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Weihbischof Helmut Bauer, Würzburg |
"Wir beklagen heute nicht nur den Rückgang des Kirchenbesuchs, sondern zugleich auch den des Empfangs des heiligen Bußsakraments. Beides steht in einem tiefen inneren Zusammenhang. Für einen jeden Katholiken müßte nicht nur der Gottesdienstbesuch an Sonn- und Feiertagen, sondern auch die Osterbeichte und darüber hinaus der monatliche Empfang des Sakraments der Buße wieder zur Selbstverständlichkeit werden. Denn nur dann wird auch ein Umdenken in Gesellschaft und Staat, eine Umkehr im Sinn von Bekehrung, wie es U.L. Frau von Fatima wünscht, die notwendige und wünschenswerte geistige Wende Wirklichkeit werden."
Mit dem 20. Jahrhundert
ging ein Jahrhundert zuende "mit den größten Kriegen, mit den
größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit dem wohl größten
Raubbau an der Schöpfung vorbei." Das letzte Jahrhundert hat "die
teuflischsten Systeme, die teuflischsten Menschen, die teuflischsten Verfolger
der Kirche gesehen, ...ein Jahrhundert ..., das alle bisherigen an Hybris,
an Menschenverachtung, an Gottlosigkeit in den Schatten stellt. Wir wollen
den Fortschritt nicht übersehen, den medizinischen nicht, den wirtschaftlichen
nicht. Ob es überall Fortschritt war und Fortschritt für alle
ist, Fortschritt an Menschlichkeit, darf gefragt werden. Wir brauchen nur
zu sehen, wie leicht ungeborenen Kindern der Eintritt ins Leben verwehrt
wird und wie alt- und krankgewordenes Menschenleben behandelt wird. Die
Chancen einer friedvollen Entwicklung für alles, für Gesundheitshilfe
für alle, für Wohlstand für alle sind da. Das Raumschiff
Erde hat Platz für jeden und Brot für jeden. Aber wir nehmen
viele Altlasten in die Zukunft mit. Und dazu zählen: fehlende Solidarität,
Überheblichkeit, Unglaube und eine in diesem Maß noch nie gekannte
Gottlosigkeit.
Er hat es gespürt,
der Kulturphilosoph Friedrich Nietzsche, vor 100 Jahren, was das Elend
des 20. Jahrhunderts sein wird. Er schrieb damals, was wir am Ende sagen
werden: „Was taten wir, als wir die Erde von
ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht
uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Das Heiligste,
was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.
Wir haben Gott getötet."
Wie also wird wohl
dieses letzte Jahrhundert von künftigen Zeiten beurteilt? Ein Wahnsinnsjahrhundert?
Ein teuflisches Jahrhundert? Mag sein. Doch für uns bleibt es ein
marianisches Jahrhundert: Das Jahrhundert der in den Himmel aufgenommenen
Gottesmutter. Das Jahrhundert Unserer Lieben Frau von Fatima. Das Jahrhundert
des wiederentdeckten Rosenkranzgebetes.
Das
marianische Jahrhundert
Was
wir eben in der Lesung gehört haben - ist letztlich alles Zeitgeschehen.
Der Kampf des Drachens gegen die Frau und ihr Kind. Wir dürfen in
dieser Frau Maria sehen, auch wenn wir wissen, daß das Gottesvolk
des Alten und des Neuen Bundes mit gemeint ist. Nie trat es in solchen
Dimensionen hervor, was Schicksal der Kirche ist. Sie ist die vom Drachen
verfolgte und die von Gott behütete. Sie ist die Gebärende, die
immer wieder das göttliche Kind zur Welt bringt: Christus, unseren
Herrn und Gott. Genau in der Mitte steht das marianische Kennzeichen dieses
Jahrhunderts: 1950 hat Papst Pius XII. das Dogma feierlich verkündet.
Maria ist auch in
ihrer zerbrechlichen Leiblichkeit ganz bei Gott. Gott hat sich ihrer ganz
angenommen. Gott hat das letzte Wort zu sagen und nicht der Tod in der
Lebensgeschichte dieser Frau und in der Geschichte aller Menschen. Gott
zeigt sich am Ende stärker als der Tod. Das erste und letzte Wort
für den Menschen heißt: GNADE. Gnade umfängt ihr Leben
am Anfang. Gnade umfängt ihr Leben am Ende. Gott allein gibt Zukunft.
