Der hl. Johannes der Täufer 
Vorläufer und Wegbereiter unseres Herrn Jesus Christus
 Ein Lehrstück der katholischen Mystik!
Festtag: 24. Juni

Wahrlich, ich sage euch:
Unter den vom Weibe Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer
(Mt 11,11).

Hl. Johannes der Täufer: "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!"

Jesus Christus, der Messias, und sein Vorläufer Johannes der Täufer gehören zusammen: Beide wurden von den Propheten angekündigt, von den Patriarchen und dem ganzen Volk ersehnt und erbetet, beider Geburt wurde vom Erzengel Gabriel angesagt, ihre Namen im voraus vom Erzengel genannt, beide wurden von der allerseligsten Jungfrau Maria in den Armen gehalten. Beide erstrahlten bei der Taufe Jesu im Lichtglanz der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und beide besiegelten ihre Sendung mit dem Tod. Beide sollten im Auftrag von König Herodes nach der Geburt getötet werden, beide wurden auf Anweisung der Engel durch die Flucht gerettet: Joseph floh mit Jesus und Maria nach Ägypten, Elisabeth versteckte den Johannes in der Wüste.

Die italienische Benediktinerinnen-Äbtissin Maria Cäcilia Baij (1694-1766) hatte das Charisma der Visionen. Sie sah bei ihren Gebeten das Leben Jesu. So entstanden drei Bücher: "Das Innenleben Jesu", "Das Leben des hl. Joseph" und "Das Leben Johannes des Täufers" (Christiana Verlag). Hier tritt uns ein großer Heiliger entgegen, ein wahrer Mann Gottes, erfüllt vom Heiligen Geist, glühend vor Liebe und Begeisterung für Jesus Christus, den Erlöser, dessen "Schuhriemen zu lösen er sich nicht für würdig hielt".

Altes Gebet
Heiliger Johannes der Täufer, lasse Dich gnädig herab, aus der Höhe des Himmels einen Blick
     des Erbarmens auf uns arme Sünder zu werfen, die zu Dir beten. Erleuchte uns mit dem hellen Licht, welches Du durch das Beispiel Deiner Tugenden in der Welt verbreitet hast. Bitte für uns, daß alle Deine Tugenden in unsere Seele eindringen, damit sie uns während unseres Lebens Dir näher bringen und uns
in der Stunde unseres Todes eine Hoffnung auf die Gemeinschaft der Auserwählten verleihen. Amen.


Vorwort von Prof. Dr. Ferd. Holböck

Unter den von der Frau Geborenen ist kein Größerer als Johannes der Täufer (Mt 11,11). Dieses Urteil Jesu findet seine Bestätigung in all dem, was die Hl. Schrift insgesamt über diese biblische Persönlichkeit berichtet, angefangen von der Empfängnis und Geburt (Lk 1,8-22 und Lk 1,57-80) bis hin zum tragischen Tod (Mk 6,14-29; Mt 14,1-17).
Beide Ereignisse dünkten der Kirche sowohl im Abendland als auch im Morgenland so bedeutsam, daß sie schon sehr früh in eigenen Festen liturgisch gefeiert wurden: (24. - 29.8.) Auch geographisch wurden beide Ereignisse sehr früh schon fixiert: die Geburt des Täufers in Ain Karim, einer Kleinstadt im Bergland von Judäa (7,5 km westlich von Jerusalem), Gefängnis und Hinrichtung Johannes des Täufers in der Festung Machairus (40 km südöstlich von Jerusalem), Begräbnis des enthaupteten Johannes des Täufers in Sebaste in Samaria.
Zwischen Geburt und Tod war das Leben Johannes des Täufers von der Kindheit und Jugend an mit dem Begriff "Wüste" lokalisiert (vgl. Mt 3,1, Mk 1,4 und Lk 1,80): "Das Kind wuchs heran und sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten." ...

Zeitgeschichtlich ist das Leben Johannes des Täufers fixiert durch die Angaben bei Lk 3,1ff: "Es war im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa... Hohepriester waren Hanna und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden."
Über keine andere menschliche Persönlichkeit berichtet das NT so viel...
Es ist wahrlich nicht wenig, sondern relativ viel, was über Johannes den Täufer bekannt ist. Und doch ist es wieder wenig, was über das Innenleben dieser einmaligen Persönlichkeit zu wissen erwünscht wäre. Hier können die Einsichten, Überlegungen und Offenbarungen der begnadeten, leidgeprüften Äbtissin Maria Cäcilia Baij OSB (+ 6.1.1766) weiterhelfen. In ihrem Buch "Leben des hl. Johannes des Täufers" schreibt Sr. Cäcilia Baij über die Eltern, die Kindheit und Jugend, die Tugenden und das Verhältnis des hl. Johannes des Täufers zu dem Gottmenschen, so daß man wirklich über das Innenleben dieses großen Heiligen bestens informiert wird. Und wie durch alle diese Privatoffenbarungen und Visionen wird man angetrieben, so wie er in vorbehaltloser Hingabe dem Gottmenschen zu dienen und IHM in die Herzen der Menschen die Wege zu bereiten. Alles, was die Äbtissin über Johannes den Täufer und sein Verhältnis zu Jesus Christus schreibt, folgt aus ihrer Überzeugung, daß Johannes noch im ungeborenen Zustand, im Mutterschoß seiner Mutter Elisabeth von der Erbsünde befreit, begnadet und mit eingegossenem Wissen beschenkt worden ist. Sie drückt diese Behauptung in dem einen Satz aus: "Johannes betete das im Schoß der seligen Jungfrau Fleisch gewordene Wort an, anerkannte es als seinen höchsten Herrn und König, dankte ihm und machte sich schon jetzt (im Mutterschoß Elisabeths) ganz zu seinem Dienst, zur Aufgabe als Vorläufer bötig." ...
Die dominierende Stellung Johannes des Täufers unter den Heiligen dokumentiert sich vor allem auch in den Namen der Kirchen und der Heiligen. Zahlreiche Dome und Kirchen tragen seinen Namen, allen voran die Lateranbasilika in Rom, die als Enklave zum Vatikan gehört. Der Lateranpalast, der dem römischen Kaiserhaus gehörte, wurde im Jahr 314 Wohnsitz der Päpste. Dabei entstand die dem hl. Johannes dem Täufer geweihte Basilika, die Bischofskirche des Papstes und ranghöchste katholische Kirche der Welt (nicht St. Peter im Vatikan ist die Mutterkirche, sondern San Giovanni in Laterano). Man denke aber auch an die Dorfkirche vom hl. Pater Pio, San Giovanni Rotondo, die heute zu den besuchtesten Kirchen der Welt gehört.
Zahlreiche Heilige sind auf den Namen Johannes des Täufers getauft. Man denke z.B. an Jean-Babtiste-Maria Vianney von Ars, den Patron der Pfarrer, und viele andere Heilige.
Johannes der Täufer hat auch in der Musikgeschichte seine Spuren hinterlassen. So hat Johann Sebastian Bach zwei seiner berühmten Sonntags- und Festtagssonaten, die Nr. 7 und Nr. 176, Johannes dem Täufer gewidmet.
Es gibt in der Ostkirche keine Ikonostase (Bilderwand vor dem Hauptaltar), die nicht die allerseligste Jungfrau Maria und den hl. Vorläufer Johannes den Täufer enthalten.


Vorwort von Maria Cäcilia Baij OSB
(29. August 1742)

Da ich, um dem heiligen Gehorsam nachzukommen, beginnen soll, das Leben des ruhmreichen hl. Johannes des Täufers zu beschreiben, bekenne ich, daß ich wegen meiner Unwürdigkeit nur widerstrebend und sehr zögernd daran herangehe, denn um von einem so großen Heiligen zu sprechen, müßte man ein Seraph sein. Doch die Tugend des Gehorsams läßt mich den Widerstand aufgeben und sämtliche Hemmungen überwinden.

Die Tugenden der Eltern des Täufers
Die Eltern unseres Heiligen waren gerecht und gewissenhaft und auch sie erwarteten das Kommen des dem Volk Israel verheißenen Messias. Sie hielten sich an die Patriarchen und Propheten und beteten beharrlich zum Allerhöchsten, er möge in seiner Güte der Welt den Erlöser senden. Doch sie bedauerten und betrauerten ihr Verhängnis, denn als solches faßten sie die Unfruchtbarkeit der hl. Elisabeth auf. Seit vielen Jahren flehten beide den Himmel an, sie mit Nachkommen zu segnen. Da Zacharias aber sah, daß die ersehnte Gnade nicht eintraf, und fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, weil beide schon sehr alt waren, begann er bei dieser Bitte lau zu werden und äußerte sie nicht mehr mit der Inständigkeit, mit der er sie viele Jahre vorgebracht hatte, sondern gab sich mehr der Sehnsucht nach dem verheißenen Messias hin.
Nicht so Elisabeth, die ihre Gebete umso mehr steigerte, je mehr sie sich als unfruchtbar vorkam, denn sie war sich gut bewußt, daß für Gott nichts unmöglich ist und daß man auf beharrliches Gebet hin das, worum man bittet, immer erlangt, insbesondere dann, wenn das Anliegen zur größeren Ehre des Allerhöchsten dienen soll. Darum bat sie Gott weiterhin um den ersehnten Nachwuchs und ermahnte ihren Mann, nicht weniger innig zu beten; auch ermunterte sie ihn sehr oft zur Hoffnung, die ersehnte Gnade doch noch zu erhalten.
Nach vielen Jahren und langem Beten wollte Gott sie schließlich trösten und schenkte ihnen die ersehnte Nachkommenschaft. Das geschah in einem Jahr, als selbst der Boden so fruchtbar war, daß sogar alte Leute sich nicht erinnerten, je eine solche Fruchtbarkeit erlebt zu haben. Ihre Herzen waren von so lebhafter Liebe zu ihrem Gott erfüllt, daß sie oft die Hl. Schrift besprachen, um in ihren Seelen die Liebe zu Gott noch zu bestärken.
Sie hielten miteinander lange Gespräche über die wunderbaren Werke des Gottes der Heerscharen. So bereitete Gott die Herzen dieser beiden großen Seelen auf den Empfang einer einzigartigen Gunst vor, denn er wollte ihnen einen Sohn schenken, den der Welterlöser selbst später als den Größten der je von einer Frau Geborenen bezeichnete.
Als die Zeit der gnadenreichen Empfängnis gekommen war, hatte Elisabeth eines Tages, als sie noch inniger als gewöhnlich zu ihrem Gott betete, eine wunderbare Ekstase, in der ihr viele Geheimnisse in Bezug auf die Empfängnis ihres großen Sohnes enthüllt wurden, den sie zur gegebenen Zeit zur Welt bringen sollte. Sie wurde aufgefordert, sich mit Fasten, Almosen und innigem Beten vorzubereiten, denn der Sohn, den sie empfange, werde groß sein vor Gott und den Menschen. Zudem wurde sie ermahnt, das Geheimnis in ihrem Herzen zu bewahren, denn alle diese Aufschlüsse würden ihr vom Himmel gegeben, um ihren Glauben und ihr Durchhalten im Gebet um das ersehnte Kind zu belohnen. Als die heilige Frau nach der Ekstase wieder zu sich kam, führte sie aus, wozu sie angeregt worden war, und sie ging ganz in Dank zu ihrem Gott auf.
Ein Engel offenbarte auch Zacharias, seine Frau Elisabeth werde einen Sohn empfangen, der Johannes heißen solle. Zacharias schenkte jedoch dem Engel nicht Glauben und wurde wegen seiner Ungläubigkeit stumm. Er erlitt aber die Stummheit sehr ergeben als Strafe für seinen Glaubensmangel, denn er wußte sehr gut, daß Gott auch kleinere Verfehlungen streng zu strafen pflegt. Elisabeth begann sofort zu beten, um Gott zu versöhnen, damit er dem alten Mann seine Ungläubigkeit vergebe. Aber Gott wollte, daß Zacharias die Strafe bis zur Geburt des Kindes erdulde.

Die Zeit nach der Geburt und der Besuch der hl. Jungfrau Maria
Die demütige Elisabeth fühlte eine große Liebe zu ihrem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug und wünschte, daß es reich an allen Tugenden werde; deshalb übte sie sich selbst in Akten der Nächstenliebe und der Demut. Sie war mit allen Kräften bestrebt, mit ihrem Gott vereint zu sein, und zog sich dazu von den Beziehungen mit den Geschöpfen zurück und unterhielt sich in ihrem tiefsten Herzen Auge in Auge mit Gott. Sie wurde vom Heiligen Geist erleuchtet und belehrt und führte die göttlichen Anregungen treu aus. Sie fastete beständig und schloß aus ihrer Neigung zur Buße, zum Fasten, zur Zurückgezogenheit, daß der Sohn, den sie im Schoße trug, ein sehr zurückgezogenes und strenges Leben führen werde.
Elisabeth berichtete alles Zacharias, und obwohl er selbst nicht sprechen konnte, sagte sie ihm vieles, um ihn zu trösten. Zacharias weinte vor Freude und lebte ebenfalls zurückgezogen und in beständigem Gebet. Da er nicht sprechen konnte, brachte er die meiste Zeit mit Beten und mit Lesen der Heiligen Schrift zu. Viele Male gab er diese auch seiner Frau zu lesen, die darin viel Erbauliches fand, vor allem wenn sie die Psalmen Davids las und auch das, was die Propheten über das Kommen des Messias geschrieben hatten.
Seit der Empfängnis ihres Sohnes waren schon sechs Monate vergangen, als sie des Besuchs der hohen Gottesmutter gewürdigt wurden. Sie wußten aber noch nicht, daß das göttliche Wort Mensch geworden war. Elisabeth begann noch viel mehr als sonst schon, sich innerlich von Jubel erfüllt zu fühlen, und wußte nicht, woher das komme. Sie hatte zwar Eingebungen, die ihr verhießen, daß Gott ihr eine große Gnade erweisen wolle, aber sie hatte keine Idee von dem, was Gott für sie vorgesehen hatte.
Eines Tages fühlte sie sich mehr als gewöhnlich zur Liebe Gottes entflammt und verspürte eine übergroße Freude, und das war eben der beglückende Tag, an dem sie den Besuch der Mutter des menschgewordenen Wortes erhielt. Elisabeth wurde von der Ankunft der beiden Pilger, Marias und Josephs, benachrichtigt. Als sie die Nachricht erhielt, Maria und Joseph seien auf dem Weg zu ihr, verspürte sie große Freude, denn sie wußte, daß ihre Verwandte ebenfalls von einer unfruchtbaren Frau abstammte und daß sie ihren Eltern durch eine ganz besondere Gunst vom Himmel geschenkt worden war. Zudem wußte sie vom Hörensagen von den wunderbaren Tugenden und der Heiligkeit ihrer jungen Verwandten; darum ging sie ihr freudig entgegen. Als sie Maria erblickte, blieb sie erstaunt stehen und brachte kaum ein Wort heraus. Sie bemerkte gleichzeitig die Hoheit, Bescheidenheit und seltene Schönheit Marias und wurde von Freude und Ehrfurcht erfüllt.
Während Elisabeth so voller Verwunderung war, grüßte Maria sie mit den Worten: "Der Friede sei mit dir, meine liebe Verwandte und überaus würdige Mutter des großen Vorläufers des Messias." Auf diese Worte hin wurde Elisabeth, weil vom Heiligen Geist erfüllt und von himmlischem Licht erhellt, sich bewußt, daß ihre Verwandte die wahre Mutter des Messias sei und ihn in ihrem reinsten Schoß trage. Sie fühlte, wie der kleine Johannes frohlockte, der in diesem Augenblick von der Erbsünde befreit und dessen Vernunft vorzeitig geweckt wurde. Johannes betete das im Schoß der allerseligsten Jungfrau inkarnierte Wort an, anerkannte es als seinen höchsten König, dankte ihm und machte sich schon jetzt ganz zu seinem Dienst, zur Aufgabe als Vorläufer erbötig. Elisabeth, die allein schon aus dem Gruß Marias so viel Verwunderliches heraushörte, rief aus: "Wem verdanke ich es, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?"
Während Joseph bei Zacharias blieb, unterhielt sich die Mutter des Vorläufers mit der Mutter des inkarnierten ewigen Wortes und sie sprachen miteinander über die geschehenen großen Ereignisse. Elisabeth erzählte, was sie bei der Ankunft Marias verspürt hatte, alles, was in ihrem Geist vorgegangen war, und wie sehr sich ihr Herz freue. Sie erzählte, daß sie verspürt habe, wie das Kind in ihrem Schoß frohlockte, und daß ihr ganz klar gezeigt worden sei, daß Maria die glückselige Mutter des inkarnierten Wortes sei. Die allerseligste Maria hörte dem, was Elisabeth erzählte, zu und sprach den berühmten Lobgesang:

 Das Magnificat
Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. (Lk 1,46-55)

Elisabeth hörte diesen Lobgesang auf dem Boden kniend an; sie verstand alle in ihm enthaltenen Mysterien gut und bewunderte die Größe der Gottesmutter und ihre Weisheit, Tugend und Gnade immer mehr. In ihrem Herzen dankte sie Gott für die große Gunst, die er ihr erwiesen hatte.
Während die beglückten Mütter die wunderbaren Werke des Allerhöchsten erzählten, unterhielt sich das inkarnierte Wort mit seinem Vorläufer. Da dieser schon von der Erbschuld befreit und zum Freund Gottes gemacht worden war, erfreute sich das göttliche Wort an dieser Seele, die er zu seiner großen Ehre erschaffen und der er so einzigartige Gunsterweise geschenkt hatte. Auch der kleine Johannes unterhielt sich sehr beglückt mit seinem menschgewordenen Gott; er lobte ihn, dankte ihm für die großen Gnaden, die er ihm erwiesen hatte, und so sprachen sie vom Mutterschoß aus im Geist miteinander und lobten den göttlichen Vater.

Der Besuch der hl. Jungfrau Maria bei Elisabeth
Maria blieb im Haus der Elisabeth während der ganzen drei Monate bis ihre Verwandte gebären sollte, um ihr beizustehen, Johannes mit Gnaden zu bereichern und das ganze Haus zu heiligen, worin auch noch einige Bedienstete und Elisabeth waren. Die Gottesmutter wollte allen das Vorbild ihrer heroischen Tugenden bieten, und obwohl schon der bloße Blick auf sie mit Liebe zur Tugend beseelte, wollte sie diese auch beispielhaft zeigen, damit man sich umso mehr bemühe, das, was man hörte und sah, im Verhalten nachzuahmen. Die allerseligste Jungfrau war zumeist zum Gebet zurückgezogen und meistens hatte sie Elisabeth bei sich, um sie in dieser heiligen Übung zu unterrichten. Auch wollte sie den kleinen Johannes nicht der Freude berauben, die er in der Gegenwart seines inkarnierten Gottes verspürte, denn obwohl beide noch im Mutterschoß waren, freuten sie sich sehr, beieinander zu sein.
Der Erlöser erleuchtete und bereicherte Johannes immer mehr mit Verdiensten, und dieser entbrannte immer stärker in dankbarer Liebe zu seinem Gott. Und da er sich vom inkarnierten Wort, das in seinem Haus wohnen wollte, so sehr begnadet und geehrt sah, verbrachte er die meiste Zeit in innigen Akten der Liebe und Dankbarkeit.
Zacharias und alle Hausangehörigen waren darüber verwundert, daß eine so junge und verehrungswürdige Frau von seltener Schönheit sich so sehr herabließ und nicht nur Elisabeth, sondern je nach Bedarf auch allen Hausbewohnern so liebenswürdig und eifrig diente. Sie bemerkten die seltene Bescheidenheit, Demut, Güte und Liebe, mit der sie alles tat. Sie wurden immer mehr verwundert und erbaut und fühlten sich angetrieben, ein so seltenes Beispiel nachzuahmen.
Wenn dann die allerseligste Maria, von ihrer Verwandten gebeten, das in Gegenwart aller zu tun, von der Größe Gottes und seinen Eigenschaften sprach, tat sie das so liebenswürdig und mit so großem Eifer, daß sie in den Herzen der Zuhörer die Liebe zu Gott entfachte, und ihre Worte drangen allen, insbesondere aber Elisabeth und Johannes, zutiefst in die Seele.
Johannes ließ verspüren, wie er im Mutterschoß darüber frohlockte, daß das göttliche Wort durch den Mund Marias sprach, denn diese war bei allen ihren Gesprächen durch das ewige Wort belehrt, das sie in ihrem reinsten Schoß trug. Er hörte die Worte der Jungfrau-Mutter so aufmerksam und andächtig an, daß er, so gut er es vermochte, den Kopf neigte. Und Elisabeth, die das verspürte, verstand es gut, daß ihr Sohn, wenn auch noch in ihrem Schoß, seinen Gott und dessen allerseligste Mutter anerkannte. Das machte ihr große Freude; sie dankte dafür Gott und Maria und gab ihr Kunde von dem, was sie fühlte und ihrem Sohn wußte.
Maria ergriff dann die Gelegenheit, ihr viele Geheimnisse zu enthüllen über das, was ihr Sohn, den sie im Schoß trug, sein werde, und Elisabeth hörte ihr mit Tränen der Rührung und Freude zu. Auf diese Weise wuchsen sie und ihr Sohn an Liebe und Verdiensten, und Maria erbat ihnen vom menschgewordenen Wort stets neue Gnaden und Gunsterweise.
So vergingen die drei Monate, während der die allerseligste Jungfrau Maria in diesem Haus weilte, für sie in großer Freude, da sie sah, daß ihr Gott von allen geliebt wurde, und weil alle Gott lobten, vor allem Johannes und seine Mutter Elisabeth. Maria wiederholte ihren Lobgesang: "Hoch preiset meine Seele den Herrn". Sie lehrte ihn auch ihre Verwandte und der kleine Johannes im Mutterschoß verrichtete ihn oft zusammen mit seiner Mutter und dachte über die darin enthaltenen Geheimnisse nach. Maria verstand dies alles, freute sich sehr darüber und dankte dem Allerhöchsten dafür.

