kommunion nicht mehr sein eigenes schwaches und elendes Herz in seiner Brust vorzufinden, sondern an seiner Stelle dieses Kostbare Herz meines Gottes (DA 7,197), das ist bei Maria, der Braut des Neuen Bundes schlechthin, bereits Wirklichkeit geworden: In ihrer Brust schlägt das Herz ihres Bräutigams, wie ihr Herz ganz aufgenommen worden ist in das Innere Christi, gebunden durch die vincula amoris, die Fesseln der Liebe, im „Gefängnis" seines göttlichen Herzens. Die Worte im Buch der Sprichwörter (23,26) dürfen wir als Worte Mariens verstehen: Mein Sohn, gib mir dein Herz!, wie sie selbst ihr Herz ganz an den Sohn verschenkt hat.
11. Der eigentliche Theologe der Herzenseinheit aber ist der hl. Jean Eudes (1601-1680).
Auch er schöpft aus der Herztradition, die bis zu den Vätern zurückreicht, und rekurriert auf den hl. Augustinus, wenn er das Bild von den zwei Harfen gebraucht: Duae citharae mysticae, quarum una sonante, resonat altera, nullo etiam pulsante. Das Herz Jesu gleicht einer Harfe, auf der der göttliche Meister selbst eine Melodie erklingen läßt, die von der zweiten Harfe, dem Unbefleckten Herzen, sofort übernommen wird - zwei Instrumente, ein und dieselbe Melodie. Liebt das Herz Jesu Gott, seinen Vater, so liebt das Herz Mariens mit ihm; . . . was das Herz des Sohnes kreuzigt, das kreuzigt das Herz der Mutter.
Die Personalität Jesu und Mariens wird nicht aufgehoben, deren moralische Einheit im Innersten aber unterstrichen. Diese moralische Einheit, das eine Herz und die eine Seele für zwei Personen, gründet jedoch in der Perichorese des einen im anderen. Eine Seele lebte in zwei Körpern, sagte schon Gregor von Nazianz im Blick auf seine eigene Herzenseinheit mit Basilius, und der hl. Bernhard drückt in ähnlicher Weise seine Christusbeziehung aus: Bene mihi est, cor unum cum Jesu habeo (Es ist gut für mich, daß ich mit Jesus ein Herz besitze). Und um die Herzenseinheit Jesu und Mariens zu illustrieren, greift Jean Eudes das augustinische Caro Christi est caro Mariae (Das Fleisch Christi ist das Fleisch Mariens) auf, um zu folgern: Dann ist auch das leibliche Herz Jesu das Herz Mariens. Dann behält auch die hl. Birgitta recht, wenn sie Jesus und Maria sagen läßt: Quasi uno corde mundum salvavimus, mit gleichsam einen Herzen haben wir die Welt gerettet. Wenn dann später in der Ordensgeschichte des 19. Jh. das Cor unum et anima una (ein Herz und eine Seele) zur vielfach verwendeten Devise wird, dann ist mehr gemeint als Gleichartigkeit des Denkens; es ist die ontologische Einheit des Herzens Jesu mit dem Herzen Mariens, die causa exemplaris für alle zwischenmenschliche Einheit wird.
Wer sich also Maria nähert, nähert sich Christus, und wer sich dem Herzen des Herrn zuwendet, tut dies auch gegenüber dem Herzen der reinsten Jungfrau: Jesus und Maria sind so eng miteinander verbunden, daß einer, der Jesus sieht, Maria sieht, und der Jesus liebt, Maria liebt, der sich Jesus schenkt, sich Maria weiht. Im Invitatorium zum Herz-Mariä-Fest spricht Jean Eudes dieselbe Einheit mit dem Lobpreis an: Jesum in corde Mariae regnantem, venite, adoremus! - Jesus, der im Herzen Mariens herrscht, kommt, wir beten ihn an!