Auch im Leben der
Kirche hat sich manches in diesem Jahrhundert verändert. Manches hat
Unruhe und Irritation ausgelöst. Aber es ist nicht zu übersehen:
Die Kirche hat sich darauf besonnen: Sie lebt vom Geheimnis der Gnade und
von sonst nichts. Sie kann sich nicht mehr stützen auf gesellschaftliche
oder politische Kräfte. Die weltlichen Kräfte stehen ihr neutral,
distanziert oder gar ablehnend gegenüber. Die Kirche verliert gesellschaftlich
an Boden. Christliche Lebensräume zerbrechen. Disziplinäre Maßnahmen
greifen nicht. Es scheinen auch Verbandsstrukturen und theologische Lehrstühle
nicht mehr viel aufhalten «zu können. Die Kirche erfährt
zusehends: Sie lebt eigentlich in dieser Stunde nur noch von der Gnade
Gottes, aus der Kraft des Heiligen Geistes. Dies ist auch der herausstechendste
Zug im Leben Mariens.
Wir beten: Du bist
voll der Gnade. Alles an dir ist Gnade. Alles an der Kirche ist Gnade.
Daß es am Ende dieses Jahrhunderts - nach Kulturkampf und Aufklärung
- noch Kirche gibt, ist wahrhaftig nicht unser Verdienst. Es ist Gnade.
Doch gerade in ihrer Zerbrechlichkeit hat die Kirche schon jetzt am Leben,
an der Stärke, am Sieg Gottes teil. Diese Lektion sollten wir von
unserem Jahrhundert gelernt haben, aber auch alle Kirchenhasser.
Fürchtet
euch nicht!
Es war ein marianisches
Jahrhundert, dieses 20. Wir sind ja heute am 13. eines Monats zusammen,
weil wir uns an ein bedeutsames Ereignis in diesem Jahrhundert erinnern,
an ein marianisches Ereignis mit weltpolitischen Auswirkungen und Dimensionen.
Bevor dieses Jahrhundert
sein ganz brutales und satanisches Gesicht zeigte, das Tier aus der Tiefe
auftauchte mit verschiedenen Köpfen und Hörnern, erschien der
Welt das milde Angesicht der wunderschönen Frau und Mutter von Fatima.
Wir lernten haßverzerrte Züge der Massenmörder, Diktatoren
und Kriegsverbrecher kennen. Wir wissen, wie sie mit Zucker und Peitsche
die Massen vor sich hertrieben. Wir wissen, mit welch teuflischer Energie
sie ausgestattet waren. Sie gingen über Berge von Leichen, Angst und
Schrecken gingen von ihnen aus.
Ganz anders Unsere Liebe Frau von Fatima. Mit liebevoller Gebärde beruhigte sie die aufgeregten Kinder in der 'Cova da Iria' bei Fatima. Zu den Kindern Lucia, Jacinta und Francesco sagte sie: „Habt keine Angst! Ich tue euch nichts zuleide."
Das waren ihre ersten
Worte. Sie kam, um uns die Angst zu nehmen. Größer kann daher
der Gegensatz nicht sein: Hier Frieden, Ruhe
und Trost, in den Zentren der Welt oft Angst, Panik und Kurzschlußhandlungen.
Das ist Unsere Liebe Frau von Fatima: Die Verkünderin der Urbotschaft
des Evangeliums: Fürchtet euch nicht!
Der Herr hat uns seine beste Botschafterin geschickt, seine eigene Mutter,
daß sie uns sage, was wir in dieser Stunde hören sollten. „Habt
keine Angst! Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch!"
Maria wollte uns die
Angst nehmen, die doch die Seelen frißt. Sicher, sie hat den Kindern
die Hölle gezeigt, aber doch wohl deshalb, weil sie zeigen wollte,
was alles der Welt, den Menschen, einem jeden von uns erspart bleibt, wenn
wir vertrauen, beten und unser Leben in Freud und Leid aus Gottes Händen
annehmen. Es mag mancher immer noch fragen: Und was ist mit dem 3. Geheimnis
von Fatima? Ich weiß es nicht, aber ich weiß dies: Es kann
nicht dem widersprechen, was Maria als erstes gesagt hat und was sie durch
das ganze Geschehen von Fatima sagen wollte: „Habt
keine Angst! Glaubt an Gott und glaubt an meine Fürbitte bei Gott
für euch!"
Daher sind echte Verehrer
und Verehrerinnen Unserer Lieben Frau daran zu erkennen, daß sie
vor der Zukunft keine Angst haben. Daher sind Fatima-Freunde daran zu erkennen,
daß sie Zuversicht auf die Hilfe und die Kraft Gottes ausstrahlen.
Für uns kann Gott unerwartet Mauern und „Eiserne Vorhänge" niederreißen.
Gott kann Taten setzen, daß wir den Mund vor Staunen nicht mehr zubringen
und uns ganz verdutzt die Augen reiben.
