|
Vorläufer und Wegbereiter unseres Herrn Jesus Christus Ein Lehrstück der katholischen Mystik! Festtag: 24. Juni |
Wahrlich, ich sage euch:
Unter den vom Weibe Geborenen
ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer
(Mt 11,11).
Hl. Johannes der Täufer:
"Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt
die Sünden der Welt!"
Jesus Christus, der Messias, und sein Vorläufer
Johannes der Täufer gehören zusammen: Beide wurden von den Propheten
angekündigt, von den Patriarchen und dem ganzen Volk ersehnt und erbetet,
beider Geburt wurde vom Erzengel Gabriel angesagt, ihre Namen im voraus
vom Erzengel genannt, beide wurden von der allerseligsten Jungfrau Maria
in den Armen gehalten. Beide erstrahlten bei der Taufe Jesu im Lichtglanz
der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und beide besiegelten ihre Sendung mit
dem Tod. Beide sollten im Auftrag von König Herodes nach der Geburt
getötet werden, beide wurden auf Anweisung der Engel durch die Flucht
gerettet: Joseph floh mit Jesus und Maria nach Ägypten, Elisabeth
versteckte den Johannes in der Wüste.
Die italienische Benediktinerinnen-Äbtissin Maria Cäcilia Baij (1694-1766) hatte das Charisma der Visionen. Sie sah bei ihren Gebeten das Leben Jesu. So entstanden drei Bücher: "Das Innenleben Jesu", "Das Leben des hl. Joseph" und "Das Leben Johannes des Täufers" (Christiana Verlag). Hier tritt uns ein großer Heiliger entgegen, ein wahrer Mann Gottes, erfüllt vom Heiligen Geist, glühend vor Liebe und Begeisterung für Jesus Christus, den Erlöser, dessen "Schuhriemen zu lösen er sich nicht für würdig hielt".
Altes Gebet
Heiliger Johannes der Täufer, lasse Dich
gnädig herab, aus der Höhe des Himmels einen Blick
des Erbarmens auf
uns arme Sünder zu werfen, die zu Dir beten. Erleuchte uns mit dem
hellen Licht, welches Du durch das Beispiel Deiner Tugenden in der Welt
verbreitet hast. Bitte für uns, daß alle Deine Tugenden in unsere
Seele eindringen, damit sie uns während unseres Lebens Dir näher
bringen und uns
in der Stunde unseres Todes eine Hoffnung
auf die Gemeinschaft der Auserwählten verleihen. Amen.
Vorwort von Prof. Dr. Ferd. Holböck
Unter den von der Frau Geborenen ist kein Größerer
als Johannes der Täufer (Mt 11,11). Dieses Urteil Jesu findet seine
Bestätigung in all dem, was die Hl. Schrift insgesamt über diese
biblische Persönlichkeit berichtet, angefangen von der Empfängnis
und Geburt (Lk 1,8-22 und Lk 1,57-80) bis hin zum tragischen Tod (Mk 6,14-29;
Mt 14,1-17).
Beide Ereignisse dünkten der Kirche sowohl
im Abendland als auch im Morgenland so bedeutsam, daß sie schon sehr
früh in eigenen Festen liturgisch gefeiert wurden: (24. - 29.8.) Auch
geographisch wurden beide Ereignisse sehr früh schon fixiert: die
Geburt des Täufers in Ain Karim, einer Kleinstadt im Bergland von
Judäa (7,5 km westlich von Jerusalem), Gefängnis und Hinrichtung
Johannes des Täufers in der Festung Machairus (40 km südöstlich
von Jerusalem), Begräbnis des enthaupteten Johannes des Täufers
in Sebaste in Samaria.
Zwischen Geburt und Tod war das Leben Johannes
des Täufers von der Kindheit und Jugend an mit dem Begriff "Wüste"
lokalisiert (vgl. Mt 3,1, Mk 1,4 und Lk 1,80): "Das Kind wuchs heran und
sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem
Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten." ...
Zeitgeschichtlich ist das Leben Johannes des
Täufers fixiert durch die Angaben bei Lk 3,1ff: "Es war im 15. Jahr
der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von
Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa... Hohepriester waren Hanna
und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes,
den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete
dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden."
Über keine andere menschliche Persönlichkeit
berichtet das NT so viel...
Es ist wahrlich nicht wenig, sondern relativ
viel, was über Johannes den Täufer bekannt ist. Und doch ist
es wieder wenig, was über das Innenleben
dieser einmaligen Persönlichkeit zu wissen erwünscht wäre.
Hier können die Einsichten, Überlegungen und Offenbarungen der
begnadeten, leidgeprüften Äbtissin Maria Cäcilia Baij OSB
(+ 6.1.1766) weiterhelfen. In ihrem Buch "Leben des hl. Johannes des Täufers"
schreibt Sr. Cäcilia Baij über die Eltern, die Kindheit und Jugend,
die Tugenden und das Verhältnis des hl. Johannes des Täufers
zu dem Gottmenschen, so daß man wirklich über das Innenleben
dieses großen Heiligen bestens informiert wird. Und
wie durch alle diese Privatoffenbarungen und Visionen wird man angetrieben,
so wie er in vorbehaltloser Hingabe dem Gottmenschen zu dienen und IHM
in die Herzen der Menschen die Wege zu bereiten. Alles,
was die Äbtissin über Johannes den Täufer und sein Verhältnis
zu Jesus Christus schreibt, folgt aus ihrer Überzeugung, daß
Johannes noch im ungeborenen Zustand, im Mutterschoß seiner Mutter
Elisabeth von der Erbsünde befreit, begnadet und mit eingegossenem
Wissen beschenkt worden ist. Sie drückt diese Behauptung in dem einen
Satz aus: "Johannes betete das im Schoß der seligen Jungfrau Fleisch
gewordene Wort an, anerkannte es als seinen höchsten Herrn und König,
dankte ihm und machte sich schon jetzt (im Mutterschoß Elisabeths)
ganz zu seinem Dienst, zur Aufgabe als Vorläufer bötig." ...
Die dominierende Stellung Johannes des Täufers
unter den Heiligen dokumentiert sich vor allem auch in den Namen der Kirchen
und der Heiligen. Zahlreiche Dome und Kirchen tragen seinen Namen, allen
voran die Lateranbasilika in
Rom, die als Enklave zum Vatikan gehört.
Der Lateranpalast, der dem römischen Kaiserhaus gehörte, wurde
im Jahr 314 Wohnsitz der Päpste. Dabei entstand die dem hl. Johannes
dem Täufer geweihte Basilika, die Bischofskirche des Papstes und ranghöchste
katholische Kirche der Welt (nicht St. Peter
im Vatikan ist die Mutterkirche, sondern San Giovanni in Laterano). Man
denke aber auch an die Dorfkirche vom hl. Pater Pio, San Giovanni Rotondo,
die heute zu den besuchtesten Kirchen der
Welt gehört.
Zahlreiche Heilige sind auf den Namen Johannes
des Täufers getauft. Man denke z.B. an
Jean-Babtiste-Maria
Vianney von Ars, den Patron der Pfarrer, und viele andere Heilige.
Johannes der Täufer hat auch in der Musikgeschichte
seine Spuren hinterlassen. So hat Johann Sebastian Bach zwei seiner berühmten
Sonntags- und Festtagssonaten, die Nr. 7 und Nr. 176, Johannes dem Täufer
gewidmet.
Es gibt in der Ostkirche
keine Ikonostase (Bilderwand vor dem Hauptaltar), die nicht die allerseligste
Jungfrau Maria und den hl. Vorläufer Johannes den Täufer enthalten.
Vorwort von Maria Cäcilia
Baij OSB
(29. August 1742)
Da ich, um dem heiligen Gehorsam nachzukommen, beginnen soll, das Leben des ruhmreichen hl. Johannes des Täufers zu beschreiben, bekenne ich, daß ich wegen meiner Unwürdigkeit nur widerstrebend und sehr zögernd daran herangehe, denn um von einem so großen Heiligen zu sprechen, müßte man ein Seraph sein. Doch die Tugend des Gehorsams läßt mich den Widerstand aufgeben und sämtliche Hemmungen überwinden.
Die Tugenden der Eltern des Täufers
Die Eltern unseres Heiligen waren gerecht
und gewissenhaft und auch sie erwarteten das Kommen des dem Volk Israel
verheißenen Messias. Sie hielten sich an die Patriarchen und Propheten
und beteten beharrlich zum Allerhöchsten, er möge in seiner Güte
der Welt den Erlöser senden. Doch sie bedauerten und betrauerten ihr
Verhängnis, denn als solches faßten sie die Unfruchtbarkeit
der hl. Elisabeth auf. Seit vielen Jahren flehten beide den Himmel an,
sie mit Nachkommen zu segnen. Da Zacharias aber sah, daß die ersehnte
Gnade nicht eintraf, und fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, weil beide
schon sehr alt waren, begann er bei dieser Bitte lau zu werden und äußerte
sie nicht mehr mit der Inständigkeit, mit der er sie viele Jahre vorgebracht
hatte, sondern gab sich mehr der Sehnsucht nach dem verheißenen Messias
hin.
Nicht so Elisabeth, die ihre Gebete umso mehr
steigerte, je mehr sie sich als unfruchtbar vorkam, denn sie war sich gut
bewußt, daß für Gott nichts unmöglich ist und daß
man auf beharrliches Gebet hin das, worum man bittet, immer erlangt, insbesondere
dann, wenn das Anliegen zur größeren Ehre des Allerhöchsten
dienen soll. Darum bat sie Gott weiterhin um den ersehnten Nachwuchs und
ermahnte ihren Mann, nicht weniger innig zu beten; auch ermunterte sie
ihn sehr oft zur Hoffnung, die ersehnte Gnade doch noch zu erhalten.
Nach vielen Jahren und langem Beten wollte
Gott sie schließlich trösten und schenkte ihnen die ersehnte
Nachkommenschaft. Das geschah in einem Jahr, als selbst der Boden so fruchtbar
war, daß sogar alte Leute sich nicht erinnerten, je eine solche Fruchtbarkeit
erlebt zu haben. Ihre Herzen waren von so lebhafter Liebe zu ihrem Gott
erfüllt, daß sie oft die Hl. Schrift besprachen, um in ihren
Seelen die Liebe zu Gott noch zu bestärken.
Sie hielten miteinander lange Gespräche
über die wunderbaren Werke des Gottes der Heerscharen. So bereitete
Gott die Herzen dieser beiden großen Seelen auf den Empfang einer
einzigartigen Gunst vor, denn er wollte ihnen einen Sohn schenken, den
der Welterlöser selbst später als den
Größten der je von einer Frau Geborenen bezeichnete.
Als die Zeit der gnadenreichen Empfängnis
gekommen war, hatte Elisabeth eines Tages, als sie noch inniger als gewöhnlich
zu ihrem Gott betete, eine wunderbare Ekstase, in der ihr viele Geheimnisse
in Bezug auf die Empfängnis ihres großen Sohnes enthüllt
wurden, den sie zur gegebenen Zeit zur Welt bringen sollte. Sie wurde aufgefordert,
sich mit Fasten, Almosen und innigem Beten vorzubereiten, denn der Sohn,
den sie empfange, werde groß sein vor Gott und den Menschen. Zudem
wurde sie ermahnt, das Geheimnis in ihrem Herzen zu bewahren, denn alle
diese Aufschlüsse würden ihr vom Himmel gegeben, um ihren Glauben
und ihr Durchhalten im Gebet um das ersehnte Kind zu belohnen. Als die
heilige Frau nach der Ekstase wieder zu sich kam, führte sie aus,
wozu sie angeregt worden war, und sie ging ganz in Dank zu ihrem Gott auf.
Ein Engel offenbarte auch Zacharias, seine
Frau Elisabeth werde einen Sohn empfangen, der Johannes heißen solle.
Zacharias schenkte jedoch dem Engel nicht Glauben und wurde wegen seiner
Ungläubigkeit stumm. Er erlitt aber die Stummheit sehr ergeben als
Strafe für seinen Glaubensmangel, denn er wußte sehr gut, daß
Gott auch kleinere Verfehlungen streng zu strafen pflegt. Elisabeth begann
sofort zu beten, um Gott zu versöhnen, damit er dem alten Mann seine
Ungläubigkeit vergebe. Aber Gott wollte, daß Zacharias die Strafe
bis zur Geburt des Kindes erdulde.
Die Zeit nach der Geburt und
der Besuch der hl. Jungfrau Maria
Die demütige Elisabeth fühlte eine
große Liebe zu ihrem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug und wünschte,
daß es reich an allen Tugenden werde; deshalb übte sie sich
selbst in Akten der Nächstenliebe und der Demut. Sie war mit allen
Kräften bestrebt, mit ihrem Gott vereint zu sein, und zog sich dazu
von den Beziehungen mit den Geschöpfen zurück und unterhielt
sich in ihrem tiefsten Herzen Auge in Auge mit Gott. Sie wurde vom Heiligen
Geist erleuchtet und belehrt und führte die göttlichen Anregungen
treu aus. Sie fastete beständig und schloß aus ihrer Neigung
zur Buße, zum Fasten, zur Zurückgezogenheit, daß der Sohn,
den sie im Schoße trug, ein sehr zurückgezogenes und strenges
Leben führen werde.
Elisabeth berichtete alles Zacharias, und
obwohl er selbst nicht sprechen konnte, sagte sie ihm vieles, um ihn zu
trösten. Zacharias weinte vor Freude und lebte ebenfalls zurückgezogen
und in beständigem Gebet. Da er nicht sprechen konnte, brachte er
die meiste Zeit mit Beten und mit Lesen der Heiligen Schrift zu. Viele
Male gab er diese auch seiner Frau zu lesen, die darin viel Erbauliches
fand, vor allem wenn sie die Psalmen Davids las und auch das, was die Propheten
über das Kommen des Messias geschrieben hatten.
Seit der Empfängnis ihres Sohnes waren
schon sechs Monate vergangen, als sie des Besuchs der hohen Gottesmutter
gewürdigt wurden. Sie wußten aber noch nicht, daß das
göttliche Wort Mensch geworden war. Elisabeth begann noch viel mehr
als sonst schon, sich innerlich von Jubel erfüllt zu fühlen,
und wußte nicht, woher das komme. Sie hatte zwar Eingebungen, die
ihr verhießen, daß Gott ihr eine große Gnade erweisen
wolle, aber sie hatte keine Idee von dem, was Gott für sie vorgesehen
hatte.
Eines Tages fühlte sie sich mehr als
gewöhnlich zur Liebe Gottes entflammt und verspürte eine übergroße
Freude, und das war eben der beglückende Tag, an dem sie den Besuch
der Mutter des menschgewordenen Wortes erhielt. Elisabeth wurde von der
Ankunft der beiden Pilger, Marias und Josephs, benachrichtigt. Als sie
die Nachricht erhielt, Maria und Joseph seien auf dem Weg zu ihr, verspürte
sie große Freude, denn sie wußte, daß ihre Verwandte
ebenfalls von einer unfruchtbaren Frau abstammte und daß sie ihren
Eltern durch eine ganz besondere Gunst vom Himmel geschenkt worden war.
Zudem wußte sie vom Hörensagen von den wunderbaren Tugenden
und der Heiligkeit ihrer jungen Verwandten; darum ging sie ihr freudig
entgegen. Als sie Maria erblickte, blieb sie erstaunt stehen und brachte
kaum ein Wort heraus. Sie bemerkte gleichzeitig die Hoheit, Bescheidenheit
und seltene Schönheit Marias und wurde von Freude und Ehrfurcht erfüllt.
Während Elisabeth so voller Verwunderung
war, grüßte Maria sie mit den Worten: "Der Friede sei mit dir,
meine liebe Verwandte und überaus würdige Mutter des großen
Vorläufers des Messias." Auf diese Worte hin wurde Elisabeth, weil
vom Heiligen Geist erfüllt und von himmlischem Licht erhellt, sich
bewußt, daß ihre Verwandte die wahre Mutter des Messias sei
und ihn in ihrem reinsten Schoß trage. Sie fühlte, wie der kleine
Johannes frohlockte, der in diesem Augenblick von der Erbsünde befreit
und dessen Vernunft vorzeitig geweckt wurde. Johannes betete das im Schoß
der allerseligsten Jungfrau inkarnierte Wort an, anerkannte es als seinen
höchsten König, dankte ihm und machte sich schon jetzt ganz zu
seinem Dienst, zur Aufgabe als Vorläufer erbötig. Elisabeth,
die allein schon aus dem Gruß Marias so viel Verwunderliches heraushörte,
rief aus: "Wem verdanke ich es, daß
die Mutter meines Herrn zu mir kommt?"
Während Joseph bei Zacharias blieb, unterhielt
sich die Mutter des Vorläufers mit der Mutter des inkarnierten ewigen
Wortes und sie sprachen miteinander über die geschehenen großen
Ereignisse. Elisabeth erzählte, was sie bei der Ankunft Marias verspürt
hatte, alles, was in ihrem Geist vorgegangen war, und wie sehr sich ihr
Herz freue. Sie erzählte, daß sie verspürt habe, wie das
Kind in ihrem Schoß frohlockte, und daß ihr ganz klar gezeigt
worden sei, daß Maria die glückselige Mutter des inkarnierten
Wortes sei. Die allerseligste Maria hörte dem, was Elisabeth erzählte,
zu und sprach den berühmten Lobgesang:
Elisabeth hörte diesen Lobgesang auf dem
Boden kniend an; sie verstand alle in ihm enthaltenen Mysterien gut und
bewunderte die Größe der Gottesmutter und ihre Weisheit, Tugend
und Gnade immer mehr. In ihrem Herzen dankte sie Gott für die große
Gunst, die er ihr erwiesen hatte.
Während die beglückten Mütter
die wunderbaren Werke des Allerhöchsten erzählten, unterhielt
sich das inkarnierte Wort mit seinem Vorläufer. Da dieser schon von
der Erbschuld befreit und zum Freund Gottes gemacht worden war, erfreute
sich das göttliche Wort an dieser Seele, die er zu seiner großen
Ehre erschaffen und der er so einzigartige Gunsterweise geschenkt hatte.
Auch der kleine Johannes unterhielt sich sehr beglückt mit seinem
menschgewordenen Gott; er lobte ihn, dankte ihm für die großen
Gnaden, die er ihm erwiesen hatte, und so sprachen sie vom Mutterschoß
aus im Geist miteinander und lobten den göttlichen Vater.
Der Besuch der hl. Jungfrau Maria
bei Elisabeth
Maria blieb im Haus der Elisabeth während
der ganzen drei Monate bis ihre Verwandte gebären sollte, um ihr beizustehen,
Johannes mit Gnaden zu bereichern und das ganze Haus zu heiligen, worin
auch noch einige Bedienstete und Elisabeth waren. Die Gottesmutter wollte
allen das Vorbild ihrer heroischen Tugenden bieten, und obwohl schon der
bloße Blick auf sie mit Liebe zur Tugend beseelte, wollte sie diese
auch beispielhaft zeigen, damit man sich umso mehr bemühe, das, was
man hörte und sah, im Verhalten nachzuahmen. Die allerseligste Jungfrau
war zumeist zum Gebet zurückgezogen und meistens hatte sie Elisabeth
bei sich, um sie in dieser heiligen Übung zu unterrichten. Auch wollte
sie den kleinen Johannes nicht der Freude berauben, die er in der Gegenwart
seines inkarnierten Gottes verspürte, denn obwohl beide noch im Mutterschoß
waren, freuten sie sich sehr, beieinander zu sein.
Der Erlöser erleuchtete und bereicherte
Johannes immer mehr mit Verdiensten, und dieser entbrannte immer stärker
in dankbarer Liebe zu seinem Gott. Und da er sich vom inkarnierten Wort,
das in seinem Haus wohnen wollte, so sehr begnadet und geehrt sah, verbrachte
er die meiste Zeit in innigen Akten der Liebe und Dankbarkeit.
Zacharias und alle Hausangehörigen waren
darüber verwundert, daß eine so junge und verehrungswürdige
Frau von seltener Schönheit sich so sehr herabließ und nicht
nur Elisabeth, sondern je nach Bedarf auch allen Hausbewohnern so liebenswürdig
und eifrig diente. Sie bemerkten die seltene Bescheidenheit, Demut, Güte
und Liebe, mit der sie alles tat. Sie wurden immer mehr verwundert und
erbaut und fühlten sich angetrieben, ein so seltenes Beispiel nachzuahmen.