Wir schließen mit Worten Kardinal Berulles, auf dessen Schultern der hl. Jean Eudes gewissermaßen steht: O Herz Jesu, du lebst in Maria und durch Maria! O Herz Mariens, du lebst in Jesus und durch Jesus! O liebenswerte Verbindung dieser beiden Herzen! Gepriesen sei der Gott der Liebe und der Einheit, der sie einander vereint! Möge er diese Herzen in der Einheit leben lassen zu Ehren der heiligen Einheit der drei göttlichen Personen!

Friedrich Wessely (+)

DIE MYSTIK DES HEILIGSTEN HERZENS JESU
Der 1970 verstorbene, für die Kirche in Österreich hochverdiente Universitätsprofessor DDr. Friedrich Wessely hat eine ganze Reihe von unveröffentlichten Manuskripten hinterlassen, wie auch die zahlreichen Zuhörer seiner Predigten und Besinnungsvorträge bemüht waren, sein lebendiges Wort durch Mitschrift zu konservieren. Als Prof. Dr. Heribert Bastei CO bei der Studientagung über das Thema „Einige Folgerungen aus der Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung" referierte, schöpfte er weitgehend aus einer der erwähnten geistlichen Konferenzen und hielt dafür, daß deshalb nicht sein eigenes Wort, sondern der Text seiner ihn inspirierenden Vorlage zum Abdruck gelangen solle. So wird im Folgenden eine leicht überarbeitete Mitschrift geboten, die Einblick in das Denken des Herz-Jesu-Verehrers Friedrich Wessely gewährt.
Im 19. Kapitel des Johannes-Evangeliums lesen wir die Worte: Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus. Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, daß er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen. Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben (Joh 19,33-37).
Mit großer Feierlichkeit und auch, wie es scheint, mit großer Erregtheit spricht Johannes diese Worte, und die Tatsache von der Durchbohrung des Herzens Jesu ist etwas, was immer wieder fromme Menschen mächtig ergriffen hat, nicht nur, daß diese Menschen gefühlsmäßig davon stark beeindruckt und zum Mitleid angeregt wurden - es war mehr als das. Die Menschen, die frommerweise der durchbohrten Seite Jesu gedachten, hatten bei dieser Gelegenheit eine tiefe Einsicht in einen übernatürlichen Sachverhalt, eine Einsicht, die Gott selbst ihnen vermittelt hat.

Es handelt sich dabei nicht um Privatoffenbarungen über periphere Dinge, auch nicht um Offenbarungen, die nur das persönliche Interesse des einen oder anderen betreffen, sondern um ein inneres Klar-Werden, ein Durchsichtig-Werden bestimmter Tatsachen der Offenbarung. Und zwar ein Durchsichtig-Werden und Klar-Werden auf Grund einer Beeinflussung durch Gott selbst, denn nur so kann man von Mystik reden, auch nur so von Herz-Jesu-Mystik, wenn es sich dabei um ein unmittelbares Eingreifen Gottes selber handelt.
Diese Herz-Jesu-Mystik beschäftigt sich nicht mit Dingen am Rande. Das sieht man daraus, daß in der Blütezeit der Religiosität in unseren Landen, in der Zeit der „deutschen Mystik", man sich gerade darum bemüht hat, die Frömmigkeit vom Unwesentlichen wegzulenken und zum Wesentlichen hinzulenken, indem diese Mystiker immer wieder von der Geburt Gottes im Herzen des Menschen sprachen, um die Zuhörer vom Sinnfälligen zum rein Geistigen hinzuführen; daß es eben diese Mystiker auch gewesen sind, die so viel vom Herzen Jesu gesprochen haben. Wir müssen uns also auseinandersetzen mit dem, was diese Frommen beschäftigt hat, wenn sie sich an das Herz Jesu wandten, das heißt, wir wollen uns mit dem wesentlichen Inhalt der Herz-Jesu-Andacht und der Herz-Jesu-Verehrung befassen.
