Die Schönheit der himmlischen Liturgie findet in Maria einen treuen Spiegel
Erzbischof Kardinal Malcolm R a n j i t h, Colombo/Sri Lanka
Die Schönheit der himmlischen Liturgie findet in Maria einen treuen Spiegel
Wenn es jemanden gab, der Jesus auf Erden am nächsten war, dann war es niemand anders als Maria, seine Allerseligste Mutter. Sicher trifft dies für jede Mutter und ihren Sohn zu, aber die Beziehung der Mutter Jesu zu ihrem Sohn war noch stärker, vornehmer und von einer stillen, vollkommenen Hingabe geprägt. Daher nannte das Zweite Vatikanische Konzil Maria nicht nur „die erhabene Mutter des göttlichen Erlösers" (Divini Redemptoris Mater), sondern auch „in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin" (singulariter prae aliis generosa socia) und „die demütige Magd des Herrn" (humilis ancilla domini) - (cfr. LG 61). Das Wort „Gefährtin" steht hier nicht für eine rein äußerliche Verbindung, sondern dafür, daß Maria im Herzen der Sendung Christi ist. Denn ohne ihr „fiat" bei der Verkündigung wäre Gottes heilbringendes und endgültiges Kommen in diese Welt nicht möglich gewesen, und damit auch nicht das irdische Leben und die Heilssendung Jesu. Die Beziehung des Herrn zu seiner Mutter hatte viele Facetten, die wir auch in den wenigen ausdrücklichen Nennungen Marias in den Evangelien und in den anderen Büchern des Neuen Testamentes erkennen. Im Glauben empfing sie Christus zuerst in ihrem Geist und dann in ihrem Leib, wie der heilige Augustinus sagte. Sie glaubte fest an die Worte des Engels, der ihr versicherte, was von nun an geschehen würde, wäre etwas noch Erhabeneres und Größeres als alles, was Gott zuvor gewirkt hatte, ein Geheimnis, an dem sie wesentlich teilhaben sollte. Ihr Leib sollte der erste Tabernakel des Allmächtigen werden - als Abbild der Bundeslade - die vollkommene Verwirklichung des Emmanuel, Gott-mit-uns. In ihr sollte sich die irdische Existenz Christi formen. Von diesem Moment an wurde sie zur Gefährtin Gottes in der Verwirklichung dieser wunderbaren Geschichte - der Geschichte von der Erlösung der Menschen. Durch sie wollte Gott seinen ewigen Plan verwirklichen. Alles, was sie tun mußte, war sich vom Heiligen Geist überschatten zu lassen. Und wir wissen, daß von jenem ersten „Ja" bis hin zu seiner schmerzvollen Vollendung beim Kreuzesopfer Maria der Weg war, auf dem die Liebe Gottes zu den Menschen gebracht wurde.
Durch sie wurde Gott sichtbar, indem er eine menschliche Existenz annahm. Die Worte des Evangelisten Johannes „und hat unter uns gewohnt", wörtlich „hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen" (Joh 1,14) müssen in diesem Sinne verstanden werden.
Der heilige Johannes schreibt vom Wunder bei der Hochzeit zu Kana, das allererste im öffentlichen Wirken Jesu, und die Mitwirkung seiner seligen Mutter tritt dabei
deutlich hervor. „Sie haben keinen Wein mehr", sagt Maria zu Jesus. Sie läßt ihn wissen von dem Problem, vor dem die Gastgeber stehen. „Wein" ist hier freilich auch
ein allgemeines Bild der Freude. Maria lädt Jesus gleich sam ein, seine Selbstoffenbarung und sein öffentliches Wirken zu beginnen und damit bleibende Freude in das
Leben der Menschen zu bringen. Auch wenn es zunächst so scheint, als ob Jesus nicht daran interessiert sei, eine Mutter gibt nie auf! Sie weiß, wer er ist, und sie kennt die Not der Leute. Daher ergreift sie die Initiative und rät den Dienern: „Tut, was er euch sagt". Und so findet ein Wunder statt. Was hier am meisten auffällt, ist Marias unerschütterlicher Glaube an Gottes Wort. Das „fiat", das sie dem Engel gegenüber sprach, wird zur Handlung und nimmt darin seine endgültige Gestalt an. Durch sie scheint die Stimme des himmlischen Vaters widerzuhallen: „Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören".