Wenn dann die allerseligste Maria, von ihrer
Verwandten gebeten, das in Gegenwart aller zu tun, von der Größe
Gottes und seinen Eigenschaften sprach, tat sie das so liebenswürdig
und mit so großem Eifer, daß sie in den Herzen der Zuhörer
die Liebe zu Gott entfachte, und ihre Worte drangen allen, insbesondere
aber Elisabeth und Johannes, zutiefst in die Seele.
Johannes ließ verspüren, wie er
im Mutterschoß darüber frohlockte, daß das göttliche
Wort durch den Mund Marias sprach, denn diese war bei allen ihren Gesprächen
durch das ewige Wort belehrt, das sie in ihrem reinsten Schoß trug.
Er hörte die Worte der Jungfrau-Mutter so aufmerksam und andächtig
an, daß er, so gut er es vermochte, den Kopf neigte. Und Elisabeth,
die das verspürte, verstand es gut, daß ihr Sohn, wenn auch
noch in ihrem Schoß, seinen Gott und dessen allerseligste Mutter
anerkannte. Das machte ihr große Freude; sie dankte dafür Gott
und Maria und gab ihr Kunde von dem, was sie fühlte und ihrem Sohn
wußte.
Maria ergriff dann die Gelegenheit, ihr viele
Geheimnisse zu enthüllen über das, was ihr Sohn, den sie im Schoß
trug, sein werde, und Elisabeth hörte ihr mit Tränen der Rührung
und Freude zu. Auf diese Weise wuchsen sie und ihr Sohn an Liebe und Verdiensten,
und Maria erbat ihnen vom menschgewordenen Wort stets neue Gnaden und Gunsterweise.
So vergingen die drei Monate, während
der die allerseligste Jungfrau Maria in diesem Haus weilte, für sie
in großer Freude, da sie sah, daß ihr Gott von allen geliebt
wurde, und weil alle Gott lobten, vor allem Johannes und seine Mutter Elisabeth.
Maria wiederholte ihren Lobgesang: "Hoch preiset meine Seele den Herrn".
Sie lehrte ihn auch ihre Verwandte und der kleine Johannes im Mutterschoß
verrichtete ihn oft zusammen mit seiner Mutter und dachte über die
darin enthaltenen Geheimnisse nach. Maria verstand dies alles, freute sich
sehr darüber und dankte dem Allerhöchsten dafür.
Die Geburt Johannes des Täufers
Als der Zeitpunkt kam, an dem Elisabeth ihr
Kind gebären sollte, bereitete sie sich mit noch innigeren Akten der
Liebe zu Gott, noch mehr Gebeten als gewöhnlich, in allem von Maria
belehrt und in frommen Gesprächen mit ihr, darauf vor. Der kleine
Johannes indes hatte eine besondere Liebe zur Reinheit; sie war ihm, zusammen
mit dem Vernunftgebrauch, schon im Mutterschoß geschenkt worden.
Deswegen sagte er voll Verlangen: "Wann wird der glückselige Tag kommen,
an dem ich gewürdigt werde, in den keuschen Armen der Unbefleckten
Jungfrau-Mutter des Messias zu ruhen? Wann werden diese meine Augen Maria
sehen, die den im Schoß trägt, den die Himmel nicht fassen?"
So sehnte sich der kleine Johannes, das Licht der Welt zu erblicken, um
sich ganz in der Hingabe an seinen Gott und dessen heiligste Mutter zu
üben.
Als der glückselige Tag seiner Geburt
anbrach, erbat sich der kleine Johannes die Erlaubnis und den Segen dazu
vom göttlichen Wort, das er im Schoß Marias inkarniert sah.
Das inkarnierte Wort und dessen heilige Mutter gaben ihm die Erlaubnis
und ihren Segen. Johannes verneigte sich dabei, betete Jesus an, dankte
ihm und erklärte, er komme nur dazu auf diese Welt, um den göttlichen
Willen zu erfüllen und die ihm vom Allerhöchsten schon übertragene
Aufgabe des Vorläufers zu erfüllen. In vielen Gebeten wandte
sich Johannes, bevor er zur Welt kam, seinem Gott zu, in Akten des Dankes,
des Lobes, der Bitte.
Als die Stunde seiner Geburt gekommen war,
wurde das ganze Haus von Jubel und außerordentlicher Freude und Tröstung
erfüllt. Elisabeth brachte ihren Sohn mit wenigen Beschwerden und
Schmerzen zur Welt, so daß die heilige Frau, daran gewöhnt,
innerlich mit ihrem Gott vereint und fast beständig in Gebet und erhobenen
Sinnes zu sein, auch während der Geburt geistig mit Gott vereint war
und ihm die wenigen Schmerzen, die sie litt, zur Buße für ihre
Verfehlungen aufopferte. - Johannes betete nach seiner Geburt tief seinen
Gott an, dankte ihm und weihte sich ganz ihm. Bei seinem Anblick waren
alle Anwesenden verwundert wegen seines Anbetungsaktes und wegen der Schönheit
des Kleinen. Sofort verbreitete sich in allen Ortschaften die Kunde von
der Geburt des Knäbleins, von dem, was sie bewirkt, und von dem, was
man innerlich erlebt hatte. Die Leute sagten voll Staunen: "Was wird wohl
aus diesem Wunderkind werden?"
Der kleine Johannes wünschte, die Mutter
des menschgewordenen Wortes bald zu sehen und zu verehren. Er bat den Allerhöchsten,
seiner Mutter den Gedanken einzugeben, sogleich die allerseligste Jungfrau
kommen zu lassen. Er konnte von dieser ohne weiteres in ihre keuschesten
Arme geschlossen werden, denn Johannes wurde nicht wie die anderen Kinder
als durch die Erbsünde Gott entfremdet geboren, sondern durch den
Besuch des menschgewordenen Wortes schon im Mutterschoß von ihr befreit
und geheiligt. Sobald der Kleine bei der Gottesmutter war, betete er den
Erlöser im Mutterschoß an und verehrte dessen heilige Mutter
auch äußerlich, indem er den Kopf neigte. Mit dem Herzen bat
er sie um den heiligen Segen und die Gunst, in ihre keuschesten Arme genommen
zu werden. Die heilige Jungfrau nahm ihn sehr liebevoll entgegen und drückte
ihn an die Brust; dadurch wurde das Knäblein noch mehr geheiligt und
von Gnaden erfüllt. Es jubelte und frohlockte, da es sich durch die
Gottesmutter so begnadet sah, und dankte dafür dem Allerhöchsten.
Die Gottesmutter brachte Johannes ihrem Gott
dar und im Namen des Kindes dankte, lobte, pries und bat sie Gott und weihte
es ihm. So wurde der Knabe immer mehr mit Gnaden bereichert und in der
Kenntnis der göttlichen Mysterien, der Größe seines Gottes
und seiner heiligen Mutter erhellt. Wenn er in den Armen der Gottesmutter
lag, verspürte er einen unerklärlichen Jubel und erfreute sich
eines wonnigen Paradieses; auch war es ihm, als läge er in den Armen
des menschgewordenen Wortes.
Maria behielt ihn für kurze Zeit bei
sich und gab ihn dann seiner Mutter zurück. Der Knabe dankte ihr von
Neuem und bat sie um den heiligen Segen. Er sagte all das in seinem Herzen,
fühlte alles und sah die Mutter der unerschaffenen Weisheit. Er liebkoste
sie auf kindliche, aber feste und würdevolle Weise, denn alles, was
er tat, geschah mit großer Behutsamkeit, Weisheit und Anmut, wie
das sich gegenüber der Mutter der unerschaffenen Weisheit geziemte.
Wenn der kleine Johannes sich aus den Armen der Gottesmutter löste,
war es ihm, als zerspringe ihm das Herz. Und er sollte es gut verspüren,
denn im jungfräulichen Schoß weilte der, den er lieber hatte
als sich selbst und der für ihn mehr als sein Herz und seine Seele
war. Darum ging er wohl leiblich weg, verblieb aber mit seinem Geist und
Herzen dort.
Als er zu Elisabeth gebracht wurde, empfing
sie ihn mit Herzensjubel im Wissen darum, daß er schon in den Armen
der Gottesmutter gelegen war. Sie nahm ihn entgegen und drückte ihn
als einen Schatz und ein von der Großmut Gottes erhaltenes Geschenk
an die Brust, und im Wissen darum, was er dereinst sein sollte, blickte
sie ihn in Liebe und Verehrung an. Desgleichen auch Zacharias, sein Vater,
der, obwohl er noch nicht wieder sprechen konnte, ihn in seinem tiefsten
Herzen innerlich Gott weihte. Auch er blickte in großer Liebe auf
ihn und nahm ihn mit Freudentränen in seine Arme.
Johannes weilte gern in den Armen seiner Eltern,
sein Herz aber verlangte nach der Gegenwart des menschgewordenen Wortes
und seiner heiligen Mutter, denn er hatte schon mit Freuden erlebt, wie
schön und angenehm es war, in ihren heiligen Armen zu weilen.
Während der kurzen Zeit ihres dortigen
Aufenthaltes wurde denn auch Johannes in den göttlichen Dingen sehr
erleuchtet und unterrichtet und er erfaßte klar die überaus
große Begnadung der heiligen Mutter.
Als dann der Tag da war, an dem das Knäblein
beschnitten werden mußte, nahm die Gottesmutter es vorher in ihre
Arme und brachte es von Neuem Gott dar, übergab es der Elisabeth und
zog sich zurück, um ihre gewohnten Gebete zu verrichten und auch für
das Knäblein zu beten.
Es fanden sich viele Leute ein, um bei der
Beschneidung dabei zu sein. Sie fragten, welcher Name dem Knäblein
gegeben werden sollte. Elisabeth und Zacharias wußten schon den Namen,
der ihnen vom Himmel bekanntgegeben worden war, als der Engel ihnen die
Empfängnis des Sohnes verkündet hatte. Elisabeth fragte auch
Maria, die ihr bestätigte, daß das Kind Johannes heißen
müsse. Darum sagte Elisabeth, daß es den Namen Johannes tragen
solle. Alle verwunderten sich darüber, denn niemand aus ihrer Verwandtschaft
hatte diesen Namen getragen. Sie fragten auch Zacharias, und da dieser
noch stumm war, schrieb er auf ein Täfelchen: "Sein Name ist Johannes."
Alle blieben verwundert und hielten sich an das, was der Vater des Kindleins
geschrieben hatte. Man glaubte allgemein, weil der Sohn wundersam sei,
müsse auch sein Name etwas Besonderes sein und er sei ihm auf den
Willen des Allerhöchsten hin gegeben worden. Als es den Namen Johannes
erhielt, frohlocke es und zeigte große Freude, so daß alle
verwundert waren und über die wunderbaren Zeichen, die sie an ihm
erblickten, staunten. Alle beglückwünschten seine Mutter, weil
Gott gegenüber ihr und ihrem Sohn so große Wunder seines Erbarmens
wirkte.
Während alle dabei waren, die Mutter
und den Vater zu beglückwünschen, und die Güte Gottes priesen,
der ihnen einen solchen Sohn gab, kam auch die heilige Jungfrau herbei,
um sie zu beglückwünschen. Sogleich wurde ihr das Knäblein
übergeben, das sie mit großer Liebe in ihre keuschen Arme nahm.
Johannes hatte schon das Verlangen, gewürdigt zu werden, in den Armen
der keuschen Mutter des Messias zu liegen. Während alle aufmerksam
auf Maria schauten, fühlte man sich allgemein gedrängt, Gott
zu lieben, da man eine so verehrungswürdige Frau von seltener Bescheidenheit
und Schönheit sah.
Da löste sich dem Vater des Knäbleins,
der von einem himmlischen Licht erleuchtet und von Freude und vom Heiligen
Geist erfüllt wurde, die Zunge und er trug feierlich seinen Lobgesang
vor:
"Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen; er hat
uns einen starken Retter erweckt im Hause seines Knechtes David. So hat
er verheißen von alters her durch den Mund seiner heiligen Propheten.
Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns
hassen. Er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an
seinen heiligen Bund gedacht, an den Eid, den er unserem Vater Abraham
geschworen hat; er hat uns geschenkt, daß wir, aus Feindeshand befreit,
ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht
all unsere Tage. Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen;
denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten. Du wirst sein
Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden.
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende
Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen
und im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des
Friedens." (Lk 1, 67-79)
In prophetischem Licht kündigte er das
Kommen des Messias und die Aufgabe seines wundersamen Sohnes an. Als er
den an Prophezeiungen und Geheimnissen reichen Gesang beendet hatte, priesen
alle miteinander Gott und sagten in Verwunderung über die großen
Dinge, die sie gehört hatten: "Was wird
wohl aus diesem Kind werden, für das Gott so große Wunder wirkt?"
Als Elisabeth ihren Mann sprechen und in prophetischem
Geist so große Dinge ankündigen hörte, vergoß sie
Freudentränen und sagte ihrem Gott liebevoll Dank. Sie wiederholte
oft: "Wieso ist mir das gewährt, o großer Gott?! Wieso mir,
einem so elenden Geschöpf?! Wieso ist mir das gewährt, wenn nicht
deshalb, weil deine unendliche Güte sich herabgelassen hat, eine Dienerin
von dir mit so großen Gnaden und Gunsterweisen heimzusuchen und zu
trösten?!"
Und sie fügte hinzu: "Und was werde ich
für meinen Gott tun, der mich unter all den andern Frauen so sehr
begnadet und geehrt hat?" Die heilige Frau ging ganz in Dankbarkeit, Liebe
und Ehrerbietung gegenüber ihrem Gott auf und bat die Mutter des Messias,
dem Allerhöchsten den geschuldeten Dank zu erstatten, denn sie selber
hielt sich für unfähig, das gebührend zu tun.
Mehr als alle Anwesenden erfaßte Johannes
die Mysterien, von denen im Gesang des Zacharias die Rede war, und sagte
gleichzeitig dem Allerhöchsten Dank. Er empfand eine große Freude,
als er seinen Vater so sehr durch Gott begnadet sah. Als der Lobgesang
beendet war, neigte er den Kopf und dankte Gott und dem Mensch gewordenen
Wort. Darüber waren alle sehr verwundert. Die heilige Jungfrau freute
sich sehr, als sie hörte, wie alle Anwesenden Gott lobten und priesen,
und sagte Gott liebevoll Dank.
Als alle Besucher weggegangen waren, konnten
die Eltern des Knäbleins offener mit der Mutter des Messias über
die Geheimnisse sprechen, die in dem Lobgesang des Zacharias enthalten
waren. Sie priesen Gott ganz besonders. Zacharias sprach mit der Mutter
des Messias und dankte ihr liebevoll für das, was sie für ihn
und seine Frau Elisabeth und insbesondere für seinen Sohn getan hatte.
Er bat sie liebevoll, dem Allerhöchsten für so viele und so außerordentliche
Wohltaten, die er ihnen erwiesen hatte, in seinem Namen Dank zu sagen.
Die überaus demütige heilige Mutter sagte zu ihm, er solle für
sie seinem Gott dafür danken, daß er sie so sehr gesegnet hatte,
und sie wiederholte zur Freude des Zacharias und der Elisabeth ihren Lobgesang:
"Hoch
preist meine Seele den Herrn..."
Zacharias hörte ihr auf dem Boden kniend
zu und erfaßte alle darin enthaltenen Geheimnisse gut. Das war für
das ganze Haus des Zacharias ein Tag so großer Begeisterung und Freude,
daß es dafür kaum Worte gibt. Nun konten die beiden alle Trübsale,
die sie wegen ihrer Unfruchtbarkeit früher erlitten hatten, preisen,
da sie ihnen so große Freuden und unerklärliche Tröstungen
gebracht hatten. Nun verstanden sie mehr denn je, daß ihre langen,
innigen Gebete nicht vergeblich gewesen waren und daß sie, weil sie
ohne die geringste Hoffnung weiterhin um ein Kind gebetet hatten, mit dem
Sohn so große, vorher nie erlebte Gunsterweise und Gnaden erhalten
hatten.
Aber in diesem Leben bleiben die wenn auch
geistigen und heiligen Freuden nie ohne die eine oder andere Betrübnis,
denn unser Gott hat ungetrübte und leidlose Freude und Fröhlichkeit
dem Himmel vorbehalten. So ging es auch unseren Heiligen, denn sie vernahmen,
daß Maria wegehen müsse. Sie mußte nach dem Willen des
Allerhöchsten in ihre Heimat Nazareth zurückkehren, denn ihr
Bräutigam, der heilige Joseph, war auf eine Offenbarung des Engels
hin gekommen, um sie abzuholen. Dieser hatte zu ihm im Traum gesprochen,
und ihm mitgeteilt, daß Elisabeth das Kind zur Welt gebracht habe
und daß er deshalb Maria, seine heilige Braut, abholen solle. Joseph
hatte sich sogleich auf den Weg gemacht und kam an, als das beglückte
Haus in großer Freude war. Alle waren über die Ankunft Josephs
erfreut. Als sie aber hörten, er müsse seine geliebte Braut wegführen,
wurden alle betrübt im Gedanken daran, daß sie derer beraubt
werden sollten, die ihre ganze Freude ausmachte.
Erst recht war der kleine Johannes traurig,
welcher die Freude entbehren sollte, die er empfand, wenn er in den Armen
derer lag, die im Schoß den trug, den die Himmel nicht fassen, und
der sich so rasch der Gegenwart des inkarnierten Wortes beraubt sah, mit
dem er sich bisher in anmutigen geistlichen Gesprächen erging. Da
Maria sah, wie betrübt ihre Verwandten waren, sprach sie ihnen Trost
zu und ermahnte sie, sich in allem ganz in das zu ergeben, was der Allerhöchste
verfüge.
Die Abreise Marias aus dem Hause
des Zacharias
Als der Tag gekommen war, an dem die Mutter
des inkarnierten Wortes nach Nazareth heimkehren mußte, sprach die
Gottesmutter ganz von Liebe zu ihrem Gott entflammt mit Zacharias und Elisabeth
in Gegenwart auch des heiligen Joseph, ihres Bräutigams, und des kleinen
Johannes. Sie bat um die Erlaubnis, heimkehren zu dürfen, denn der
Allerhöchste wolle das so. Elisabeth wollte sich ihr zu Füßen
werfen, Maria ließ aber das nicht zu, denn sie war so demütig,
daß sie sich von niemanden an Demutsakten übertreffen lassen
wollte. Zacharias weinte, denn auch ihn schmerzte es, der ganzen Tröstung
durch sie entbehren zu müssen. Doch mehr als jeder andere litt darunter
der kleine Johannes. Er brachte seinem Gott ein ganz schweres Opfer, als
er sich völlig dem göttlichen Willen überließ.
Maria wußte wohl, daß sie bei
ihrer Abreise die Herzen derer mit sich führe, die sie so sehr liebten.
Deshalb erwies sie sich ihnen überaus dankbar und versprach, sie werde
sie nicht vergessen, sondern sich in ihren Gebeten beständig an sie
erinnern; auch wenn sie jetzt dann dem Leibe nach einander fern seien,
seien sie im Geist doch stets miteinander vereint.
Maria hielt den kleinen Johannes zum letzten
Mal in ihren keuschen Armen und brachte ihn aufs Neue Gott dar. Dabei führte
Johannes mit dem inkarnierten Messias viele Gespräche und bat ihn,
das Opfer seiner selbst anzunehmen. Er dankte ihm, lobte und pries ihn
und bat ihn um seinen beständigen Beistand; er neigte sein Haupt und
erbat seinen Segen, der ihm reichlich zuteil wurde. Das gleiche tat er
gegenüber der Jungfrau, die in prophetischem Geist alles, was Johannes
innerlich tat, gut zu sehen vermochte.
Als sich der Schmerz des Zacharias und der
Elisabeth ein wenig gelegt hatte, bat die heilige Jungfrau Zacharias, das
von ihm verfaßte Loblied in Gegenwart ihres Bräutigams Joseph
noch einmal zu wiederholen, um so Gott gemeinsam zu loben und zu preisen.
Nachdem Zacharias den Gesang beendet hatte,
bat er Maria, wie bei der Ankunft in seinem Haus ihr Preislied vorzutragen.