Da fällt es zunächst auf, daß die Verehrung des leiblichen Herzens Jesu einen verhältnismäßig breiten Raum einnimmt. Bei ihren Visionen sehen die Frommen das gottmenschliche Herz Christi. So offenbart sich unser Herr der Schwester Mechthild, indem er ihr sein leidendes Herz zeigt, und von der hl. Luitgard wird erzählt, daß ihr in der entscheidenden Stunde ihres Lebens die Seitenwunde geoffenbart wurde, die zum Herzen Jesu führt. Jesus spricht dabei zu ihr: Suche hinfort nicht die schwächlichen Worte eines törichten Menschen. Hier sollst du betrachten, was du lieben sollst. Ich verspreche dir dafür die Süßigkeit vollkommener Reinheit. Und Margareta Maria Alacoque berichtet: Als ich einmal an einem Tag der Fronleichnamsoktav vor dem Allerheiligsten betete, schenkte mir seine Liebe ganz außergewöhnliche Gnadenerweise, und ich fühlte den heißen Wunsch, diese Liebe nur ein wenig erwidern zu können, ihm Liebe für Liebe zu geben. Da sprach er zu mir: Du kannst mir keine größere Liebe erzeigen, als wenn du das tust, was ich schon so oft von dir verlangt ha-be. Er enthüllte mir sein göttliches Herz und fuhr fort: Siehe hier das Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat, daß es sich nicht schonte, sondern sich völlig hingab und verzehrte, um ihnen seine Liebe zu beweisen.
Es wundert uns nicht, wenn Visionäre in dieser Weise das Herz Christi schauen und dabei zu tiefer Frömmigkeit angeregt werden. Es sind aber auch die Apostel der Herz-Jesu-Verehrung von Paray-le-Monial, die hervorgehoben haben, daß auch das leibliche Herz Christi verehrt werden müsse. Es sei Sitz, Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen in Jesus und auch seiner unendlichen Liebe und müsse daher auch angebetet und verehrt werden - und gerade diese Betonung der Verehrungswürdigkeit des leiblichen Herzens Jesu war es, die Rom lange zögern ließ, ein eigenes Herz-Jesu-Fest einzuführen, das die ganze Kirche verpflichten würde. Nicht, daß man sich sträubte, das Herz Jesu anzubeten, dem ja wie allen anderen Gliedern Christi durch die hypostatische Union Anbetung gebührt. Vielmehr sagte man sich: Wenn das Herz Gottes durch ein eigenes Fest geehrt werden soll, dann müßten auch noch viele andere Feste geschaffen werden. Die Anbetungswürdigkeit des Herzens Jesu reiche noch nicht hin, um ein besonderes Fest einzuführen. Auch sagte man sich, man wisse schließlich nicht, ob das leibliche Herz nicht nur Sitz, sondern auch Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen Jesu sei. Das also war der Grund des Zögerns während eines ganzen Jahrhunderts. Endlich aber hat man doch das Fest eingeführt, wobei zwar nicht erklärt wurde, daß das Herz Organ und Prinzip der Gemütsbewegungen in Jesus sei, sondern daß es der Sitz und das Symbol der Gemütsbewegungen und insbesondere der unendlichen Liebe Christi ist.
Man könnte nun fragen, ob mit der starken Betonung der Verehrungswürdigkeit und Anbetungspflicht des leiblichen Herzens nicht doch etwas Unwesentliches in den Vordergrund geschoben werde. Was liegt für ein Sinn darin, wenn man sagt: Auch das leibliche Herz Jesu ist anbetungswürdig?