Die Geburt Johannes des Täufers
Als der Zeitpunkt kam, an dem Elisabeth ihr Kind gebären sollte, bereitete sie sich mit noch innigeren Akten der Liebe zu Gott, noch mehr Gebeten als gewöhnlich, in allem von Maria belehrt und in frommen Gesprächen mit ihr, darauf vor. Der kleine Johannes indes hatte eine besondere Liebe zur Reinheit; sie war ihm, zusammen mit dem Vernunftgebrauch, schon im Mutterschoß geschenkt worden. Deswegen sagte er voll Verlangen: "Wann wird der glückselige Tag kommen, an dem ich gewürdigt werde, in den keuschen Armen der Unbefleckten Jungfrau-Mutter des Messias zu ruhen? Wann werden diese meine Augen Maria sehen, die den im Schoß trägt, den die Himmel nicht fassen?" So sehnte sich der kleine Johannes, das Licht der Welt zu erblicken, um sich ganz in der Hingabe an seinen Gott und dessen heiligste Mutter zu üben.
Als der glückselige Tag seiner Geburt anbrach, erbat sich der kleine Johannes die Erlaubnis und den Segen dazu vom göttlichen Wort, das er im Schoß Marias inkarniert sah. Das inkarnierte Wort und dessen heilige Mutter gaben ihm die Erlaubnis und ihren Segen. Johannes verneigte sich dabei, betete Jesus an, dankte ihm und erklärte, er komme nur dazu auf diese Welt, um den göttlichen Willen zu erfüllen und die ihm vom Allerhöchsten schon übertragene Aufgabe des Vorläufers zu erfüllen. In vielen Gebeten wandte sich Johannes, bevor er zur Welt kam, seinem Gott zu, in Akten des Dankes, des Lobes, der Bitte.
Als die Stunde seiner Geburt gekommen war, wurde das ganze Haus von Jubel und außerordentlicher Freude und Tröstung erfüllt. Elisabeth brachte ihren Sohn mit wenigen Beschwerden und Schmerzen zur Welt, so daß die heilige Frau, daran gewöhnt, innerlich mit ihrem Gott vereint und fast beständig in Gebet und erhobenen Sinnes zu sein, auch während der Geburt geistig mit Gott vereint war und ihm die wenigen Schmerzen, die sie litt, zur Buße für ihre Verfehlungen aufopferte. - Johannes betete nach seiner Geburt tief seinen Gott an, dankte ihm und weihte sich ganz ihm. Bei seinem Anblick waren alle Anwesenden verwundert wegen seines Anbetungsaktes und wegen der Schönheit des Kleinen. Sofort verbreitete sich in allen Ortschaften die Kunde von der Geburt des Knäbleins, von dem, was sie bewirkt, und von dem, was man innerlich erlebt hatte. Die Leute sagten voll Staunen: "Was wird wohl aus diesem Wunderkind werden?"

Der kleine Johannes wünschte, die Mutter des menschgewordenen Wortes bald zu sehen und zu verehren. Er bat den Allerhöchsten, seiner Mutter den Gedanken einzugeben, sogleich die allerseligste Jungfrau kommen zu lassen. Er konnte von dieser ohne weiteres in ihre keuschesten Arme geschlossen werden, denn Johannes wurde nicht wie die anderen Kinder als durch die Erbsünde Gott entfremdet geboren, sondern durch den Besuch des menschgewordenen Wortes schon im Mutterschoß von ihr befreit und geheiligt. Sobald der Kleine bei der Gottesmutter war, betete er den Erlöser im Mutterschoß an und verehrte dessen heilige Mutter auch äußerlich, indem er den Kopf neigte. Mit dem Herzen bat er sie um den heiligen Segen und die Gunst, in ihre keuschesten Arme genommen zu werden. Die heilige Jungfrau nahm ihn sehr liebevoll entgegen und drückte ihn an die Brust; dadurch wurde das Knäblein noch mehr geheiligt und von Gnaden erfüllt. Es jubelte und frohlockte, da es sich durch die Gottesmutter so begnadet sah, und dankte dafür dem Allerhöchsten.
Die Gottesmutter brachte Johannes ihrem Gott dar und im Namen des Kindes dankte, lobte, pries und bat sie Gott und weihte es ihm. So wurde der Knabe immer mehr mit Gnaden bereichert und in der Kenntnis der göttlichen Mysterien, der Größe seines Gottes und seiner heiligen Mutter erhellt. Wenn er in den Armen der Gottesmutter lag, verspürte er einen unerklärlichen Jubel und erfreute sich eines wonnigen Paradieses; auch war es ihm, als läge er in den Armen des menschgewordenen Wortes.
Maria behielt ihn für kurze Zeit bei sich und gab ihn dann seiner Mutter zurück. Der Knabe dankte ihr von Neuem und bat sie um den heiligen Segen. Er sagte all das in seinem Herzen, fühlte alles und sah die Mutter der unerschaffenen Weisheit. Er liebkoste sie auf kindliche, aber feste und würdevolle Weise, denn alles, was er tat, geschah mit großer Behutsamkeit, Weisheit und Anmut, wie das sich gegenüber der Mutter der unerschaffenen Weisheit geziemte. Wenn der kleine Johannes sich aus den Armen der Gottesmutter löste, war es ihm, als zerspringe ihm das Herz. Und er sollte es gut verspüren, denn im jungfräulichen Schoß weilte der, den er lieber hatte als sich selbst und der für ihn mehr als sein Herz und seine Seele war. Darum ging er wohl leiblich weg, verblieb aber mit seinem Geist und Herzen dort.
Als er zu Elisabeth gebracht wurde, empfing sie ihn mit Herzensjubel im Wissen darum, daß er schon in den Armen der Gottesmutter gelegen war. Sie nahm ihn entgegen und drückte ihn als einen Schatz und ein von der Großmut Gottes erhaltenes Geschenk an die Brust, und im Wissen darum, was er dereinst sein sollte, blickte sie ihn in Liebe und Verehrung an. Desgleichen auch Zacharias, sein Vater, der, obwohl er noch nicht wieder sprechen konnte, ihn in seinem tiefsten Herzen innerlich Gott weihte. Auch er blickte in großer Liebe auf ihn und nahm ihn mit Freudentränen in seine Arme.
Johannes weilte gern in den Armen seiner Eltern, sein Herz aber verlangte nach der Gegenwart des menschgewordenen Wortes und seiner heiligen Mutter, denn er hatte schon mit Freuden erlebt, wie schön und angenehm es war, in ihren heiligen Armen zu weilen.
Während der kurzen Zeit ihres dortigen Aufenthaltes wurde denn auch Johannes in den göttlichen Dingen sehr erleuchtet und unterrichtet und er erfaßte klar die überaus große Begnadung der heiligen Mutter.
Als dann der Tag da war, an dem das Knäblein beschnitten werden mußte, nahm die Gottesmutter es vorher in ihre Arme und brachte es von Neuem Gott dar, übergab es der Elisabeth und zog sich zurück, um ihre gewohnten Gebete zu verrichten und auch für das Knäblein zu beten.
Es fanden sich viele Leute ein, um bei der Beschneidung dabei zu sein. Sie fragten, welcher Name dem Knäblein gegeben werden sollte. Elisabeth und Zacharias wußten schon den Namen, der ihnen vom Himmel bekanntgegeben worden war, als der Engel ihnen die Empfängnis des Sohnes verkündet hatte. Elisabeth fragte auch Maria, die ihr bestätigte, daß das Kind Johannes heißen müsse. Darum sagte Elisabeth, daß es den Namen Johannes tragen solle. Alle verwunderten sich darüber, denn niemand aus ihrer Verwandtschaft hatte diesen Namen getragen. Sie fragten auch Zacharias, und da dieser noch stumm war, schrieb er auf ein Täfelchen: "Sein Name ist Johannes." Alle blieben verwundert und hielten sich an das, was der Vater des Kindleins geschrieben hatte. Man glaubte allgemein, weil der Sohn wundersam sei, müsse auch sein Name etwas Besonderes sein und er sei ihm auf den Willen des Allerhöchsten hin gegeben worden. Als es den Namen Johannes erhielt, frohlocke es und zeigte große Freude, so daß alle verwundert waren und über die wunderbaren Zeichen, die sie an ihm erblickten, staunten. Alle beglückwünschten seine Mutter, weil Gott gegenüber ihr und ihrem Sohn so große Wunder seines Erbarmens wirkte.
Während alle dabei waren, die Mutter und den Vater zu beglückwünschen, und die Güte Gottes priesen, der ihnen einen solchen Sohn gab, kam auch die heilige Jungfrau herbei, um sie zu beglückwünschen. Sogleich wurde ihr das Knäblein übergeben, das sie mit großer Liebe in ihre keuschen Arme nahm. Johannes hatte schon das Verlangen, gewürdigt zu werden, in den Armen der keuschen Mutter des Messias zu liegen. Während alle aufmerksam auf Maria schauten, fühlte man sich allgemein gedrängt, Gott zu lieben, da man eine so verehrungswürdige Frau von seltener Bescheidenheit und Schönheit sah.
Da löste sich dem Vater des Knäbleins, der von einem himmlischen Licht erleuchtet und von Freude und vom Heiligen Geist erfüllt wurde, die Zunge und er trug feierlich seinen Lobgesang vor:
"Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen; er hat uns einen starken Retter erweckt im Hause seines Knechtes David. So hat er verheißen von alters her durch den Mund seiner heiligen Propheten. Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen. Er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht, an den Eid, den er unserem Vater Abraham geschworen hat; er hat uns geschenkt, daß wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage. Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten. Du wirst sein Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der Sünden. Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens." (Lk 1, 67-79)
In prophetischem Licht kündigte er das Kommen des Messias und die Aufgabe seines wundersamen Sohnes an. Als er den an Prophezeiungen und Geheimnissen reichen Gesang beendet hatte, priesen alle miteinander Gott und sagten in Verwunderung über die großen Dinge, die sie gehört hatten: "Was wird wohl aus diesem Kind werden, für das Gott so große Wunder wirkt?"
Als Elisabeth ihren Mann sprechen und in prophetischem Geist so große Dinge ankündigen hörte, vergoß sie Freudentränen und sagte ihrem Gott liebevoll Dank. Sie wiederholte oft: "Wieso ist mir das gewährt, o großer Gott?! Wieso mir, einem so elenden Geschöpf?! Wieso ist mir das gewährt, wenn nicht deshalb, weil deine unendliche Güte sich herabgelassen hat, eine Dienerin von dir mit so großen Gnaden und Gunsterweisen heimzusuchen und zu trösten?!"
Und sie fügte hinzu: "Und was werde ich für meinen Gott tun, der mich unter all den andern Frauen so sehr begnadet und geehrt hat?" Die heilige Frau ging ganz in Dankbarkeit, Liebe und Ehrerbietung gegenüber ihrem Gott auf und bat die Mutter des Messias, dem Allerhöchsten den geschuldeten Dank zu erstatten, denn sie selber hielt sich für unfähig, das gebührend zu tun.
Mehr als alle Anwesenden erfaßte Johannes die Mysterien, von denen im Gesang des Zacharias die Rede war, und sagte gleichzeitig dem Allerhöchsten Dank. Er empfand eine große Freude, als er seinen Vater so sehr durch Gott begnadet sah. Als der Lobgesang beendet war, neigte er den Kopf und dankte Gott und dem Mensch gewordenen Wort. Darüber waren alle sehr verwundert. Die heilige Jungfrau freute sich sehr, als sie hörte, wie alle Anwesenden Gott lobten und priesen, und sagte Gott liebevoll Dank.
Als alle Besucher weggegangen waren, konnten die Eltern des Knäbleins offener mit der Mutter des Messias über die Geheimnisse sprechen, die in dem Lobgesang des Zacharias enthalten waren. Sie priesen Gott ganz besonders. Zacharias sprach mit der Mutter des Messias und dankte ihr liebevoll für das, was sie für ihn und seine Frau Elisabeth und insbesondere für seinen Sohn getan hatte. Er bat sie liebevoll, dem Allerhöchsten für so viele und so außerordentliche Wohltaten, die er ihnen erwiesen hatte, in seinem Namen Dank zu sagen. Die überaus demütige heilige Mutter sagte zu ihm, er solle für sie seinem Gott dafür danken, daß er sie so sehr gesegnet hatte, und sie wiederholte zur Freude des Zacharias und der Elisabeth ihren Lobgesang: "Hoch preist meine Seele den Herrn..."
Zacharias hörte ihr auf dem Boden kniend zu und erfaßte alle darin enthaltenen Geheimnisse gut. Das war für das ganze Haus des Zacharias ein Tag so großer Begeisterung und Freude, daß es dafür kaum Worte gibt. Nun konten die beiden alle Trübsale, die sie wegen ihrer Unfruchtbarkeit früher erlitten hatten, preisen, da sie ihnen so große Freuden und unerklärliche Tröstungen gebracht hatten. Nun verstanden sie mehr denn je, daß ihre langen, innigen Gebete nicht vergeblich gewesen waren und daß sie, weil sie ohne die geringste Hoffnung weiterhin um ein Kind gebetet hatten, mit dem Sohn so große, vorher nie erlebte Gunsterweise und Gnaden erhalten hatten.
Aber in diesem Leben bleiben die wenn auch geistigen und heiligen Freuden nie ohne die eine oder andere Betrübnis, denn unser Gott hat ungetrübte und leidlose Freude und Fröhlichkeit dem Himmel vorbehalten. So ging es auch unseren Heiligen, denn sie vernahmen, daß Maria wegehen müsse. Sie mußte nach dem Willen des Allerhöchsten in ihre Heimat Nazareth zurückkehren, denn ihr Bräutigam, der heilige Joseph, war auf eine Offenbarung des Engels hin gekommen, um sie abzuholen. Dieser hatte zu ihm im Traum gesprochen, und ihm mitgeteilt, daß Elisabeth das Kind zur Welt gebracht habe und daß er deshalb Maria, seine heilige Braut, abholen solle. Joseph hatte sich sogleich auf den Weg gemacht und kam an, als das beglückte Haus in großer Freude war. Alle waren über die Ankunft Josephs erfreut. Als sie aber hörten, er müsse seine geliebte Braut wegführen, wurden alle betrübt im Gedanken daran, daß sie derer beraubt werden sollten, die ihre ganze Freude ausmachte.
Erst recht war der kleine Johannes traurig, welcher die Freude entbehren sollte, die er empfand, wenn er in den Armen derer lag, die im Schoß den trug, den die Himmel nicht fassen, und der sich so rasch der Gegenwart des inkarnierten Wortes beraubt sah, mit dem er sich bisher in anmutigen geistlichen Gesprächen erging. Da Maria sah, wie betrübt ihre Verwandten waren, sprach sie ihnen Trost zu und ermahnte sie, sich in allem ganz in das zu ergeben, was der Allerhöchste verfüge.

Die Abreise Marias aus dem Hause des Zacharias
Als der Tag gekommen war, an dem die Mutter des inkarnierten Wortes nach Nazareth heimkehren mußte, sprach die Gottesmutter ganz von Liebe zu ihrem Gott entflammt mit Zacharias und Elisabeth in Gegenwart auch des heiligen Joseph, ihres Bräutigams, und des kleinen Johannes. Sie bat um die Erlaubnis, heimkehren zu dürfen, denn der Allerhöchste wolle das so. Elisabeth wollte sich ihr zu Füßen werfen, Maria ließ aber das nicht zu, denn sie war so demütig, daß sie sich von niemanden an Demutsakten übertreffen lassen wollte. Zacharias weinte, denn auch ihn schmerzte es, der ganzen Tröstung durch sie entbehren zu müssen. Doch mehr als jeder andere litt darunter der kleine Johannes. Er brachte seinem Gott ein ganz schweres Opfer, als er sich völlig dem göttlichen Willen überließ.
Maria wußte wohl, daß sie bei ihrer Abreise die Herzen derer mit sich führe, die sie so sehr liebten. Deshalb erwies sie sich ihnen überaus dankbar und versprach, sie werde sie nicht vergessen, sondern sich in ihren Gebeten beständig an sie erinnern; auch wenn sie jetzt dann dem Leibe nach einander fern seien, seien sie im Geist doch stets miteinander vereint.
Maria hielt den kleinen Johannes zum letzten Mal in ihren keuschen Armen und brachte ihn aufs Neue Gott dar. Dabei führte Johannes mit dem inkarnierten Messias viele Gespräche und bat ihn, das Opfer seiner selbst anzunehmen. Er dankte ihm, lobte und pries ihn und bat ihn um seinen beständigen Beistand; er neigte sein Haupt und erbat seinen Segen, der ihm reichlich zuteil wurde. Das gleiche tat er gegenüber der Jungfrau, die in prophetischem Geist alles, was Johannes innerlich tat, gut zu sehen vermochte.
Als sich der Schmerz des Zacharias und der Elisabeth ein wenig gelegt hatte, bat die heilige Jungfrau Zacharias, das von ihm verfaßte Loblied in Gegenwart ihres Bräutigams Joseph noch einmal zu wiederholen, um so Gott gemeinsam zu loben und zu preisen.
Nachdem Zacharias den Gesang beendet hatte, bat er Maria, wie bei der Ankunft in seinem Haus ihr Preislied vorzutragen. Maria sprach es so beseelt und anmutig, daß sie allen eine große Tröstung brachte und man sich allgemein freute. Gemeinsam lobpriesen sie Gott, vor allem der keusche heilige Joseph, da ihm ein solch schönes Los beschieden war, eine so verdienstvolle und mit so seltenen Vorzügen versehene Braut sein eigen zu nennen.
Bevor jedoch Maria abreiste, wollte Elisabeth mit ihrer lieben Verwandten unter vier Augen sprechen, einzig in Gegenwart des kleinen Johannes. Sie wollte dabei das göttliche Wort anbeten, das Maria in ihrem jungfräulichen Schoß trug. Sie zogen sich zurück und auch Joseph zog sich mit Zacharias zurück, der zu ihm von den vielfältigen Tugenden seiner heiligen Braut sprach und über das Glück, von Gott eine so verdienstvolle Jungfrau zur Gefährtin zu erhalten. Während sie miteinander redeten, war Elisabeth bei Maria und erbat ihren Segen; auch bat sie, ihr die Freude zu machen, sie das inkarnierte Wort anbeten zu lassen, das sie in ihrem reinsten Schoß trug; um das gleiche bat ihr Söhnchen Johannes, und Maria machte ihnen die Freude. Elisabeth warf sich auf die Knie, betete den Messias im jungfräulichen Schoß in tiefer Verehrung an und weihte sich ihm ganz. Dann setzte sie den kleinen Johannes auf den Boden und er verneigte sich tief und betete den Messias innig an. Er gab sich ihm aufs Neue ganz hin und bat ihn von Neuem, ihn zusammen mit seiner Mutter Elisabeth zu segnen. Nachdem sie den Segen des inkarnierten Wortes empfangen hatten, standen sie auf; Elisabeth dankte der Gottesmutter für die ihr und ihrem Sohn erwiesene Gunst und grüßte sie zum letzten Mal.
Elisabeth dachte nämlich, sie werde nie mehr das Glück haben, ihre geliebte Verwandte zu sehen, denn sie hielt sich wegen ihres Alters für unfähig, sie in Nazareth zu besuchen, und die heilige Jungfrau kehrte nicht mehr in diese Bergregion zurück, denn sie hatte nun ausgeführt, was der Allerhöchste angeordnet hatte, um seinen Vorläufer zu heiligen. Maria reiste mit ihrem Bräutigam Joseph ab und ließ diese Familie ganz geheiligt zurück.