Maria sprach es so beseelt und anmutig, daß sie allen eine große
Tröstung brachte und man sich allgemein freute. Gemeinsam lobpriesen
sie Gott, vor allem der keusche heilige Joseph, da ihm ein solch schönes
Los beschieden war, eine so verdienstvolle und mit so seltenen Vorzügen
versehene Braut sein eigen zu nennen.
Bevor jedoch Maria abreiste, wollte Elisabeth
mit ihrer lieben Verwandten unter vier Augen sprechen, einzig in Gegenwart
des kleinen Johannes. Sie wollte dabei das göttliche Wort anbeten,
das Maria in ihrem jungfräulichen Schoß trug. Sie zogen sich
zurück und auch Joseph zog sich mit Zacharias zurück, der zu
ihm von den vielfältigen Tugenden seiner heiligen Braut sprach und
über das Glück, von Gott eine so verdienstvolle Jungfrau zur
Gefährtin zu erhalten. Während sie miteinander redeten, war Elisabeth
bei Maria und erbat ihren Segen; auch bat sie, ihr die Freude zu machen,
sie das inkarnierte Wort anbeten zu lassen, das sie in ihrem reinsten Schoß
trug; um das gleiche bat ihr Söhnchen Johannes, und Maria machte ihnen
die Freude. Elisabeth warf sich auf die Knie, betete den Messias im jungfräulichen
Schoß in tiefer Verehrung an und weihte sich ihm ganz. Dann setzte
sie den kleinen Johannes auf den Boden und er verneigte sich tief und betete
den Messias innig an. Er gab sich ihm aufs Neue ganz hin und bat ihn von
Neuem, ihn zusammen mit seiner Mutter Elisabeth zu segnen. Nachdem sie
den Segen des inkarnierten Wortes empfangen hatten, standen sie auf; Elisabeth
dankte der Gottesmutter für die ihr und ihrem Sohn erwiesene Gunst
und grüßte sie zum letzten Mal.
Elisabeth dachte nämlich, sie werde nie
mehr das Glück haben, ihre geliebte Verwandte zu sehen, denn sie hielt
sich wegen ihres Alters für unfähig, sie in Nazareth zu besuchen,
und die heilige Jungfrau kehrte nicht mehr in diese Bergregion zurück,
denn sie hatte nun ausgeführt, was der Allerhöchste angeordnet
hatte, um seinen Vorläufer zu heiligen. Maria reiste mit ihrem Bräutigam
Joseph ab und ließ diese Familie ganz geheiligt zurück.
Was Johannes in der Heiligen
Nacht tat und wie er sich nachher verhielt
Am Abend vor der Geburt des Heilands fand
der Kleine keinen Schlaf, sondern verharrte schweigend ganz mit seinem
Gott vereint. Er hätte gern gewußt, weshalb er nicht schlafen
konnte, was für ihn neu war. Er sagte sich: "Vielleicht will mein
Gott etwas von mir. Und vielleicht kommt in dieser Nacht mein Heiland zur
Welt, denn es sind doch schon neun Monate seit der Inkarnation vorbei!"
Johannes verlangte, ihn anzubeten, und erst recht, ihm zu dienen und ihn
zu sehen. So verbrachte er die Zeit bis Mitternacht im Wunsch, seinen inkarnierten
Gott zu sehen und anzubeten.
Da leuchtete auf einmal ein übergroßer
Glanz auf. Es war ein Engel, der ihm die ersehnte Nachricht von der Geburt
des Messias brachte. Da erhob sich der kleine Johannes auf dem Bettlein
und betete das Fleisch gewordene Wort überaus tief an. Auch Elisabeth
wurde davon benachrichtigt; Maria hatte ihr versprochen, ihr davon Kunde
zu geben. Die heilige Frau stand auf, kniete nieder und betete den nun
geborenen Messias an; sie fand auch den kleinen Johannes in Anbetung versunken.
Sie nahm ihn und setzte ihn auf den Boden. Das Knäblein wandte sein
Gesicht in die Richtung, in der sein Heiland war, und beugte sich ganz
zur Erde nieder, um ihn anzubeten und sich ihm ganz hinzugeben.
Seine Mutter verwunderte sich über diese
Geste ihres Sohnes und stellte sich vor, daß sich der Messias in
jener Richtung befinde; auch sie wandte sich dahin und betete ihn gemeinsam
mit ihrem Sohn an.
Die heilige Frau weinte vor Freude und auch
Johannes vergoß viele Tränen, denn da er gewürdigt worden
war, im Geist seinen Herrn zu sehen, der weinend auf Heu lag, weinte auch
er aus Rührung und Liebe und verharrte unter Tränen am Boden,
um sich seinem Mensch gewordenen Gott beizugesellen, denn er war verwundert
und erstaunt, seinen Herrscher so arm in einem Stall zu erblicken. Er verehrte
die heiligste Jungfrau und beglückwünschte sie zur Geburt des
Messias, der Frucht ihres Schoßes. Er weihte sich aufs Neue seinem
Gott und verweilte eine Zeitlang bei der Betrachtung der Größe
des inkarnierten Wortes. Johannes hatte diese so schöne Gunst verdient,
da doch manchen Heiligen die Gnade gewährt wurde, sich im Geist an
anderen Orten zu befinden. Erst recht war es passend, daß sich der
Vorläufer des Messias bei der Geburt Jesu in der Grotte befand und
sich an den Feiern freute, welche die Engel in dieser glückseligen
Nacht veranstalteten.
Während Elisabeth ihr Gebet fortsetzte,
hielt sich Johannes im Geist in der heiligen Grotte von Betlehem auf, freute
sich, den Himmel zu sehen, und beobachtete, was geschah. Er sah die große
Armutsliebe und faßte große Zuneigung zu einer so hohen Tugend.
Somit achtete er auf die Entbehrungen Jesu
und auf alles andere, um es nachahmen zu können. Er sagte sich: "Wenn
mein Gott auf die Welt gekommen ist, um uns das Beispiel zu geben, wie
wir leben sollen, und wenn alle ihn nachahmen müssen, muß erst
recht ich ihn nachahmen, der ich sein Vorläufer bin und gehen soll,
um die Seelen zur Aufnahme des Messias zu bereiten."
In dieser Nacht wurden dem Vorläufer
viele Gnaden zuteil und er hatte über das Weihnachtsmysterium viele
Erleuchtungen. Sein Geist schwamm in einem Freudenmeer, obwohl er auch
an Betrübnis darüber litt, daß sein menschgewordener Gott
in so vielen Nöten war und selbst Notwendiges entbehrte. Das große
Mitleid, das er empfand, zerriß ihm das Herz, da er aber einsah,
daß alles der göttlichen Anordnung entsprach, ergab er sich
in den Willen Gottes, jedoch mit dem tiefen Verlangen, es ihm in vielem
gleichzutun, und schon jetzt nahm er sich vor, ein Leben der Buße
zu führen.
Nach einigen Stunden kam der kleine Johannes
wieder zu sich und seufzte schwer, da er seinen Gott in solcher Armut und
in einer Futterkrippe für Tiere auf Heu gebettet gesehen hatte...
Von da an begann der kleine Johannes länger
zu fasten und nahm manchmal ganze Tage keine Milch zu sich.
Die Mutter, die in allem klug und besonnen
war, schwieg sich über alles Wunderbare, das sie an ihrem Sohn sah,
gänzlich aus, was den kleinen Johannes sehr freute.
Als der Knabe zu gehen begann, war es etwas
Wundersames, zu sehen, wie oft er seinem Gott und dem menschgewordenen
Wort gegenüber Akte der Anbetung vollzog. Johannes begann auch, freilich
so geheim als er konnte, des Nachts aufzustehen und seinen Gott und das
menschgewordene Wort tief anzubeten.
Aus seiner Liebe zur Zurückgezogenheit
schlossen seine Eltern, daß ihr Sohn zur Einsamkeit berufen sei.
Die Nächstenliebe und Demut
des hl. Johannes im Kindesalter
Groß war die Liebe des kl. Johannes
zu Gott und zum Nächsten, die in seinem Herzen glühte. Wenn er
über die Verheerung nachdachte, welche die Sünde unter so vielen
leichtsinnigen Seelen anrichtet, weinte Johannes bitterlich.
In prophetischem Licht erkannte unser Heiliger
die Bedürfnisse aller, die geistlichen wie die irdischen, und betete
deshalb sehr inständig für alle, damit Gott sie mit dem Nötigen
versehe. Die geistlichen Bedürfnisse beschäftigten ihn erst recht.
Wie viele Tränen vergoß er, um die göttliche Güte
anzuflehen, die Seelen aus der Sklaverei der Sünde zu befreien. Er
betete fortwährend darum, daß Gott nicht mehr beleidigt werde.
Unser heiliger Knabe erhielt vom menschgewordenen
Wort die Gunst, Tag für Tag Jesus im Geist zu sehen und sich mit ihm
eine Weile zu unterhalten. Dadurch lernte er die wahre Wissenschaft und
das richtige Verhalten Gott, dem Nächsten und sich selbst gegenüber
schon in diesem zarten Alter, denn der Heiland unterwies ihn und beseelte
ihn mit den Gefühlen, die er selbst hatte. Der Kleine wurde so sein
vollkommener Nachahmer. So gab es keinen Heiligen, der - auch im reifen
Alter - ihn an Heiligkeit gleichgekommen wäre. Er war auf allen Wissensgebieten
so sehr erleuchtet, daß er in seinem Wissen sämtliche Gesetzeslehrer
übertraf, denn er hatte sein Wissen an der Quelle allen Wissens geschöpft
und besaß auch das eingegossene Wissen. Unser Heiliger war so Prophet,
Lehrer, Märtyrer, unbefleckt jungfräulich und heilig. Schon im
Mutterschoß wurde er geheiligt und mit allen Vorzügen ausgestattet,
welche die Sendung, zu der er von Gott erwählt worden war, verlangte.
...Verfolgung des Messias durch
Herodes...
Während die heiligen Eltern zusammen
mit ihrem Sohn in aller Ruhe und tiefer Freude lebten, vernahmen sie, daß
Herodes dem Leben des auf die Welt gekommenen Erlösers nachstellte,
und sie wurden deswegen so traurig, daß der alte Zacharias in tiefe
Melancholie fiel. Er betrübte sich umso mehr, als er hörte, der
ruchlose Herodes habe den Befehl gegeben, in Betlehem und der ganzen Umgebung
alle Knäblein zu töten. Der heilige alte Mann bat Gott inständig,
nicht zuzulassen, daß er einen so schrecklichen Mord erleben müsse.
Gott erhörte seinen Diener und nahm ihn durch eine kurze Krankheit
aus dem Leben. Seine Seele wurde in die Vorhölle gesandt, wohin er
die gute Nachricht brachte, daß der Erlöser auf die Welt gekommen
sei.
Der kleine Johannes betrauerte den Verlust
eines so würdigen Vaters. Das Knäblein konnte zwar noch nicht
sprechen, doch genügte seine bloße Gegenwart, den todkranken
Vater zu trösten. Der Kleine kniete ganz ernst nieder und erbat stammelnd
den Segen seines sterbenden Vaters, der ihn in liebevoller Zärtlichkeit
segnete. Dann drückte Zacharias ihn in Vaterliebe an die Brust und
sagte bei der Umarmung in prophetischem Geist, er werde Johannes in der
Vorhölle erwarten und hoffe, daß bei dessen Ankunft die Befreiung
aus diesem Kerker durch die nahe Erlösung sehr bald bevorstehe.
Von da an wußte der Vorläufer,
daß er vor dem Erlöser sterben werde. Es kamen dann die Besuche,
um Elisabeth ihr Beileid auszudrücken. Bei diesen Besuchen, die Elisabeth
empfing, gaben ihr alle den Rat, ihren Sohn an einen sicheren Ort zu bringen,
denn die Verfolgung durch den König Herodes steigerte sich und dehnte
sich auch auf das dortige Gebiet aus. Elisabeth wußte freilich, daß
ihr Sohn als Vorläufer des Messias bei dieser Verfolgung nicht ums
Leben kommen werde, hielt es jedoch für gut, ihn in Sicherheit zu
bringen. Als sie eines Tages besonders innig betete, wurde sie von Gott
erleuchtet und erfaßte ganz klar, was sie tun solle, um der Weisung
Gottes nachzukommen, nämlich das Haus zu verlassen und mit ihrem kleinen
Johannes in die Wüste zu gehen und sich dort aufzuhalten, bis die
Verfolgung vorüber sei.
Die heilige Frau fügte sich in die Göttliche
Vorsehung und ergab sich, obwohl ihr das sehr schwer fiel, in allem in
den Willen Gottes. Der kleine Johannes indes freute sich überaus,
als die ersehnte Stunde gekommen war, da er nun seinen Wunsch stillen konnte,
aus Liebe zu Gott Hunger, Kälte, Entbehrung und allerlei andere Unbilden
zu erdulden.
Die heilige Frau Elisabeth ordnete ihr ganzes
Hauswesen, gab reichliche Almosen und hieß ihr zugetane treue Personen
bis zu ihrer Rückkehr über alles zu wachen.
Lateinisch-deutscher Hymnus auf
Johannes den Täufer:
UTqueant laxis
REsonare fibris
MIra gestorum
FAmulis
tuorum
SOlve polluti
Labii reatum
Sancte Johannes
Daß sie mit fester Stimme
die Wunder deiner Taten
verherrlichen können. -
löse deine Diener von der Schuld
unreiner Lippen, -
heiliger Johannes!
Guido von Arezzo OSB
Mit den Anfangssilben des lateinischen
Hymnus (UT, RE, Mi, FA, SO) bezeichnete Guido von Arezzo die Stufen
der Tonleiter, die damit ihre festen Bezeichnungen
erhielten. So ging die Verehrung des heiligen Johannes des Täufers
auch in die Musikgeschichte ein. Dank seines Systems wurde Guido von Arezzo
der Erfinder der mittelalterlichen Notenschrift (Notation), die von Papst
Johannes XIX. bestätigt wurde.
Elisabeth und Johannes in der
Wüste
Sich ganz der Göttlichen Vorsehung anheimgebend
zog sich Elisabeth tief in diese schreckliche Einöde zurück.
Sie machte sich einzig Sorge um ihren Sohn, doch dieser tröstete sie,
indem er sich ihr höchst erfreut darüber zeigte, fern vom Getriebe
der Welt in dieser Einsamkeit zu weilen. Die Heilige beruhigte sich, als
sie ihren Sohn so zufrieden sah. Sie wußte auch, daß ihre Verwandte
Maria sich in Ägypten unter feindlichen und ungläubigen Menschen
befand, weil sie dorthin gegangen war, um das Leben des Erlösers zu
retten. Elisabeth fand viel Trost darin, daß auch sie an dieser Not
teilhatte und große Beschwerden erlitt, damit der Vorläufer
Jesu am Leben blieb. Sie war über die Ursache so vieler leidiger Dinge
nie erbittert und beklagte sich nicht über die Tyrannei des ruchlosen
Herodes, sondern betete die göttlichen Zulassungen an. Sie gedachte,
sich in dieser Einöde noch mehr zu heiligen. Sie hatte die Heilige
Schrift ( = AT) mit sich genommen, und da sie sehr begabt und gut unterrichtet
war, las sie mit ihrem Sohn oft darin und verstand, vom Heiligen Geist
erleuchtet, alle darin enthaltenen Mysterien.
So verging zumeist zu ihrer tiefen Freude
die Zeit in dieser schrecklichen Einöde. Sie baute sich ein Hüttchen,
in das sie sich am Abend mit ihrem Kind zurückzog, um es irgendwie
vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Oft wurde sie auch von Engeln,
welche Maria zu ihr sandte, besucht und zum Leiden gestärkt und aufgemuntert.
Häufig brachten sie ihr auch die Speise, die ihre heilige Verwandte
ihr schickte, damit sie und ihr Kind ihr Leben fristen konnten.
Es läßt sich leicht erzählen,
wie freudig gestimmt unser kleiner Johannes an diesem Ort der Buße
und der Einsamkeit war; wie gern er Hunger und Durst ertrug und jede andere
Schwierigkeit an diesem Ort, wo es an allem Notwendigen mangelte und nur
wilde Tiere heimisch sein konnten. Es wimmelte von solchen; sie taten aber
unsern beiden Heiligen kein Leid an, ja sie verhielten sich manchmal zu
ihnen wie milde Lämmer. Elisabeth verbrachte viele Stunden im Gebet
und dachte über die Großtaten Gottes und die Wunderwerke der
Göttlichen Vorsehung nach.
Der Knabe Johannes war so sehr in die Betrachtung
versunken, daß er zur Verwunderung seiner Mutter ganze Tage lang
nicht davon abließ. Elisabeth wagte nie, ihn zu stören, und
obwohl es ihr sehr schwer fiel, ihn so lange ohne Nahrung zu lassen, riß
sie ihn nie aus seinen Gebeten. Im Sommer sah sie ihn den ganzen Tag den
Sonnenstrahlen ausgesetzt, und im Winter vor Kälte schlotternd, ließ
aber, um den Sohn nicht zu stören, ihn nie ein Wort der Klage und
des Mitleids vernehmen. Sie wußte ja, daß er unter dem Schutz
des Himmels stand und daß die Hand des Allerhöchsten ihn leitete
und stützte.
So brachten unsere beiden Heiligen ihr Leben
in dieser schrecklichen Wüste zu. Elisabeth verließ sie nicht,
bis sie, als der Erlöser nach dem Tod des Herodes von Ägypten
heimkehrte, eine himmlische Weisung erhielt. In dieser Zeit ließ
Gott die Kleider der beiden sich nicht abnützen und die des Knaben
Johannes seinem Wachstum entsprechend wachsen, worüber sich unsere
beiden heiligen Menschen sehr verwunderten und wofür sie ihrem Gott
liebevoll dankten.
In dieser Wüste erfuhr Elisabeth, wie
sehr Gott für seine Kinder sorgt. Obwohl sie schon älter und
in ihrem Haus in Behaglichkeit aufgezogen worden war, verspürte sie
in dieser Einöde nie Schwäche oder Überdruß, sondern
eine tiefe Freude, und in allen Unbehaglichkeiten fand sie große
Befriedigung, denn wenn der Leib litt, wurde der Geist sehr getröstet
und gestärkt, weil Gott oft in ihr Einkehr hielt und sie mit Freude
und Trost erfüllte. Die Heilige hatte viel Gelegenheit, die große
Güte und Liebe Gottes gegenüber solchen zu erfahren, die ihm
treu dienen, und konnte deshalb nie genug mit ihrem Sohn Johannes darüber
sprechen. In diesen heiligen Zwiegesprächen entflammten sie ihr Herz
zur Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott, der sich ihnen als so wohltätig
und freigebig erwies. Die Zeit verging für sie in dieser schrecklichen
Einöde fast unbemerkt, weil sie viele Stunden in der Betrachtung und
in heiligen Gesprächen verbrachten, so daß ihnen jeder Tag wie
im Traum verging.
Der kleine Johannes wuchs stark heran und
sprach trefflich und wunderbar von göttlichen Dingen, und Elisabeth
hörte ihm mit Freudentränen zu. Sie verwunderte sich über
die große Weisheit ihres Sohnes und war sich bewußt, daß
ihn der Himmel alles gelehrt hatte und daß der Heilige Geist sein
Lehrer war sowie Jesus, der ihn im Geist besuchte und von dem er viele
Erleuchtungen und Unterweisungen erhielt.
Der Teufel tobte, als er das Leben des Johannes
gerettet sah, und konnte nicht herausfinden, wer dieser sei. Während
die Hölle wütete, erfreuten sich unsere Heiligen in der Wüste
des Friedens, liebten und lobten ihren Gott und bereicherten ihre Seele
mit Verdiensten, um sich für alle Ewigkeit ihrer Frucht zu erfreuen.
Elisabeth kehrt heim, Johannes
bleibt in der Wüste
Die Verfolgung durch Herodes war vorbei. Ein
Engel teilte dies Elisabeth mit, die sich mit ihrem Sohn Johannes in der
Wüste aufhielt und viele Unbilden zu dulden hatte, sich aber in ihrem
Geist göttlicher Tröstungen erfreute. Sie wäre bis ans Ende
ihres Lebens hier geblieben; da sie sich aber stets nach dem Willen Gottes
richtete, wählte sie nie das, was sie wollte, sondern nur, was Gott
gefiel, und war darauf bedacht, seinen Anordnungen genau nachzukommen.