Das leibliche Herz ist auf jeden Fall das Organ, das durch die Erregungen wie Freude, Trauer, Liebe, Angst am meisten in Mitleidenschaft gezogen wird. All das prägt sich dem Herzen Christi ein, und so kann man sagen: Es ist ein stigmatisiertes Herz, es hat von all den unendlich großen und tiefen Gemütsbewegungen, die in Jesus waren, einen Eindruck erhalten. Indem ich dieses Herz betrachte und es anbete, erinnere ich mich an den Wogengang des Erlebens und des Erfahrens Christi und erkenne auch, daß dieses unendlich reiche Leben des Herrn mir nicht fremd sein kann. Ich selbst erlebe ebenso ja Freudiges und Trauriges, vieles, was mein Herz erhebt oder niederdrückt. All das, nur unendlich gesteigert, findet sich auch in Christus und zwar ganz rein, verehrenswert und anbetungswürdig. So habe ich durch mein eigenes Erleben einen sehr einfachen Weg gefunden, um Christus zu erkennen. Wenn ein Mensch innerlich gar nichts erlebte an Schmerz, Trauer, Furcht und Liebe, könnte er Jesus nicht erkennen, und so bietet die eigene Erfahrung einen Zugang zur Kenntnis Christi. Dieses Erkennen Christi ist aber sehr wesentlich, ja etwas unendlich Wichtiges in unserer Frömmigkeit überhaupt. Sagt doch Christus selbst: Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast (Joh 17,3), so daß mein eigenes Erleben mich hinführen kann zu einem Ahnen vom Erleben Christi und darüber hinaus. Nun ein nächster Schritt.
Es ist selbstverständlich nicht nur das leibliche Herz Christi anbetungswürdig. Indem wir einmal unter dem Eindruck dieses stigmatisierten Herzens das unendliche Erleben Christi geahnt haben, erfassen wir etwas von der unergründlichen Weite dieses Herzens Christi. Da haben die deutschen Mystiker wieder einen Gedanken, den sie sehr lieben, nämlich daß Gott alles, was er geschaffen hat, in seinem vielgeliebten Sohn geschaffen hat. Alles nämlich, was geschaffen wurde, wurde nach ihm geschaffen; er ist die causa exemplaris aller geschaffenen Dinge. Alles muß in irgendeiner Weise im Einklang sein mit dem Worte Gottes. In ähnlicher Weise kann man sagen, daß die Menschheit Christi die unendliche Fülle des Menschentums in sich enthält, daß in der Menschheit Christi das ganze Menschengeschlecht geschaffen ist. Indem der Vater Jesus Christus, die Menschheit Christi, anblickt, sieht er die ganze Fülle der Vollkommenheiten des Menschengeschlechtes überhaupt. So ist auch das menschliche Herz Christi zugleich ein Herz, das die Fülle der Vollkommenheiten des gesamten Menschengeschlechtes überhaupt und jedes einzelnen Menschen enthält.
Christus trägt in seinem Herzen nicht nur die gesamte Menschheit, sondern auch jeden einzelnen Menschen, so
ähnlich wie eine Mutter ihr Kind im Herzen trägt. Eine Mutter kennt nicht nur ihrem Intellekt nach ihr Kind; sie fühlt auch, was mit dem Kind „los" ist, und das Kind fühlt sich verstanden und geliebt von der Mutter. Die Mutter fühlt und lebt alles mit dem Kinde mit. Jesus nun hat ein so weites Herz, daß er mit jedem Menschen mitzuleben vermag, noch vielmehr als eine Mutter, die ihr Kind liebt, viel mehr, als die hl. Monika mit Augustinus mitleben konnte. So sehen wir das Eigenartige, daß alle Menschen auch im tiefsten Leid jemanden zur Seite haben, der nicht nur, weil er allwissend ist, ihre Qualen kennt, sondern der sie mitträgt und mit darunter leidet als sein anderes Selbst. Wenn Christus am Kreuz gehangen ist und seine Mutter unter dem Kreuz stehen sah, hat er das Leiden seiner Mutter mitgelitten, und die Schmerzen seiner Mutter haben einen wesentlichen Teil seines eigenen Leidens ausgemacht.
So haben es auch die deutschen Mystiker gesehen: Christus schmerzten alle Leiden aller Auserwählten. Dadurch trug er in seinem Herzen einen solchen Schmerz wie alle seine Auserwählten zusammen. Denn aller Gerechten Leiden nahm Christus auf sich durch sein Mitleid, wodurch sie in seinem Herzen schmerzlich eingeschrieben wurden. Und nicht nur im allgemeinen nahm er sie in sein Herz, sondern auch im einzelnen und empfand sie mehr als die, die sie um seines Namens willen getragen haben.