Denn bei der Verklärung gebietet Gott den Jüngern, auf Jesus, seinen geliebten Sohn, zu „hören". Durch Maria erklingt an die Diener derselbe Ruf. Außerdem wiederholt sich in den Worten Marias das Gebot Jesu selbst:
„Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt" (Joh 14,21). Und so gibt Maria den Dienern zu Kana nicht nur den Rat „Tut, was er euch sagt", sondern
zeigt auch den Weg, wie das Wunder der Erlösung geschehen kann. In ihr begegnet der Heilswille Gottes jenem tiefen Glaubenssinn, der die Suche der Menschheit nach wahrem Glück und wahrer Freiheit kennzeichnen sollte. In ihr treffen sich der herabsteigende Heilswille Gottes und der aufsteigende Glaubensgehorsam der Menschen. Durch ihr „Ja" folgt Maria dem Ruf Gottes, die irdische Mutter seines ewigen Sohnes zu sein.
Es ist dasselbe „Ja", dem Maria bis zur Vollendung in demütigem Gehorsam treu bleibt, auch wenn es bedeutet, daß ihr Herz mit dem Schwert des Leidens durchbohrt wird. Dort am Fuße des Kreuzes schenkt ihr Jesus eine neue Sendung, nämlich Mutter aller zu sein, die ihm nachfolgen werden. Jesus vertraut ihr diejenigen an, die
„berufen" sind - die Ecclesia, das heißt, die Kirche - , und ebenso vertraut er ihnen Maria an, wenn er zu ihr sagt „Frau, siehe dein Sohn" und wenn er zu Johannes
sagt „Siehe, deine Mutter" (vgl. Joh 19,26-27). Ihre Sendung, Gefährtin Jesu zu sein, hört nicht auf, im Gegenteil: Zusammen mit dem Heiligen Geist ist sie vom Herrn
der Kirche geschenkt als Zeichen seiner Liebe. Marias Beziehung zu Jesus war so besonders, daß Papst Johannes Paul II. von ihrer eucharistischen Dimension gesprochen hat. In „Ecclesia de Eucharistia", seiner Enzyklika über die Eucharistie in ihrer Beziehung zur Kirche, schrieb er: „In ihrem ganzen Leben ist Maria eine ,eucharistische' Frau (EDE 53)." Denn durch ihren Glauben empfing sie den eucharistischen Herrn in ihrem Leib, sie trug ihn und wurde so zum Tabernakel seiner Gegenwart auf Erden. Ihr unerschütterlicher Glaube an den geheimnisvollen und doch so erhabenen Plan Gottes, die diskrete und liebevolle Art, wie sie Jesus folgte und ihr ganzes Leben auf ihn ausrichtete bis hin zum Kreuz auf Golgota, wo sie sich ganz mit seinem heilbringenden Opfer vereinte, machen Maria zum vollkommenen Vorbild für uns alle, die wir dazu berufen sind, uns ganz mit ihm zu vereinen - das ist mit „eucharistisch" gemeint. In diesem Sinne sagte auch Papst Johannes Paul II.: „Die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, ist berufen, sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen ... Wenn die Eucharistie ein Geheimnis des Glaubens ist, das unseren Verstand so weit überragt, daß von uns eine ganz reine Hingabe an das Wort Gottes gefordert wird, kann uns niemand so wie Maria Stütze und Wegweiserin sein, um eine solche Haltung zu erwerben" (EDE 53-54).