"Die anderen Propheten haben nur aus einem von Gott berührten Herzen
den Stern der Zukunft besingen können; du aber, du zeigtest mit dem Finger
auf den, der die Sünden der ganzen Welt hinwegnimmt!"  (Meßliturgie)

Was Johannes in der Heiligen Nacht tat und wie er sich nachher verhielt
Am Abend vor der Geburt des Heilands fand der Kleine keinen Schlaf, sondern verharrte schweigend ganz mit seinem Gott vereint. Er hätte gern gewußt, weshalb er nicht schlafen konnte, was für ihn neu war. Er sagte sich: "Vielleicht will mein Gott etwas von mir. Und vielleicht kommt in dieser Nacht mein Heiland zur Welt, denn es sind doch schon neun Monate seit der Inkarnation vorbei!" Johannes verlangte, ihn anzubeten, und erst recht, ihm zu dienen und ihn zu sehen. So verbrachte er die Zeit bis Mitternacht im Wunsch, seinen inkarnierten Gott zu sehen und anzubeten.
Da leuchtete auf einmal ein übergroßer Glanz auf. Es war ein Engel, der ihm die ersehnte Nachricht von der Geburt des Messias brachte. Da erhob sich der kleine Johannes auf dem Bettlein und betete das Fleisch gewordene Wort überaus tief an. Auch Elisabeth wurde davon benachrichtigt; Maria hatte ihr versprochen, ihr davon Kunde zu geben. Die heilige Frau stand auf, kniete nieder und betete den nun geborenen Messias an; sie fand auch den kleinen Johannes in Anbetung versunken. Sie nahm ihn und setzte ihn auf den Boden. Das Knäblein wandte sein Gesicht in die Richtung, in der sein Heiland war, und beugte sich ganz zur Erde nieder, um ihn anzubeten und sich ihm ganz hinzugeben.
Seine Mutter verwunderte sich über diese Geste ihres Sohnes und stellte sich vor, daß sich der Messias in jener Richtung befinde; auch sie wandte sich dahin und betete ihn gemeinsam mit ihrem Sohn an.
Die heilige Frau weinte vor Freude und auch Johannes vergoß viele Tränen, denn da er gewürdigt worden war, im Geist seinen Herrn zu sehen, der weinend auf Heu lag, weinte auch er aus Rührung und Liebe und verharrte unter Tränen am Boden, um sich seinem Mensch gewordenen Gott beizugesellen, denn er war verwundert und erstaunt, seinen Herrscher so arm in einem Stall zu erblicken. Er verehrte die heiligste Jungfrau und beglückwünschte sie zur Geburt des Messias, der Frucht ihres Schoßes. Er weihte sich aufs Neue seinem Gott und verweilte eine Zeitlang bei der Betrachtung der Größe des inkarnierten Wortes. Johannes hatte diese so schöne Gunst verdient, da doch manchen Heiligen die Gnade gewährt wurde, sich im Geist an anderen Orten zu befinden. Erst recht war es passend, daß sich der Vorläufer des Messias bei der Geburt Jesu in der Grotte befand und sich an den Feiern freute, welche die Engel in dieser glückseligen Nacht veranstalteten.
Während Elisabeth ihr Gebet fortsetzte, hielt sich Johannes im Geist in der heiligen Grotte von Betlehem auf, freute sich, den Himmel zu sehen, und beobachtete, was geschah. Er sah die große Armutsliebe und faßte große Zuneigung zu einer so hohen Tugend.
Somit achtete er auf die Entbehrungen Jesu und auf alles andere, um es nachahmen zu können. Er sagte sich: "Wenn mein Gott auf die Welt gekommen ist, um uns das Beispiel zu geben, wie wir leben sollen, und wenn alle ihn nachahmen müssen, muß erst recht ich ihn nachahmen, der ich sein Vorläufer bin und gehen soll, um die Seelen zur Aufnahme des Messias zu bereiten."
In dieser Nacht wurden dem Vorläufer viele Gnaden zuteil und er hatte über das Weihnachtsmysterium viele Erleuchtungen. Sein Geist schwamm in einem Freudenmeer, obwohl er auch an Betrübnis darüber litt, daß sein menschgewordener Gott in so vielen Nöten war und selbst Notwendiges entbehrte. Das große Mitleid, das er empfand, zerriß ihm das Herz,  da er aber einsah, daß alles der göttlichen Anordnung entsprach, ergab er sich in den Willen Gottes, jedoch mit dem tiefen Verlangen, es ihm in vielem gleichzutun, und schon jetzt nahm er sich vor, ein Leben der Buße zu führen.
Nach einigen Stunden kam der kleine Johannes wieder zu sich und seufzte schwer, da er seinen Gott in solcher Armut und in einer Futterkrippe für Tiere auf Heu gebettet gesehen hatte...
Von da an begann der kleine Johannes länger zu fasten und nahm manchmal ganze Tage keine Milch zu sich.
Die Mutter, die in allem klug und besonnen war, schwieg sich über alles Wunderbare, das sie an ihrem Sohn sah, gänzlich aus, was den kleinen Johannes sehr freute.
Als der Knabe zu gehen begann, war es etwas Wundersames, zu sehen, wie oft er seinem Gott und dem menschgewordenen Wort gegenüber Akte der Anbetung vollzog. Johannes begann auch, freilich so geheim als er konnte, des Nachts aufzustehen und seinen Gott und das menschgewordene Wort tief anzubeten.
Aus seiner Liebe zur Zurückgezogenheit schlossen seine Eltern, daß ihr Sohn zur Einsamkeit berufen sei.

Die Nächstenliebe und Demut des hl. Johannes im Kindesalter
Groß war die Liebe des kl. Johannes zu Gott und zum Nächsten, die in seinem Herzen glühte. Wenn er über die Verheerung nachdachte, welche die Sünde unter so vielen leichtsinnigen Seelen anrichtet, weinte Johannes bitterlich.
In prophetischem Licht erkannte unser Heiliger die Bedürfnisse aller, die geistlichen wie die irdischen, und betete deshalb sehr inständig für alle, damit Gott sie mit dem Nötigen versehe. Die geistlichen Bedürfnisse beschäftigten ihn erst recht. Wie viele Tränen vergoß er, um die göttliche Güte anzuflehen, die Seelen aus der Sklaverei der Sünde zu befreien. Er betete fortwährend darum, daß Gott nicht mehr beleidigt werde.
Unser heiliger Knabe erhielt vom menschgewordenen Wort die Gunst, Tag für Tag Jesus im Geist zu sehen und sich mit ihm eine Weile zu unterhalten. Dadurch lernte er die wahre Wissenschaft und das richtige Verhalten Gott, dem Nächsten und sich selbst gegenüber schon in diesem zarten Alter, denn der Heiland unterwies ihn und beseelte ihn mit den Gefühlen, die er selbst hatte. Der Kleine wurde so sein vollkommener Nachahmer. So gab es keinen Heiligen, der - auch im reifen Alter - ihn an Heiligkeit gleichgekommen wäre. Er war auf allen Wissensgebieten so sehr erleuchtet, daß er in seinem Wissen sämtliche Gesetzeslehrer übertraf, denn er hatte sein Wissen an der Quelle allen Wissens geschöpft und besaß auch das eingegossene Wissen. Unser Heiliger war so Prophet, Lehrer, Märtyrer, unbefleckt jungfräulich und heilig. Schon im Mutterschoß wurde er geheiligt und mit allen Vorzügen ausgestattet, welche die Sendung, zu der er von Gott erwählt worden war, verlangte.

...Verfolgung des Messias durch Herodes...
Während die heiligen Eltern zusammen mit ihrem Sohn in aller Ruhe und tiefer Freude lebten, vernahmen sie, daß Herodes dem Leben des auf die Welt gekommenen Erlösers nachstellte, und sie wurden deswegen so traurig, daß der alte Zacharias in tiefe Melancholie fiel. Er betrübte sich umso mehr, als er hörte, der ruchlose Herodes habe den Befehl gegeben, in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knäblein zu töten. Der heilige alte Mann bat Gott inständig, nicht zuzulassen, daß er einen so schrecklichen Mord erleben müsse. Gott erhörte seinen Diener und nahm ihn durch eine kurze Krankheit aus dem Leben. Seine Seele wurde in die Vorhölle gesandt, wohin er die gute Nachricht brachte, daß der Erlöser auf die Welt gekommen sei.
Der kleine Johannes betrauerte den Verlust eines so würdigen Vaters. Das Knäblein konnte zwar noch nicht sprechen, doch genügte seine bloße Gegenwart, den todkranken Vater zu trösten. Der Kleine kniete ganz ernst nieder und erbat stammelnd den Segen seines sterbenden Vaters, der ihn in liebevoller Zärtlichkeit segnete. Dann drückte Zacharias ihn in Vaterliebe an die Brust und sagte bei der Umarmung in prophetischem Geist, er werde Johannes in der Vorhölle erwarten und hoffe, daß bei dessen Ankunft die Befreiung aus diesem Kerker durch die nahe Erlösung sehr bald bevorstehe.
Von da an wußte der Vorläufer, daß er vor dem Erlöser sterben werde. Es kamen dann die Besuche, um Elisabeth ihr Beileid auszudrücken. Bei diesen Besuchen, die Elisabeth empfing, gaben ihr alle den Rat, ihren Sohn an einen sicheren Ort zu bringen, denn die Verfolgung durch den König Herodes steigerte sich und dehnte sich auch auf das dortige Gebiet aus. Elisabeth wußte freilich, daß ihr Sohn als Vorläufer des Messias bei dieser Verfolgung nicht ums Leben kommen werde, hielt es jedoch für gut, ihn in Sicherheit zu bringen. Als sie eines Tages besonders innig betete, wurde sie von Gott erleuchtet und erfaßte ganz klar, was sie tun solle, um der Weisung Gottes nachzukommen, nämlich das Haus zu verlassen und mit ihrem kleinen Johannes in die Wüste zu gehen und sich dort aufzuhalten, bis die Verfolgung vorüber sei.
Die heilige Frau fügte sich in die Göttliche Vorsehung und ergab sich, obwohl ihr das sehr schwer fiel, in allem in den Willen Gottes. Der kleine Johannes indes freute sich überaus, als die ersehnte Stunde gekommen war, da er nun seinen Wunsch stillen konnte, aus Liebe zu Gott Hunger, Kälte, Entbehrung und allerlei andere Unbilden zu erdulden.
Die heilige Frau Elisabeth ordnete ihr ganzes Hauswesen, gab reichliche Almosen und hieß ihr zugetane treue Personen bis zu ihrer Rückkehr über alles zu wachen.


Lateinisch-deutscher Hymnus auf Johannes den Täufer:
UTqueant laxis
REsonare fibris
MIra gestorum
  FAmulis tuorum
SOlve polluti
Labii reatum
   Sancte Johannes

Daß sie mit fester Stimme
die Wunder deiner Taten
verherrlichen können. -
löse deine Diener von der Schuld
unreiner Lippen, -
heiliger Johannes!
                              Guido von Arezzo OSB

Mit den Anfangssilben des lateinischen Hymnus (UT, RE, Mi, FA, SO) bezeichnete Guido von Arezzo die Stufen der Tonleiter, die damit ihre festen Bezeichnungen erhielten. So ging die Verehrung des heiligen Johannes des Täufers auch in die Musikgeschichte ein. Dank seines Systems wurde Guido von Arezzo der Erfinder der mittelalterlichen Notenschrift (Notation), die von Papst Johannes XIX. bestätigt wurde.


Elisabeth und Johannes in der Wüste
Sich ganz der Göttlichen Vorsehung anheimgebend zog sich Elisabeth tief in diese schreckliche Einöde zurück. Sie machte sich einzig Sorge um ihren Sohn, doch dieser tröstete sie, indem er sich ihr höchst erfreut darüber zeigte, fern vom Getriebe der Welt in dieser Einsamkeit zu weilen. Die Heilige beruhigte sich, als sie ihren Sohn so zufrieden sah. Sie wußte auch, daß ihre Verwandte Maria sich in Ägypten unter feindlichen und ungläubigen Menschen befand, weil sie dorthin gegangen war, um das Leben des Erlösers zu retten. Elisabeth fand viel Trost darin, daß auch sie an dieser Not teilhatte und große Beschwerden erlitt, damit der Vorläufer Jesu am Leben blieb. Sie war über die Ursache so vieler leidiger Dinge nie erbittert und beklagte sich nicht über die Tyrannei des ruchlosen Herodes, sondern betete die göttlichen Zulassungen an. Sie gedachte, sich in dieser Einöde noch mehr zu heiligen. Sie hatte die Heilige Schrift ( = AT) mit sich genommen, und da sie sehr begabt und gut unterrichtet war, las sie mit ihrem Sohn oft darin und verstand, vom Heiligen Geist erleuchtet, alle darin enthaltenen Mysterien.
So verging zumeist zu ihrer tiefen Freude die Zeit in dieser schrecklichen Einöde. Sie baute sich ein Hüttchen, in das sie sich am Abend mit ihrem Kind zurückzog, um es irgendwie vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Oft wurde sie auch von Engeln, welche Maria zu ihr sandte, besucht und zum Leiden gestärkt und aufgemuntert. Häufig brachten sie ihr auch die Speise, die ihre heilige Verwandte ihr schickte, damit sie und ihr Kind ihr Leben fristen konnten.
Es läßt sich leicht erzählen, wie freudig gestimmt unser kleiner Johannes an diesem Ort der Buße und der Einsamkeit war; wie gern er Hunger und Durst ertrug und jede andere Schwierigkeit an diesem Ort, wo es an allem Notwendigen mangelte und nur wilde Tiere heimisch sein konnten. Es wimmelte von solchen; sie taten aber unsern beiden Heiligen kein Leid an, ja sie verhielten sich manchmal zu ihnen wie milde Lämmer. Elisabeth verbrachte viele Stunden im Gebet und dachte über die Großtaten Gottes und die Wunderwerke der Göttlichen Vorsehung nach.
Der Knabe Johannes war so sehr in die Betrachtung versunken, daß er zur Verwunderung seiner Mutter ganze Tage lang nicht davon abließ. Elisabeth wagte nie, ihn zu stören, und obwohl es ihr sehr schwer fiel, ihn so lange ohne Nahrung zu lassen, riß sie ihn nie aus seinen Gebeten. Im Sommer sah sie ihn den ganzen Tag den Sonnenstrahlen ausgesetzt, und im Winter vor Kälte schlotternd, ließ aber, um den Sohn nicht zu stören, ihn nie ein Wort der Klage und des Mitleids vernehmen. Sie wußte ja, daß er unter dem Schutz des Himmels stand und daß die Hand des Allerhöchsten ihn leitete und stützte.
So brachten unsere beiden Heiligen ihr Leben in dieser schrecklichen Wüste zu. Elisabeth verließ sie nicht, bis sie, als der Erlöser nach dem Tod des Herodes von Ägypten heimkehrte, eine himmlische Weisung erhielt. In dieser Zeit ließ Gott die Kleider der beiden sich nicht abnützen und die des Knaben Johannes seinem Wachstum entsprechend wachsen, worüber sich unsere beiden heiligen Menschen sehr verwunderten und wofür sie ihrem Gott liebevoll dankten.
In dieser Wüste erfuhr Elisabeth, wie sehr Gott für seine Kinder sorgt. Obwohl sie schon älter und in ihrem Haus in Behaglichkeit aufgezogen worden war, verspürte sie in dieser Einöde nie Schwäche oder Überdruß, sondern eine tiefe Freude, und in allen Unbehaglichkeiten fand sie große Befriedigung, denn wenn der Leib litt, wurde der Geist sehr getröstet und gestärkt, weil Gott oft in ihr Einkehr hielt und sie mit Freude und Trost erfüllte. Die Heilige hatte viel Gelegenheit, die große Güte und Liebe Gottes gegenüber solchen zu erfahren, die ihm treu dienen, und konnte deshalb nie genug mit ihrem Sohn Johannes darüber sprechen. In diesen heiligen Zwiegesprächen entflammten sie ihr Herz zur Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott, der sich ihnen als so wohltätig und freigebig erwies. Die Zeit verging für sie in dieser schrecklichen Einöde fast unbemerkt, weil sie viele Stunden in der Betrachtung und in heiligen Gesprächen verbrachten, so daß ihnen jeder Tag wie im Traum verging.
Der kleine Johannes wuchs stark heran und sprach trefflich und wunderbar von göttlichen Dingen, und Elisabeth hörte ihm mit Freudentränen zu. Sie verwunderte sich über die große Weisheit ihres Sohnes und war sich bewußt, daß ihn der Himmel alles gelehrt hatte und daß der Heilige Geist sein Lehrer war sowie Jesus, der ihn im Geist besuchte und von dem er viele Erleuchtungen und Unterweisungen erhielt.
Der Teufel tobte, als er das Leben des Johannes gerettet sah, und konnte nicht herausfinden, wer dieser sei. Während die Hölle wütete, erfreuten sich unsere Heiligen in der Wüste des Friedens, liebten und lobten ihren Gott und bereicherten ihre Seele mit Verdiensten, um sich für alle Ewigkeit ihrer Frucht zu erfreuen.