Das muß man einmal auf sich wirken lassen. Erst wenn man das gedacht und gefühlt hat, ist man reif für die Erkenntnis, daß das Herz Christi, das leibliche Herz, das Symbol seiner unermeßlichen Liebe ist. Dann weiß man erst, was es heißt: Christus liebt mich.
Es gibt viele Menschen, die glauben, daß Christus die Menschheit liebt mit unendlicher Liebe. Auch daß er jeden
einzelnen Menschen liebt und für jeden bereit ist, sein Leben zu opfern, glaubt man. Aber wenn man das eigenste, ursprünglichste religiöse Leben vor Augen hat, tritt eine Scheu ein, das wirklich einfach und kindlich zu glauben: Daß dieser Jesus jeden Augenblick mir seine unendliche Liebe schenkt, mit mir leben will und mein eigenes Leben mit mir trägt - ganz anders noch, als der liebste Mensch es mit mir tragen könnte, und daß das die realste Wirklichkeit ist: daß Jesus jeden einzelnen Menschen in seinem Herzen trägt, auch mich. An diese Tatsache sollte man denken und sollte sie gläubig umfangen. Wenn man das nicht tut, ist einem jedes weitere Verstehen des Herzens Jesu versagt.
Wir wissen aus unserem persönlichen Leben, daß schon jeden gewöhnlichen Menschen nichts so sehr schmerzt, als wenn seine Worte nicht ernst genommen werden, wenn man über seine Worte hinweggeht, sie wohl hört, aber nicht glaubt; das verletzt. Wenn aber dieser Mensch ein liebender Mensch ist, und er gerade von dem, den er liebt, so behandelt wird, daß der Geliebte gegen ihn voll Mißtrauen ist und über das, was er sagt, hinweggeht, so ist das ein überaus großer Schmerz. Jesus aber liebt uns, trägt uns in seinem Herzen, jeden von uns - und wir gehen darüber hinweg und haben seiner Liebe gegenüber ein gewisses Mißtrauen. Nun ist die wahre Situation der Frommen so, daß Jesus ihnen wohl sein Herz vollkommen öffnet, daß sie aber ihrerseits infolge ihres Mißtrauens ihm ihr Herz verschließen. Dann nützt es nichts, daß Jesus uns bereichern will; wir können nicht bereichert werden. Darum ist es ein Fortschritt im religiösen Leben, wenn man sich durch dieses gläubige, selbstverständliche Vertrauen Christus gegenüber öffnet, wodurch erst der Weg zum Geheimnis seines Herzens freigemacht wird.

Nehmen wir an, ein Mensch hätte diesen entscheidenden Schritt gewagt, und dies nicht nur einmal in seinem Leben, sondern so, daß das der Atem ist, den er atmet: das grenzenlose Vertrauen, daß Christus in jedem Augenblick ihn unendlich liebt. Einem solchen Menschen geht das Herz Christi auf. Nun sieht er nicht nur das leibliche Herz und das Symbol der Liebe, sondern er begreift es nun als die Fülle, aus der das ganze Leben Jesu hervorgeströmt ist. Das, was die Mystiker als die Spitze des Geistes bezeichnet haben, als Quelle unseres Lebens, erfaßt nun ein solcher Mensch in Christus. Es entzückt ihn und reißt ihn hin, jene verborgene Quelle in Christus zu sehen, aus der sein Leben, seine Taten, seine Wunder, alle seine Geheimnisse hervorgeflossen sind, und die zugleich die Quelle ist, in der alle diese Geheimnisse und Schönheiten des Lebens Jesu eigentlich noch immer enthalten sind. Das ist nämlich das Eigenartige an diesem Herzen, daß es alles, was sich in ihm einmal ereignet hat, bleibend in sich trägt: Die Geheimnisse seiner Kindheit, seines verborgenen Lebens, seines Sterbens, seiner Auferstehung und Himmelfahrt sind nicht vergangene Dinge, sondern etwas, was seiner Substantialität nach erhalten geblieben ist und immer erhalten bleiben wird. Wenn sogar etwas von seinem Leiden erhalten geblieben ist und immer erhalten bleiben wird, nämlich seine Wundmale, können wir um so leichter annehmen, daß auch die ändern Ereignisse eingegangen sind in einen bleibenden Zustand, daß Christus sie immer noch in seinem Herzen trägt und daß das Wesentliche davon immer noch uns zugänglich und der Anbetung ausgesetzt ist. Wir haben die Aufgabe, in diesem Herzen die verborgenen Schönheiten Christi zu entdecken, wie sie in den einzelnen Ereignissen seines Lebens sichtbar werden.