Die ihr vom Engel überbrachte Weisung war für sie eine Erleichterung,
denn sie vernahm die von ihr ersehnte Kunde, daß die Verfolgung durch
Herodes und die Ermordung so vieler armer Knäblein zu Ende sei; andererseits
brachte sie einen großen Schmerz mit sich, denn der Engel wies sie
auch an, ohne ihren geliebten Sohn Johannes heimzukehren; dieser müsse,
weil Gott es so wolle, in dieser schrecklichen Wüste allein zurückbleiben.
Diese Nachricht war für sie wie ein Schwert,
das der heiligen Frau durchs Herz drang, denn sie gedachte keineswegs,
ihre letzte Lebenszeit ohne ihren geliebten Sohn zu verbringen, sondern
hoffte, ihn zu ihrem Trost beim Sterben in ihrer Nähe zu haben. Das
war für Elisabeth eine sehr schmerzliche Trennung, ein Schwert, das
sie bis zum Tod im Herzen trug. Obwohl sie sich ganz nach dem Willen Gottes
richtete, war das für sie ein beständiger großer Schmerz.
Jesus wollte der heiligen Frau ein Stücklein jenes Schmerzes schenken,
den seine heilige Mutter erlitt, als ihr schon gleich am Anfang von Simeon
gesagt wurde: "Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen." Und
es war auch gerecht, daß es Elisabeth ähnlich ging wie ihrer
Verwandten Maria, da sie auch an deren Gunsterweisen und an der Freude
teilhatte, als sie ihres Besuches gewürdigt worden war. Darum sollte
sie auch an den Leiden teilhaben und selber auch das Schwert im Herzen
erdulden, weil sie des einzigen Sohnes beraubt wurde und wußte, daß
sie ihn an einem Ort zurückließ, wo er viel auszustehen hatte.
Ihr Sohn Johannes war innerlich sehr erfreut
über diese Weisung, umso mehr, als sie seinen Herzenswünschen
entsprach, und er dankte Gott für die ihm erwiesene große Gunst.
Er unterließ es aber nicht, seine heilige Mutter zu beruhigen; er
gab ihr viele tröstliche Gedanken ein und bat Gott, ihren Schmerz
zu lindern, aber Gott ließ sie ihn sehr lebhaft verspüren, um
ihr Gelegenheit zu geben, sich noch mehr verdient zu machen. Je stärker
nämlich die Heilige den Schmerz verspürte, desto mehr empfahl
sie sich Gott an und richtete sich nach dem göttlichen Willen, wodurch
sie sich bei Gott große Verdienste erwarb.
Elisabeth hielt sich noch eine Weile bei ihrem
Sohn auf in Erwartung des Knechtes, der sie heimführen sollte. Dieser
kam sofort nach dem Tod des Herodes, gerade dann, als Maria von Ägypten
aufbrach und nach Nazareth heimkehrte. Elisabeth wußte alles und
sagte zu sich: "Die Mutter des Messias, meine Verwandte, kehrt heim, aber
nicht ihres Sohnes Jesus beraubt. Auch ich kehre heim, aber allein und
meines Sohnes Johannes beraubt. Ich freue mich jedoch, daß Gott das
verfügt, denn so ist es sein Wille. Wenn nur seine Anordnung erfüllt
wird, bin ich zufrieden und gebe meinem Gott meinen Sohn und alle meine
Freude hin; ich nehme den Schmerz auf mich, um den Willen meines Gottes
auszuführen."
So fügte sich Elisabeth in heroischen
Tugendakten. Nie stieß sie ein Wort der Klage aus, obwohl ihr Schmerz
grausam war, und sie mißbilligte die Anordnungen des Allerhöchsten
nie, sondern erwies sich in allem voll und ganz als gleichgesinnt mit der
heiligen Jungfrau, ihrer Verwandten. Sie setzte alle Belehrungen, die diese
ihr während der drei Monate, in denen sie bei ihr daheim war, gegeben
hatte, getreu in die Tat um und nutzte so die ihr von Gott geschenkten
Gaben gut.
Die heilige Frau zeigte sich nicht in ihren
Sohn verliebt, sondern behandelte ihn wie früher in gewohnter Klugheit
und Großmut. Nur sehnte sie sich in der kurzen Zeit, in der sie noch
mit ihm zusammen war, nach heiligen Gesprächen mit ihm, ließ
sich aber nie von Mutterliebe und Eigenliebe besiegen, sondern beließ
ihrem Sohn seine Freiheit. Sie wollte ihn nie am Beten und an seinen Gesprächen
mit Gott bei der Betrachtung der himmlischen Dinge und der göttlichen
Eigenschaften hindern. Sie blickte ihn oft an, so, daß der Sohn es
nicht gewahrte, und sagte zu sich: "Mein lieber Sohn! Bald muß ich
dich in dieser Einöde lassen. Ich werde nicht mehr das Glück
haben, dich wiederzusehen und mit dir zu sprechen. Wie kurz war doch meine
Freude, wie wenige Jahre konnte ich mich des Zusammenseins mit dir erfreuen!
Ich hoffe jedoch, es die ganze Ewigkeit hindurch wieder zu genießen,
wenn wir das Glück haben werden, in die Freude unseres Gottes Einlaß
zu finden." So tröstete sich die Heilige mit der Hoffnung auf die
ewigen Freuden.
Der Knabe Johannes freute sich, daß
seine Mutter so sehr in den göttlichen Willen einstimmte. Obwohl er
wußte, daß sie sehr betrübt war, sah er, wie sie in ihrem
Schmerz mit Gott einig blieb. Und er freute sich auch, daß sie sich
gegenüber ihm selbst von solcher Festigkeit und Klugheit erwies, wie
er es wünschte, und daß sie in sich keine übertriebene
Mutterliebe aufkommen ließ.
Schließlich traf der Diener ein mit
der Nachricht, der König Herodes sei gestorben; Elisabeth könne
mit dem geliebten Sohn in Sicherheit heimkehren; die Verfolgung habe aufgehört;
nun könne sie sich des Zusammenseins mit ihrem Sohn erfreuen; sie
brauche keine Angst mehr zu haben. Bei der Ankunft des Dieners wurde Elisabeth
von Schmerz überwältigt, unterwarf sich aber sogleich dem göttlichen
Willen, wie sie es stets getan hatte. Sie verabschiedete sich vom geliebten
Sohn, und obwohl ihre zärtliche Mutterliebe sie zum Weinen zwang,
blieb die Heilige stark und zeigte keine Schwäche.
Sie befahl ihren Sohn der Göttlichen
Vorsehung an im sicheren Vertrauen darauf, daß er in seinem noch
jungen Alter vom Himmel geschützt werde. Der Sohn kniete nieder, um
den Muttersegen zu empfangen. Auch dankte er ihr herzlich für das
aus Liebe zu ihm erduldete Leiden und versicherte sie des Lohnes, den die
großmütige Hand ihres Gottes für sie bereithalte. Er versprach
ihr, ihrer in seinen Gebeten stets zu gedenken, sagte ihr Dank für
alles, was er von ihr erhalten hatte, und bat sie, ihn Gott anempfohlen
zu halten, damit er den göttlichen Plan und die Sendung, mit der Gott
ihn beauftragt habe, vollkommen ausführen könne. Sie unterhielten
sich noch eine Zeitlang in heiligen Gesprächen. Schließlich
gab Elisabeth ihrem geliebten Sohn den heiligen Segen und verabschiedete
ihn mit den Worten: "Sohn, bleibe in Frieden! Ich vertraue dich Gott und
der Sorge der Göttlichen Vorsehung an. In diesem Leben werden wir
uns nicht wiedersehen, darum empfehle ich dir meine Seele, damit ich mit
Hilfe deiner Gebete meine Tage glücklich beenden kann und wir uns
in der anderen Welt, in der Vorhölle, wiedersehen, wo wir miteinander
auf die Auferstehung warten werden."
Das und Ähnliches sagte die heilige Frau
zu ihm, und nachdem sie ihn gesegnet hatte, ging sie fort und kehrte nach
Hause zurück. Dort lebte sie heilig während ihres ganzen Restes
ihres Lebens, der kurz, aber voller Verdienste war, denn sie opferte sich
selbst und ihren einzigen Sohn beständig Gott auf. Je stärker
sie unter Heimweh litt, desto mehr vereinte sie sich mit dem göttlichen
Willen und dankte Gott für das, was er zu ihrem Wohl angeordnet hatte.
Gott unterließ es nicht, sie zu trösten und sandte oft den Engel
zu ihr, um ihr Nachrichten von ihrem geliebten Sohn zu geben, der in dieser
schrecklichen Einöde immer heiliger wurde. Elisabeth freute sich sehr
darüber; sie war frohgemut und sagte Gott Dank.
Die Heilige setzte auch daheim die Vereinigung
mit Gott fort, in die sie durch die beständige Betrachtung, in der
sie sich geübt hatte, in der Wüste hineingewachsen war. Sie lebte
allen Tugenden nach, bis sie nach heilig verbrachten Jahren reich an Verdiensten
im Ruf einer großen, gütigen Frau starb und in die Vorhölle
kam, wo sie blieb, bis nach der Erlösung der Menschen die darin harrenden
Seelen vom Erlöser befreit wurden.
... Johannes allein in der Wüste...
Der Knabe Johannes, der ohne seine Mutter
und ganz der Göttlichen Vorsehung überlassen in der Wüste
zurückgeblieben war, weihte sich von neuem seinem Gott. er sagte:
"Hier bin ich, mein Gott, in dieser Einsamkeit. Ich werde hier bleiben,
solange es dir gefällt. Mach mit mir, was du willst, ich erkläre,
daß ich hier bin, um deinen göttlichen Willen zu erfüllen.
Verfüge über mich nach deinem göttlichen Wohlgefallen."
Der heilige Knabe fühlte sich seinem Gott besonders verpflichtet,
weil dieser angeordnet hatte, es solle allein in der Wüste zurückbleiben.
Und er sagte sich: "Ich muß ein Leben der Buße führen,
denn mein Gott hat es so verfügt, daß ich mich ohne menschlichen
Beistand in dieser Einöde aufhalte."
Johannes verweilte deshalb den ganzen Tag
im Gebet, am Abend nährte er sich mit Kräutern und Kleintieren,
die er in der Wüste fand. Zuweilen verzichtete er auch auf sie und
fastete ganze Tage lang. Die wilden Tiere hielten sich beim heiligen Knaben
auf und legten sich, wie wenn sie sanfte Lämmer wären, zu seinen
Füßen nieder.
Der höllische feind bebte vor Wut, als
er auf der Welt etwas so Neues sah. Er fragte sich, wozu dieser Knabe wohl
da sei, und befürchtete, er sei dazu da, ihn viel zu bekriegen. Deshalb
wollte er ihn zu Fall bringen. Am meisten ärgerte er sich darüber,
daß er sich dem heiligen Knaben nicht nähern konnte, da er eine
höhere Macht verspürte, die ihn von ihm abhielt. Sämtliche
Angriffe, die der Feind anzettelte, wurden vereitelt.
Wenn die Sonne glühte, wurden ihre heißen
Strahlen vom Knaben ferngehalten durch ein kleines Wölklein, das die
Hitze von ihm abhielt und ihn ein überaus angenehmes Lüftchen
verspüren ließ, das ihn ganz erfrischte. Er wußte, daß
es himmlische Geister waren, die ihn auf Geheiß Gottes so erquickten,
und er zeigte sich dankbar und sagte Gott immer den gebührenden Dank.
Er verbrachte auch manche Stunden im Tag mit dem Lesen der Heiligen Schrift
und vertiefte sich in die Stellen, die vom Kommen des Messias in die Welt
sprachen. Sein Geist freute sich dabei sehr, denn er verstand alle, auch
die dunkelsten Stellen sehr gut, da sie ihm vom Heiligen Geist erschlossen
wurden. Nichts ging ihm schwer in seinen Kopf ein; er war auch in diesem
noch so jungen Alter schon sehr weise und gut unterrichtet. Er verstand
und erfaßte alles mühelos und leicht, so daß die Tage
fast unbemerkt vorübergingen. Er betete oft in tiefer Verehrung Gottvater
und das Mensch gewordene Wort an und es war für ihn eine Freude, Akte
der Hingebung an Gott zu verrichten, denn in diesem jungen Alter konnte
er noch nichts anderes leisten.
Zuweilen sang er laut das von seinem Vater
Zacharias verfaßte "Benediktus" und empfand dabei tiefe Freude, betrachtete
alle darin enthaltenen Mysterien und dankte Gott dafür, daß
er sie durch seinen Vater der Welt bekannt zu geben gedachte.
Wenn Johannes über das Elend der Menschen
nachsann, betrübte er sich und beweinte heftig das Verderben der Seelen,
die den Einflüsterungen Luzifers folgen; beim Nachdenken darüber
verbrachte der Knabe ganze Tage unter Tränen und ohne zu essen. Dann
sandte der Herr Engel, um ihn mit ihren Liedern zu erfreuen, und sie reichten
ihm nachher Früchte zur Speise. Wiederholt erwies ihm Gott diese Gunst,
weil Johannes noch so jung war und keinen menschlichen Trost zur Verfügung
hatte. Andere Male hingegen schenkte ihm Gott soviel innere Freude und
solches Sattheitsgefühl, daß es ihm war, als habe er üppig
gespeist, wofür er Gott dankte.
Manchmal suchten Vögel den heiligen Knaben
auf, umkreisten ihn und erfreuten ihn mit ihren Melodien. Sie näherten
sich ihm, und der Knabe nahm sie in die Hände und liebkoste sie. Dabei
sann er über die Weisheit Gottes nach, der sie in solcher Ordnung
und Vielfalt geschaffen; er sah sich einen Vogel nach dem andern in seiner
Buntheit an und lobpries seinen Schöpfer. Wenn der Knabe selber dann
sang, schwiegen die Vögel und hörten ihm zu; war sein Gesang
zu Ende, setzten sie wieder gemeinsam ein und sangen eine schöne Melodie.
das veranlaßte Gott oft, um den Knaben zu entzücken.
Wenn dieser über die Vielfalt ihrer Arten
und ihrer Gesänge nachdachte, war der Knabe zuweilen entrückt
und stundenlang zu nichts fähig, weil er außer sich war. Dann
umkreisten ihn alle Vögel und sangen. Wenn er wieder zu sich kam,
entließ er sie; sie neigten den Kopf, um seinen Segen zu erbitten;
er segnete sie und alle flogen beglückt davon. Wieder allein, lobpries
er seinen Gott, dankte ihm und betete ihn niederkniend tief an.
In der Nacht zog sich Johannes in sein Hüttchen
zurück, das ihm seine Mutter aus Ästen und Zweigen gemacht hatte,
um ihn vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Er lag darin auf
dem Boden, um während kurzer Zeit ein wenig zu ruhen; dann stand er
auf, um zu beten. Um seinen Heiland zu huldigen, der zu dieser Stunde auf
die Welt kam, betete er um Mitternacht beständig und setzte sein Gebet
stundenlang fort. Er betrachtete dabei die Armut und die Demütigungen
des menschgewordenen Wortes und freute sich darüber, daß er
ihm in dieser Wüste arm und unbekannt Gesellschaft leisten durfte,
sagte aber oft: "Daß ich leide, geziemt sich für mich; daß
aber der Welterlöser leidet, das ist zuviel. Und welches Leiden, mag
es noch so groß sein, läßt sich mit dem des Sohnes Gottes
vergleichen?". Wenn ihn Hunger plagte, aß er oft Kräuterwurzeln.
Das glühende Verlangen nach Entbehrungen steigerte sich immer mehr
in ihm. Als er sah, daß sich an ihm das Wunder erneuerte, das Gott
in der Wüste für die Hebräer wirkte, daß er nämlich
nicht zuließ, daß ihre Kleider sich abnutzten, wünschte
er, daß seine Kleider verschlissen würden, damit er in Kälteperioden
mehr leide. Er beschloß jetzt schon, rauhe Kleider anzuziehen, wie
er es dann tat, als er das dazu notwendige Alter erreicht hatte.
Je mehr er leiblich litt, desto mehr freute
er sich geistig. Oft wurde er durch Besuche von Engeln beehrt, die ihm
wiederholt die Speise, die ihm von Maria gesandt wurde, Brot und Obst,
die er, weil ihm geschickt, mit großem Appetit aß. Es verging
kein Tag, an dem er nicht im Geist zum Welterlöser geführt wurde
und sich zu seiner unsäglich großen Freude liebevoll mit ihm
unterhielt.
Der heilige Knabe führte dieses Leben
in der Wüste bis zum Alter von zwölf Jahren. Nachher wollte ihm
der Herr noch viel mehr zu erdulden geben, denn nachdem er schon den Sieg
über das Fleisch und die Welt errungen hatte, sollte er auch über
den Teufel, ja über die ganze Hölle siegen, denn Gott ließ
zu, daß sich alles gegen ihn rüstete.
Kämpfe mit dem Teufel...
und die Siege... die geistigen Bedrängnisse...
Gott gestattete dem teufel, ihn zu versuchen
und ihm heftig zuzusetzen. Zuerst erlitt er eine große geistige Öde
und Betrübnis. Es war gerade dann, als der Welterlöser, der zum
Osterfest zum Tempel gepilgert war, zurückblieb und drei Tage lang
seiner Mutter Maria und seinem Nährvater Joseph fern, ihnen verborgen
war.
Eben damals verspürte der Knabe Johannes
in sich eine überaus große Trostlosigkeit, da Gott wollte, daß
er den Schmerz der jungfräulichen Mutter Jesu und des heiligen Joseph
teile. Er fühlte sich innerlich trostlos und überdies höchst
traurig und verängstigt.
Er ahnte etwas von dem Kummer, den die beiden
durchmachten, weil ihr Knabe Jesus verlorengegangen war, aber seine Ahnung
war nicht ganz klar, denn da er äußerst niedergeschlagen war,
konnte er die Erleuchtungen nicht erfassen, die Gott, auch wenn er seinen
treuen Diener noch so schwer prüfte, ihm doch zuweilen gab.
Wie die heilige Jungfrau war unser Heiliger
drei Tage hindurch in tiefster Betrübnis, Angst und Trostlosigkeit,
die er jedoch gefaßt erlitt.
Waren diese Tage der Betrübnis vorbei,
so ließ Gott nun dem bösen Feind mehr Spielraum, um ihn zu versuchen.
Der Feind ließ sich in vielerlei Gestalten erblicken. Mehrmals packte
er ihn am Hals, schleppte ihn durch die Wüste und ließ ihn dann
halbtot liegen. Der heilige Knabe wußte gut, daß es der höllische
Feind sei, und hatte deswegen nie Angst, sondern verachtete ihn ganz und
gar. Er sagte zu ihm: "Mach was du willst, ich fürchte dich nicht;
ich habe meinen Gott, der mir beisteht." Und er wandte sich inbrünstig
an seinen Gott und bat ihn, ihn in dieser Not nicht im Stich zu lassen.
Er verspürte die Kraft der göttlichen Hilfe und verachtete den
Feind mit aller Seelenstärke. Dieser wurde immer wütender, als
er sich von einem noch so jungen Knaben besiegt und verachtet sah.
Als der Heilige später wegen der Verteidigung
der Keuschheit das Martyrium erlitt, dauerte dieses nicht lange und war
nicht sehr schmerzvoll, denn er wurde aufs Mal enthauptet; in der Wüste
aber erlitt er die schrecklichsten Qualen, die sich der menschliche Geist
ausdenken kann, denn die ganze gegen ihn aufgebrachte Hölle ließ
ihn viele Leiden erdulden.
Manchmal schlugen die teufel ihn erbarmungslos,
so daß sein unschuldiger Körper davon lange dauernde blaue Flecken
und Wunden davontrug.
Weitere Kämpfe und Versuchungen
... und die erquickenden Besuche der Vögel
Die Teufel quälten unseren großen
Heiligen viele Jahre hindurch und er erduldete alles in großer Langmut.