Als wir im letzten
Jahr mit 150 Pilgern aus der Diözese Würzburg in Fatima waren,
entdeckten wir auch in einer Ecke des Rosenkranzplatzes ein Stück
der Berliner Mauer. In der Tat: Hier in Fatima hat dieses Mauerstück
seinen berechtigten Platz. Auch wenn unsere Öffentlichkeit die geistigen
Mächte im Hintergrund allen Geschehens nicht sieht, noch weniger anerkennen
will, so gilt doch für uns, daß die Gottesmutter ihren Anteil
daran hatte.
„Habt
keine Angst!" ist das ermutigende Wort von
Fatima an die Kirche und an jeden einzelnen von uns.
Die
Welt an Gott binden
Ich kann mir vorstellen,
daß einige unter uns denken: Na, ist das die ganze Botschaft? Sollen
wir uns in Sicherheit wiegen? Hat nicht die Gottesmutter auch etwas gefordert?
O ja! Keine Angst haben, heißt ja nicht: Überlaßt nur
alles dem lieben Gott. Es wird schon alles gut. Es renkt sich alles wieder
von allein ein. Nein - nichts renkt sich von allein ein. Wir haben die
Welt in Unordnung gebracht durch Sünde und Bosheit. Wir sind mit aufgefordert
und verpflichtet, sie wieder in Ordnung zu bringen. Wir haben eine verdammte
Pflicht und Schuldigkeit, die Welt an Gott zu binden. Verdammt, weil so
viel, weil alles auf dem Spiel steht und von unserer Mitwirkung abhängt,
ob die Erde in Zukunft erneut zur Hölle wird, oder ob wir aus ihr
mit Gottes Hilfe ein Stück Paradies machen für alle. Gott hat
die Welt nicht zugerichtet. Wir waren es! Er will sie wieder herrichten.
Wir sollen dabei helfen. Dazu sind wir vom Heiligen Geist befähigt
und berufen, gesalbt und geheiligt.
Nichts richtet die
Welt wieder so auf als unser Leben in der Nachfolge Jesu. Beten und Mitsühnen
sind Mitwirkungsmöglichkeiten, die jeder Christ leisten kann.
Beten:
Mit
jedem Gebet binden wir die Erde wieder an die „Sonne". Der Rosenkranz
ist dafür ein zeichenhaftes Gebet. Wir beten mit Maria im Lebensraum
Jesu. Die Perlenschnur
zeigt an, daß wir so die Erde zusammenhalten können. Wir legen
um die Erde einen festen Ring. Wir binden mit der Perlenkette
die Welt an den Himmel. In jedem Rosenkranzgebet ergreifen wir ein Seil,
das uns Unsere Liebe Frau zuwirft, damit wir einen festen Halt haben.
Sühnen:
Die schönste Weise zu sühnen, ist die rechte Mitfeier
der Hl. Messe. Wir legen unser Leben, unsere
Leiden auf den Altar. Pater Pio sagte einmal: „Eher
kann , die Erde ohne Sonne leben als der Mensch ohne die Hl. Messe."
Es ist für die
Kirche fruchtbarer, wenn wir nicht hinter irgendwelchen Forderungen an
die Kirche ein Kreuz machen, sondern wenn wir zum Kreuz unseres Lebens
„unser Kreuz" machen. Alle Leiden und Krankheiten, alles Kreuz des Lebens
erfährt im Kreuz Christi seine heilende Kraft. Der Rosenkranz aber
ist die schönste Gebetsweise, sich das Geschehen der Hl. Messe geistlich
anzueignen und zu bedenken.
Es gibt - so habe
ich in einem Artikel des Klerusblattes vor einiger Zeit über den Heiligen
Bruder Konrad gelesen, in Altötting ein Reliquiar, das den rechten
Zeigefinger des Heiligen unversehrt aufbewahrt.
Wissenschaftliche
Untersuchungen ergaben: Häufige Berührungen dieses Fingers mit
dem Metall der Rosenkranzkette hätten diesen Finger gleichsam mit
einer immunisierenden Schicht versehen und ihn so vor der Auflösung
bewahrt. Erwiesen ist, daß Bruder Konrad, wenn immer er seine Hände
frei hatte, mit der Rechten den Rosenkranz in seiner Tasche ergriff. Der
Rosenkranz Unserer Lieben Frau macht immun: gegen die Gottlosigkeit unserer
Zeit - macht offen für die Gnade,
gegen die Angst
- macht offen für das Leben, gegen das Gefühl der Hilflosigkeit
- macht bereit für die Mitarbeit an einer besseren Zukunft der Welt.
- Amen.
(Quelle: "Bote
von Fatima", März 1996, S. 33-35, Regensburg)