Nachdem wir das überlegt haben, können wir noch einen Schritt weiter machen. Es ist nicht nur so, daß Christus uns sein Herz öffnet und uns in das Wesentliche seines Lebens eindringen läßt. In dem Maß, als er uns eindringen läßt, will er uns sein Herz auch schenken, sein eigenes Leben in uns zur Darstellung bringen, so daß wir - insofern wir uns Christus ganz im Vertrauen aussetzen - sein eigenes Leben in uns selbst empfangen.
Ein praktisches Beispiel: Denken wir an die Kindheit Jesu. Wenn alles im Leben Jesu nicht vergangen ist, dann ist auch die Kindheit der Substanz nach erhalten geblieben, und das Herz Christi ist die Stätte, wo auch seine Kindheit noch gefunden und angebetet werden kann. Was soll das heißen: die Kindheit ist nicht vergangen? In der Kindheit Jesu hat Gott selbst eine bestimmte Seite seines Wesens eröffnen wollen. Hier sieht man die Zärtlichkeit seiner Liebe in einer anderen Weise als im erwachsenen, leidenden und verklärten Heiland. Diese Zärtlichkeit seiner Liebe ist erhalten geblieben, ist nicht vergangen, ist auch in seinem übrigen Leben noch irgendwie sichtbar. Wenn wir unter dem Kreuz gestanden wären und die Worte gehört hätten, die Jesus sprach, wären wir über die Zartheit einer fast kindlichen Liebe, die sich da offenbarte, erschüttert gewesen. Ein Kind ist ein Mensch, der zu seinem Mitmenschen ein ganz köstliches Vertrauen hat. Man muß nur sehen, wie ein Kind einem anderen Menschen begegnet. Es denkt nicht daran, das Wort eines Erwachsenen, das Wort seiner Mutter etwa anzuzweifeln. Es nimmt alles, was ihm gesagt wird, ganz ernst. In dieser Verfassung hat sich auch Jesus als Kind befunden. Er hat es ernst genommen, was man ihm sagte - und das ist erhalten geblieben. Jesus nimmt uns ernst, er nimmt für wahr, was wir ihm sagen. Wenn ein Mensch ihm ehrlich sagt: Ich liebe dich aus meinem ganzen Herzen, dann glaubt Jesus, daß wir ihn wirklich lieben wollen. Warum hätte er sonst Petrus dreimal gefragt: Liebst du mich? Er wollte doch das Ja-Wort von Petrus hören, die Liebe des Petrus zu ihm zur Entfaltung bringen, weil er an die Worte seiner Mitmenschen glaubt.