Elisabeth kehrt heim, Johannes bleibt in der Wüste
Die Verfolgung durch Herodes war vorbei. Ein Engel teilte dies Elisabeth mit, die sich mit ihrem Sohn Johannes in der Wüste aufhielt und viele Unbilden zu dulden hatte, sich aber in ihrem Geist göttlicher Tröstungen erfreute. Sie wäre bis ans Ende ihres Lebens hier geblieben; da sie sich aber stets nach dem Willen Gottes richtete, wählte sie nie das, was sie wollte, sondern nur, was Gott gefiel, und war darauf bedacht, seinen Anordnungen genau nachzukommen. Die ihr vom Engel überbrachte Weisung war für sie eine Erleichterung, denn sie vernahm die von ihr ersehnte Kunde, daß die Verfolgung durch Herodes und die Ermordung so vieler armer Knäblein zu Ende sei; andererseits brachte sie einen großen Schmerz mit sich, denn der Engel wies sie auch an, ohne ihren geliebten Sohn Johannes heimzukehren; dieser müsse, weil Gott es so wolle, in dieser schrecklichen Wüste allein zurückbleiben.
Diese Nachricht war für sie wie ein Schwert, das der heiligen Frau durchs Herz drang, denn sie gedachte keineswegs, ihre letzte Lebenszeit ohne ihren geliebten Sohn zu verbringen, sondern hoffte, ihn zu ihrem Trost beim Sterben in ihrer Nähe zu haben. Das war für Elisabeth eine sehr schmerzliche Trennung, ein Schwert, das sie bis zum Tod im Herzen trug. Obwohl sie sich ganz nach dem Willen Gottes richtete, war das für sie ein beständiger großer Schmerz. Jesus wollte der heiligen Frau ein Stücklein jenes Schmerzes schenken, den seine heilige Mutter erlitt, als ihr schon gleich am Anfang von Simeon gesagt wurde: "Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen." Und es war auch gerecht, daß es Elisabeth ähnlich ging wie ihrer Verwandten Maria, da sie auch an deren Gunsterweisen und an der Freude teilhatte, als sie ihres Besuches gewürdigt worden war. Darum sollte sie auch an den Leiden teilhaben und selber auch das Schwert im Herzen erdulden, weil sie des einzigen Sohnes beraubt wurde und wußte, daß sie ihn an einem Ort zurückließ, wo er viel auszustehen hatte.
Ihr Sohn Johannes war innerlich sehr erfreut über diese Weisung, umso mehr, als sie seinen Herzenswünschen entsprach, und er dankte Gott für die ihm erwiesene große Gunst. Er unterließ es aber nicht, seine heilige Mutter zu beruhigen; er gab ihr viele tröstliche Gedanken ein und bat Gott, ihren Schmerz zu lindern, aber Gott ließ sie ihn sehr lebhaft verspüren, um ihr Gelegenheit zu geben, sich noch mehr verdient zu machen. Je stärker nämlich die Heilige den Schmerz verspürte, desto mehr empfahl sie sich Gott an und richtete sich nach dem göttlichen Willen, wodurch sie sich bei Gott große Verdienste erwarb.
Elisabeth hielt sich noch eine Weile bei ihrem Sohn auf in Erwartung des Knechtes, der sie heimführen sollte. Dieser kam sofort nach dem Tod des Herodes, gerade dann, als Maria von Ägypten aufbrach und nach Nazareth heimkehrte. Elisabeth wußte alles und sagte zu sich: "Die Mutter des Messias, meine Verwandte, kehrt heim, aber nicht ihres Sohnes Jesus beraubt. Auch ich kehre heim, aber allein und meines Sohnes Johannes beraubt. Ich freue mich jedoch, daß Gott das verfügt, denn so ist es sein Wille. Wenn nur seine Anordnung erfüllt wird, bin ich zufrieden und gebe meinem Gott meinen Sohn und alle meine Freude hin; ich nehme den Schmerz auf mich, um den Willen meines Gottes auszuführen."
So fügte sich Elisabeth in heroischen Tugendakten. Nie stieß sie ein Wort der Klage aus, obwohl ihr Schmerz grausam war, und sie mißbilligte die Anordnungen des Allerhöchsten nie, sondern erwies sich in allem voll und ganz als gleichgesinnt mit der heiligen Jungfrau, ihrer Verwandten. Sie setzte alle Belehrungen, die diese ihr während der drei Monate, in denen sie bei ihr daheim war, gegeben hatte, getreu in die Tat um und nutzte so die ihr von Gott geschenkten Gaben gut.
Die heilige Frau zeigte sich nicht in ihren Sohn verliebt, sondern behandelte ihn wie früher in gewohnter Klugheit und Großmut. Nur sehnte sie sich in der kurzen Zeit, in der sie noch mit ihm zusammen war, nach heiligen Gesprächen mit ihm, ließ sich aber nie von Mutterliebe und Eigenliebe besiegen, sondern beließ ihrem Sohn seine Freiheit. Sie wollte ihn nie am Beten und an seinen Gesprächen mit Gott bei der Betrachtung der himmlischen Dinge und der göttlichen Eigenschaften hindern. Sie blickte ihn oft an, so, daß der Sohn es nicht gewahrte, und sagte zu sich: "Mein lieber Sohn! Bald muß ich dich in dieser Einöde lassen. Ich werde nicht mehr das Glück haben, dich wiederzusehen und mit dir zu sprechen. Wie kurz war doch meine Freude, wie wenige Jahre konnte ich mich des Zusammenseins mit dir erfreuen! Ich hoffe jedoch, es die ganze Ewigkeit hindurch wieder zu genießen, wenn wir das Glück haben werden, in die Freude unseres Gottes Einlaß zu finden." So tröstete sich die Heilige mit der Hoffnung auf die ewigen Freuden.
Der Knabe Johannes freute sich, daß seine Mutter so sehr in den göttlichen Willen einstimmte. Obwohl er wußte, daß sie sehr betrübt war, sah er, wie sie in ihrem Schmerz mit Gott einig blieb. Und er freute sich auch, daß sie sich gegenüber ihm selbst von solcher Festigkeit und Klugheit erwies, wie er es wünschte, und daß sie in sich keine übertriebene Mutterliebe aufkommen ließ.
Schließlich traf der Diener ein mit der Nachricht, der König Herodes sei gestorben; Elisabeth könne mit dem geliebten Sohn in Sicherheit heimkehren; die Verfolgung habe aufgehört; nun könne sie sich des Zusammenseins mit ihrem Sohn erfreuen; sie brauche keine Angst mehr zu haben. Bei der Ankunft des Dieners wurde Elisabeth von Schmerz überwältigt, unterwarf sich aber sogleich dem göttlichen Willen, wie sie es stets getan hatte. Sie verabschiedete sich vom geliebten Sohn, und obwohl ihre zärtliche Mutterliebe sie zum Weinen zwang, blieb die Heilige stark und zeigte keine Schwäche.
Sie befahl ihren Sohn der Göttlichen Vorsehung an im sicheren Vertrauen darauf, daß er in seinem noch jungen Alter vom Himmel geschützt werde. Der Sohn kniete nieder, um den Muttersegen zu empfangen. Auch dankte er ihr herzlich für das aus Liebe zu ihm erduldete Leiden und versicherte sie des Lohnes, den die großmütige Hand ihres Gottes für sie bereithalte. Er versprach ihr, ihrer in seinen Gebeten stets zu gedenken, sagte ihr Dank für alles, was er von ihr erhalten hatte, und bat sie, ihn Gott anempfohlen zu halten, damit er den göttlichen Plan und die Sendung, mit der Gott ihn beauftragt habe, vollkommen ausführen könne. Sie unterhielten sich noch eine Zeitlang in heiligen Gesprächen. Schließlich gab Elisabeth ihrem geliebten Sohn den heiligen Segen und verabschiedete ihn mit den Worten: "Sohn, bleibe in Frieden! Ich vertraue dich Gott und der Sorge der Göttlichen Vorsehung an. In diesem Leben werden wir uns nicht wiedersehen, darum empfehle ich dir meine Seele, damit ich mit Hilfe deiner Gebete meine Tage glücklich beenden kann und wir uns in der anderen Welt, in der Vorhölle, wiedersehen, wo wir miteinander auf die Auferstehung warten werden."
Das und Ähnliches sagte die heilige Frau zu ihm, und nachdem sie ihn gesegnet hatte, ging sie fort und kehrte nach Hause zurück. Dort lebte sie heilig während ihres ganzen Restes ihres Lebens, der kurz, aber voller Verdienste war, denn sie opferte sich selbst und ihren einzigen Sohn beständig Gott auf. Je stärker sie unter Heimweh litt, desto mehr vereinte sie sich mit dem göttlichen Willen und dankte Gott für das, was er zu ihrem Wohl angeordnet hatte. Gott unterließ es nicht, sie zu trösten und sandte oft den Engel zu ihr, um ihr Nachrichten von ihrem geliebten Sohn zu geben, der in dieser schrecklichen Einöde immer heiliger wurde. Elisabeth freute sich sehr darüber; sie war frohgemut und sagte Gott Dank.
Die Heilige setzte auch daheim die Vereinigung mit Gott fort, in die sie durch die beständige Betrachtung, in der sie sich geübt hatte, in der Wüste hineingewachsen war. Sie lebte allen Tugenden nach, bis sie nach heilig verbrachten Jahren reich an Verdiensten im Ruf einer großen, gütigen Frau starb und in die Vorhölle kam, wo sie blieb, bis nach der Erlösung der Menschen die darin harrenden Seelen vom Erlöser befreit wurden.

... Johannes allein in der Wüste...
Der Knabe Johannes, der ohne seine Mutter und ganz der Göttlichen Vorsehung überlassen in der Wüste zurückgeblieben war, weihte sich von neuem seinem Gott. er sagte: "Hier bin ich, mein Gott, in dieser Einsamkeit. Ich werde hier bleiben, solange es dir gefällt. Mach mit mir, was du willst, ich erkläre, daß ich hier bin, um deinen göttlichen Willen zu erfüllen. Verfüge über mich nach deinem göttlichen Wohlgefallen." Der heilige Knabe fühlte sich seinem Gott besonders verpflichtet, weil dieser angeordnet hatte, es solle allein in der Wüste zurückbleiben. Und er sagte sich: "Ich muß ein Leben der Buße führen, denn mein Gott hat es so verfügt, daß ich mich ohne menschlichen Beistand in dieser Einöde aufhalte."
Johannes verweilte deshalb den ganzen Tag im Gebet, am Abend nährte er sich mit Kräutern und Kleintieren, die er in der Wüste fand. Zuweilen verzichtete er auch auf sie und fastete ganze Tage lang. Die wilden Tiere hielten sich beim heiligen Knaben auf und legten sich, wie wenn sie sanfte Lämmer wären, zu seinen Füßen nieder.
Der höllische feind bebte vor Wut, als er auf der Welt etwas so Neues sah. Er fragte sich, wozu dieser Knabe wohl da sei, und befürchtete, er sei dazu da, ihn viel zu bekriegen. Deshalb wollte er ihn zu Fall bringen. Am meisten ärgerte er sich darüber, daß er sich dem heiligen Knaben nicht nähern konnte, da er eine höhere Macht verspürte, die ihn von ihm abhielt. Sämtliche Angriffe, die der Feind anzettelte, wurden vereitelt.
Wenn die Sonne glühte, wurden ihre heißen Strahlen vom Knaben ferngehalten durch ein kleines Wölklein, das die Hitze von ihm abhielt und ihn ein überaus angenehmes Lüftchen verspüren ließ, das ihn ganz erfrischte. Er wußte, daß es himmlische Geister waren, die ihn auf Geheiß Gottes so erquickten, und er zeigte sich dankbar und sagte Gott immer den gebührenden Dank. Er verbrachte auch manche Stunden im Tag mit dem Lesen der Heiligen Schrift und vertiefte sich in die Stellen, die vom Kommen des Messias in die Welt sprachen. Sein Geist freute sich dabei sehr, denn er verstand alle, auch die dunkelsten Stellen sehr gut, da sie ihm vom Heiligen Geist erschlossen wurden. Nichts ging ihm schwer in seinen Kopf ein; er war auch in diesem noch so jungen Alter schon sehr weise und gut unterrichtet. Er verstand und erfaßte alles mühelos und leicht, so daß die Tage fast unbemerkt vorübergingen. Er betete oft in tiefer Verehrung Gottvater und das Mensch gewordene Wort an und es war für ihn eine Freude, Akte der Hingebung an Gott zu verrichten, denn in diesem jungen Alter konnte er noch nichts anderes leisten.
Zuweilen sang er laut das von seinem Vater Zacharias verfaßte "Benediktus" und empfand dabei tiefe Freude, betrachtete alle darin enthaltenen Mysterien und dankte Gott dafür, daß er sie durch seinen Vater der Welt bekannt zu geben gedachte.
Wenn Johannes über das Elend der Menschen nachsann, betrübte er sich und beweinte heftig das Verderben der Seelen, die den Einflüsterungen Luzifers folgen; beim Nachdenken darüber verbrachte der Knabe ganze Tage unter Tränen und ohne zu essen. Dann sandte der Herr Engel, um ihn mit ihren Liedern zu erfreuen, und sie reichten ihm nachher Früchte zur Speise. Wiederholt erwies ihm Gott diese Gunst, weil Johannes noch so jung war und keinen menschlichen Trost zur Verfügung hatte. Andere Male hingegen schenkte ihm Gott soviel innere Freude und solches Sattheitsgefühl, daß es ihm war, als habe er üppig gespeist, wofür er Gott dankte.
Manchmal suchten Vögel den heiligen Knaben auf, umkreisten ihn und erfreuten ihn mit ihren Melodien. Sie näherten sich ihm, und der Knabe nahm sie in die Hände und liebkoste sie. Dabei sann er über die Weisheit Gottes nach, der sie in solcher Ordnung und Vielfalt geschaffen; er sah sich einen Vogel nach dem andern in seiner Buntheit an und lobpries seinen Schöpfer. Wenn der Knabe selber dann sang, schwiegen die Vögel und hörten ihm zu; war sein Gesang zu Ende, setzten sie wieder gemeinsam ein und sangen eine schöne Melodie. das veranlaßte Gott oft, um den Knaben zu entzücken.
Wenn dieser über die Vielfalt ihrer Arten und ihrer Gesänge nachdachte, war der Knabe zuweilen entrückt und stundenlang zu nichts fähig, weil er außer sich war. Dann umkreisten ihn alle Vögel und sangen. Wenn er wieder zu sich kam, entließ er sie; sie neigten den Kopf, um seinen Segen zu erbitten; er segnete sie und alle flogen beglückt davon. Wieder allein, lobpries er seinen Gott, dankte ihm und betete ihn niederkniend tief an.
In der Nacht zog sich Johannes in sein Hüttchen zurück, das ihm seine Mutter aus Ästen und Zweigen gemacht hatte, um ihn vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Er lag darin auf dem Boden, um während kurzer Zeit ein wenig zu ruhen; dann stand er auf, um zu beten. Um seinen Heiland zu huldigen, der zu dieser Stunde auf die Welt kam, betete er um Mitternacht beständig und setzte sein Gebet stundenlang fort. Er betrachtete dabei die Armut und die Demütigungen des menschgewordenen Wortes und freute sich darüber, daß er ihm in dieser Wüste arm und unbekannt Gesellschaft leisten durfte, sagte aber oft: "Daß ich leide, geziemt sich für mich; daß aber der Welterlöser leidet, das ist zuviel. Und welches Leiden, mag es noch so groß sein, läßt sich mit dem des Sohnes Gottes vergleichen?". Wenn ihn Hunger plagte, aß er oft Kräuterwurzeln. Das glühende Verlangen nach Entbehrungen steigerte sich immer mehr in ihm. Als er sah, daß sich an ihm das Wunder erneuerte, das Gott in der Wüste für die Hebräer wirkte, daß er nämlich nicht zuließ, daß ihre Kleider sich abnutzten, wünschte er, daß seine Kleider verschlissen würden, damit er in Kälteperioden mehr leide. Er beschloß jetzt schon, rauhe Kleider anzuziehen, wie er es dann tat, als er das dazu notwendige Alter erreicht hatte.
Je mehr er leiblich litt, desto mehr freute er sich geistig. Oft wurde er durch Besuche von Engeln beehrt, die ihm wiederholt die Speise, die ihm von Maria gesandt wurde, Brot und Obst, die er, weil ihm geschickt, mit großem Appetit aß. Es verging kein Tag, an dem er nicht im Geist zum Welterlöser geführt wurde und sich zu seiner unsäglich großen Freude liebevoll mit ihm unterhielt.
Der heilige Knabe führte dieses Leben in der Wüste bis zum Alter von zwölf Jahren. Nachher wollte ihm der Herr noch viel mehr zu erdulden geben, denn nachdem er schon den Sieg über das Fleisch und die Welt errungen hatte, sollte er auch über den Teufel, ja über die ganze Hölle siegen, denn Gott ließ zu, daß sich alles gegen ihn rüstete.

Kämpfe mit dem Teufel... und die Siege... die geistigen Bedrängnisse...
Gott gestattete dem teufel, ihn zu versuchen und ihm heftig zuzusetzen. Zuerst erlitt er eine große geistige Öde und Betrübnis. Es war gerade dann, als der Welterlöser, der zum Osterfest zum Tempel gepilgert war, zurückblieb und drei Tage lang seiner Mutter Maria und seinem Nährvater Joseph fern, ihnen verborgen war.
Eben damals verspürte der Knabe Johannes in sich eine überaus große Trostlosigkeit, da Gott wollte, daß er den Schmerz der jungfräulichen Mutter Jesu und des heiligen Joseph teile. Er fühlte sich innerlich trostlos und überdies höchst traurig und verängstigt.
Er ahnte etwas von dem Kummer, den die beiden durchmachten, weil ihr Knabe Jesus verlorengegangen war, aber seine Ahnung war nicht ganz klar, denn da er äußerst niedergeschlagen war, konnte er die Erleuchtungen nicht erfassen, die Gott, auch wenn er seinen treuen Diener noch so schwer prüfte, ihm doch zuweilen gab.
Wie die heilige Jungfrau war unser Heiliger drei Tage hindurch in tiefster Betrübnis, Angst und Trostlosigkeit, die er jedoch gefaßt erlitt.
Waren diese Tage der Betrübnis vorbei, so ließ Gott nun dem bösen Feind mehr Spielraum, um ihn zu versuchen. Der Feind ließ sich in vielerlei Gestalten erblicken. Mehrmals packte er ihn am Hals, schleppte ihn durch die Wüste und ließ ihn dann halbtot liegen. Der heilige Knabe wußte gut, daß es der höllische Feind sei, und hatte deswegen nie Angst, sondern verachtete ihn ganz und gar. Er sagte zu ihm: "Mach was du willst, ich fürchte dich nicht; ich habe meinen Gott, der mir beisteht." Und er wandte sich inbrünstig an seinen Gott und bat ihn, ihn in dieser Not nicht im Stich zu lassen. Er verspürte die Kraft der göttlichen Hilfe und verachtete den Feind mit aller Seelenstärke. Dieser wurde immer wütender, als er sich von einem noch so jungen Knaben besiegt und verachtet sah.
Als der Heilige später wegen der Verteidigung der Keuschheit das Martyrium erlitt, dauerte dieses nicht lange und war nicht sehr schmerzvoll, denn er wurde aufs Mal enthauptet; in der Wüste aber erlitt er die schrecklichsten Qualen, die sich der menschliche Geist ausdenken kann, denn die ganze gegen ihn aufgebrachte Hölle ließ ihn viele Leiden erdulden.
Manchmal schlugen die teufel ihn erbarmungslos, so daß sein unschuldiger Körper davon lange dauernde blaue Flecken und Wunden davontrug.