Die rebellischen Geister, die nichts anderes zu tun hatten, spielten nämlich
ihr Spiel mit ihm und mißhandelten ihn, obwohl ihnen alles nur größere
Qual und Beschämung einbrachte, da sie sich immer wieder von einem
Knaben besiegt sahen, was diese stolzen Geister sehr ärgerte. Sie
begannen, ihn mit Einflüsterungen zu belästigen, denn sie wagten
nicht mehr, ihm offen entgegenzutreten.
Nachdem sich der Teufel viele Jahre vergeblich
bemüht hatte, zog er sich schließlich zurück und ließ
Johannes in Ruhe, denn er sah, daß er nichts erreichte, sondern im
Gegenteil dazu beitrug, daß der Heilige viele Verdienste erwarb,
er hingegen immer mehr Niederlagen einstecken mußte, da er ihn in
nichts besiegen konnte. Der heilige Jüngling errang über seine
Feinde den Sieg; da kamen Engel und bereiteten ihm Speise: Brot und Obst.
Sie sangen im Chor eine wohlklingende Melodie, lobten Gott und dankten
ihm, weil er seinem Diener Kraft und Gnade gegeben hatte.
Die vielen Widerwärtigkeiten, die der
Heilige in dieser Wildnis erduldete, kamen ihm wie nichts vor. Deshalb
wollte er auf die Kleider verzichten, die er von daheim mitgebracht hatte,
denn sie dünkten ihm zu fein. Weil sie sich durch die besondere Gnade
Gottes während all dieser Zeit nicht abgenützt hatten, trug er
sie mit großer Freude im Gedenken an das Wunder, das Gott gewirkt
hatte, denn sie hatten sich auch nicht nur nicht abgenützt, sondern
je mehr er wuchs, desto mehr vergrößerten sich auch seine Kleider.
Er wollte jedoch auf diese Freude verzichten und statt seines Gewandes
ein Kleidungsstück aus grobem Stoff anziehen, das besser geeignet
wäre, ihn zu quälen als ihn vor den Unbilden des Wetters zu schützen.
Da er aber nichts tat ohne sich zuerst im Gebet mit Gott zu beraten, wollte
er auch hierzu Gottes Willen vernehmen.
Gott billigte nicht nur sein Verlangen, sondern
besorgte ihm auch das, was er sich als Kleid wünschte. Das war an
einem Morgen, der auf eine ganz in Gebet verbrachte Nacht folgte. Als der
Tag anbrach und der heilige Jüngling sich vom Gebet erhob, erblickte
er bei sich ein von Engeln hergestelltes Kleidungsstück, ganz aus
Kamelhaaren gewoben und sehr grob, geeignet, ihn zu plagen. Es bedeckte
ihm den ganzen Körper, die Arme und die Beine und hatte die richtige
Größe. Als er das Kleid neben sich sah, jubelte er vor Freude,
zog sogleich seine Kleider aus und dieses so grobe Gewand an in großer
Freude seines Geistes und zu großem Trost seines Herzens, da er neue
Opfer bringen wollte.
Als Johannes sich umgekleidet hatte, kniete
er nieder und brachte sich aufs Neue seinem Gott ganz dar; er bat ihn,
diese seine Buße anzunehmen zur Sühne für seine Verfehlungen
und für die so vieler Geschöpfe. Von diesen konnte er das mit
Recht sagen, nicht aber von sich selbst, denn er war ganz unschuldig. Aber
je unschuldiger die Heiligen sind, desto mehr kommen sie sich als Sünder
vor, im Gegensatz zu den wirklichen Sündern, die als unschuldig und
fehlerlos gelten wollen, obwohl ihre Seele voller Sünden ist. Gott
nahm diese seine Hingabe an und sandte zum Zeichen seines Einverständnisses
zwei Engel, die sich mit ihm über sein neues Bußkleid freuen
sollten. Sie ermunterten ihn, jedes Leiden gern zu erdulden, denn das gefalle
Gott und seine Seele werde durch große Verdienste bereichert.
Tröstungen und Erleuchtungen
in der Wüste
Der heilige Johannes erlebte nie, daß
der Körper gegen den Geist rebellierte, machte jedoch innere Bedrängnisse
durch, lange Zeiten von Gefühl- und Trostlosigkeit, mit denen Gott
ihn prüfte. Zuweilen verweilte er ganze Tage im Gebet, ohne auch nur
einen Tropfen inneren Trostes zu erhalten. Insbesondere, wenn er vom Teufel
belästigt wurde, schien es, Gott habe ihn gänzlich im Stich gelassen
und der Macht seiner grausamen Feinde preisgegeben, und das nicht nur wenige
Tage, sondern ganze Jahre lang. Er ertrug dies jedoch in großer Geduld
und Gelassenheit und pries Gott und dankte ihm für alles, was er über
ihn kommen ließ.
Nach langen Prüfungen erfreute ihn Gott
mit einer so erhabenen Beschauung, daß er ganze Tage und Nächte
verbrachte, ohne es überhaupt zu bemerken. Die Tröstungen, die
sein Geist bei der Betrachtung der göttlichen Vollkommenheiten und
Eigenschaften erfuhr, waren so groß, daß man hätte meinen
können, er sei kein irdisches Geschöpf mehr, sondern ein ganz
himmlisches Wesen, denn er vermochte nicht mehr zu essen, sondern verbrachte
ganze Tage ohne überhaupt nur an essen zu denken, da er beständig
verzückt und entrückt war.
Der Heilige Geist, der ihn in allem, was er
tun sollte, unterrichtete, bereicherte ihn so sehr mit seinen Gaben, daß
es nach der heiligen Jungfrau und dem heiligen Joseph unter den Heiligen
niemanden gibt, der so sehr mit den sieben Gaben des göttlichen Geistes
erfüllt war. Er schenkte ihm große Erleuchtungen und stattete
ihn mit Wissen, Weisheit und jeder anderen seiner sieben Gaben aus. Obwohl
sich Johannes in dieser Einöde aufhielt, sah er weit entfernte Dinge,
drang durch die Gabe des Verstandes in die göttlichen Geheimnisse
ein und erfaßte die verborgensten Mysterien. Die Seele des Heiligen
war so sehr mit Gnadengaben bereichert, daß das menschgewordene Wort
ihn mit Recht vor vielen preisen und rühmen konnte mit den Worten:
"Unter
allen Menschen hat es keinen Größeren gegeben als Johannes den
Täufer."
Der Heilige, der sich so reich an Gnadengaben
wußte, machte es nicht wie einst der stolze Luzifer, sondern demütigte
sich und sah alles als Gabe Gottes an, deren er sich als höchst unwürdig
erachtete, wie sich dann am Jordan zeigte. Je mehr Gott ihn erhöhte,
desto mehr erniedrigte er sich und versenkte er sich in den Abgrund seines
Nichts; dabei wurde er göttlicher Gunsterweise und ausgesuchter Gnaden
umso würdiger.
Er verstand die Heilige Schrift sehr klar
und erfaßte alle Stellen so gut, wie wenn er alles, was die Propheten
schrieben, im Kopf gehabt hätte. Darum war ihm nicht nur das Mysterium
der Menschwerdung, sondern auch das ganze Leben, das Leiden, der Tod, die
Auferstehung und Himmelfahrt des ewigen Wortes bekannt, weswegen er ein
glühendes Verlangen hatte, für seinen Erlöser zu leiden
und zu sterben. Er erfaßte die große Liebe Gottes zum Menschengeschlecht
und das, was das menschgewordene Wort zum Heil der Menschen tun werde;
darum kam ihm alles, was er selbst erduldete, wie nichts vor, denn er wußte,
was der Erlöser erleiden müsse, um seine Geschöpfe zu erlösen.
Er sann über die unendliche Liebe und das Verlangen des Erlösers
nach, die Seelen zu retten, für die er dann sein kostbares Blut und
sein Leben hingab.
Dabei verspürte auch Johannes ein lebhaftes
Verlangen nach dem Heil der Seelen, das dem Heiland so teuer zu stehen
kommen sollte. Obwohl er so gern in dieser Einsamkeit weilte, hatte er
den glühenden Wunsch, sie bald zu verlassen, um zu predigen und das
Volk auf den Empfang und die Erkenntnis des Messias vorzubereiten. Er wünschte
sehnlichst, als Erster aus Liebe zu seinem Erlöser sein Blut zu vergießen
und sein Leben hinzugeben. Er war vom Heiligen Geist schon darüber
erleuchtet worden, was er zu tun habe, um das Vorläuferamt auszuüben,
und dieser hatte ihm auch gesagt, wann er die Wüste verlassen solle,
um predigen und taufen zu gehen. Deshalb wartete er in starkem Verlangen
den Tag ab, an dem er seine Sendung beginnen sollte.
Inzwischen unterwies ihn der göttliche
Geist immer mehr. Johannes hatte keinen anderen Lehrer, um ihn zu unterrichten.
Seine Weisheit war folglich ganz göttlich, denn er wurde in allem
vom Heiligen Geist belehrt und geschult, der in seiner Seele ganz rein
war wie auch sein Herz, das nie durch eine Sünde gegen die Reinheit
befleckt wurde. Deshalb waren auch seine Gedanken ganz rein, denn er erfreute
sich eines großen Privilegs. In seinem Erdenleben eiferte er in der
Tugend der Reinheit wie in den anderen Tugenden, womit seine Seele ausgestattet
war, den Engeln nach, weshalb er Gott gefiel und göttlicher Gunsterweise
würdig wurde. Wenn man die Buße mit der Unschuld verbindet,
welche Gnaden lassen sich dann von einem Gott erwarten, der Reinheit und
Unschuld so sehr liebt und sich freut, wenn mit dieser schönen Tugend
auch die Buße verbunden wird!
Johannes hatte auch eine glühende Liebe
zur Mutter des Erlösers, zu Maria, und jedesmal, wenn er über
sein Glück nachdachte, daß er einst in ihren keuschen Armen
liegen durfte, weinte er vor Freude und wünschte sehnlichst, sie zu
sehen, mit ihr zu sprechen und ihre wunderbaren Worte zu hören. er
verzichtete aber auch darauf und sagte sich: "O meine große Herrin,
wie glücklich wäre ich, wenn ich wiederum deine heiligen Worte
hören könnte! Wenn ich schon auf deinen Gruß an meine Mutter
hin vor Freude frohlockte, was täte ich jetzt, wenn ich dich von Neuem
hören könnte?!" Er opferte diesen Verzicht Gott auf und sagte
sich: "Wenn es der Wille meines Gottes sein wird, wird er mir diese Gunst
ohne weiteres erweisen. Ich will nichts anderes als was Gott will, und
beraube mich gern einer solch tröstlichen Freude." In der Tat war
das eine der größten Kasteiungen, die unser Heiliger auf sich
nahm. Als dem Vorläufer des Messias und nach seiner heiligen Mutter
und dem heiligen Joseph engster Freund des Erlösers wäre es ihm
freigestanden, mit ihnen zu verkehren, wenn er gewollt hätte, aber
er verzichtete darauf und blieb stets in der Ferne, doch war er mit ihnen,
je ferner er ihnen dem Leibe nach war, desto vereinter im Geiste. Dieser
freiwillige Verzicht des Heiligen brachte ihm viele Gnaden und eine große
Belohnung im Paradies.
Während der ganzen restlichen Zeit seines
Aufenthaltes in der Wüste verharrte er zumeist in Gebet und Betrachtung
und unterhielt sich vertraut mit Gott, denn nachdem seine Feinde ihn nicht
mehr angriffen, ließ er sich durch nichts mehr ablenken. Da Gott
durch den Mund des Propheten Hosea erklärte, er werde die Seele in
die Wüste führen, um zu ihrem Herzen zu sprechen, kann man sich
vorstellen, wie sehr sich das bei unserem Heiligen bewahrheitete. Nicht
nur befand er sich in der Wüste, sondern er befähigte sich auch
seinem Geist nach - der von jedem Trugbild gereinigt und ganz allein auf
die Betrachtung der göttlichen Mysterien konzentriert war -, auf die
inneren Stimmen seines Gottes zu hören, der zu seinem Herzen sprach.
So konnte er sich mit großer Freude in heiligen Zwiegesprächen
Auge in Auge mit Gott unterhalten. Da doch Gott vielen Heiligen ähnliche
Gnaden geschenkt hat, wie viele wird er dann nicht dem geschenkt haben,
der noch größer war als sie!
Manchmal begann der junge Heilige seine Liebesgefühle
Gott zu äußern, und diese waren so innig, daß selbst die
Engel darüber verwundert waren und Gott priesen, der in seiner Huld
einem Geschöpf eine so große Gnade verlieh und es mit solcher
Liebe erfüllte, daß es wie trunken durch diese Einöde ging
und das Lob Gottes sang, woran Gott großen Gefallen fand. Auch die
Engel hörten mit Freude zu und waren beglückt, daß ein
Geschöpf Gott solche Freude machte und ihn so inbrünstig lobte.
Johannes blieb bei dieser Lebensweise während
der ganzen Zeit, da er sich in dieser Einöde aufhielt. Und als der
Tag nahte, an dem er sie verlassen mußte, verbrachte er mehrere Tage
in beständigem Gebet. Auch fastete er mehrere Tage streng und aß
nichts, nicht einmal Kräuter. Er wollte sich noch eifriger und sorgfältiger
vorbereiten, obwohl sein ganzes Leben eine beständige Vorbereitung
auf seine Mission als Vorläufer gewesen war.
Der hl. Johannes verläßt
die Wüste, um als Vorläufer des Herrn zu predigen und zu taufen
Unser großer Heiliger hatte das 29.
Lebensjahr vollendet und das 30. begonnen, davon hatte er achtundzwanzig
Jahre bei äußerst strenger Buße in der Wüste verbracht.
Als der Zeitpunkt gekommen war, an dem er auf den Befehl Gottes hin sich
daranmachen mußte zu predigen, zu taufen und die Menschen mit seiner
Lehre zu unterweisen, sie zur Buße, zur Aufnahme des verheißenen
Messias zu bewegen und ihn denen bekanntzumachen, die das Glück hatten,
ihn unter sich zu haben, ging Johannes mutig und überaus eifrig ans
Werk.
Bevor er die Wüste verließ, warf
er sich nieder und betete innig. Er sagte, er gehe aus dieser Einöde,
um den göttlichen Willen zu erfüllen, und er wolle einzig die
Ehre seines Gottes anstreben. Er bat den Herrn, alle seine künftigen
Worte und Werke zu segnen. Er erbat seinen beständigen Schutz und
seine Gnade, ohne die er nichts Gutes tun könne.
Nachdem Gott, der innerlich zu ihm sprach,
ihn gesegnet hatte, machte er sich zum Jordan auf, und als er dort ankam,
traf er Leute an, die sich vergnügten. Als sie den so ehrwürdigen
Mann in seinem Bußkleid erblickten, verwunderten sich alle und brachten
kein Wort hervor. Johannes begann mit klangvoller Stimme zu sprechen und
sagte zu denen, die um ihn herum standen: "Warum verwundert ihr euch, daß
ich aus der Wüste gekommen bin? Wisset, ich habe sie einzig dazu verlassen
und mich zu euch aufgemacht, um aus Eifer für euer Heil und zur Ehre
meines Herrn euch die ewigen Wahrheiten zu verkünden und euch zur
Buße zu ermahnen, denn ohne sie werdet ihr nicht zum Heil gelangen
können." Er redete so eindrücklich und eindringlich zu ihnen,
daß alle in sich gingen und sich tief betroffen fühlten, denn
seine Worte durchdrangen ihr Herz wie glühende Pfeile.
Nach seiner ersten Rede forderte Johannes
sie auf, am folgenden Tag zurückzukehren, und zog sich dann auf das
Land zurück, um die Nacht einsam im Gebet zu verbringen. Die Leute,
die ihn gehört hatten, gingen ganz reuig und erstaunt weg in starkem
Verlangen, ihn von neuem sprechen zu hören. Inzwischen verbreitete
sich die Kunde, daß ein Mann aufgetreten sei in einem Bußkleid,
der ihnen so geistvoll und eindringlich gepredigt habe, daß sie ganz
zerknirscht geworden seien. Alle sagten: Wer ist denn dieser so außerordentliche
Mensch?"
Am folgenden Tag kehrten die, die ihn gehört
hatten, wieder, zuammen mit vielen anderen Leuten, die durch den Ruf angezogen
wurden, der sich in dieser Gegend verbreitet hatte. Auch Johannes kehrte
zurück und predigte wieder mit der gleichen Hingabe und Eindringlichkeit,
so daß sich alle verwunderten. Er predigte Tag für Tag weiter
und es kam eine Menge von Leuten jeglichen Standes, die sich alle über
seine Predigt, die Eindringlichkeit seiner Worte, seine eindrückliche
Lehre und seine mächtige Beredsamkeit verwunderten. So wurden die
Herzen seiner Zuhörer bewogen, Buße zu tun, denn sie schenkten
seinen Worten Glauben. Tag für Tag wuchs die Zahl seiner Zuhörer
an.
Einige, die besonders fest entschlossen waren,
sich seine Worte zunutze zu machen, baten Johannes, bei ihm bleiben zu
dürfen, um noch gründlicher unterrichtet zu werden. Er nahm sie
gerne an und begann so, sich Jünger heranzubilden. Nachdem er sie
unterwiesen hatte, taufte er sie. Viele eilten herbei, um belehrt zu werden,
denn der Heilige hatte eine besondere Art, die Seelen zu gewinnen und auf
den Weg der Wahrheit zu bringen. Als sie dann gewahrten, welches Bußleben
er führte, daß er nur rohe Kräuter aß und zwar nur
selten, waren sie noch verwunderter; in allen nahmen die Hochachtung, Verehrung
und Bewunderung gegenüber ihm noch zu.
Johannes ging in dieser Gegend überall hin, um zu predigen
und das Kommen des verheißenen Messias anzukündigen, denn die
Fülle der Zeit sei gekommen und Gott habe den Heiland gesandt. Und
er predigte von dessen wunderbaren Vollkommenheiten. Manchmal zog er sich
zurück, um unter vier Augen mit seinem Gott zu sprechen. Man bot ihm
viele Erleichterungen zu einem behaglicheren Leben an, aber er nahm nichts
an, nicht einmal von seinen Jüngern, denn er wollte die begonnene
Lebensweise weiterführen bis zum Tod. Obwohl seine Predigttätigkeit
große Mühen mit sich brachte, wollte er keine Erleichterung
und Erquickung annehmen.
Nachdem er gepredigt hatte, beschäftigte er sich mit seinen
Jüngern, um sie und alle, die zu ihm kamen, zu unterweisen. Er entflammte
in den Seelen das Verlangen, den von ihm verkündeten Messias zu sehen,
und die Bereitschaft, Buße zu tun. Seine Jünger bemühten
sich, ihn nachzuahmen. Er sah mit Freude, welch reiche Frucht seine Predigt
in kurzer Zeit gebracht hatte, und dankte Gott dafür. Viele gaben
sündhafte Beziehungen auf, zogen sich vom Bösen zurück und
taten für die begangenen Vergehen Buße. Viele Menschen pflegten
die Tugend und mieden das Laster.
Man führte damals in diesen Gegenden ein sehr unsittliches
Leben. Unser Heiliger gab sich sehr Mühe, diese Leute auf den guten
Weg zu bringen, und sah zu seiner Freude wie gesagt, daß seine Bemühungen
Frucht brachten, denn seine Worte drangen in die Herzen und er predigte
nie fruchtlos. Er hatte einige Tage festgesetzt, um die von ihm Unterwiesenen
zu taufen. Viele Leute eilten hinzu, um ihn zu sehen und auch zu hören,
und alle gingen reuig und zur Lebensänderung entschlossen weg.
Der Ruf des Vorläufers verbreitete sich in ganz Jerusalem und
Umgebung. Viele Fremde kamen eigens, um ihn anzuhören und zu sehen,
da er wegen seiner Predigt und seinem Bußleben so berühmt war.
Wer ihn sah und ihm zuhörte, verwunderte sich und empfand Reue. Viele
sagten, er sei ein großer Prophet, ja vielleicht der verheißene
Messias. Andere sagten, er sei vielleicht Elija. Die Meinungen der Menschen
von damals waren geteilt. Obwohl sie anfänglich ihn nicht zu fragen
wagten, wer er sei, erkannte Johannes ihre Gedanken und begann, um viele
von der Vermutung abzubringen, er sei der Messias, die Tugenden und Vorzüge
des Messias zu preisen und zu beteuern, daß er nicht der Messias,
ja daß er nicht einmal würdig sei, die Riemen seiner Sandalen
zu lösen. Damit wollte er sie ernüchtern und von der Meinung
abbringen, daß er der Messias sei.