Das ist erhalten geblieben. Indem Gott mir gegenübertritt, indem er mich ein Gebet sprechen läßt, glaubt er sozusagen diesen meinen Worten; er nimmt mich ernst, ernster als ich mich selbst nehme. Wenn wir das Kind Jesu betrachten, sehen wir, daß es sich seiner Mutter überläßt; es läßt für sich sorgen. So hat Jesus sich auch später noch beim Letzten Abendmahl den Aposteln überlassen, und auch jetzt tut er das noch. Wo seine Apostel nicht für ihn Sorge tragen, da leidet er Mangel. Wie kommt es doch, daß es Gegenden gibt, die lau geworden sind? Ja, weil dort seit Generationen laue Apostel waren. Jesus überläßt sich den Händen der Menschen. Das ist etwas aus seiner Kindheit, was der Substanz nach erhalten geblieben ist. Das könnte man durchführen für alle Ereignisse seines Lebens. In seinem Herzen kann es gefunden und angebetet werden. Diese Zuständlichkeiten und Ereignisse im Herzen Jesu sind es auch, die in uns das bewirken, was Jesus selbst in sich trägt. Wenn ich das Kind Jesus anbeten will oder das Herz Jesu anbete, insofern ich darin die Kindheit Jesus der Substanz nach finde, heißt das: Ich trete vor dem Kinde Jesus zurück. (Anbeten ist immer zurücktreten, Gott allein gelten lassen, ins eigene Nichts zurückversinken. Du allem bist wert, dazusein, ich bin es nicht - das ist Anbetung.) Wenn ich also das Kind Jesus so anbete, wie es im Herzen Jesu erhalten ist, dann ist mein Herz in einer Verfassung, die es erlaubt, daß diese Zuständlichkeiten des Kindes Jesus durch Jesus selbst in mein Herz eingeprägt werden. Dann ist ein solcher Mensch imstande, in zärtlichster Weise zu lieben, die Menschen ernst zu nehmen und zwar ernster, als sie sich selbst nehmen, und ein großes Vertrauen Gott gegenüber zu haben. Das gilt auch für alle anderen Zuständlichkeiten des Lebens Jesu.
So müssen wir das Herz Christi und die Herz-Jesu-Mystik auffassen. Es ist zunächst eine Anbetung des leiblichen Herzens Jesu, insofern es mir den Weg anzeigt hin zum Erleben Jesu. Ich erkenne aus meinem eigenen Erleben, was in Jesus selbst gewesen sein muß, und finde so leicht zu ihm hin. Dann erkenne ich die Weite des göttlichen Herzens, daß es die ganze Welt in sich trägt, jeden Menschen und auch mich selbst, daß es blutige Tränen geweint hat und mehr um mich besorgt war als Monika um Augustinus. Das gilt auch heute: Die Sorge Gottes um mich ist größer als die Sorge der besten Mutter um ihr Kind. Nachdem ich das überlegt habe und diese realste Wirklichkeit auf mich habe wirken lassen, dann weiß ich erst, was Liebe ist, und schließe mein Herz dem gegenüber auf und sehe, daß das Herz Jesu schon längst mir erschlossen ist, daß ich eintreten kann und darf, daß ich hier die verborgenen Geheimnisse des Lebens Jesu erfassen kann, das, was hinter Weihnachten, Ostern oder Himmelfahrt steht. Ich begreife, wie das alles aus einer Quelle hervorfließt, und daß diese Quelle mir zugänglich ist. Wenn ich dafür geöffnet bin, dringen diese Schönheiten in mein Herz ein und wandeln mich um, so daß ich Christus gleichförmig werde.
Das sind Grundgedanken der Herz-Jesu-Verehrung. Man braucht sich nur etwas daran erinnern, um einzusehen, daß man da eine große Aufgabe hat, daß Herz-Jesu-Verehrung nicht eine Andacht neben anderen ist, nicht etwas Peripheres, sondern das Allerwesentlichste. Auch aus der Tatsache, daß es Jahrhunderte gedauert hat, bis die
Verehrung des göttlichen Herzens Allgemeingut geworden ist, kann man schließen, daß es sich hier um etwas sehr Wesentliches handelt. All das soll uns ahnen lassen, daß hier ein verborgener Reichtum ist, den jedes Geschlecht und jeder einzelne Mensch erst unter großen Mühsalen heben muß.
(Quelle: "Siehe dieses Herz", Studientagung über die Herz-Jesu-Verehrung, Unio Cor Jesu, 1993, Salterrae; sehr empfehlenswert!)
Impressum


zurück zur Hauptseite