Weitere Kämpfe und Versuchungen ... und die erquickenden Besuche der Vögel
Die Teufel quälten unseren großen Heiligen viele Jahre hindurch und er erduldete alles in großer Langmut. Die rebellischen Geister, die nichts anderes zu tun hatten, spielten nämlich ihr Spiel mit ihm und mißhandelten ihn, obwohl ihnen alles nur größere Qual und Beschämung einbrachte, da sie sich immer wieder von einem Knaben besiegt sahen, was diese stolzen Geister sehr ärgerte. Sie begannen, ihn mit Einflüsterungen zu belästigen, denn sie wagten nicht mehr, ihm offen entgegenzutreten.
Nachdem sich der Teufel viele Jahre vergeblich bemüht hatte, zog er sich schließlich zurück und ließ Johannes in Ruhe, denn er sah, daß er nichts erreichte, sondern im Gegenteil dazu beitrug, daß der Heilige viele Verdienste erwarb, er hingegen immer mehr Niederlagen einstecken mußte, da er ihn in nichts besiegen konnte. Der heilige Jüngling errang über seine Feinde den Sieg; da kamen Engel und bereiteten ihm Speise: Brot und Obst. Sie sangen im Chor eine wohlklingende Melodie, lobten Gott und dankten ihm, weil er seinem Diener Kraft und Gnade gegeben hatte.
Die vielen Widerwärtigkeiten, die der Heilige in dieser Wildnis erduldete, kamen ihm wie nichts vor. Deshalb wollte er auf die Kleider verzichten, die er von daheim mitgebracht hatte, denn sie dünkten ihm zu fein. Weil sie sich durch die besondere Gnade Gottes während all dieser Zeit nicht abgenützt hatten, trug er sie mit großer Freude im Gedenken an das Wunder, das Gott gewirkt hatte, denn sie hatten sich auch nicht nur nicht abgenützt, sondern je mehr er wuchs, desto mehr vergrößerten sich auch seine Kleider. Er wollte jedoch auf diese Freude verzichten und statt seines Gewandes ein Kleidungsstück aus grobem Stoff anziehen, das besser geeignet wäre, ihn zu quälen als ihn vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Da er aber nichts tat ohne sich zuerst im Gebet mit Gott zu beraten, wollte er auch hierzu Gottes Willen vernehmen.
Gott billigte nicht nur sein Verlangen, sondern besorgte ihm auch das, was er sich als Kleid wünschte. Das war an einem Morgen, der auf eine ganz in Gebet verbrachte Nacht folgte. Als der Tag anbrach und der heilige Jüngling sich vom Gebet erhob, erblickte er bei sich ein von Engeln hergestelltes Kleidungsstück, ganz aus Kamelhaaren gewoben und sehr grob, geeignet, ihn zu plagen. Es bedeckte ihm den ganzen Körper, die Arme und die Beine und hatte die richtige Größe. Als er das Kleid neben sich sah, jubelte er vor Freude, zog sogleich seine Kleider aus und dieses so grobe Gewand an in großer Freude seines Geistes und zu großem Trost seines Herzens, da er neue Opfer bringen wollte.
Als Johannes sich umgekleidet hatte, kniete er nieder und brachte sich aufs Neue seinem Gott ganz dar; er bat ihn, diese seine Buße anzunehmen zur Sühne für seine Verfehlungen und für die so vieler Geschöpfe. Von diesen konnte er das mit Recht sagen, nicht aber von sich selbst, denn er war ganz unschuldig. Aber je unschuldiger die Heiligen sind, desto mehr kommen sie sich als Sünder vor, im Gegensatz zu den wirklichen Sündern, die als unschuldig und fehlerlos gelten wollen, obwohl ihre Seele voller Sünden ist. Gott nahm diese seine Hingabe an und sandte zum Zeichen seines Einverständnisses zwei Engel, die sich mit ihm über sein neues Bußkleid freuen sollten. Sie ermunterten ihn, jedes Leiden gern zu erdulden, denn das gefalle Gott und seine Seele werde durch große Verdienste bereichert.

Tröstungen und Erleuchtungen in der Wüste
Der heilige Johannes erlebte nie, daß der Körper gegen den Geist rebellierte, machte jedoch innere Bedrängnisse durch, lange Zeiten von Gefühl- und Trostlosigkeit, mit denen Gott ihn prüfte. Zuweilen verweilte er ganze Tage im Gebet, ohne auch nur einen Tropfen inneren Trostes zu erhalten. Insbesondere, wenn er vom Teufel belästigt wurde, schien es, Gott habe ihn gänzlich im Stich gelassen und der Macht seiner grausamen Feinde preisgegeben, und das nicht nur wenige Tage, sondern ganze Jahre lang. Er ertrug dies jedoch in großer Geduld und Gelassenheit und pries Gott und dankte ihm für alles, was er über ihn kommen ließ.
Nach langen Prüfungen erfreute ihn Gott mit einer so erhabenen Beschauung, daß er ganze Tage und Nächte verbrachte, ohne es überhaupt zu bemerken. Die Tröstungen, die sein Geist bei der Betrachtung der göttlichen Vollkommenheiten und Eigenschaften erfuhr, waren so groß, daß man hätte meinen können, er sei kein irdisches Geschöpf mehr, sondern ein ganz himmlisches Wesen, denn er vermochte nicht mehr zu essen, sondern verbrachte ganze Tage ohne überhaupt nur an essen zu denken, da er beständig verzückt und entrückt war.
Der Heilige Geist, der ihn in allem, was er tun sollte, unterrichtete, bereicherte ihn so sehr mit seinen Gaben, daß es nach der heiligen Jungfrau und dem heiligen Joseph unter den Heiligen niemanden gibt, der so sehr mit den sieben Gaben des göttlichen Geistes erfüllt war. Er schenkte ihm große Erleuchtungen und stattete ihn mit Wissen, Weisheit und jeder anderen seiner sieben Gaben aus. Obwohl sich Johannes in dieser Einöde aufhielt, sah er weit entfernte Dinge, drang durch die Gabe des Verstandes in die göttlichen Geheimnisse ein und erfaßte die verborgensten Mysterien. Die Seele des Heiligen war so sehr mit Gnadengaben bereichert, daß das menschgewordene Wort ihn mit Recht vor vielen preisen und rühmen konnte mit den Worten: "Unter allen Menschen hat es keinen Größeren gegeben als Johannes den Täufer."
Der Heilige, der sich so reich an Gnadengaben wußte, machte es nicht wie einst der stolze Luzifer, sondern demütigte sich und sah alles als Gabe Gottes an, deren er sich als höchst unwürdig erachtete, wie sich dann am Jordan zeigte. Je mehr Gott ihn erhöhte, desto mehr erniedrigte er sich und versenkte er sich in den Abgrund seines Nichts; dabei wurde er göttlicher Gunsterweise und ausgesuchter Gnaden umso würdiger.
Er verstand die Heilige Schrift sehr klar und erfaßte alle Stellen so gut, wie wenn er alles, was die Propheten schrieben, im Kopf gehabt hätte. Darum war ihm nicht nur das Mysterium der Menschwerdung, sondern auch das ganze Leben, das Leiden, der Tod, die Auferstehung und Himmelfahrt des ewigen Wortes bekannt, weswegen er ein glühendes Verlangen hatte, für seinen Erlöser zu leiden und zu sterben. Er erfaßte die große Liebe Gottes zum Menschengeschlecht und das, was das menschgewordene Wort zum Heil der Menschen tun werde; darum kam ihm alles, was er selbst erduldete, wie nichts vor, denn er wußte, was der Erlöser erleiden müsse, um seine Geschöpfe zu erlösen. Er sann über die unendliche Liebe und das Verlangen des Erlösers nach, die Seelen zu retten, für die er dann sein kostbares Blut und sein Leben hingab.
Dabei verspürte auch Johannes ein lebhaftes Verlangen nach dem Heil der Seelen, das dem Heiland so teuer zu stehen kommen sollte. Obwohl er so gern in dieser Einsamkeit weilte, hatte er den glühenden Wunsch, sie bald zu verlassen, um zu predigen und das Volk auf den Empfang und die Erkenntnis des Messias vorzubereiten. Er wünschte sehnlichst, als Erster aus Liebe zu seinem Erlöser sein Blut zu vergießen und sein Leben hinzugeben. Er war vom Heiligen Geist schon darüber erleuchtet worden, was er zu tun habe, um das Vorläuferamt auszuüben, und dieser hatte ihm auch gesagt, wann er die Wüste verlassen solle, um predigen und taufen zu gehen. Deshalb wartete er in starkem Verlangen den Tag ab, an dem er seine Sendung beginnen sollte.
Inzwischen unterwies ihn der göttliche Geist immer mehr. Johannes hatte keinen anderen Lehrer, um ihn zu unterrichten. Seine Weisheit war folglich ganz göttlich, denn er wurde in allem vom Heiligen Geist belehrt und geschult, der in seiner Seele ganz rein war wie auch sein Herz, das nie durch eine Sünde gegen die Reinheit befleckt wurde. Deshalb waren auch seine Gedanken ganz rein, denn er erfreute sich eines großen Privilegs. In seinem Erdenleben eiferte er in der Tugend der Reinheit wie in den anderen Tugenden, womit seine Seele ausgestattet war, den Engeln nach, weshalb er Gott gefiel und göttlicher Gunsterweise würdig wurde. Wenn man die Buße mit der Unschuld verbindet, welche Gnaden lassen sich dann von einem Gott erwarten, der Reinheit und Unschuld so sehr liebt und sich freut, wenn mit dieser schönen Tugend auch die Buße verbunden wird!
Johannes hatte auch eine glühende Liebe zur Mutter des Erlösers, zu Maria, und jedesmal, wenn er über sein Glück nachdachte, daß er einst in ihren keuschen Armen liegen durfte, weinte er vor Freude und wünschte sehnlichst, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen und ihre wunderbaren Worte zu hören. er verzichtete aber auch darauf und sagte sich: "O meine große Herrin, wie glücklich wäre ich, wenn ich wiederum deine heiligen Worte hören könnte! Wenn ich schon auf deinen Gruß an meine Mutter hin vor Freude frohlockte, was täte ich jetzt, wenn ich dich von Neuem hören könnte?!" Er opferte diesen Verzicht Gott auf und sagte sich: "Wenn es der Wille meines Gottes sein wird, wird er mir diese Gunst ohne weiteres erweisen. Ich will nichts anderes als was Gott will, und beraube mich gern einer solch tröstlichen Freude." In der Tat war das eine der größten Kasteiungen, die unser Heiliger auf sich nahm. Als dem Vorläufer des Messias und nach seiner heiligen Mutter und dem heiligen Joseph engster Freund des Erlösers wäre es ihm freigestanden, mit ihnen zu verkehren, wenn er gewollt hätte, aber er verzichtete darauf und blieb stets in der Ferne, doch war er mit ihnen, je ferner er ihnen dem Leibe nach war, desto vereinter im Geiste. Dieser freiwillige Verzicht des Heiligen brachte ihm viele Gnaden und eine große Belohnung im Paradies.
Während der ganzen restlichen Zeit seines Aufenthaltes in der Wüste verharrte er zumeist in Gebet und Betrachtung und unterhielt sich vertraut mit Gott, denn nachdem seine Feinde ihn nicht mehr angriffen, ließ er sich durch nichts mehr ablenken. Da Gott durch den Mund des Propheten Hosea erklärte, er werde die Seele in die Wüste führen, um zu ihrem Herzen zu sprechen, kann man sich vorstellen, wie sehr sich das bei unserem Heiligen bewahrheitete. Nicht nur befand er sich in der Wüste, sondern er befähigte sich auch seinem Geist nach - der von jedem Trugbild gereinigt und ganz allein auf die Betrachtung der göttlichen Mysterien konzentriert war -, auf die inneren Stimmen seines Gottes zu hören, der zu seinem Herzen sprach. So konnte er sich mit großer Freude in heiligen Zwiegesprächen Auge in Auge mit Gott unterhalten. Da doch Gott vielen Heiligen ähnliche Gnaden geschenkt hat, wie viele wird er dann nicht dem geschenkt haben, der noch größer war als sie!
Manchmal begann der junge Heilige seine Liebesgefühle Gott zu äußern, und diese waren so innig, daß selbst die Engel darüber verwundert waren und Gott priesen, der in seiner Huld einem Geschöpf eine so große Gnade verlieh und es mit solcher Liebe erfüllte, daß es wie trunken durch diese Einöde ging und das Lob Gottes sang, woran Gott großen Gefallen fand. Auch die Engel hörten mit Freude zu und waren beglückt, daß ein Geschöpf Gott solche Freude machte und ihn so inbrünstig lobte.
Johannes blieb bei dieser Lebensweise während der ganzen Zeit, da er sich in dieser Einöde aufhielt. Und als der Tag nahte, an dem er sie verlassen mußte, verbrachte er mehrere Tage in beständigem Gebet. Auch fastete er mehrere Tage streng und aß nichts, nicht einmal Kräuter. Er wollte sich noch eifriger und sorgfältiger vorbereiten, obwohl sein ganzes Leben eine beständige Vorbereitung auf seine Mission als Vorläufer gewesen war.

Der hl. Johannes verläßt die Wüste, um als Vorläufer des Herrn zu predigen und zu taufen
Unser großer Heiliger hatte das 29. Lebensjahr vollendet und das 30. begonnen, davon hatte er achtundzwanzig Jahre bei äußerst strenger Buße in der Wüste verbracht. Als der Zeitpunkt gekommen war, an dem er auf den Befehl Gottes hin sich daranmachen mußte zu predigen, zu taufen und die Menschen mit seiner Lehre zu unterweisen, sie zur Buße, zur Aufnahme des verheißenen Messias zu bewegen und ihn denen bekanntzumachen, die das Glück hatten, ihn unter sich zu haben, ging Johannes mutig und überaus eifrig ans Werk.
Bevor er die Wüste verließ, warf er sich nieder und betete innig. Er sagte, er gehe aus dieser Einöde, um den göttlichen Willen zu erfüllen, und er wolle einzig die Ehre seines Gottes anstreben. Er bat den Herrn, alle seine künftigen Worte und Werke zu segnen. Er erbat seinen beständigen Schutz und seine Gnade, ohne die er nichts Gutes tun könne.
Nachdem Gott, der innerlich zu ihm sprach, ihn gesegnet hatte, machte er sich zum Jordan auf, und als er dort ankam, traf er Leute an, die sich vergnügten. Als sie den so ehrwürdigen Mann in seinem Bußkleid erblickten, verwunderten sich alle und brachten kein Wort hervor. Johannes begann mit klangvoller Stimme zu sprechen und sagte zu denen, die um ihn herum standen: "Warum verwundert ihr euch, daß ich aus der Wüste gekommen bin? Wisset, ich habe sie einzig dazu verlassen und mich zu euch aufgemacht, um aus Eifer für euer Heil und zur Ehre meines Herrn euch die ewigen Wahrheiten zu verkünden und euch zur Buße zu ermahnen, denn ohne sie werdet ihr nicht zum Heil gelangen können." Er redete so eindrücklich und eindringlich zu ihnen, daß alle in sich gingen und sich tief betroffen fühlten, denn seine Worte durchdrangen ihr Herz wie glühende Pfeile.
Nach seiner ersten Rede forderte Johannes sie auf, am folgenden Tag zurückzukehren, und zog sich dann auf das Land zurück, um die Nacht einsam im Gebet zu verbringen. Die Leute, die ihn gehört hatten, gingen ganz reuig und erstaunt weg in starkem Verlangen, ihn von neuem sprechen zu hören. Inzwischen verbreitete sich die Kunde, daß ein Mann aufgetreten sei in einem Bußkleid, der ihnen so geistvoll und eindringlich gepredigt habe, daß sie ganz zerknirscht geworden seien. Alle sagten: Wer ist denn dieser so außerordentliche Mensch?"
Am folgenden Tag kehrten die, die ihn gehört hatten, wieder, zuammen mit vielen anderen Leuten, die durch den Ruf angezogen wurden, der sich in dieser Gegend verbreitet hatte. Auch Johannes kehrte zurück und predigte wieder mit der gleichen Hingabe und Eindringlichkeit, so daß sich alle verwunderten. Er predigte Tag für Tag weiter und es kam eine Menge von Leuten jeglichen Standes, die sich alle über seine Predigt, die Eindringlichkeit seiner Worte, seine eindrückliche Lehre und seine mächtige Beredsamkeit verwunderten. So wurden die Herzen seiner Zuhörer bewogen, Buße zu tun, denn sie schenkten seinen Worten Glauben. Tag für Tag wuchs die Zahl seiner Zuhörer an.
Einige, die besonders fest entschlossen waren, sich seine Worte zunutze zu machen, baten Johannes, bei ihm bleiben zu dürfen, um noch gründlicher unterrichtet zu werden. Er nahm sie gerne an und begann so, sich Jünger heranzubilden. Nachdem er sie unterwiesen hatte, taufte er sie. Viele eilten herbei, um belehrt zu werden, denn der Heilige hatte eine besondere Art, die Seelen zu gewinnen und auf den Weg der Wahrheit zu bringen. Als sie dann gewahrten, welches Bußleben er führte, daß er nur rohe Kräuter aß und zwar nur selten, waren sie noch verwunderter; in allen nahmen die Hochachtung, Verehrung und Bewunderung gegenüber ihm noch zu.
Johannes ging in dieser Gegend überall hin, um zu predigen und das Kommen des verheißenen Messias anzukündigen, denn die Fülle der Zeit sei gekommen und Gott habe den Heiland gesandt. Und er predigte von dessen wunderbaren Vollkommenheiten. Manchmal zog er sich zurück, um unter vier Augen mit seinem Gott zu sprechen. Man bot ihm viele Erleichterungen zu einem behaglicheren Leben an, aber er nahm nichts an, nicht einmal von seinen Jüngern, denn er wollte die begonnene Lebensweise weiterführen bis zum Tod. Obwohl seine Predigttätigkeit große Mühen mit sich brachte, wollte er keine Erleichterung und Erquickung annehmen.
Nachdem er gepredigt hatte, beschäftigte er sich mit seinen Jüngern, um sie und alle, die zu ihm kamen, zu unterweisen. Er entflammte in den Seelen das Verlangen, den von ihm verkündeten Messias zu sehen, und die Bereitschaft, Buße zu tun. Seine Jünger bemühten sich, ihn nachzuahmen. Er sah mit Freude, welch reiche Frucht seine Predigt in kurzer Zeit gebracht hatte, und dankte Gott dafür. Viele gaben sündhafte Beziehungen auf, zogen sich vom Bösen zurück und taten für die begangenen Vergehen Buße. Viele Menschen pflegten die Tugend und mieden das Laster.
Man führte damals in diesen Gegenden ein sehr unsittliches Leben. Unser Heiliger gab sich sehr Mühe, diese Leute auf den guten Weg zu bringen, und sah zu seiner Freude wie gesagt, daß seine Bemühungen Frucht brachten, denn seine Worte drangen in die Herzen und er predigte nie fruchtlos. Er hatte einige Tage festgesetzt, um die von ihm Unterwiesenen zu taufen. Viele Leute eilten hinzu, um ihn zu sehen und auch zu hören, und alle gingen reuig und zur Lebensänderung entschlossen weg.
Der Ruf des Vorläufers verbreitete sich in ganz Jerusalem und Umgebung. Viele Fremde kamen eigens, um ihn anzuhören und zu sehen, da er wegen seiner Predigt und seinem Bußleben so berühmt war. Wer ihn sah und ihm zuhörte, verwunderte sich und empfand Reue. Viele sagten, er sei ein großer Prophet, ja vielleicht der verheißene Messias. Andere sagten, er sei vielleicht Elija. Die Meinungen der Menschen von damals waren geteilt. Obwohl sie anfänglich ihn nicht zu fragen wagten, wer er sei, erkannte Johannes ihre Gedanken und begann, um viele von der Vermutung abzubringen, er sei der Messias, die Tugenden und Vorzüge des Messias zu preisen und zu beteuern, daß er nicht der Messias, ja daß er nicht einmal würdig sei, die Riemen seiner Sandalen zu lösen. Damit wollte er sie ernüchtern und von der Meinung abbringen, daß er der Messias sei.
Johannes predigte so eifrig über dessen Kommen und wunderbare Eigenschaften, daß in vielen ein lebhaftes Verlangen entbrannte, daß der Messias sich bald der Welt offenbare. Johannes bestärkte diese Wünsche, indem er erst recht die Tugenden und göttlichen Vollkommenheiten des Messias hervorhob, zumal seine Milde, Barmherzigkeit, Liebe, Demut und Sanftmut. Er sprach davon mit solchem Feuer und so großer Beredsamkeit, daß er das Verlangen, den Messias zu sehen, im härtesten Felsblock hätte entfachen können.
Er sagte zu ihnen, der Messias werde nicht mehr lange zögern, sich der Welt zu erkennen zu geben, obwohl das von ihm begünstigte auserwählte Volk ihn nicht aufnehmen und nicht als den anerkennen werde, der er sei. Er enthüllte denen, die ihn aufsuchten, viele Herzensgeheimnisse, so daß seinen Worten immer mehr Glauben geschenkt wurde.
Unser Heiliger hatte die Gabe der Weissagung und der Erkenntnis der verborgenen Herzensgeheimnisse. Wenn die Zeit und der Ort sich dazu anboten, und es sich aufdrängte, machte er davon Gebrauch, bald um Verstockte zu beschämen, bald um zum Vertrauen aufzumuntern. Er wurde von Gott mit allen Tugenden und Begabungen bereichert, die der ihm übertragenen Aufgabe entsprachen. Er predigte nie etwas, wozu er selbst mit seinen Taten nicht das Beispiel gegeben hätte. Er kannte keine Menschenfurcht, sondern sprach zu allen frei heraus. Er ermahnte oder tadelte mit großem Freimut, aber zugleich mit Klugheit und so großer Milde, daß seine Zurechtweisungen niemandem mißfielen.
In seinem großen Eifer ging er so weit, daß er auch zum König Herodes sprechen wagte, der ihn gern und respektvoll anhörte und aus Rücksicht auf ihn vieles tat, denn der Heilige hielt ihm seine Verfehlungen vor und alles, was er zum Schaden seiner Seele verübte. Herodes fand an seinem Charakter und seinem Verhalten Gefallen und Johannes ermahnte ihn oft und ersparte ihm keine Rüge, wovon an gegebenem Ort die Rede sein wird.
Unser Heiliger gewann immer mehr Seelen für Gott und stimmte sie auf den Empfang des Messias ein. Die Juden machten sich viele Gedanken über Johannes, insbesondere die Ältesten und die Schriftgelehrten. Diese waren nicht damit einverstanden, daß er taufte, und sagten: "Wer hat ihm diese Vollmacht gegeben und wer hat ihm befohlen, dieses Amt auszuüben?" Doch sie schwiegen, denn sie sahen, wie beliebt er beim Volk war und mit welcher Weisheit er predigte, getrauten sie sich nicht, ihn nach etwas zu fragen, in der Meinung, daß er ein Prophet sein könnte. Aber auch wenn sie nichts sagten, mißbilligten sie, was Johannes tat, denn sie waren arglistig und neidisch und mochten es nicht leiden, daß man gut von jemandem spreche. Sie heuchelten jedoch und lobten ihn zuweilen in Worten, aber unaufrichtig. Und da sie vernommen hatten, daß der Heilige die geheimsten Herzensgeheimnisse durchdringe, wagten sie es nie hinzugehen und ihn anzuhören, obwohl sie andererseits danach verlangten, nur um zu erfahren,  was er sage, nicht um sich seine Predigt zunutze zu machen.
Manchmal schickte man insgeheim Leute, um seine Predigt anzuhören, und in der Predigt, die er hielt, deckte der Heilige die Heimlichkeiten auf, aber auf solche Weise, daß nur die, die gesandt worden waren, es verstanden. Diese gingen alle betroffen weg und berichteten den Schriftgelehrten, was sie erlebt hatten. Diese glaubten dann, er könne wirklich ein Prophet sein, den Gott zum Heil des Volkes gesandt habe, und ließen ihn seine Aufgabe tun. Als sie dann von den großen Bußübungen des Johannes hörten, wurden sie beschämt und wagten nicht, etwas zu sagen, da das ein großer Vorwurf an sie war, die ein üppiges Leben mit allen Bequemlichkeiten führten. Erst recht wurden sie brüskiert, als sie seine Selbstlosigkeit rühmen hörten,  daß er nämlich nicht einmal von seinen Schülern etwas zu seinem Unterhalt entgegennehme, sondern sein Büßerleben weiterführe.
Unterdessen kam der Zeitpunkt, an dem der Welterlöser seine Predigttätigkeit aufnehmen sollte. Bevor Jesus in die Wüste ging, wollte er seinen Vorläufer aufsuchen und sich selber auch taufen lassen. Johannes vernahm dies durch eine Offenbarung des Heiligen Geistes und begann erst recht, vom Kommen des Messias zu sprechen, und entfachte in den Herzen seiner Zuhörer immer mehr das Verlangen, ihn zu sehen.
Die Menge der Leute, die ihm zuhörten, schwoll inzwischen immer mehr an. Der Vorläufer entfernte sich nicht vom Jordan, sondern verharrte beim Taufen und Lehren in immer größerem
Eifer, so daß seine Zuhörer erstaunt darüber waren, daß ein so sehr abgetöteter Mensch von solcher Geisteskraft sein könne und so großer Mühe standzuhalten vermöge, ohne je des Predigens, Lehrens und Taufens müde zu werden.
Seine Jünger fragten Johannes, wieso er soviel vom Messias wisse, denn sie vermuteten, er habe sich lange mit ihm unterhalten. Er aber sagte zu ihnen, er kenne ihn nicht persönlich und habe nie mit ihm gesprochen, aber er kenne ihn doch gut, und wenn er kommen werde, werde er ihn ihnen zu erkennen geben und mit dem Finger auf ihn zeigen. Sie staunten immer mehr und fragten sich, wieso er so ohne weiteres vom Messias sprechen könne, ohne daß er ihn je gesehen und mit ihm verkehrt habe. Sie schlossen daraus, daß Johannes ein großer Prophet sei und ihm diesbezüglich nichts verborgen bleibe, sondern ihm alles von Gott geoffenbart worden sei.