Johannes predigte so eifrig über dessen Kommen und wunderbare
Eigenschaften, daß in vielen ein lebhaftes Verlangen entbrannte,
daß der Messias sich bald der Welt offenbare. Johannes bestärkte
diese Wünsche, indem er erst recht die Tugenden und göttlichen
Vollkommenheiten des Messias hervorhob, zumal seine Milde, Barmherzigkeit,
Liebe, Demut und Sanftmut. Er sprach davon mit solchem Feuer und so großer
Beredsamkeit, daß er das Verlangen, den Messias zu sehen, im härtesten
Felsblock hätte entfachen können.
Er sagte zu ihnen, der Messias werde nicht mehr lange zögern,
sich der Welt zu erkennen zu geben, obwohl das von ihm begünstigte
auserwählte Volk ihn nicht aufnehmen und nicht als den anerkennen
werde, der er sei. Er enthüllte denen, die ihn aufsuchten, viele Herzensgeheimnisse,
so daß seinen Worten immer mehr Glauben geschenkt wurde.
Unser Heiliger hatte die Gabe der Weissagung und der Erkenntnis
der verborgenen Herzensgeheimnisse. Wenn die Zeit und der Ort sich dazu
anboten, und es sich aufdrängte, machte er davon Gebrauch, bald um
Verstockte zu beschämen, bald um zum Vertrauen aufzumuntern. Er wurde
von Gott mit allen Tugenden und Begabungen bereichert, die der ihm übertragenen
Aufgabe entsprachen. Er predigte nie etwas, wozu er selbst mit seinen Taten
nicht das Beispiel gegeben hätte. Er kannte keine Menschenfurcht,
sondern sprach zu allen frei heraus. Er ermahnte oder tadelte mit großem
Freimut, aber zugleich mit Klugheit und so großer Milde, daß
seine Zurechtweisungen niemandem mißfielen.
In seinem großen Eifer ging er so weit, daß er auch
zum König Herodes sprechen wagte, der ihn gern und respektvoll anhörte
und aus Rücksicht auf ihn vieles tat, denn der Heilige hielt ihm seine
Verfehlungen vor und alles, was er zum Schaden seiner Seele verübte.
Herodes fand an seinem Charakter und seinem Verhalten Gefallen und Johannes
ermahnte ihn oft und ersparte ihm keine Rüge, wovon an gegebenem Ort
die Rede sein wird.
Unser Heiliger gewann immer mehr Seelen für Gott und stimmte
sie auf den Empfang des Messias ein. Die Juden machten sich viele Gedanken
über Johannes, insbesondere die Ältesten und die Schriftgelehrten.
Diese waren nicht damit einverstanden, daß er taufte, und sagten:
"Wer hat ihm diese Vollmacht gegeben und wer hat ihm befohlen, dieses Amt
auszuüben?" Doch sie schwiegen, denn sie sahen, wie beliebt er beim
Volk war und mit welcher Weisheit er predigte, getrauten sie sich nicht,
ihn nach etwas zu fragen, in der Meinung, daß er ein Prophet sein
könnte. Aber auch wenn sie nichts sagten, mißbilligten sie,
was Johannes tat, denn sie waren arglistig und neidisch und mochten es
nicht leiden, daß man gut von jemandem spreche. Sie heuchelten jedoch
und lobten ihn zuweilen in Worten, aber unaufrichtig. Und da sie vernommen
hatten, daß der Heilige die geheimsten Herzensgeheimnisse durchdringe,
wagten sie es nie hinzugehen und ihn anzuhören, obwohl sie andererseits
danach verlangten, nur um zu erfahren, was er sage, nicht um sich
seine Predigt zunutze zu machen.
Manchmal schickte man insgeheim Leute, um seine Predigt anzuhören,
und in der Predigt, die er hielt, deckte der Heilige die Heimlichkeiten
auf, aber auf solche Weise, daß nur die, die gesandt worden waren,
es verstanden. Diese gingen alle betroffen weg und berichteten den Schriftgelehrten,
was sie erlebt hatten. Diese glaubten dann, er könne wirklich ein
Prophet sein, den Gott zum Heil des Volkes gesandt habe, und ließen
ihn seine Aufgabe tun. Als sie dann von den großen Bußübungen
des Johannes hörten, wurden sie beschämt und wagten nicht, etwas
zu sagen, da das ein großer Vorwurf an sie war, die ein üppiges
Leben mit allen Bequemlichkeiten führten. Erst recht wurden sie brüskiert,
als sie seine Selbstlosigkeit rühmen hörten, daß
er nämlich nicht einmal von seinen Schülern etwas zu seinem Unterhalt
entgegennehme, sondern sein Büßerleben weiterführe.
Unterdessen kam der Zeitpunkt, an dem der Welterlöser seine
Predigttätigkeit aufnehmen sollte. Bevor Jesus in die Wüste ging,
wollte er seinen Vorläufer aufsuchen und sich selber auch taufen lassen.
Johannes vernahm dies durch eine Offenbarung des Heiligen Geistes und begann
erst recht, vom Kommen des Messias zu sprechen, und entfachte in den Herzen
seiner Zuhörer immer mehr das Verlangen, ihn zu sehen.
Die Menge der Leute, die ihm zuhörten, schwoll inzwischen immer
mehr an. Der Vorläufer entfernte sich nicht vom Jordan, sondern verharrte
beim Taufen und Lehren in immer größerem
Eifer, so daß seine Zuhörer erstaunt darüber waren,
daß ein so sehr abgetöteter Mensch von solcher Geisteskraft
sein könne und so großer Mühe standzuhalten vermöge,
ohne je des Predigens, Lehrens und Taufens müde zu werden.
Seine Jünger fragten Johannes, wieso er soviel vom Messias
wisse, denn sie vermuteten, er habe sich lange mit ihm unterhalten. Er
aber sagte zu ihnen, er kenne ihn nicht persönlich und habe nie mit
ihm gesprochen, aber er kenne ihn doch gut, und wenn er kommen werde, werde
er ihn ihnen zu erkennen geben und mit dem Finger auf ihn zeigen. Sie staunten
immer mehr und fragten sich, wieso er so ohne weiteres vom Messias sprechen
könne, ohne daß er ihn je gesehen und mit ihm verkehrt habe.
Sie schlossen daraus, daß Johannes ein großer Prophet sei und
ihm diesbezüglich nichts verborgen bleibe, sondern ihm alles von Gott
geoffenbart worden sei.
Das Kommen des Messias zum Jordan,
um sich von Johannes taufen zu lassen, und was dabei geschah
Eines Tages, als Johannes wieder am Jordan stand, um wie gewohnt
zu taufen und zu predigen, fühlte er, von Gott inspiriert, daß
der Messias nahe sei und zum Jordan komme. Da entbrannte in ihm das lebhafte
Verlangen, ihn zu sehen und zu verehren und ihn dem Volk zu zeigen, das
bei ihm war.
Noch viele weitere Personen waren herbeigeeilt, um sich taufen zu
lassen. Während er taufte, näherte sich der Heiland; er sah so
liebenswürdig aus, daß er das Herz derer, die ihn ansahen, gewann.
Sobald er in der Ferne erschien, erblickte ihn Johannes und erkannte ihn,
obwohl er ihn noch nie gesehen hatte. Der Vorläufer erkannte seinen
Herrn, erkannte die in ihm verborgene Gottheit, denn sie wurde den Augen
des Johannes, der sich für die Ehre Jesu so sehr abgemüht hatte,
kundgegeben. Sobald er Jesus sah, zeigte er mit dem Finger auf ihn und
rief dem Volk zu:
«Seht, das Lamm Gottes;
seht den, der die Sünde der Welt hinwegnimmt.»
Der Vorläufer frohlockte vor Freude und wurde von ungewohntem
Frohmut ergriffen. Wegen der Glut der Liebe, die er in seinem Herzen zu
Jesus empfand, strahlte sein ganzes Gesicht. Er frohlockte, als er noch
im Mutterschoß weilte, und frohlockte erst recht jetzt als er nicht
mehr beengt war. Sein Herz schlug heftig in der Brust und ob der großen
Tröstung und Freude leuchteten seine Augen. Er wurde von solcher Hochachtung
und Verehrung erfüllt, daß er kaum den Blick auf Jesus zu heften
wagte.
Der Erlöser kam und alle blickten gespannt auf ihn. Jesus stellte
sich in die Reihe der Anwesenden, um ebenfalls getauft zu werden. Johannes
warf sich nieder und verehrte ihn, aber der Heiland ließ es nicht
zu und wollte sich von ihm taufen lassen. Es kam zu einem edlen Wettstreit
zwischen ihnen. Johannes weigerte sich, Jesus zu willfahren, denn er müsse
von ihm getauft werden, nicht aber ihn taufen. Von den Bitten seines Herrn
schließlich besiegt, taufte ihn dann Johannes in unsäglicher
Verehrung und großer Ehrfurcht vor der Majestät des Heilands.
In diesem Augenblick erschien über dem Haupt des Messias der
Heilige Geist in Gestalt einer Taube, die von allen Anwesenden mit großem
Staunen und sehr verwundert erblickt wurde, und man hörte die Stimme
des ewigen Vaters, der sagte: «Das
ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.»
Alle Anwesenden wurden noch mehr als je verwundert und brachten vor Staunen
kein Wort hervor; sie alle fühlten sich von ungewohnter Freude und
Ehrfurcht erfüllt.
Nach seiner Taufe unterhielt sich der Messias eine Zeitlang mit
seinem geliebten Vorläufer; sie freuten sich, miteinander sprechen
zu können, da sie ja lange dieser Freude beraubt waren. Johannes wurde
noch mehr geheiligt und von Liebe entflammt durch die Gegenwart seines
Herrn, der dann plötzlich wegging und sich in die Wüste begab.
An die Anwesenden gewandt, sprach er vorher einige Worte zum Lob des Johannes.
Alle lauschten aufmerksam auf das, was der Messias sagte, und wurden noch
mehr von Hochachtung und Verehrung gegenüber Johannes beseelt. Dieser
wäre gern seinem Herrn gefolgt, denn es verlangte ihn sehr, sich eines
so lieben Gefährten zu erfreuen; er blieb aber, um den Willen Gottes
zu erfüllen. Es war für ihn allerdings kein geringes Opfer, auf
die ersehnte Gegenwart des Messias zu verzichten. Er gab sich jedoch damit
zufrieden, den göttlichen Willen zu erfüllen und die Mission,
für die ihn Gott bestimmt hatte, weiterzuführen.
Als der Heiland weggegangen war, sprachen die Jünger des Johannes
und die anderen von dem, was sich ereignet und was Jesus über Johannes
gesagt hatte, und dieser demütigte sich immer mehr und sagte, er sei
nicht einmal würdig, für den Messias den niedrigsten Sklavendienst
zu verrichten: ihm die Sandalen loszubinden. Er empfand eine zärtliche
Liebe zum Messias und es war ihm, als würde er vergehen, wenn er an
die Leiden dachte, die Jesus, weil von so zarter edler Konstitution, in
der Wüste erdulden müsse. Welches Mitleid hatte er mit ihm! Und
es war für ihn eine große Pein, nicht bei ihm in der Wüste
weilen zu können.
Johannes beschloß deshalb, auch Hunger und Durst zu leiden,
und verzichtete auf die wenige Speise, die er für gewöhnlich
aß, und auf das Wasser zum Trinken.
Während sich Jesus in der Wüste aufhielt, taufte Johannes
weiterhin im Verlangen nach der Rückkehr des Messias, denn dieser
hatte ihm vor seinem Weggehen gesagt, er werde nach vierzig Tagen zurükkkommen,
ihn aufsuchen und wiedersehen. Er konnte es kaum erwarten, so groß
war sein Wunsch, den Heiland wiederzusehen. An allen vierzig Tagen predigte
er fortwährend nur über die wunderbaren Tugenden des Heilands
und seine Vorzüge, so daß auch in den Seelen der Zuhörer
das Verlangen und die Sehnsucht entfacht wurden, ihn bald wiederzusehen.
Zu seinen Jüngern sagte Johannes, er hoffe, daß auch
sie eines Tages wahre Verehrer des Messias und
seine treuen Gefährten sein würden. Sie aber sagten zu
Johannes: «Willst du uns denn verlassen? Wir wollen doch bis zum
Tod dir nachfolgen.» Und der Heilige erwiderte: «Der Messias
muß wachsen, ich aber abnehmen. Ich werde nicht mehr da sein und
ihr werdet Jünger des Messias sein, und glückselig ihr, daß
ihr ein so schönes Los haben werdet.» Diese Aussage mißfiel
aber den Jüngern des Johannes, denn sie liebten ihn sehr, und es schmerzte
sie deshalb, daß sie von ihm lassen mußten; sie glaubten nicht,
daß ihr Meister sie verlassen werde, waren aber sehr in Sorge, daß
er wegen seines so strengen Büßerlebens ihnen fehlen werde.
Deswegen rieten sie ihm, nicht so viel Buße zu tun. Der Heilige lachte
aber über diesen
Vorschlag und bedauerte sie, weil sie nicht wußten, was sie
diesbezüglich sagten. Er gab nichts anderes zur Antwort, als daß
er Buße tun müsse.
Auch in seinen Jungem erglühte das Verlangen zu leiden. Sie
übten denn auch viel Buße im Essen und Trinken, wenn auch nicht
übermäßig. Sie hätten viel mehr getan, um ihren Meister
nachzuahmen, aber dieser gestattete ihnen nicht mehr, als es nach seiner
Ansicht ihren Kräften entsprach.
In der ganzen Gegend, in der der Vorläufer taufte, verbreitete
sich der Ruf von einem, den man für den Messias halte. Viele suchten
Johannes auf, um von ihm die Wahrheit über diesen Mann zu erfahren,
und der Vorläufer bestätigte sie und sagte, die damals Anwesenden
hätten sie vernommen und seien zuverlässige Zeugen der Wunderzeichen,
die bei seiner Taufe geschahen.
Einige schenkten dem Glauben, andere zweifelten und konnten nicht
glauben, daß der Messias gekommen sei, um sich taufen zu lassen.
Insbesondere die Gelehrteren meinten, es sei nicht wahr, wagten aber nicht,
das Johannes zu sagen, sondern wandten sich in ihrem Unglauben ab und wollten
wissen, wohin der Messias gegangen sei, wohin er sich zurückgezogen
habe. Johannes antwortete, sie würden ihn bald predigen hören
und seine Worte seien Worte des Lebens. Er fügte hinzu: «Wenn
ihr schon mich so hoch achtet, der ich eine bloße Stimme bin, welche
Hochachtung solltet ihr dann vor dem haben, der der verheißene Messias
ist! Darum sage ich euch, daß ihr euch auf ihn einstimmen und euch
in Buße darauf vorbereiten sollt, seine Lehre und Predigt aufzunehmen,
damit ihr euch würdig macht, ihn zu hören und seinen Lehren zu
folgen.» Sie gingen weg, teils beschämt und teils in Bereitschaft,
den Messias aufzunehmen und an das, was er sie lehren würde, zu glauben.
Alle hatten ein starkes Verlangen, ihn zu sehen und anzuhören, empfanden
aber auch Angst, weil sie nicht wußten, was dann der Fall sein könnte.
Man sprach öffentlich vom Kommen des Messias, so dass in diesen
Gegenden wegen dem, was Johannes gesagt hatte, eine große Aufregung
herrschte, denn zum Teil hatte man vor ihm eine große Hochachtung,
andernteils befürchtete man, der von ihm angekündigte Messias
könnte sie verwirren und für ihre Nation Neues bringen. Der Teufel
unterließ es nicht, die Gemüter der Schwächsten zu erregen
und aufzuwirbeln. Wenn sie sich an Johannes wandten, beruhigte sie dieser
und sprach zu ihnen von den wunderbaren Eigenschaften und Tugenden des
Messias, von der
Milde seiner Worte, der Heiligkeit seiner Lehre und von seiner göttlichen
Weisheit. So bereitete er den Geist dieser Leute vor und widerlegte alle
diabolischen Einwände gegen Jesus, die der Teufel denjenigen, die
nur schwachen Willens waren und denen es schwer fiel zu glauben, einflüsterte.
Unser Heiliger hatte nicht wenig zu tun, um solche, die durch die Eingebungen
des Feindes aufgewiegelt wurden, zu beruhigen.
Inzwischen wollten die Pharisäer wissen, wer Johannes sei:
ob er der Prophet, ob er Elija oder ob er der verheißene Messias
sei. Johannes antwortete auf ihre Fragen, er sei weder der Prophet noch
Elija noch der Messias, sondern bloß eine Stimme, die in der Wüste
rufe, um die Herzen zur Aufnahme des Messias zu bewegen. Dieser sei schon
gekommen und stehe mitten unter denen, die ihn nicht kennen. Die Gesandten
gingen davon und berichteten über die Antworten, die Johannes ihnen
gegeben hatte.
Der Heiland kehrt aus der Wüste
zurück und besucht Johannes
Nachdem er sein Fasten beendet hatte, machte sich der Heiland aus
der Wüste auf, um seine Predigttätigkeit zu beginnen. Vorher
kam er zu seinem
geliebten Vorläufer, um von ihm Abschied zu nehmen, wie er
es ihm versprochen hatte.
Eines Tages stand unser Heiliger wieder am gleichen Ort, wo er den
Messias getauft hatte. Während er predigte, kam der Heiland. Als Johannes
ihn erblickte, rief er wiederum aus: «Seht,
das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.»
Dann warf er sich vor ihm nieder, betete ihn an und bot sich ihm dar, um
seinen göttlichen Willen zu erfüllen, denn in seinem prophetischen
Geist wußte er, daß er nie mehr das Glück haben werde,
ihn wiederzusehen und mit ihm zu sprechen. Er vertraute sich seinem Herrn
an und bat ihn eindringlich um seine Hilfe und seinen Beistand.
Der Heiland umarmte ihn und versicherte ihm, daß es seinem
göttlichen Vater und ihm sehr gefalle, wie er sein Amt erfülle.
Auch beteuerte er ihm, daß er ihn sehr schätze und ihm bis zum
Tod beistehen werde. Johannes war ganz beglückt und bat Jesus, ihn
seiner heiligen Mutter anzuempfehlen, denn er werde nicht das Glück
haben, sie wiederzusehen und mit ihr zu sprechen.
Der Heiland versprach ihm alles und munterte ihn zum Leidensmut
in den ihm bevorstehenden Bedrängnissen auf. Er solle fortfahren zu
predigen und sich vor der Verfolgung durch Geschöpfe nicht fürchten,
sondern an die Belohnung denken, die ihm im Haus seines Vaters in Aussicht
stehe. Sie sprachen lange miteinander, ohne daß die Anwesenden ihre
Worte verstanden, denn sie ließen Johannes allein, damit er frei
mit dem sprechen konnte, den er so sehr lobpries und in seiner Predigt
als wahren Messias bezeugte.
Alle bewunderten die Anmut und Schönheit des Heilands und wünschten
sehnlichst, mit ihm zu sprechen. Jesus lobte vor den Anwesenden seinen
Vorläufer und ermahnte sie, dem, was dieser predige, Glauben zu schenken.
Dann verabschiedete er sich von Johannes und ging weg. Johannes blieb stehen
und würdigte vor seinen zurückgebliebenen Jüngern die Person
des Messias, den sie nun schon gesehen hatten. Dann zog er sich zurück
und hielt sich allein auf dem Land auf, um in Gebet mit Gott zu verkehren.
Der höllische Geist geriet in Wut wegen der von ihm erkannten
klaren Anzeichen für das Kommen des Messias, konnte aber nicht glauben,
daß dieser so unerkannt und so ärmlich in die Welt gekommen
sei. Er ergrimmte gegen den Vorläufer und wartete auf die Gelegenheit,
ihn durch Geschöpfe zu bedrängen und zu verfolgen. Deswegen säte
er Zwietracht und stellte Fallen. Damit nicht zufrieden, versuchte er viele
zu schweren Sünden, um Johannes zu quälen und zu betrüben.