Wenn wir bedenken, wie Maria zu ihrem Sohn und dem Wunder des Lebens und seiner Sendung aufblickte, dann sind wir uns bewußt, daß wir sie nicht wirklich ehren, wenn wir nicht mit derselben Ehrfurcht und demselben Staunen auf die Person Jesu, ihres Sohnes, schauen. Ihre Worte „Tut, was er euch sagt" zeigen uns nicht nur ihren tiefen Glauben daran, was er wirklich war, der menschgewordene Sohn Gottes, sondern auch ihre Ehrfurcht und ihr Staunen über die großen Ereignisse, die in ihrer Zeit geschahen und an denen sie wesentlich Anteil hatte. Auf die Worte Elisabeths bei der Heimsuchung - „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes" - antwortet Maria mit den Worten des Magnificat. Sie wußte, daß an ihr, der demütigen Magd des Herrn, etwas Gewaltiges und Großes geschah, denn sie sang „der Mächtige hat Großes an mir getan" (vgl. Lk 1,49). In diesem tiefen Glauben empfing sie den vom Kreuz genommenen Leib Christi, den Leib, den sie einst in ihren mütterlichen Armen liebevoll und andächtig gehalten hatte und den sie nicht ohne Schaudern und Staunen angesichts seines Opfertodes entgegennahm. Derselbe Leib in seiner verherrlichten Form erschien später den Aposteln und Maria, denn, wie die Apostelgeschichte uns berichtet, war Maria oft mit den Aposteln zusammen in beständigem Gebet (vgl. Apg 1,14). Sicher sah sie die Erhabenheit seines verherrlichten Leibes. Die liebevolle Ehrfurcht, mit der Maria an der Sendung ihres Sohnes mitwirkte, muß uns inspirieren, auch selbst eins mit ihm zu werden in Geist und Herz, ja mit unserem ganzen Leben. So können auch wir, wie Maria, eucharistisch werden. Papst Johannes Paul II. forderte uns auf, „sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen" (EDE 53). Papst Benedikt spricht davon, daß in Maria,
der „Tota pulchra", der „ganz Schönen", die Schönheit der himmlischen Liturgie aufstrahlt. Ihr Leben widerspiegelt die Ehrfurcht und das Staunen angesichts des Rufes, ganz mit Jesus vereint zu sein - ihr Leib war der Tabernakel seiner Gegenwart, ihr Glaube die unsichtbare Kraft in seiner Heilssendung bis hin zu der höchsten Hingabe seiner selbst am Kreuz, und ihre Liebe war die Stärke und Inspiration der Kirche, der Gemeinschaft seiner Jünger.
Liebe Brüder und Schwestern, heute fehlt es bei vielen Jüngern Jesu, in allen Ständen und Berufen der Kirche, an der Ehrfurcht und Freude, die von der wahren, beständigen Gegenwart Jesu unter uns, besonders im Allerheiligsten Sakrament des Altars, kommen. Daher müssen wir heute mehr denn je zur seligen Gottesmutter beten und sie bitten, daß sie uns die Schätze ihres unbefleckten Herzens öffne, ihren Glauben und ihre Liebe zu Jesus in seiner eucharistischen Sendung. Nicht selten hören wir heute von Priestern, die aus Mangel an echtem Glauben und Verständnis die heiligen Geheimnisse der Eucharistie in einer Weise feiern, die ihrer himmlischen Erhabenheit unwürdig ist. Auch viele Gläubige haben den Sinn für die Heiligkeit des Meßopfers verloren. Die Einladung Jesu, ganz eins mit ihm zu werden und Leben von ihm zu schöpfen, Leben, das von seinem gewaltigen Opfer auf Golgota fließt, und Teil zu sein einer himmlischen Versammlung, des neuen Volkes Gottes, wie der Herr sagt: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich ißt, durch mich leben" (Joh 6,57) - diese wunderbare Einladung wird leider durch eine rein innerweltliche und horizontale Sicht auf die heilige Eucharistie, in der nur noch das irdische „Brot" gesehen wird, herabgesetzt. Wir müssen für eine echte Erneuerung der Kirche, wie der Heilige Vater sie will, beten, vor allem in und durch die heilige Messe und die Verehrung der heiligen Eucharistie: durch einen vertieften Glauben, eine würdige Feier und ein mutiges Zeugnis. Papst Johannes Paul II. nannte sie den „Schatz der Kirche, das Herz der Welt, das Unterpfand des Ziels, nach dem sich jeder Mensch, und sei es auch unbewußt, sehnt." (EDE 59).
Schließen möchte ich mit den inspirierenden Worten unseres geliebten Heiligen Vaters Papst Benedikt: „Die Schönheit der himmlischen Liturgie, die auch in unseren
Versammlungen aufleuchten muß, findet in Maria einen treuen Spiegel. Von ihr müssen wir lernen, selber eucharistische und kirchliche Menschen zu werden, damit auch wir, nach dem Wort des heiligen Paulus ,,schuldlos" vor den Herrn treten können, so wie er uns von Anfang an haben wollte (vgl. Kol 1,21; Eph 1,4)". Amen.
(Predigt zum Hochfest Maria Aufnahme in den Himmel in Maria Vesperbild am 15.08.2008)
Wenn du nach Gott suchst und nicht weißt,
wo du anfangen sollst,
lerne zu beten und mache dir die Mühe,
jeden Tag zu beten.
(Mutter Teresa)
(Quelle: "Bote von Fatima", 8/9-2011, S. 8ff., Regensburg)


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