Das Kommen des Messias zum Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen, und was dabei geschah
Eines Tages, als Johannes wieder am Jordan stand, um wie gewohnt zu taufen und zu predigen, fühlte er, von Gott inspiriert, daß der Messias nahe sei und zum Jordan komme. Da entbrannte in ihm das lebhafte Verlangen, ihn zu sehen und zu verehren und ihn dem Volk zu zeigen, das bei ihm war.
Noch viele weitere Personen waren herbeigeeilt, um sich taufen zu lassen. Während er taufte, näherte sich der Heiland; er sah so liebenswürdig aus, daß er das Herz derer, die ihn ansahen, gewann. Sobald er in der Ferne erschien, erblickte ihn Johannes und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen hatte. Der Vorläufer erkannte seinen Herrn, erkannte die in ihm verborgene Gottheit, denn sie wurde den Augen des Johannes, der sich für die Ehre Jesu so sehr abgemüht hatte, kundgegeben. Sobald er Jesus sah, zeigte er mit dem Finger auf ihn und rief dem Volk zu:
«Seht, das Lamm Gottes; seht den, der die Sünde der Welt hinwegnimmt.»
Der Vorläufer frohlockte vor Freude und wurde von ungewohntem Frohmut ergriffen. Wegen der Glut der Liebe, die er in seinem Herzen zu Jesus empfand, strahlte sein ganzes Gesicht. Er frohlockte, als er noch im Mutterschoß weilte, und frohlockte erst recht jetzt als er nicht mehr beengt war. Sein Herz schlug heftig in der Brust und ob der großen Tröstung und Freude leuchteten seine Augen. Er wurde von solcher Hochachtung und Verehrung erfüllt, daß er kaum den Blick auf Jesus zu heften wagte.
Der Erlöser kam und alle blickten gespannt auf ihn. Jesus stellte sich in die Reihe der Anwesenden, um ebenfalls getauft zu werden. Johannes warf sich nieder und verehrte ihn, aber der Heiland ließ es nicht zu und wollte sich von ihm taufen lassen. Es kam zu einem edlen Wettstreit zwischen ihnen. Johannes weigerte sich, Jesus zu willfahren, denn er müsse von ihm getauft werden, nicht aber ihn taufen. Von den Bitten seines Herrn schließlich besiegt, taufte ihn dann Johannes in unsäglicher Verehrung und großer Ehrfurcht vor der Majestät des Heilands.
In diesem Augenblick erschien über dem Haupt des Messias der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, die von allen Anwesenden mit großem Staunen und sehr verwundert erblickt wurde, und man hörte die Stimme des ewigen Vaters, der sagte: «Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.» Alle Anwesenden wurden noch mehr als je verwundert und brachten vor Staunen kein Wort hervor; sie alle fühlten sich von ungewohnter Freude und Ehrfurcht erfüllt.
Nach seiner Taufe unterhielt sich der Messias eine Zeitlang mit seinem geliebten Vorläufer; sie freuten sich, miteinander sprechen zu können, da sie ja lange dieser Freude beraubt waren. Johannes wurde noch mehr geheiligt und von Liebe entflammt durch die Gegenwart seines Herrn, der dann plötzlich wegging und sich in die Wüste begab. An die Anwesenden gewandt, sprach er vorher einige Worte zum Lob des Johannes. Alle lauschten aufmerksam auf das, was der Messias sagte, und wurden noch mehr von Hochachtung und Verehrung gegenüber Johannes beseelt. Dieser wäre gern seinem Herrn gefolgt, denn es verlangte ihn sehr, sich eines so lieben Gefährten zu erfreuen; er blieb aber, um den Willen Gottes zu erfüllen. Es war für ihn allerdings kein geringes Opfer, auf die ersehnte Gegenwart des Messias zu verzichten. Er gab sich jedoch damit zufrieden, den göttlichen Willen zu erfüllen und die Mission, für die ihn Gott bestimmt hatte, weiterzuführen.
Als der Heiland weggegangen war, sprachen die Jünger des Johannes und die anderen von dem, was sich ereignet und was Jesus über Johannes gesagt hatte, und dieser demütigte sich immer mehr und sagte, er sei nicht einmal würdig, für den Messias den niedrigsten Sklavendienst zu verrichten: ihm die Sandalen loszubinden. Er empfand eine zärtliche Liebe zum Messias und es war ihm, als würde er vergehen, wenn er an die Leiden dachte, die Jesus, weil von so zarter edler Konstitution, in der Wüste erdulden müsse. Welches Mitleid hatte er mit ihm! Und es war für ihn eine große Pein, nicht bei ihm in der Wüste weilen zu können.
Johannes beschloß deshalb, auch Hunger und Durst zu leiden, und verzichtete auf die wenige Speise, die er für gewöhnlich aß, und auf das Wasser zum Trinken.
Während sich Jesus in der Wüste aufhielt, taufte Johannes weiterhin im Verlangen nach der Rückkehr des Messias, denn dieser hatte ihm vor seinem Weggehen gesagt, er werde nach vierzig Tagen zurükkkommen, ihn aufsuchen und wiedersehen. Er konnte es kaum erwarten, so groß war sein Wunsch, den Heiland wiederzusehen. An allen vierzig Tagen predigte er fortwährend nur über die wunderbaren Tugenden des Heilands und seine Vorzüge, so daß auch in den Seelen der Zuhörer das Verlangen und die Sehnsucht entfacht wurden, ihn bald wiederzusehen.
Zu seinen Jüngern sagte Johannes, er hoffe, daß auch sie eines Tages wahre Verehrer des Messias und
seine treuen Gefährten sein würden. Sie aber sagten zu Johannes: «Willst du uns denn verlassen? Wir wollen doch bis zum Tod dir nachfolgen.» Und der Heilige erwiderte: «Der Messias muß wachsen, ich aber abnehmen. Ich werde nicht mehr da sein und ihr werdet Jünger des Messias sein, und glückselig ihr, daß ihr ein so schönes Los haben werdet.» Diese Aussage mißfiel aber den Jüngern des Johannes, denn sie liebten ihn sehr, und es schmerzte sie deshalb, daß sie von ihm lassen mußten; sie glaubten nicht, daß ihr Meister sie verlassen werde, waren aber sehr in Sorge, daß er wegen seines so strengen Büßerlebens ihnen fehlen werde. Deswegen rieten sie ihm, nicht so viel Buße zu tun. Der Heilige lachte aber über diesen
Vorschlag und bedauerte sie, weil sie nicht wußten, was sie diesbezüglich sagten. Er gab nichts anderes zur Antwort, als daß er Buße tun müsse.
Auch in seinen Jungem erglühte das Verlangen zu leiden. Sie übten denn auch viel Buße im Essen und Trinken, wenn auch nicht übermäßig. Sie hätten viel mehr getan, um ihren Meister nachzuahmen, aber dieser gestattete ihnen nicht mehr, als es nach seiner Ansicht ihren Kräften entsprach.
In der ganzen Gegend, in der der Vorläufer taufte, verbreitete sich der Ruf von einem, den man für den Messias halte. Viele suchten Johannes auf, um von ihm die Wahrheit über diesen Mann zu erfahren, und der Vorläufer bestätigte sie und sagte, die damals Anwesenden hätten sie vernommen und seien zuverlässige Zeugen der Wunderzeichen, die bei seiner Taufe geschahen.
Einige schenkten dem Glauben, andere zweifelten und konnten nicht glauben, daß der Messias gekommen sei, um sich taufen zu lassen. Insbesondere die Gelehrteren meinten, es sei nicht wahr, wagten aber nicht, das Johannes zu sagen, sondern wandten sich in ihrem Unglauben ab und wollten wissen, wohin der Messias gegangen sei, wohin er sich zurückgezogen habe. Johannes antwortete, sie würden ihn bald predigen hören und seine Worte seien Worte des Lebens. Er fügte hinzu: «Wenn ihr schon mich so hoch achtet, der ich eine bloße Stimme bin, welche Hochachtung solltet ihr dann vor dem haben, der der verheißene Messias ist! Darum sage ich euch, daß ihr euch auf ihn einstimmen und euch in Buße darauf vorbereiten sollt, seine Lehre und Predigt aufzunehmen, damit ihr euch würdig macht, ihn zu hören und seinen Lehren zu folgen.» Sie gingen weg, teils beschämt und teils in Bereitschaft, den Messias aufzunehmen und an das, was er sie lehren würde, zu glauben. Alle hatten ein starkes Verlangen, ihn zu sehen und anzuhören, empfanden aber auch Angst, weil sie nicht wußten, was dann der Fall sein könnte.
Man sprach öffentlich vom Kommen des Messias, so dass in diesen Gegenden wegen dem, was Johannes gesagt hatte, eine große Aufregung herrschte, denn zum Teil hatte man vor ihm eine große Hochachtung, andernteils befürchtete man, der von ihm angekündigte Messias könnte sie verwirren und für ihre Nation Neues bringen. Der Teufel unterließ es nicht, die Gemüter der Schwächsten zu erregen und aufzuwirbeln. Wenn sie sich an Johannes wandten, beruhigte sie dieser und sprach zu ihnen von den wunderbaren Eigenschaften und Tugenden des Messias, von der
Milde seiner Worte, der Heiligkeit seiner Lehre und von seiner göttlichen Weisheit. So bereitete er den Geist dieser Leute vor und widerlegte alle diabolischen Einwände gegen Jesus, die der Teufel denjenigen, die nur schwachen Willens waren und denen es schwer fiel zu glauben, einflüsterte. Unser Heiliger hatte nicht wenig zu tun, um solche, die durch die Eingebungen des Feindes aufgewiegelt wurden, zu beruhigen.
Inzwischen wollten die Pharisäer wissen, wer Johannes sei: ob er der Prophet, ob er Elija oder ob er der verheißene Messias sei. Johannes antwortete auf ihre Fragen, er sei weder der Prophet noch Elija noch der Messias, sondern bloß eine Stimme, die in der Wüste rufe, um die Herzen zur Aufnahme des Messias zu bewegen. Dieser sei schon gekommen und stehe mitten unter denen, die ihn nicht kennen. Die Gesandten gingen davon und berichteten über die Antworten, die Johannes ihnen gegeben hatte.