Das gelang ihm wie folgt: Zu dieser Zeit hatte Herodes die Frau seines
Bruders Philippus, die Herodias hieß, zu seiner Frau gemacht. Daran
nahm man allgemein schweres Ärgernis aber aus Angst, seine Gunst zu
verlieren und sich seinen Unwillen zuzuziehen, wagte niemand, dem König
etwas zu sagen. Der Teufel entfachte im Herzen der Herodias das Feuer der
fleischlichen Liebe, so daß sie ohne Rücksicht auf die Gottesfurcht
noch auf den Gatten, der damals noch lebte, sich ganz in die Gewalt des
Königs begab, der selber auch der Liebe zu ihr verfallen war, so daß
niemand ihn von diesem Skandal hatte abbringen können.
Die Hölle gab sich alle Mühe, und die Teufel sagten zueinander:
«O, wenn nur der geschwätzige Einsiedler nicht dazwischentritt,
um uns unsere Eroberungen zu entreißen!»
Der Vorläufer wußte vom skandalösen Leben des Herodes
und ging aus Schmerz darüber ungescheut zum Konig und redete ihm eindringlich
zu. Er forderte ihn auf, zu bedenken, welches Ärgernis er dem Volk
gebe, wie sehr er Gott beleidige und welchen schlimmen Schaden er seiner
Seele zufüge. Er sagte ihm es sei ihm nicht erlaubt, die Frau seines
Bruders zu haben. Herodes hörte ihm gern zu, hatte aber nicht den
Mut, Herodias aufzugeben, denn er liebte sie sehr und war ihr in höllischer
Hitze verbunden.
Er sagte jedoch zu Johannes, er werde sich von ihr trennen und eine
günstige Gelegenheit dazu abwarten damit sie nicht allzusehr verärgert
werde. Er gab ihm gute Worte und auf das wiederholte Drängen des Heiligen
hin war er denn auch willens, sie ihrem Gatten zurückzugeben. Als
aber Johannes weggegangen war versuchte der Teufel ihn wiederum, und weil
der König ihm und der Leidenschaft hörig war, beschloß
er, sich nicht von ihr zu trennen. Der Heilige kehrte mehrmals zurück,
um den König zu ermähnen; dieser gab ihm stets gute Worte, entschloß
sich aber nie zu
entsprechenden Taten.
Da die gemeine Herodias wußte, daß Johannes an den Hof
kam, um den König wegen seines Vergehens zu tadeln, wurde sie überaus
wütend. Sie beklagte sich beim König oft, er sei allzuleicht
bereit, einem so gemeinen Mann Gehör zu schenken. Der König lobte
hingegen gegenüber Herodias den Vorläufer und sagte zu ihr, er
sei ein Heiliger. Sie ergrimmte und fügte hinzu, wenn er heilig wäre,
hätte er sich nicht erdreistet, sogar einen König zu tadeln.
Dann machte sie, wie es frivole Damen zu tun pflegen, dem König Komplimente
und schürte in ihm mit honigsüßen Worten die höllische
Flamme immer mehr. Ihre süßen Worte waren wie Gift, so daß
diese jedesmal, wenn sie mit ihm sprach, der Seele des gottlosen Königs
den
Tod gaben. Da sie sah, daß der Heilige nicht davon abließ,
den König zurechtzuweisen, wurde sie dermaßen wütend, daß
sie zum König sagte: «Weil dieser es nicht aufgeben will, dich
zu quälen und zu beunruhigen, will ich ihn zu Fall bringen.»
Der König befürchtete, daß Herodias den Johannes
insgeheim ermorden lasse, und da er sie nicht dadurch, daß er ihn
hätte weiterwirken lassen, verärgern wollte, beschloß er,
ihn ins Gefängnis zu werfen, bis Herodias sich beruhigt und ihn vergessen
würde. Er dachte auch, dadurch würde er ihn vor der Ermordung
bewahren, die Herodias gegen ihn anzetteln wollte.
Inzwischen fand Johannes keine Ruhe und versäumte nicht, zum
König zurückzukehren, um ihm zuzureden, die Frau seines Bruders,
der noch lebte, zu entlassen.
Herodes brachte dem Heiligen tausend Einwände vor, aber dieser
redete zu ihm klar und unverblümt. Er wies ihn wegen seines schlechten
Lebens zurecht und drohte ihm schwere Strafen Gottes an. Der König
hörte ihm eine Weile gern zu, ließ sich dann aber von den Worten
der Herodias betören und entließ Johannes wenig gnädig.
In dieser Zeit wurde der Vorläufer gewarnt, er solle sich gegenüber
dem König nicht so viel Freiheit herausnehmen, denn er werde es sonst
büßen müssen. Es wurde ihm auch gesagt, Herodias bebe vor
Wut gegen ihn und wolle ihn ermorden lassen. Der Heilige hörte nie
auf diese Worte, denn ihm war es einzig um die Ehre Gottes und das Heil
der Seelen zu tun, und er bekümmerte sich wenig um sein Leben und
sagte, er werde es gerne opfern, um die Reinheit zu verteidigen.
Er sehnte sich sehr, sein Blut zu vergießen für etwas,
das ihm so sehr am Herzen lag: für die eheliche Treue einzutreten
und das gegenteilige Laster aus der Welt zu vertilgen. Seine Jünger
waren alle in großer Angst angesichts der Gefahr, in der ihr heiliger
Meister schwebte. Dieser aber hörte auf niemanden und es war ihm einzig
um die Ehre seines Herrn zu tun; er hätte sein Leben tausendmal aufs
Spiel gesetzt, um auch nur die geringste Beleidigung Gottes zu verhindern.
Man kann sich also denken, daß er sich mit etwas, das ein so großes
Ärgernis und eine so schwere Beleidigung
Gottes war, nicht einfach abfinden wollte.
Johannes zog sich allerdings kurze Zeit zurück, um zu sehen,
ob der König sich entschließen werde, die Frau seines Bruders
zu entlassen, und damit die Wut der gemeinen Herodias sich ein wenig lege.
Als er aber vernahm, daß der Skandal zur schlimmen Beleidigung Gottes
weitergehe, wagte er voll Eifer für die Ehre seines Herrn von neuem,
zum König zurückzukehren, wies ihn mit großem Mut zurecht
und drohte ihm: Wenn er nicht Buße tue, werde er elendiglich zugrunde
gehen und seine Seele in die tiefste Hölle fallen. Der König
wurde sehr beunruhigt und entließ den Heiligen. Nach ihm kam Herodias
ganz wütend herbei und Herodes versprach ihr, ihn einkerkern zu lassen.
Da er ihn aber sehr achtete und verehrte, konnte er sich doch nicht dazu
entschließen, umso weniger, als er wußte, wie sehr Johannes
vom Volk geachtet und verehrt wurde und daß es ihn für einen
großen
Propheten hielt. Er befürchtete jedoch, daß Herodias
in ihrer Wut ihn geheim ermorden lasse. Herodes befand sich in einem heftigen
inneren Widerstreit.
Einerseits machte ihm das Gewissen Vorwürfe wegen seiner Sünde
und des Ärgernisses, das er gab, und die Weisungen des Heiligen waren
für ihn Ansporne, die ihn quälten; andererseits hielt ihn die
Liebe in Fesseln und konnte er sich nicht entschließen, von der gemeinen
Herodias zu lassen. Er fand keine Ruhe, und der Teufel drängte ihn
nach Kräften, Johannes einkerkern zu lassen.
Der unselige König blieb so eine Zeitlang unschlüssig
und unruhig. Inzwischen setzte unser Heiliger seine Predigttätigkeit
mit großem Gewinn für die Seelen fort. Der Messias hatte schon
begonnen, auch zu predigen und unter dem Beifall seiner Zuhörer Wunder
zu wirken. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer regten sich heftig
über die Predigten des Heilands auf und über seine Wunder, von
denen sie hörten. Sie wollten ihn daran hindern, aber das Volk war
von ihm begeistert und schätzte ihn sehr.
Die Pharisäer waren noch mehr gespannt und verwirrt als vorher,
denn sie wollten sich nicht herbeilassen zu glauben, daß Jesus der
Messias sei; ja, voller Neid bebten sie auch vor Wut über Johannes.
Als dieser sah, daß Herodes sein ausgelassenes Leben weiterführte,
was er nicht dulden konnte, kehrte er noch einmal zurück, um ihn zu
tadeln. Der König, der schon sehr aufgeregt und von Herodias aufgestachelt
war, wollte ihn nicht anhören, verabschiedete ihn mit der Bemerkung,
er solle ein anderes Mal wiederkommen, und beschloß, ihn einkerkern
zu lassen.
Der König Herodes läßt
Johannes den Täufer einkerkern
Als Johannes von den Dienern des Königs Herodes weggeschickt
wurde, ließ dieser ihn sofort verhaften und ins Gefängnis werfen.
Er tat das, um die gemeine Herodias zu beruhigen, die den König unablässig
bedrängte: Er solle Johannes zum Verschwinden bringen, sonst wolle
sie ihn selber töten lassen. Dem König widerstrebte es zwar sehr,
seinen Beschluß auszuführen, aber um allen Zwistigkeiten ein
Ende zu machen, tat er dem Heiligen eine solche Schmach an. Dieser ließ
sich ohne Widerstand gefangen nehmen und ins Gefängnis werfen, weil
er für die Sache seines Gottes einstand. Herodes ordnete jedoch an,
daß es allen, die mit Johannes sprechen wollten, freistehe, dies
zu tun und mit ihm zu verkehren, und daß niemand daran gehindert
werden dürfe, sich zu ihm zu begeben, um ihn anzuhören. Unser
Heiliger konnte also auch im Kerker predigen und seine Jünger und
alle, die zu ihm kamen, unterweisen; doch gingen viele nicht zu ihm aus
Angst, die Gunst des Königs zu verlieren; nur seine Jünger besuchten
ihn ständig.
Es läßt sich nur schwer verstehen, wie sehr es unseren
Heiligen freute, aus Liebe zu seinem Herrn eingekerkert zu sein. An der
Freude, die sich auf seinem Antlitz abzeichnete, sah man, daß sein
Herz mehr als zufrieden war, hier eingepfercht zu sein, wo er von Angesicht
zu Angesicht mit seinem Herrn verkehrte, für den er soviel erduldete,
um seine Ehre zu verteidigen. Die ruchlose Herodias schickte oft Botschaften
an den Wärter mit dem Auftrag, Johannes zu mißhandeln, denn
sie hatte den grimmigen Wunsch, daß er hier an Qualen sterbe, während
die Verruchte wollüstige Wonnen genoß und sich der Unzucht hingab.
Unser großer Heiliger wußte das alles und betete viel für
sie; er beklagte sich nie weder über sie noch über den ihr hörigen
König, sondern bat Gott inständig, sie zu Einsicht und Reue zu
bewegen Er wollte nicht einmal, daß sich seine Jünger über
das große
Unrecht beklagten, das ihrem Meister angetan wurde Er ermahnte alle
zur Geduld in dieser Bedrängnis und zum Gebet für den König,
damit dieser sich bekehre Er sagte: «Nun ist es Jesus, der zum großen
Nutzen seiner Zuhörer predigt; meine Predigt ist nicht mehr notwendig.»
Er forderte die Leute auf, hinzugehen und sich die Predigten anzuhören,
die Jesus in den Städten und Marktflecken hielt. Viele gingen denn
auch hin und kehrten dann zu Johannes zurück und erzählten ihm
die Großtaten, von denen sie gehört, von den Krankenheilungen,
die sie gesehen hatten, von der Anmut, mit der Jesus predige; er reiße
die Herzen seiner Zuhörer mit und seine Worte würden tief in
die Seele dringen.
Als Johannes so von den Großtaten seines Herrn erzahlen hörte,
entbrannte in ihm das Verlangen ihn zu sehen und zu hören, aber er
versagte es sich und opferte dieses sein zuweilen glühendes Sehnen
Gott auf. Er äußerte seine Sehnsucht in heißen Seufzern
und sagte sich, er sei nicht würdig, die Worte und Lehre seines Herrn
zu hören, stellte sich aber im Blick aufseine göttliche Weisheit
und seine übermenschliehe Anmut ihre Wirkkraft vor. Er dachte: «Wenn
schon allein sein Anblick die Herzen hinreißt, wird dann nicht erst
recht tief beeindruckt sein, wer ihn mit solcher Weisheit und Anmut predigen
hört? Wie wird es dem um das Herz sein, der ihn so von Liebe zu seinem
göttlichen Vater und zu den Menschen, zu deren
Heil er gekommen ist, entbrannt sieht?» So machte unser Heiliger
seinen Sehnsüchten und seiner tiefen Liebe zu Jesus in seinem Herzen
Luft.
Unterdessen führte der gottlose König Herodes sein schlechtes
Leben weiter und lebte ungestört, denn es war niemand mehr da, um
ihn zu tadeln, doch sein schlechtes Gewissen plagte ihn mit schweren Vorwürfen,
umso mehr, als Johannes viel um seine Bekehrung betete und Gott es nicht
versäumte, sein Herz dazu anzuregen. Aber er war so sehr verblendet,
daß ihm dies wenig oder keinen Eindruck machte, und obwohl sich das
Volk über das gegen den Heiligen verübte Unrecht beklagte, wagte
doch niemand ihm etwas zu sagen, so dass er in seiner Sittenlosigkeit ruhig
weiterlebte.
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer schickten abermals Boten
zu Johannes; er solle ihnen sagen, wer er sei; ob er ein Prophet oder der
verheißene Messias sei. Er gab ihnen die gleiche Antwort wie früher:
Er sei eine Stimme, die rufe und das Kommen des Messias ankündige,
damit die Herzen sich bereit machen, ihn aufzunehmen; der Messias sei schon
mitten unter ihnen, nur würden sie ihn nicht erkennen, denn sie seien
durch ihre Unwissenheit und Bosheit verblendet. Die Abgesandten kehrten
zu den Schriftgelehrten und Pharisäern zurück und überbrachten
ihnen die Antwort des Johannes. Diese wurden dadurch mehr als je verwirrt.
Sie hatten gewünscht, daß Johannes erkläre, er sei ein
großer Prophet, und dass er das Wirken und Predigen Jesu missbilligt
hätte, um ihm auf die Autorität eines so glaubwürdigen Mannes
gestützt entgegenzutreten und ihn verfolgen zu können. Johannes
ließ sie aber gerade das Gegenteil dessen vernehmen, was sie erhofft
hatten, und wollte sie mit seinen Antworten belehren, daß Jesus der
verheißene Messias sei. Sie wagten es nicht mehr, Boten zu senden,
um ihn auszufragen, sondern warteten eine
Gelegenheit ab, Jesus zum Schweigen zu bringen, konnten dies aber
nie erreichen. Da Johannes vernahm, in welch hohem Ansehen der Messias
wegen seiner Predigt und seinen großen Wundertaten stand, sandte
er einige seiner Jünger, damit sie Augenzeugen dessen würden,
was man sagte, und dann zurückkehrten, um von allem zu berichten,
was sie in Bezug auf Jesus von Nazaret, den von ihnen erwarteten wahren
Messias, gehört und
gesehen hatten. Die Jünger des Johannes machten sich auf den
Weg in großem Verlangen, den wahren Messias zu sehen und zu hören.
Johannes verfolgte auch den Zweck, daß seine Jünger Jesus lieb
gewännen und ihm folgten, denn er sah voraus, daß er selbst
bald getötet würde auf das Betreiben der gemeinen Herodias hin.
Diese fand keine Ruhe und sandte beständig geheime Boten, damit der
Heilige mißhandelt würde und so ums Leben komme, denn sie befürchtete,
dass der König auf die Stimme des Volkes hin, das wegen der Gefangenschaft
eines so großen Menschen sehr aufbegehrte, ihn schließlich
aus dem Kerker entlassen würde. Durch höhere Erleuchtung wußte
der Heilige, daß er in Kürze den Tod erleiden
müsse, und darauf freute er sich überaus; nur hielt er
sich für unwürdig, wegen der Verteidigung der Ehre seines Herrn
zu sterben. Seine einzige Besorgnis war, daß der König Herodes
sowie Herodias unbußfertig sterben könnten; deswegen ersehnte
er glühend ihr ewiges Heil und litt schwer an ihrer Verstocktheit.
Die Jünger, die Jesus bei seiner Predigttätigkeit aufgesucht
und ihm die ihnen von Johannes mitgegebene Frage gestellt hatten, ob er
der Erwartete, nämlich der verheißene Messias sei, kehrten zurück.
Der Heiland hatte sie geheißen, zu Johannes zurückzukehren und
ihm zu berichten, was sie gesehen und gehört hatten: daß
Blinde sehen, Lahme aufstehen. Stumme sprechen, Taube hören, und daß
die einfachen Menschen, das heißt die Volksscharen, die Wahrheit
bekennen und ihn für den Messias halten. Als die Jünger des Johannes
diesem dann voll Bewunderung erzählten, was sie zu ihrem großen
Staunen gehört und gesehen hatten, und er merkte, daß sie von
Liebe zum Messias und vom Verlangen, ihm nachzufolgen, erfaßt worden
waren, empfand er großen Trost und sagte: «Jetzt bin ich nicht
mehr nötig und ist es an der Zeit, daß ich aus diesem Exil in
die Vorhölle gehe, um den Patriarchen mitzuteilen, daß der Messias
sich der Welt schon gezeigt hat und daß ihre Befreiung nahe
bevorsteht. Und wie ich der Welt das Kommen des Messias angekündigt
habe, so muß ich ihn denen ankündigen, die ihn mit so großer
Sehnsucht erwartet und in so vielen Gebeten erfleht haben.»
In Johannes entflammte ein lebhaftes Verlangen, zu sterben und in
die Vorhölle zu gehen, um allen, die dort waren, die frohe Nachricht
zu überbringen. Er richtete sich jedoch in allem nach dem göttlichen
Willen und litt gern in diesem Gefängnis, das für unsem Heiligen
keine kleine Pein war, denn da er fast immer im Freien gelebt hatte, empfand
seine Menschennatur es als sehr lästig, hier so eingesperrt zu sein,
wobei er Hunger und Durst litt und sehr selten satt wurde. Er predigte
jedoch weiterhin zu seinen Besuchern und ermahnte alle, hinzugehen und
den Messias anzuhören. Viele taten dies denn auch und kehrten dann
zum Heiligen zurück, um ihm von den wunderbaren Dingen zu erzählen,
die sie gesehen und gehört hatten, und von der gewaltigen Anziehungskraft
des Mannes aus Nazaret. Johannes vernahm die Lobreden auf seinen Meister
mit großer Freude.
Um ihm diese Freude zu machen, gingen einige und hörten Jesus
an, dann kehrten sie zurück und berichteten ihm, was dieser in seiner
Predigt gesagt hatte. Sie erzählten, daß alle ihm mit größter
Freude zuhören und viele ihm nachgehen und ihm nachfolgen, angezogen
durch die Milde seiner Worte und die Anmut seines Wesens und noch mehr
durch die Weisheit, die man als ganz göttlich erkenne, und daß
viele Kranke zu ihm gehen und geheilt werden.
Das Herz des Johannes frohlockte, als er so von Jesus reden hörte,
und forderte seine Jünger auf, ihm nachzufolgen und ihn nie zu verlassen.
Er wußte nämlich, daß er selbst bald sterben müsse,
und hinterließ ihnen so einen Meister, der sie viel besser unterweisen
werde als er.
Unseren Heiligen kam es jedoch sehr bitter an, als er vernahm, daß
die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer die Predigttätigkeit
des Messias mißbilligten, die von ihm gewirkten Wunder abfällig
beurteilten und ihn nicht als den anerkannten, der er war.
Obwohl er das schon der Botschaft entnommen hatte, welche die Schriftgelehrten
und Pharisäer im Namen der Hohenpriester gesandt hatten, hoffte unser
Heiliger sehr, daß sie auf seine ihnen übermittelte Antwort
hin zur Einsicht gekommen seien und seinen Worten Glauben schenkten. Da
er nun das Gegenteil hörte, befiel ihn unsägliche Qual und er
beweinte ihren Starrsinn und ihre Bosheit. Er betete viel für sie,
damit sie zur Einsicht kämen, die Predigt annähmen und überzeugt
würden, daß Jesus der verheißene Messias sei.