Der Heiland kehrt aus der Wüste zurück und besucht Johannes
Nachdem er sein Fasten beendet hatte, machte sich der Heiland aus der Wüste auf, um seine Predigttätigkeit zu beginnen. Vorher kam er zu seinem
geliebten Vorläufer, um von ihm Abschied zu nehmen, wie er es ihm versprochen hatte.
Eines Tages stand unser Heiliger wieder am gleichen Ort, wo er den Messias getauft hatte. Während er predigte, kam der Heiland. Als Johannes ihn erblickte, rief er wiederum aus: «Seht, das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.» Dann warf er sich vor ihm nieder, betete ihn an und bot sich ihm dar, um seinen göttlichen Willen zu erfüllen, denn in seinem prophetischen Geist wußte er, daß er nie mehr das Glück haben werde, ihn wiederzusehen und mit ihm zu sprechen. Er vertraute sich seinem Herrn an und bat ihn eindringlich um seine Hilfe und seinen Beistand.
Der Heiland umarmte ihn und versicherte ihm, daß es seinem göttlichen Vater und ihm sehr gefalle, wie er sein Amt erfülle. Auch beteuerte er ihm, daß er ihn sehr schätze und ihm bis zum Tod beistehen werde. Johannes war ganz beglückt und bat Jesus, ihn seiner heiligen Mutter anzuempfehlen, denn er werde nicht das Glück haben, sie wiederzusehen und mit ihr zu sprechen.
Der Heiland versprach ihm alles und munterte ihn zum Leidensmut in den ihm bevorstehenden Bedrängnissen auf. Er solle fortfahren zu predigen und sich vor der Verfolgung durch Geschöpfe nicht fürchten, sondern an die Belohnung denken, die ihm im Haus seines Vaters in Aussicht stehe. Sie sprachen lange miteinander, ohne daß die Anwesenden ihre Worte verstanden, denn sie ließen Johannes allein, damit er frei mit dem sprechen konnte, den er so sehr lobpries und in seiner Predigt als wahren Messias bezeugte.
Alle bewunderten die Anmut und Schönheit des Heilands und wünschten sehnlichst, mit ihm zu sprechen. Jesus lobte vor den Anwesenden seinen Vorläufer und ermahnte sie, dem, was dieser predige, Glauben zu schenken. Dann verabschiedete er sich von Johannes und ging weg. Johannes blieb stehen und würdigte vor seinen zurückgebliebenen Jüngern die Person des Messias, den sie nun schon gesehen hatten. Dann zog er sich zurück und hielt sich allein auf dem Land auf, um in Gebet mit Gott zu verkehren.
Der höllische Geist geriet in Wut wegen der von ihm erkannten klaren Anzeichen für das Kommen des Messias, konnte aber nicht glauben, daß dieser so unerkannt und so ärmlich in die Welt gekommen sei. Er ergrimmte gegen den Vorläufer und wartete auf die Gelegenheit, ihn durch Geschöpfe zu bedrängen und zu verfolgen. Deswegen säte er Zwietracht und stellte Fallen. Damit nicht zufrieden, versuchte er viele zu schweren Sünden, um Johannes zu quälen und zu betrüben. Das gelang ihm wie folgt: Zu dieser Zeit hatte Herodes die Frau seines Bruders Philippus, die Herodias hieß, zu seiner Frau gemacht. Daran nahm man allgemein schweres Ärgernis aber aus Angst, seine Gunst zu verlieren und sich seinen Unwillen zuzuziehen, wagte niemand, dem König etwas zu sagen. Der Teufel entfachte im Herzen der Herodias das Feuer der fleischlichen Liebe, so daß sie ohne Rücksicht auf die Gottesfurcht noch auf den Gatten, der damals noch lebte, sich ganz in die Gewalt des Königs begab, der selber auch der Liebe zu ihr verfallen war, so daß niemand ihn von diesem Skandal hatte abbringen können.
Die Hölle gab sich alle Mühe, und die Teufel sagten zueinander: «O, wenn nur der geschwätzige Einsiedler nicht dazwischentritt, um uns unsere Eroberungen zu entreißen!»
Der Vorläufer wußte vom skandalösen Leben des Herodes und ging aus Schmerz darüber ungescheut zum Konig und redete ihm eindringlich zu. Er forderte ihn auf, zu bedenken, welches Ärgernis er dem Volk gebe, wie sehr er Gott beleidige und welchen schlimmen Schaden er seiner Seele zufüge. Er sagte ihm es sei ihm nicht erlaubt, die Frau seines Bruders zu haben. Herodes hörte ihm gern zu, hatte aber nicht den Mut, Herodias aufzugeben, denn er liebte sie sehr und war ihr in höllischer Hitze verbunden.
Er sagte jedoch zu Johannes, er werde sich von ihr trennen und eine günstige Gelegenheit dazu abwarten damit sie nicht allzusehr verärgert werde. Er gab ihm gute Worte und auf das wiederholte Drängen des Heiligen hin war er denn auch willens, sie ihrem Gatten zurückzugeben. Als aber Johannes weggegangen war versuchte der Teufel ihn wiederum, und weil der König ihm und der Leidenschaft hörig war, beschloß er, sich nicht von ihr zu trennen. Der Heilige kehrte mehrmals zurück, um den König zu ermähnen; dieser gab ihm stets gute Worte, entschloß sich aber nie zu
entsprechenden Taten.
Da die gemeine Herodias wußte, daß Johannes an den Hof kam, um den König wegen seines Vergehens zu tadeln, wurde sie überaus wütend. Sie beklagte sich beim König oft, er sei allzuleicht bereit, einem so gemeinen Mann Gehör zu schenken. Der König lobte hingegen gegenüber Herodias den Vorläufer und sagte zu ihr, er sei ein Heiliger. Sie ergrimmte und fügte hinzu, wenn er heilig wäre, hätte er sich nicht erdreistet, sogar einen König zu tadeln. Dann machte sie, wie es frivole Damen zu tun pflegen, dem König Komplimente und schürte in ihm mit honigsüßen Worten die höllische Flamme immer mehr. Ihre süßen Worte waren wie Gift, so daß diese jedesmal, wenn sie mit ihm sprach, der Seele des gottlosen Königs den
Tod gaben. Da sie sah, daß der Heilige nicht davon abließ, den König zurechtzuweisen, wurde sie dermaßen wütend, daß sie zum König sagte: «Weil dieser es nicht aufgeben will, dich zu quälen und zu beunruhigen, will ich ihn zu Fall bringen.»
Der König befürchtete, daß Herodias den Johannes insgeheim ermorden lasse, und da er sie nicht dadurch, daß er ihn hätte weiterwirken lassen, verärgern wollte, beschloß er, ihn ins Gefängnis zu werfen, bis Herodias sich beruhigt und ihn vergessen würde. Er dachte auch, dadurch würde er ihn vor der Ermordung bewahren, die Herodias gegen ihn anzetteln wollte.
Inzwischen fand Johannes keine Ruhe und versäumte nicht, zum König zurückzukehren, um ihm zuzureden, die Frau seines Bruders, der noch lebte, zu entlassen.
Herodes brachte dem Heiligen tausend Einwände vor, aber dieser redete zu ihm klar und unverblümt. Er wies ihn wegen seines schlechten Lebens zurecht und drohte ihm schwere Strafen Gottes an. Der König hörte ihm eine Weile gern zu, ließ sich dann aber von den Worten der Herodias betören und entließ Johannes wenig gnädig.
In dieser Zeit wurde der Vorläufer gewarnt, er solle sich gegenüber dem König nicht so viel Freiheit herausnehmen, denn er werde es sonst büßen müssen. Es wurde ihm auch gesagt, Herodias bebe vor Wut gegen ihn und wolle ihn ermorden lassen. Der Heilige hörte nie auf diese Worte, denn ihm war es einzig um die Ehre Gottes und das Heil der Seelen zu tun, und er bekümmerte sich wenig um sein Leben und sagte, er werde es gerne opfern, um die Reinheit zu verteidigen.
Er sehnte sich sehr, sein Blut zu vergießen für etwas, das ihm so sehr am Herzen lag: für die eheliche Treue einzutreten und das gegenteilige Laster aus der Welt zu vertilgen. Seine Jünger waren alle in großer Angst angesichts der Gefahr, in der ihr heiliger Meister schwebte. Dieser aber hörte auf niemanden und es war ihm einzig um die Ehre seines Herrn zu tun; er hätte sein Leben tausendmal aufs Spiel gesetzt, um auch nur die geringste Beleidigung Gottes zu verhindern. Man kann sich also denken, daß er sich mit etwas, das ein so großes Ärgernis und eine so schwere Beleidigung
Gottes war, nicht einfach abfinden wollte.
Johannes zog sich allerdings kurze Zeit zurück, um zu sehen, ob der König sich entschließen werde, die Frau seines Bruders zu entlassen, und damit die Wut der gemeinen Herodias sich ein wenig lege. Als er aber vernahm, daß der Skandal zur schlimmen Beleidigung Gottes weitergehe, wagte er voll Eifer für die Ehre seines Herrn von neuem, zum König zurückzukehren, wies ihn mit großem Mut zurecht und drohte ihm: Wenn er nicht Buße tue, werde er elendiglich zugrunde gehen und seine Seele in die tiefste Hölle fallen. Der König wurde sehr beunruhigt und entließ den Heiligen. Nach ihm kam Herodias ganz wütend herbei und Herodes versprach ihr, ihn einkerkern zu lassen. Da er ihn aber sehr achtete und verehrte, konnte er sich doch nicht dazu entschließen, umso weniger, als er wußte, wie sehr Johannes vom Volk geachtet und verehrt wurde und daß es ihn für einen großen
Propheten hielt. Er befürchtete jedoch, daß Herodias in ihrer Wut ihn geheim ermorden lasse. Herodes befand sich in einem heftigen inneren Widerstreit.
Einerseits machte ihm das Gewissen Vorwürfe wegen seiner Sünde und des Ärgernisses, das er gab, und die Weisungen des Heiligen waren für ihn Ansporne, die ihn quälten; andererseits hielt ihn die Liebe in Fesseln und konnte er sich nicht entschließen, von der gemeinen Herodias zu lassen. Er fand keine Ruhe, und der Teufel drängte ihn nach Kräften, Johannes einkerkern zu lassen.
Der unselige König blieb so eine Zeitlang unschlüssig und unruhig. Inzwischen setzte unser Heiliger seine Predigttätigkeit mit großem Gewinn für die Seelen fort. Der Messias hatte schon begonnen, auch zu predigen und unter dem Beifall seiner Zuhörer Wunder zu wirken. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer regten sich heftig über die Predigten des Heilands auf und über seine Wunder, von denen sie hörten. Sie wollten ihn daran hindern, aber das Volk war von ihm begeistert und schätzte ihn sehr.
Die Pharisäer waren noch mehr gespannt und verwirrt als vorher, denn sie wollten sich nicht herbeilassen zu glauben, daß Jesus der Messias sei; ja, voller Neid bebten sie auch vor Wut über Johannes. Als dieser sah, daß Herodes sein ausgelassenes Leben weiterführte, was er nicht dulden konnte, kehrte er noch einmal zurück, um ihn zu tadeln. Der König, der schon sehr aufgeregt und von Herodias aufgestachelt war, wollte ihn nicht anhören, verabschiedete ihn mit der Bemerkung, er solle ein anderes Mal wiederkommen, und beschloß, ihn einkerkern zu lassen.

Der König Herodes läßt Johannes den Täufer einkerkern
Als Johannes von den Dienern des Königs Herodes weggeschickt wurde, ließ dieser ihn sofort verhaften und ins Gefängnis werfen. Er tat das, um die gemeine Herodias zu beruhigen, die den König unablässig bedrängte: Er solle Johannes zum Verschwinden bringen, sonst wolle sie ihn selber töten lassen. Dem König widerstrebte es zwar sehr, seinen Beschluß auszuführen, aber um allen Zwistigkeiten ein Ende zu machen, tat er dem Heiligen eine solche Schmach an. Dieser ließ sich ohne Widerstand gefangen nehmen und ins Gefängnis werfen, weil er für die Sache seines Gottes einstand. Herodes ordnete jedoch an, daß es allen, die mit Johannes sprechen wollten, freistehe, dies zu tun und mit ihm zu verkehren, und daß niemand daran gehindert werden dürfe, sich zu ihm zu begeben, um ihn anzuhören. Unser Heiliger konnte also auch im Kerker predigen und seine Jünger und alle, die zu ihm kamen, unterweisen; doch gingen viele nicht zu ihm aus Angst, die Gunst des Königs zu verlieren; nur seine Jünger besuchten ihn ständig.
Es läßt sich nur schwer verstehen, wie sehr es unseren Heiligen freute, aus Liebe zu seinem Herrn eingekerkert zu sein. An der Freude, die sich auf seinem Antlitz abzeichnete, sah man, daß sein Herz mehr als zufrieden war, hier eingepfercht zu sein, wo er von Angesicht zu Angesicht mit seinem Herrn verkehrte, für den er soviel erduldete, um seine Ehre zu verteidigen. Die ruchlose Herodias schickte oft Botschaften an den Wärter mit dem Auftrag, Johannes zu mißhandeln, denn sie hatte den grimmigen Wunsch, daß er hier an Qualen sterbe, während die Verruchte wollüstige Wonnen genoß und sich der Unzucht hingab. Unser großer Heiliger wußte das alles und betete viel für sie; er beklagte sich nie weder über sie noch über den ihr hörigen König, sondern bat Gott inständig, sie zu Einsicht und Reue zu bewegen Er wollte nicht einmal, daß sich seine Jünger über das große
Unrecht beklagten, das ihrem Meister angetan wurde Er ermahnte alle zur Geduld in dieser Bedrängnis und zum Gebet für den König, damit dieser sich bekehre Er sagte: «Nun ist es Jesus, der zum großen Nutzen seiner Zuhörer predigt; meine Predigt ist nicht mehr notwendig.» Er forderte die Leute auf, hinzugehen und sich die Predigten anzuhören, die Jesus in den Städten und Marktflecken hielt. Viele gingen denn auch hin und kehrten dann zu Johannes zurück und erzählten ihm die Großtaten, von denen sie gehört, von den Krankenheilungen, die sie gesehen hatten, von der Anmut, mit der Jesus predige; er reiße die Herzen seiner Zuhörer mit und seine Worte würden tief in die Seele dringen.
Als Johannes so von den Großtaten seines Herrn erzahlen hörte, entbrannte in ihm das Verlangen ihn zu sehen und zu hören, aber er versagte es sich und opferte dieses sein zuweilen glühendes Sehnen Gott auf. Er äußerte seine Sehnsucht in heißen Seufzern und sagte sich, er sei nicht würdig, die Worte und Lehre seines Herrn zu hören, stellte sich aber im Blick aufseine göttliche Weisheit und seine übermenschliehe Anmut ihre Wirkkraft vor. Er dachte: «Wenn schon allein sein Anblick die Herzen hinreißt, wird dann nicht erst recht tief beeindruckt sein, wer ihn mit solcher Weisheit und Anmut predigen hört? Wie wird es dem um das Herz sein, der ihn so von Liebe zu seinem göttlichen Vater und zu den Menschen, zu deren
Heil er gekommen ist, entbrannt sieht?» So machte unser Heiliger seinen Sehnsüchten und seiner tiefen Liebe zu Jesus in seinem Herzen Luft.
Unterdessen führte der gottlose König Herodes sein schlechtes Leben weiter und lebte ungestört, denn es war niemand mehr da, um ihn zu tadeln, doch sein schlechtes Gewissen plagte ihn mit schweren Vorwürfen, umso mehr, als Johannes viel um seine Bekehrung betete und Gott es nicht versäumte, sein Herz dazu anzuregen. Aber er war so sehr verblendet, daß ihm dies wenig oder keinen Eindruck machte, und obwohl sich das Volk über das gegen den Heiligen verübte Unrecht beklagte, wagte doch niemand ihm etwas zu sagen, so dass er in seiner Sittenlosigkeit ruhig weiterlebte.
Die Schriftgelehrten und die Pharisäer schickten abermals Boten zu Johannes; er solle ihnen sagen, wer er sei; ob er ein Prophet oder der verheißene Messias sei. Er gab ihnen die gleiche Antwort wie früher: Er sei eine Stimme, die rufe und das Kommen des Messias ankündige, damit die Herzen sich bereit machen, ihn aufzunehmen; der Messias sei schon mitten unter ihnen, nur würden sie ihn nicht erkennen, denn sie seien durch ihre Unwissenheit und Bosheit verblendet. Die Abgesandten kehrten zu den Schriftgelehrten und Pharisäern zurück und überbrachten ihnen die Antwort des Johannes. Diese wurden dadurch mehr als je verwirrt. Sie hatten gewünscht, daß Johannes erkläre, er sei ein großer Prophet, und dass er das Wirken und Predigen Jesu missbilligt hätte, um ihm auf die Autorität eines so glaubwürdigen Mannes gestützt entgegenzutreten und ihn verfolgen zu können. Johannes ließ sie aber gerade das Gegenteil dessen vernehmen, was sie erhofft hatten, und wollte sie mit seinen Antworten belehren, daß Jesus der verheißene Messias sei. Sie wagten es nicht mehr, Boten zu senden, um ihn auszufragen, sondern warteten eine
Gelegenheit ab, Jesus zum Schweigen zu bringen, konnten dies aber nie erreichen. Da Johannes vernahm, in welch hohem Ansehen der Messias wegen seiner Predigt und seinen großen Wundertaten stand, sandte er einige seiner Jünger, damit sie Augenzeugen dessen würden, was man sagte, und dann zurückkehrten, um von allem zu berichten, was sie in Bezug auf Jesus von Nazaret, den von ihnen erwarteten wahren Messias, gehört und
gesehen hatten. Die Jünger des Johannes machten sich auf den Weg in großem Verlangen, den wahren Messias zu sehen und zu hören. Johannes verfolgte auch den Zweck, daß seine Jünger Jesus lieb gewännen und ihm folgten, denn er sah voraus, daß er selbst bald getötet würde auf das Betreiben der gemeinen Herodias hin. Diese fand keine Ruhe und sandte beständig geheime Boten, damit der Heilige mißhandelt würde und so ums Leben komme, denn sie befürchtete, dass der König auf die Stimme des Volkes hin, das wegen der Gefangenschaft eines so großen Menschen sehr aufbegehrte, ihn schließlich aus dem Kerker entlassen würde. Durch höhere Erleuchtung wußte der Heilige, daß er in Kürze den Tod erleiden
müsse, und darauf freute er sich überaus; nur hielt er sich für unwürdig, wegen der Verteidigung der Ehre seines Herrn zu sterben. Seine einzige Besorgnis war, daß der König Herodes sowie Herodias unbußfertig sterben könnten; deswegen ersehnte er glühend ihr ewiges Heil und litt schwer an ihrer Verstocktheit. Die Jünger, die Jesus bei seiner Predigttätigkeit aufgesucht und ihm die ihnen von Johannes mitgegebene Frage gestellt hatten, ob er der Erwartete, nämlich der verheißene Messias sei, kehrten zurück. Der Heiland hatte sie geheißen, zu Johannes zurückzukehren und
ihm zu berichten, was sie gesehen und gehört hatten: daß Blinde sehen, Lahme aufstehen. Stumme sprechen, Taube hören, und daß die einfachen Menschen, das heißt die Volksscharen, die Wahrheit bekennen und ihn für den Messias halten. Als die Jünger des Johannes diesem dann voll Bewunderung erzählten, was sie zu ihrem großen Staunen gehört und gesehen hatten, und er merkte, daß sie von Liebe zum Messias und vom Verlangen, ihm nachzufolgen, erfaßt worden waren, empfand er großen Trost und sagte: «Jetzt bin ich nicht mehr nötig und ist es an der Zeit, daß ich aus diesem Exil in die Vorhölle gehe, um den Patriarchen mitzuteilen, daß der Messias sich der Welt schon gezeigt hat und daß ihre Befreiung nahe
bevorsteht. Und wie ich der Welt das Kommen des Messias angekündigt habe, so muß ich ihn denen ankündigen, die ihn mit so großer Sehnsucht erwartet und in so vielen Gebeten erfleht haben.»
In Johannes entflammte ein lebhaftes Verlangen, zu sterben und in die Vorhölle zu gehen, um allen, die dort waren, die frohe Nachricht zu überbringen. Er richtete sich jedoch in allem nach dem göttlichen Willen und litt gern in diesem Gefängnis, das für unsem Heiligen keine kleine Pein war, denn da er fast immer im Freien gelebt hatte, empfand seine Menschennatur es als sehr lästig, hier so eingesperrt zu sein, wobei er Hunger und Durst litt und sehr selten satt wurde. Er predigte jedoch weiterhin zu seinen Besuchern und ermahnte alle, hinzugehen und den Messias anzuhören. Viele taten dies denn auch und kehrten dann zum Heiligen zurück, um ihm von den wunderbaren Dingen zu erzählen, die sie gesehen und gehört hatten, und von der gewaltigen Anziehungskraft des Mannes aus Nazaret. Johannes vernahm die Lobreden auf seinen Meister mit großer Freude.
Um ihm diese Freude zu machen, gingen einige und hörten Jesus an, dann kehrten sie zurück und berichteten ihm, was dieser in seiner Predigt gesagt hatte. Sie erzählten, daß alle ihm mit größter Freude zuhören und viele ihm nachgehen und ihm nachfolgen, angezogen durch die Milde seiner Worte und die Anmut seines Wesens und noch mehr durch die Weisheit, die man als ganz göttlich erkenne, und daß viele Kranke zu ihm gehen und geheilt werden.
Das Herz des Johannes frohlockte, als er so von Jesus reden hörte, und forderte seine Jünger auf, ihm nachzufolgen und ihn nie zu verlassen. Er wußte nämlich, daß er selbst bald sterben müsse, und hinterließ ihnen so einen Meister, der sie viel besser unterweisen werde als er.
Unseren Heiligen kam es jedoch sehr bitter an, als er vernahm, daß die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer die Predigttätigkeit des Messias mißbilligten, die von ihm gewirkten Wunder abfällig beurteilten und ihn nicht als den anerkannten, der er war.
Obwohl er das schon der Botschaft entnommen hatte, welche die Schriftgelehrten und Pharisäer im Namen der Hohenpriester gesandt hatten, hoffte unser Heiliger sehr, daß sie auf seine ihnen übermittelte Antwort hin zur Einsicht gekommen seien und seinen Worten Glauben schenkten. Da er nun das Gegenteil hörte, befiel ihn unsägliche Qual und er beweinte ihren Starrsinn und ihre Bosheit. Er betete viel für sie, damit sie zur Einsicht kämen, die Predigt annähmen und überzeugt würden, daß Jesus der verheißene Messias sei.
Durch ihre Bosheit verblendet, gaben sie jedoch nie nach und schenkten den göttlichen Eingebungen kein Gehör, auch nicht den Worten des Messias, welche die härtesten Steine erweicht hätten. Johannes war auch betrübt wegen der vielen Beleidigungen seines Gottes, und er sagte oft, es falle ihm allzu schwer, auf der Erde zu leben, wo Gott so sehr beleidigt werde von jenen Menschen, die in dieser Zeit großen Erbarmens, da der jener in der Welt war, der sie aus der Sklaverei befreien wolle, statt Dank zu sagen und die Wohltat zu würdigen, das Gegenteil täten und ihren großen Wohltäter noch mehr beleidigten.
Diese Gedanken bereiteten unserem großen Heiligen solche Pein, daß es zuweilen schien, er sterbe vor Schmerz. Er sagte zu Gott, er werde ihm sein Leben opfern, wenn das genüge, die Bekehrung der Sünder zu erlangen sowie die Gnade, daß alle die große Wohltat erkennen, die Gott ihnen durch die Sendung des verheißenen Messias erwiesen habe. Obwohl unser Heiliger eingekerkert war, erwirkte er bei Gott viel mit seinen Gebeten und tat allen Gutes, indem er für sie den Allerhöchsten heiß anflehte, zumal für den verstockten Herodes und die gemeine Herodias. Alle, die ihn aufsuchten, um sich über deren skandalöses Leben zu beklagen, forderte er auf, bei Gott um ihre Bekehrung zu beten. Er wollte keine Klagen darüber hören, daß sie ihn gefangen hielten, und sagte zu allen, daß er diese Einengungen schätze und daß er gerne bis zum Tag des Gerichts gebunden bleibe, damit die Seelen von den Banden der Schuld befreit würden. Der Eifer für das Heil der Seelen, den unser großer Heiliger hier hatte, und der Wunsch, daß Gott nicht beleidigt werde, waren so groß, daß er gern welche Marter auch immer erlitten hätte.
Nach einiger Zeit begannen die Leute, sich zurückzuhalten, und gingen nicht mehr zu unserem Heiligen, nur noch die Jünger kamen ihn besuchen, denn einige wollten ihn nicht aufgeben in der Hoffnung, er werde aus dem Gefängnis kommen, denn der König Herodes werde sich mit der Zeit beruhigen und die gemeine Herodias werde sich wieder an ihre Pflichten halten. Sie glaubten nie, daß sie ihn töten lassen würden. Inzwischen hielt sich unser Heiliger, von den Menschen entfernt, im Kerker fast beständig in Anbetung auf. Gott ließ ihn wissen, daß er bald getötet würde; er solle sich vorbereiten, zu seiner Ehre und zur Verteidigung der Keuschheit sein Leben hinzugeben und sein Blut zu vergießen. Diese Nachricht war für Johannes eine große Freude und er dankte Gott dafür liebevoll; er sei bereit, gleich welches Martyrium zu erleiden, und er halte sich dieser Gnade für unwürdig. Er sagte zu seinem Gott: «Wenn du mir solche Ehre erweisen willst, bin ich bereit - paratum cor meum, Deus, paratum cor meum.» Diese Schriftworte wiederholte er beständig. Er konzentrierte sich mehr als je auf sein Inneres, um unablässig mit Gott zu verkehren, verrichtete Akte der Ergebung in den göttlichen Willen, Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und des Verlangens, für die Wahrheit sein Blut zu vergießen.
Gott wollte auch, daß unser Heiliger vor seinem Tod wisse, warum und weshalb der gottlose Herodes ihn enthaupten lassen werde, und in prophetischem Geist dachte sich Johannes in alles hinein. Er erfaßte ganz klar, daß sein Haupt abgetrennt werde als Preis für einen Tanz der Tochter der Herodias, welcher Herodes wegen der Freude, die er und die Eingeladenen daran hatten, die Hälfte seines Reiches und alles was sie sich nur wünsche, angeboten hatte.
Die Kenntnis, die unser Heiliger davon hatte, war für ihn, so abscheulich die Sache auch war, kein Grund zur Erbitterung, sondern er demütigte sich und war mehr als gern bereit, seinen Kopf als Preis für einen Tanz herzugeben, den ein schamloses Mädchen vorführte. Er sann darüber nach und sah zwar ein, welch großes Unrecht es sei, einem Menschen, dem es einzig um das Heil ihrer Seelen ging, um einer so gemeinen Sache willen den Kopf vom Leib zu trennen. Aber all das diente ihm nur dazu, sich umso großmütiger dem Willen Gottes zu opfern und sich mehr als gern in seinen göttlichen Ratschluß zu ergeben. Ihm mißfiel einzig die Gott zugefügte Beleidigung. Eines Tages wird das ihm zur Ehre und zum Ruhm gereichen. Für
Herodes, Herodias und ihre gemeine Tochter hingegen wird das zu tiefer Beschämung, großer Pein und ewiger Strafe führen.
Übrigens war sich unser großer Heiliger klar bewußt, daß der Sohn Gottes auf die Welt gekommen ist, um die Menschen zu retten, und daß er als Entgelt für eine so große Güte und Liebe verspottet und gequält und an einem Kreuz ums Leben gebracht werde. Darum sagte er sich: «Wenn mein Herr sein Leben hingeben wird für nichtige Erdenwürmer, für treulose, undankbare Menschen, die ihn so sehr beleidigen, wie soll ich mich da nicht freuen, daß ich mein Leben hingeben darf für die Ehre meines Herrn und zur Verteidigung der Reinheit, indem mir der Kopf abgeschlagen wird, um damit ein schamloses Mädchen für seinen Tanz zu belohnen? Ja, ja, mein Gott, ich bin glücklich, daß ich als so nichtsnutzig erachtet werde, daß mein Kopf als Preis für etwas Schimpfliches gegeben wird.» So munterte sich Johannes auf und freute sich auf das, was ihm bevorstand. Ja, er dankte Gott, daß er ihn irgendwie seinem göttlichen Erlöser ähnlich machte.