Durch ihre Bosheit verblendet, gaben sie jedoch nie nach und schenkten
den göttlichen Eingebungen kein Gehör, auch nicht den Worten
des Messias, welche die härtesten Steine erweicht hätten. Johannes
war auch betrübt wegen der vielen Beleidigungen seines Gottes, und
er sagte oft, es falle ihm allzu schwer, auf der Erde zu leben, wo Gott
so sehr beleidigt werde von jenen Menschen, die in dieser Zeit großen
Erbarmens, da der jener in der Welt war, der sie aus der Sklaverei befreien
wolle, statt Dank zu sagen und die Wohltat zu würdigen, das Gegenteil
täten und ihren großen Wohltäter noch mehr beleidigten.
Diese Gedanken bereiteten unserem großen Heiligen solche Pein,
daß es zuweilen schien, er sterbe vor Schmerz. Er sagte zu Gott,
er werde ihm sein Leben opfern, wenn das genüge, die Bekehrung der
Sünder zu erlangen sowie die Gnade, daß alle die große
Wohltat erkennen, die Gott ihnen durch die Sendung des verheißenen
Messias erwiesen habe. Obwohl unser Heiliger eingekerkert war, erwirkte
er bei Gott viel mit seinen Gebeten und tat allen Gutes, indem er für
sie den Allerhöchsten heiß anflehte, zumal für den verstockten
Herodes und die gemeine Herodias. Alle, die ihn aufsuchten, um sich über
deren skandalöses Leben zu beklagen, forderte er auf, bei Gott um
ihre Bekehrung zu beten. Er wollte keine Klagen darüber hören,
daß sie ihn gefangen hielten, und sagte zu allen, daß er diese
Einengungen schätze und daß er gerne bis zum Tag des Gerichts
gebunden bleibe, damit die Seelen von den Banden der Schuld befreit würden.
Der Eifer für das Heil der Seelen, den unser großer Heiliger
hier hatte, und der Wunsch, daß Gott nicht beleidigt werde, waren
so groß, daß er gern welche Marter auch immer erlitten hätte.
Nach einiger Zeit begannen die Leute, sich zurückzuhalten,
und gingen nicht mehr zu unserem Heiligen, nur noch die Jünger kamen
ihn besuchen, denn einige wollten ihn nicht aufgeben in der Hoffnung, er
werde aus dem Gefängnis kommen, denn der König Herodes werde
sich mit der Zeit beruhigen und die gemeine Herodias werde sich wieder
an ihre Pflichten halten. Sie glaubten nie, daß sie ihn töten
lassen würden. Inzwischen hielt sich unser Heiliger, von den Menschen
entfernt, im Kerker fast beständig in Anbetung auf. Gott ließ
ihn wissen, daß er bald getötet würde; er solle sich vorbereiten,
zu seiner Ehre und zur Verteidigung der Keuschheit sein Leben hinzugeben
und sein Blut zu vergießen. Diese Nachricht war für Johannes
eine große Freude und er dankte Gott dafür liebevoll; er sei
bereit, gleich welches Martyrium zu erleiden, und er halte sich dieser
Gnade für unwürdig. Er sagte zu seinem Gott: «Wenn du mir
solche Ehre erweisen willst, bin ich bereit - paratum cor meum, Deus, paratum
cor meum.» Diese Schriftworte wiederholte er beständig. Er konzentrierte
sich mehr als je auf sein Inneres, um unablässig mit Gott zu verkehren,
verrichtete Akte der Ergebung in den göttlichen Willen, Akte des Glaubens,
der Hoffnung, der Liebe und des Verlangens, für die Wahrheit sein
Blut zu vergießen.
Gott wollte auch, daß unser Heiliger vor seinem Tod wisse,
warum und weshalb der gottlose Herodes ihn enthaupten lassen werde, und
in prophetischem Geist dachte sich Johannes in alles hinein. Er erfaßte
ganz klar, daß sein Haupt abgetrennt werde als Preis für einen
Tanz der Tochter der Herodias, welcher Herodes wegen der Freude, die er
und die Eingeladenen daran hatten, die Hälfte seines Reiches und alles
was sie sich nur wünsche, angeboten hatte.
Die Kenntnis, die unser Heiliger davon hatte, war für ihn,
so abscheulich die Sache auch war, kein Grund zur Erbitterung, sondern
er demütigte sich und war mehr als gern bereit, seinen Kopf als Preis
für einen Tanz herzugeben, den ein schamloses Mädchen vorführte.
Er sann darüber nach und sah zwar ein, welch großes Unrecht
es sei, einem Menschen, dem es einzig um das Heil ihrer Seelen ging, um
einer so gemeinen Sache willen den Kopf vom Leib zu trennen. Aber all das
diente ihm nur dazu, sich umso großmütiger dem Willen Gottes
zu opfern und sich mehr als gern in seinen göttlichen Ratschluß
zu ergeben. Ihm mißfiel einzig die Gott zugefügte Beleidigung.
Eines Tages wird das ihm zur Ehre und zum Ruhm gereichen. Für
Herodes, Herodias und ihre gemeine Tochter hingegen wird das zu
tiefer Beschämung, großer Pein und ewiger Strafe führen.
Übrigens war sich unser großer Heiliger klar bewußt,
daß der Sohn Gottes auf die Welt gekommen ist, um die Menschen zu
retten, und daß er als Entgelt für eine so große Güte
und Liebe verspottet und gequält und an einem Kreuz ums Leben gebracht
werde. Darum sagte er sich: «Wenn mein Herr sein Leben hingeben wird
für nichtige Erdenwürmer, für treulose, undankbare Menschen,
die ihn so sehr beleidigen, wie soll ich mich da nicht freuen, daß
ich mein Leben hingeben darf für die Ehre meines Herrn und zur Verteidigung
der Reinheit, indem mir der Kopf abgeschlagen wird, um damit ein schamloses
Mädchen für seinen Tanz zu belohnen? Ja, ja, mein Gott, ich bin
glücklich, daß ich als so nichtsnutzig erachtet werde, daß
mein Kopf als Preis für etwas Schimpfliches gegeben wird.» So
munterte sich Johannes auf und freute sich auf das, was ihm bevorstand.
Ja, er dankte Gott, daß er ihn irgendwie seinem göttlichen Erlöser
ähnlich machte.
Der König Herodes läßt
Johannes den Täufer enthaupten
Als der Zeitpunkt gekommen war, an dem unser Heiliger zur Ehre seines
Herrn und zur Verteidigung der Keuschheit sein Blut vergießen und
sein Leben hingeben sollte, veranstaltete der ruchlose Herodes an seinem
Geburtstag für alle Großen seines Reiches ein Festmahl. Als
der Tag des Mahls da war, wußte es Johannes. Er war deshalb auf den
Tod gefaßt und sagte zu seinem Gott: «Wie sehr freue ich mich,
mein Gott, daß ich an
einem Tag, der für Herodes und seine Anhänger ein großer
Festtag ist, den Tod erleiden soll. Die Weltleute sind beim Tanzen, ich
bin in Wonnen; diese Elenden sind am Fest, und ich in Freuden und Tröstungen;
sie sind in weltliche Angelegenheiten versunken, ich in geistige Freude;
sie gehören der Welt an, ich bin ganz Dein, mit Dir und für Dich
und glühe vor Liebe und Sehnsucht, bald das Leben hinzugeben für
die Ehre meines Herrn.» Und er unterhielt sich in heiligen Gesprächen
mit seinem Gott.
Unterdessen vergnügten sich der ruchlose Herodes mit der schamlosen
Herodias bei Belustigungen. Als das Festmahl zu Ende war, trat die Tochter
der Herodias, von ihrer ruchlosen Mutter dazu angetrieben, auf und begann
zur Unterhaltung der Gäste zu tanzen. Mit ihrem ausgelassenen Tanz
machte sie allen viel Vergnügen, vor allem dem König Herodes,
der, als er sie von allen gelobt sah, es für eine Ehre und etwas Großes
hielt, sie mit einem würdigen Preis zu belohnen. Deswegen sagte er
zu ihr, als Preis für ihre Kunst dürfe sie wünschen, was
sie wolle, und er schwor, er werde ihr geben, was immer sie verlange, auch
wenn es die Hälfte seines Reiches wäre; da sie ihm eine so große
Freude gemacht habe, wolle er ihr zu Gefallen jede beliebige Bitte erfüllen.
Die schamlose Tochter war von der Mutter angewiesen worden, daß
sie, falls der König ihr ein Anerbieten machen werde, zu ihr gehe;
sie werde ihr
dann sagen, um was sie bitten solle. Die Mutter sagte dann zu ihr,
sie solle um das Haupt Johannes des Taufers auf einer Schale bitten; sie
wünsche nichts anderes. Sie tat das. Der König bedauerte diese
Bitte wegen der Gäste, denn es dünkte ihn unwürdig, auf
das Ersuchen eines Mädchens hin einen so angesehenen Mann enthaupten
zu lassen. Er dachte auch daran, was das Volk sagen und tun würde,
wenn er dies zulasse. Er sagte jedoch zu, weil er sein Wort halten und
die gemeine Herodias nicht verstimmen wollte, denn sie hatte zu dieser
Bitte angestiftet.
Er befahl sogleich einem seiner Diener, hinzugehen und den Johannes,
der schon im Gefängnis war, zu enthaupten und den Kopf dem Mädchen
zu bringen. Somit wurde unverzüglich der abscheuliche Befehl erlassen
und die gemeine Herodias freute sich und sagte zum Schergen, er solle den
Befehl sofort ausführen, denn sie befürchtete, es könnten
Leute kommen um den König zu bitten, Johannes zu begnadigen und am
Leben zu lassen.
Der Scherge ging sogleich hin und brachte das Haupt des Heiligen,
das dem unverschämten Mädchen übergeben und von diesem seiner
Mutter weitergereicht wurde.
Die böse Herodias war zufrieden gestellt, aber in ihrem Herzen
und in dem des Königs blieb ein Schwert stecken, das sie bis zum Tod
peinigte, so daß sie innerlich stets unruhig blieben und alle ihre
Vergnügungen vergällt wurden; schon in diesem Leben begannen
sie die Peinen zu verspüren, die ihnen für die ganze Ewigkeit
bevorstanden. Der ganze Rest ihres Lebens war eine vorweggenommene Hölle,
denn wegen ihres schuldbeladenen Gewissens fanden sie nie Ruhe und Frieden,
sondern ihr Leben nahm ein elendes Ende.
Kehren wir zu unserem großen Heiligen zurück. Er war
ganz froh, als er von einem Moment zum andern den Tod erwartete,
und wurde im letzten Augenblick von Gott ganz besonders geehrt. Er war
ganz zu Gott erhoben und entrückt und eine große Engelschar
sang lieblich und lud ihn ein, mit ihnen zur Vorhölle der heiligen
Väter zu ziehen, um ihnen die beglückende Kunde von der bevorstehenden
Erlösung zu bringen.
Zudem wurde ihm das Glück zuteil, den Welterlöser und
seine heiligste Mutter nahe bei sich zu sehen; diese wollte beim Tod dessen
dabei sein, den sie schon bei seiner Geburt mit ihrer Gegenwart beglückt
hatte.
Als Johannes seinen Heiland und dessen heiligste Mutter ihm beistehen
sah, war er erfreut, und seine Freude war so groß, daß er seine
Seele aus Freude aushauchen mußte. Er verehrte den Erlöser und
die Gottesmutter und ließ sich ganz in ihre Arme sinken.
Er sagte zu ihnen: «Siehe, ich übergebe die Seele, den
Leib und mein ganzes Wesen in eure heiligen Hände. Ich sage euch allen
Dank, so viel ich das verstehe und vermag. Ich bitte euch, meinen Geist
in Frieden aufzunehmen und mir zuerst euren Segen zu geben.»
Es ist nicht leicht zu erklären, was sie in dieser kurzen Zeit
zueinander sagten und wie sehr sie unseren großen Heiligen trösteten.
Die beiden großen
Personen wurden nur von Johannes gesehen, denn sie standen ihm bei,
ohne daß die anderen sie sahen. Das war für unsem Erlöser
und seine heiligste Mutter nicht schwer, denn von Gott wurde auch anderen
Heiligen eine ähnliche Gnade gewährt. Als der Scherge dem großen
Heiligen den Kopf abschlug, hielt die heiligste Jungfrau Johannes in ihren
keuschesten Armen, während der Heiland ihm den linken Arm unter das
Haupt hielt und ihn mit dem rechten umarmte, so daß unser Heiliger
mit der Braut im Hohenlied sagen konnte: «Seine Linke liegt unter
meinem Kopf, seine Rechte umfangt mich.»
Der Heiland nahm die Seele des Johannes, sobald dieser sie ausgehaucht
hatte, in seine Hände und segnete sie, zusammen mit der heiligsten
Mutter und übergab sie den Engeln, die sie mit Lobliedern in die Vorhölle
geleiteten. Nachdem er auch den heiligen Leib seines Vorläufers gesegnet
hatte, verschwand der Heiland und seine Mutter, aber viele Engel blieben
bei dem Leichnam, um ihn zu behüten, und sangen Hymnen und Loblieder,
bis er bestattet wurde. Sofort verbreitete sich die Kunde davon, daß
der heilige Johannes auf Befehl des ruchlosen Herodes enthauptet wurde,
um einen Tanz der schamlosen Tochter der Herodias zu belohnen, und das
ganze Volk empörte sich, aber niemand wagte es, dagegen zu protestieren
aus Angst vor dem König, der wegen seines skandalösen Lebens
ohnehin schon vom Volk sehr gehaßt wurde.
Wegen der Enthauptung Johannes des Täufers steigerte sich der
Haß noch mehr. Allgemein rief man auf den unglückseligen Herodes
und die gemeine Herodias die Strafe Gottes herab. Die Jünger des Johannes,
die alle voll Trauer und Schmerz waren, gingen sogleich hin, um nach dem
Leichnam ihres heiligen Meisters zu sehen. Als sie ihn am Boden
liegen sahen, vergossen sie viele Tränen Nachdem sie ihrem Schmerz
etwas Luft gemacht hatten, nahmen sie den heiligen Leichnam und bestatteten
ihn in großer Andacht und Verehrung, und die Engel begleiteten ihn
mit Lobgesängen.
Die gemeine Herodias bewahrte das Haupt des Heiligen an einem unschicklichen
Ort auf, um in ihrer Verachtung sich an ihm vollends zu rächen. Dann
ließ sie es mit Steinen und Erde bedecken, damit niemand es fände;
die Engel aber wohnten der Bestattung des heiligen Hauptes bei, und nach
langer Zeit ließ Gott es auffinden, da er wollte, daß es nach
Gebühr geehrt werde. Die Empörung des Volkes über diese
Vorfälle dauerte lange Zeit, dann aber beruhigte sie sich, wie das
bei allen traurigen Anlässen zu geschehen pflegt.
Die Jünger des Johannes gingen weg, traten zum Messias über
und folgten ihm, denn bevor ihr Meister starb, hatte er sie das geheißen.
Unterdessen verbreitete sich die Kunde von der Predigttätigkeit des
Mannes aus Nazaret, den viele als den Messias ansahen, und alle gingen
hin, um ihn als einen großen Propheten anzuhören. Viele glaubten,
daß er wirklich der verheißene Messias sei, und so erlosch
das Andenken an den Tod des heiligen Johannes fast gänzlich, nicht
aber im Geiste Gottes, der zu bestimmter Zeit und an einem bestimmten Ort
die Mörder und alle, die eine so große Freveltat mitverursacht
hatten, bestrafte.
Gebet zu Johannes dem Täufer
Heiliger Johannes, du warst der Vorläufer
des Messias, die Stimme eines Rufenden in der Wüste, der die Menschen
am Jordan taufte und zur
Umkehr bewog. Das erregte den Unwillen der
Pharisäer, der Hohenpriester und Ältesten. Als du gar dem König
Herodes vorwarfst, daß es ihm nicht erlaubt sei, die Frau seines
Bruders zu heiraten, machtest du dir Herodias zur unversöhnlichen
Todfeindin. Sie fieberte auf ihre Stunde hin. Herodes ließ sich vom
Tanz ihrer Tochter Salome betören und versprach dieser alles, und
wenn es die Hälfte seines Reiches wäre.
Herodias, die wie eine Spinne im Netz auf
ihr Opfer wartete, brachte ihre Tochter dazu, dein Haupt auf einer Schüssel
zu verlangen. Du großer, geistesstarker Mann, abgehärtet von
der Sonne Arabiens, mußtest deinen Nacken vor dem Scharfrichter beugen
wegen der Schwachheit eines Mannes und der Rachegelüste einer Frau,
die es dir, dem Propheten, nicht vergaß, daß du sie und den
König vor allem Volk des Ehebruchs bezichtigt hattest. Du starbst
als erster Märtyrer des Neuen Bundes, nach den Unschuldigen Kindern,
die nach der Geburt des Messias von den Schergen des Herodes getötet
wurden - dieser Tod hätte auch dir, Johannes, gegolten -, aber deine
Mutter hatte dich vor der Wut des Herodes in der Wüste versteckt.
Heiliger Johannes, der greise Simeon hatte Maria und Josef prophezeit,
daß ihr Kind zum Zeichen werden würde, dem widersprochen werde.
Zu einem Zeichen, das die Gedanken Vieler offenbare. Johannes, auch du
wurdest zu einem Zeichen wie der Herr.
Auch du mußtest dein Zeugnis mit deinem
Blut besiegeln.
Heiliger Johannes, durch deine Empfängnis
hat Gott den bisher verschlossenen Schoß deiner Mutter geöffnet.
Beim Besuch Mariens bei Elisabet hattest du schon imMutterschoß deinen
Erlöser erkannt und jubelnd begrüßt. Durch deine Geburt
hat Gott die Zunge deines Vaters gelöst. Kaum geboren, hat Maria dich
in ihre Arme gebommen; du durftest ihre Stimme hören und wurdest von
ihr gesegnet.
Als der letzte und einzige Prophet des Alten
Bundes durftest du auf den Messias hinweisen: «Seht das Lamm Gottes,
das hinwegnimmt die Sünden der Welt.» Wir bereuen unsere Sünden,
erbitte du uns von Gott die Gnade der Umkehr, ein zerknirschtes Herz, eine
vollkommene Reue aus Liebe zu Gott. Erwirke uns die Kraft, uns als Arbeiter
für die Arbeit im Weinberg des Herrn zu verdingen.
Heiliger Johannes, bei der Taufe Jesu standest
du im Lichtglanz der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Gott Vater, Gott Sohn,
Gott Heiliger Geist. Führe auch uns in deine Gottnähe, halte
auch du über uns und alle, die uns nahe stehen, deine segnende Hand.
Erlange uns die Gnade, daß wir von jetzt ab Jesus nachfolgen, wie
es deine Jünger nach deinem Tod getan haben.
Heiliger Johannes, wir rufen dich als unseren
Fürbitter am Throne Gottes an, wie es die Kirche in allen Jahrhunderten
im Confiteor und im Kanon der Messe getan hat.
Arnold Guillet
Ergriffen vom dreieinigen Gott
Trinitarische Heilige, 399 Seiten, 16 Fotos,
Leinen
Holböck stellt Heilige vor, die vom Geheimnis
der Heiligsten Dreifaltigkeit ergriffen waren.
Vereint mit den Engeln und Heiligen
Angelische Heilige, 2. A., 449 Seiten, 25
Fotos, Leinen
«Die Engel offenbaren sich, aber nur
jenen, die sie lieben und anrufen» (Kardinal Joumet).
Geführt von Maria
Marianische Heilige, 636 Seiten, 103 Abb.,
Leinen
Holböck zeigt, wie Heilige tiefer in
die Gnadenprivilegien der Muttergottes eindringen durften.
Aufblick zum Durchbohrten
Große Herz-Jesu- Verehrer aus allen
Jahrhunderten
386 Seiten, 91 Abb., Efalin
Es lohnt sich, bei jenen Heiligen in die Schule
zu gehen, die wie Johannes am Herzen Jesu ruhten und mit ihm Zwiesprache
hielten.
Heilige Eheleute
Verheiratete Selige und Heilige aller Jahrhunderte
2. Aufl., 6. Tsd., 381 Seiten, 130 Fotos,
Leinen
CHRISTIANA-VERLAG • CH-STEIN AM RHEIN