Der König Herodes läßt Johannes den Täufer enthaupten
Als der Zeitpunkt gekommen war, an dem unser Heiliger zur Ehre seines Herrn und zur Verteidigung der Keuschheit sein Blut vergießen und sein Leben hingeben sollte, veranstaltete der ruchlose Herodes an seinem Geburtstag für alle Großen seines Reiches ein Festmahl. Als der Tag des Mahls da war, wußte es Johannes. Er war deshalb auf den Tod gefaßt und sagte zu seinem Gott: «Wie sehr freue ich mich, mein Gott, daß ich an
einem Tag, der für Herodes und seine Anhänger ein großer Festtag ist, den Tod erleiden soll. Die Weltleute sind beim Tanzen, ich bin in Wonnen; diese Elenden sind am Fest, und ich in Freuden und Tröstungen; sie sind in weltliche Angelegenheiten versunken, ich in geistige Freude; sie gehören der Welt an, ich bin ganz Dein, mit Dir und für Dich und glühe vor Liebe und Sehnsucht, bald das Leben hinzugeben für die Ehre meines Herrn.» Und er unterhielt sich in heiligen Gesprächen mit seinem Gott.
Unterdessen vergnügten sich der ruchlose Herodes mit der schamlosen Herodias bei Belustigungen. Als das Festmahl zu Ende war, trat die Tochter der Herodias, von ihrer ruchlosen Mutter dazu angetrieben, auf und begann zur Unterhaltung der Gäste zu tanzen. Mit ihrem ausgelassenen Tanz machte sie allen viel Vergnügen, vor allem dem König Herodes, der, als er sie von allen gelobt sah, es für eine Ehre und etwas Großes hielt, sie mit einem würdigen Preis zu belohnen. Deswegen sagte er zu ihr, als Preis für ihre Kunst dürfe sie wünschen, was sie wolle, und er schwor, er werde ihr geben, was immer sie verlange, auch wenn es die Hälfte seines Reiches wäre; da sie ihm eine so große Freude gemacht habe, wolle er ihr zu Gefallen jede beliebige Bitte erfüllen.
Die schamlose Tochter war von der Mutter angewiesen worden, daß sie, falls der König ihr ein Anerbieten machen werde, zu ihr gehe; sie werde ihr
dann sagen, um was sie bitten solle. Die Mutter sagte dann zu ihr, sie solle um das Haupt Johannes des Taufers auf einer Schale bitten; sie wünsche nichts anderes. Sie tat das. Der König bedauerte diese Bitte wegen der Gäste, denn es dünkte ihn unwürdig, auf das Ersuchen eines Mädchens hin einen so angesehenen Mann enthaupten zu lassen. Er dachte auch daran, was das Volk sagen und tun würde, wenn er dies zulasse. Er sagte jedoch zu, weil er sein Wort halten und die gemeine Herodias nicht verstimmen wollte, denn sie hatte zu dieser Bitte angestiftet.
Er befahl sogleich einem seiner Diener, hinzugehen und den Johannes, der schon im Gefängnis war, zu enthaupten und den Kopf dem Mädchen zu bringen. Somit wurde unverzüglich der abscheuliche Befehl erlassen und die gemeine Herodias freute sich und sagte zum Schergen, er solle den Befehl sofort ausführen, denn sie befürchtete, es könnten Leute kommen um den König zu bitten, Johannes zu begnadigen und am Leben zu lassen.
Der Scherge ging sogleich hin und brachte das Haupt des Heiligen, das dem unverschämten Mädchen übergeben und von diesem seiner Mutter weitergereicht wurde.
Die böse Herodias war zufrieden gestellt, aber in ihrem Herzen und in dem des Königs blieb ein Schwert stecken, das sie bis zum Tod peinigte, so daß sie innerlich stets unruhig blieben und alle ihre Vergnügungen vergällt wurden; schon in diesem Leben begannen sie die Peinen zu verspüren, die ihnen für die ganze Ewigkeit bevorstanden. Der ganze Rest ihres Lebens war eine vorweggenommene Hölle, denn wegen ihres schuldbeladenen Gewissens fanden sie nie Ruhe und Frieden, sondern ihr Leben nahm ein elendes Ende.
Kehren wir zu unserem großen Heiligen zurück. Er war ganz froh, als er von einem Moment zum andern  den Tod erwartete, und wurde im letzten Augenblick von Gott ganz besonders geehrt. Er war ganz zu Gott erhoben und entrückt und eine große Engelschar sang lieblich und lud ihn ein, mit ihnen zur Vorhölle der heiligen Väter zu ziehen, um ihnen die beglückende Kunde von der bevorstehenden Erlösung zu bringen.
Zudem wurde ihm das Glück zuteil, den Welterlöser und seine heiligste Mutter nahe bei sich zu sehen; diese wollte beim Tod dessen dabei sein, den sie schon bei seiner Geburt mit ihrer Gegenwart beglückt hatte.
Als Johannes seinen Heiland und dessen heiligste Mutter ihm beistehen sah, war er erfreut, und seine Freude war so groß, daß er seine Seele aus Freude aushauchen mußte. Er verehrte den Erlöser und die Gottesmutter und ließ sich ganz in ihre Arme sinken.
Er sagte zu ihnen: «Siehe, ich übergebe die Seele, den Leib und mein ganzes Wesen in eure heiligen Hände. Ich sage euch allen Dank, so viel ich das verstehe und vermag. Ich bitte euch, meinen Geist in Frieden aufzunehmen und mir zuerst euren Segen zu geben.»
Es ist nicht leicht zu erklären, was sie in dieser kurzen Zeit zueinander sagten und wie sehr sie unseren großen Heiligen trösteten. Die beiden großen
Personen wurden nur von Johannes gesehen, denn sie standen ihm bei, ohne daß die anderen sie sahen. Das war für unsem Erlöser und seine heiligste Mutter nicht schwer, denn von Gott wurde auch anderen Heiligen eine ähnliche Gnade gewährt. Als der Scherge dem großen Heiligen den Kopf abschlug, hielt die heiligste Jungfrau Johannes in ihren keuschesten Armen, während der Heiland ihm den linken Arm unter das Haupt hielt und ihn mit dem rechten umarmte, so daß unser Heiliger mit der Braut im Hohenlied sagen konnte: «Seine Linke liegt unter meinem Kopf, seine Rechte umfangt mich.»
Der Heiland nahm die Seele des Johannes, sobald dieser sie ausgehaucht hatte, in seine Hände und segnete sie, zusammen mit der heiligsten Mutter und übergab sie den Engeln, die sie mit Lobliedern in die Vorhölle geleiteten. Nachdem er auch den heiligen Leib seines Vorläufers gesegnet hatte, verschwand der Heiland und seine Mutter, aber viele Engel blieben bei dem Leichnam, um ihn zu behüten, und sangen Hymnen und Loblieder, bis er bestattet wurde. Sofort verbreitete sich die Kunde davon, daß der heilige Johannes auf Befehl des ruchlosen Herodes enthauptet wurde, um einen Tanz der schamlosen Tochter der Herodias zu belohnen, und das ganze Volk empörte sich, aber niemand wagte es, dagegen zu protestieren aus Angst vor dem König, der wegen seines skandalösen Lebens ohnehin schon vom Volk sehr gehaßt wurde.
Wegen der Enthauptung Johannes des Täufers steigerte sich der Haß noch mehr. Allgemein rief man auf den unglückseligen Herodes und die gemeine Herodias die Strafe Gottes herab. Die Jünger des Johannes, die alle voll Trauer und Schmerz waren, gingen sogleich hin, um nach dem
Leichnam ihres heiligen Meisters zu sehen. Als sie ihn am Boden liegen sahen, vergossen sie viele Tränen Nachdem sie ihrem Schmerz etwas Luft gemacht hatten, nahmen sie den heiligen Leichnam und bestatteten ihn in großer Andacht und Verehrung, und die Engel begleiteten ihn mit Lobgesängen.
Die gemeine Herodias bewahrte das Haupt des Heiligen an einem unschicklichen Ort auf, um in ihrer Verachtung sich an ihm vollends zu rächen. Dann ließ sie es mit Steinen und Erde bedecken, damit niemand es fände; die Engel aber wohnten der Bestattung des heiligen Hauptes bei, und nach langer Zeit ließ Gott es auffinden, da er wollte, daß es nach Gebühr geehrt werde. Die Empörung des Volkes über diese Vorfälle dauerte lange Zeit, dann aber beruhigte sie sich, wie das bei allen traurigen Anlässen zu geschehen pflegt.
Die Jünger des Johannes gingen weg, traten zum Messias über und folgten ihm, denn bevor ihr Meister starb, hatte er sie das geheißen. Unterdessen verbreitete sich die Kunde von der Predigttätigkeit des Mannes aus Nazaret, den viele als den Messias ansahen, und alle gingen hin, um ihn als einen großen Propheten anzuhören. Viele glaubten, daß er wirklich der verheißene Messias sei, und so erlosch das Andenken an den Tod des heiligen Johannes fast gänzlich, nicht aber im Geiste Gottes, der zu bestimmter Zeit und an einem bestimmten Ort die Mörder und alle, die eine so große Freveltat mitverursacht hatten, bestrafte.



ANHANG
Weihe des Johannisfeuers am 24. Juni
Am 23. und 24. Juni flammen abends die Johannisfeuer auf, vorbereitet durch ein gemeinsames Holzsammeln, geschmückt mit einem blumenumwundenen Mast oder Kreuz, in Anwesenheit von Behördenvertretern und der Geistlichkeit, die das Feuer segnet.
Priester: Lasset uns beten: Herr Gott, allmächtiger Vater, unzerstörbar strahlendes Licht, du bist der entfachende Urgrund alles strahlenden Feuers: Mache heilig dieses junge Feuer und gib uns die Kraft, nach dieser Weltzeit Dunkel mit reinem Sinn zu dir zu kommen, du strahlendes Licht. Durch Christus unsem Herrn.
Alle:   Amen.
(Der Holzstoß wird mit Weihwasser besprengt.)
Hymnus: Daß wir, deine Diener, mit freier Stimme deiner Werke Wunder besingen können, löse du die Schuld der befleckten Zunge, heiliger Täufer.
Vom Himmel herniederkommend, Gabriel, ein Bote, großer Johannes, kündet deine Geburt dem Vater Zacharias, deinen Namen nennt er, den dir bestimmten Ablauf des Lebens, doch zweifelnd hört die Verheißung jener und verliert die Sprache bereiter Antwort.
Du, geboren, aber machst neu der Stimme tönenden Vollklang. Schlummernd noch in des Schoßes verschlossener Kammer, fühltest du den König im Brautgemach. Darauf durch das Verdienst ihrer Söhne die Mütter Maria und Elisabet künden das Verborgene.
Herrlichkeit dem Vater, zugleich dem Sohne, dir auch, Heiliger Geist, der aus beiden immer ist wie sie, ein einiger Gott, zu jeder Weltzeit und ewig. Alle: Amen

Gebet zu Johannes dem Täufer
Heiliger Johannes, du warst der Vorläufer des Messias, die Stimme eines Rufenden in der Wüste, der die Menschen am Jordan taufte und zur
Umkehr bewog. Das erregte den Unwillen der Pharisäer, der Hohenpriester und Ältesten. Als du gar dem König Herodes vorwarfst, daß es ihm nicht erlaubt sei, die Frau seines Bruders zu heiraten, machtest du dir Herodias zur unversöhnlichen Todfeindin. Sie fieberte auf ihre Stunde hin. Herodes ließ sich vom Tanz ihrer Tochter Salome betören und versprach dieser alles, und wenn es die Hälfte seines Reiches wäre.
Herodias, die wie eine Spinne im Netz auf ihr Opfer wartete, brachte ihre Tochter dazu, dein Haupt auf einer Schüssel zu verlangen. Du großer, geistesstarker Mann, abgehärtet von der Sonne Arabiens, mußtest deinen Nacken vor dem Scharfrichter beugen wegen der Schwachheit eines Mannes und der Rachegelüste einer Frau, die es dir, dem Propheten, nicht vergaß, daß du sie und den König vor allem Volk des Ehebruchs bezichtigt hattest. Du starbst als erster Märtyrer des Neuen Bundes, nach den Unschuldigen Kindern, die nach der Geburt des Messias von den Schergen des Herodes getötet wurden - dieser Tod hätte auch dir, Johannes, gegolten -, aber deine Mutter hatte dich vor der Wut des Herodes in der Wüste versteckt. Heiliger Johannes, der greise Simeon hatte Maria und Josef prophezeit, daß ihr Kind zum Zeichen werden würde, dem widersprochen werde. Zu einem Zeichen, das die Gedanken Vieler offenbare. Johannes, auch du wurdest zu einem Zeichen wie der Herr.
Auch du mußtest dein Zeugnis mit deinem Blut besiegeln.
Heiliger Johannes, durch deine Empfängnis hat Gott den bisher verschlossenen Schoß deiner Mutter geöffnet. Beim Besuch Mariens bei Elisabet hattest du schon imMutterschoß deinen Erlöser erkannt und jubelnd begrüßt. Durch deine Geburt hat Gott die Zunge deines Vaters gelöst. Kaum geboren, hat Maria dich in ihre Arme gebommen; du durftest ihre Stimme hören und wurdest von ihr gesegnet.
Als der letzte und einzige Prophet des Alten Bundes durftest du auf den Messias hinweisen: «Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt.» Wir bereuen unsere Sünden, erbitte du uns von Gott die Gnade der Umkehr, ein zerknirschtes Herz, eine vollkommene Reue aus Liebe zu Gott. Erwirke uns die Kraft, uns als Arbeiter für die Arbeit im Weinberg des Herrn zu verdingen.
Heiliger Johannes, bei der Taufe Jesu standest du im Lichtglanz der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Führe auch uns in deine Gottnähe, halte auch du über uns und alle, die uns nahe stehen, deine segnende Hand. Erlange uns die Gnade, daß wir von jetzt ab Jesus nachfolgen, wie es deine Jünger nach deinem Tod getan haben.
Heiliger Johannes, wir rufen dich als unseren Fürbitter am Throne Gottes an, wie es die Kirche in allen Jahrhunderten im Confiteor und im Kanon der Messe getan hat.
Arnold Guillet



                                        weiterführende Literatur:
Gottes Ruhm
Von Prof Dr. Ferdinand Holböck, Salzburg Große Heilige der katholischen Kirche in sechs Bänden (auch einzeln lieferbar):
Das Allerheiligste und die Heiligen Eucharistische Heilige, 2. A., 445 S., 16 Fotos, Leinen
Jeder der 86 Heiligen bringt neue Saiten zum Klingen und der Zusammenklang schwillt an zum Chor.

Ergriffen vom dreieinigen Gott
Trinitarische Heilige, 399 Seiten, 16 Fotos, Leinen
Holböck stellt Heilige vor, die vom Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit ergriffen waren.

Vereint mit den Engeln und Heiligen
Angelische Heilige, 2. A., 449 Seiten, 25 Fotos, Leinen
«Die Engel offenbaren sich, aber nur jenen, die sie lieben und anrufen» (Kardinal Joumet).

Geführt von Maria
Marianische Heilige, 636 Seiten, 103 Abb., Leinen
Holböck zeigt, wie Heilige tiefer in die Gnadenprivilegien der Muttergottes eindringen durften.

Aufblick zum Durchbohrten
Große Herz-Jesu- Verehrer aus allen Jahrhunderten
386 Seiten, 91 Abb., Efalin
Es lohnt sich, bei jenen Heiligen in die Schule zu gehen, die wie Johannes am Herzen Jesu ruhten und mit ihm Zwiesprache hielten.

Heilige Eheleute
Verheiratete Selige und Heilige aller Jahrhunderte
2. Aufl., 6. Tsd., 381 Seiten, 130 Fotos, Leinen
CHRISTIANA-VERLAG • CH-STEIN AM RHEIN



(Quelle: Leseprobe: Auszüge aus: Maria Cäcilia Baij OSB: "Leben des heiligen Johannes des Täufers", Christiana Verlag 2002, IMPRIMATUR)
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