Das Geheimnis der Gegenwart Jesu Christi in der hl. Eucharistie
Die heilige Kommunion wird heutzutage von den Gläubigen öfter empfangen als früher. Aber ist damit auch eine größere Ehrfurcht und Glaubenstiefe als früher, wo man seltener und erst nach einer Beichte kommuniziert hat, verbunden? Wir bedenken zu wenig das Wort des französischen Dichters P. Claudel: „Der Inbegriff des Katholizismus, der unendlich feine und gewichtige Punkt, in dem er sich zusammenfassen läßt, ist die Eucharistie.
Die Eucharistie ist die wirkliche Gegenwart. Das heißt, daß Christus nicht nur in unserem Denken für uns gegenwärtig ist, in unseren Herzen und in unserer Vorstellung, sondern daß er leibhaftig hier ist, genau wie in den Tagen von Galiläa, aber auf noch wesentlichere und intimere Weise. Dank der Eucharistie können wir wirklich jenen Satz wiederholen, der sonst empörend und unverständlich wird: ,Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich hingehe.' Denn er verläßt uns nicht."

Eucharistie als Lebensgrundlage   
Anna Schäffer, die selig gesprochene Frau, die zwischen 1901, als sie in kochende Lauge gefallen war, und 1925, ihrem Todesjahr, die schmerzvollsten  Operationen und Leiden auszuhalten hatte, drückt ihren Glauben und ihre Liebe zum eucharistischen Heiland mit den Worten aus: „Wenn mir jemand die Wahl ließe, entweder ganz gesund zu sein und alle nur erdenklichen irdischen Freuden zu genießen und keine heilige Kommunion empfangen zu dürfen oder Tag und Nacht die bittersten Schmerzen ohne jeden Schlaf zu erdulden, aber alle Tage die heilige Kommunion empfangen zu dürfen, so würde ich mit größter Liebe das Letztere wählen, denn kein irdisches Leiden vermag aufzuwiegen, was ich im Herzen leiden müßte, wenn mir die heilige Kommunion entzogen wäre ... Mein Gott, ohne heilige Kommunion recht lange krank zu sein, das müßte das schwerste Opfer sein, nicht so des Leidens wegen, sondern der Entbehrung der heiligen Kommunion wegen."

Christus in Brot und Wein gegenwärtig
Die reale Gegenwart Jesu Christi übersteigt unser menschliches Begreifen. Jesus identifiziert dieses „Brot des Lebens" mit seinem Fleisch und mit seiner Person und verspricht denen „ewiges Leben", die ihn essen.
„Ich bin das Brot des Lebens ... Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben ...bleibt in mir und ich in ihm ... Wer mich ißt, wird leben durch mich ... in Ewigkeit" (Joh 6,35.54.56f).
Auch der Apostel Paulus verlangt dieses Brot von gewöhnlichem Brot zu unterscheiden. Wer es nicht tut, wird schuldig, ißt und trinkt sich das Gericht, das heißt wird von Gott deswegen gerichtet (vgl. 1 Kor 11,29).
Auch wenn es unmöglich ist, diese Gegenwart zu erklären, denn der Gläubige empfindet nur gewöhnliches Brot (Thomas von Aquin in seinem Hymnus, Gotteslob 546: „Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir"), hat der Glaube der Kirche immer an der realen Gegenwart festgehalten, nämlich daß Gottheit und Menschheit Christi hier verborgen gegenwärtig sind.
(Thomas: „Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz, hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz, beide sieht mein Glaube in dem Brote hier.")
Gefragt, was man hier auf Erden anbeten dürfe, da man doch nur Gott anbeten darf, antwortete der heilige Augustinus: "Auf Erden dürfe man nur Jesus Christus anbeten, „weil er (= der Präexistente, das heißt schon vor dem Erdendasein Lebende) Fleisch von der Erde und Fleisch vom Fleisch Mariens angenommen hat;, und weil er hier im Fleisch gewandelt ist und dieses Fleisch uns zum Heil, uns zum Essen gegeben hat.
Niemand aber ißt dieses Fleisch, ohne es vorher anzubeten. Gefunden ist also, was angebetet werden soll."'
Die Katholische Kirche hat in ihrer Geschichte vom Anfang an bis heute an die reale Gegenwart Christi geglaubt, doch gab es verschiedene Akzentsetzungen. Diese ergaben sich bei der Frage, wie das Wesen des Brotes in den Leib Christi gewandelt sein kann, wenn sich äußerlich, beim Zeichen - beim Sakrament ist eben die äußere Zeichenhandlung sehr wichtig - nichts ändert. So lief man die Gefahr der einseitig symbolischen oder der einseitig realistischen Akzentuierung des Leibes Christi.
Obwohl Augustinus schon das Thema der eucharistischen Anbetung angesprochen hat, wurde sie erst im 12. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen den beiden extremen Sichten intensiver diskutiert. Eucharistische Prozessionen kamen infolgedessen auf.

Wandlung bewirkt Verwandlung
Wer die eucharistischen Themen studiert, stößt immer wieder auf das Extrem, die Wandlung im geistigen Verständnis von Brot und Wein zu sehen, das heißt sie bedeute nur den Leib und das Blut Christi. Aber wenn eine Messingmünze, schön poliert, ausschaut wie eine Goldmünze und den Besitzer so viel bedeutet wie echtes Gold: Es ist Messing und nicht Gold. Zwischen Bedeutung und realem Sein ist also ein gewaltiger Unterschied. Die Wandlung bezieht sich nicht nur auf eine Änderung im Denken, im Kopf des Gläubigen, sondern auf ein Anderswerden von Brot und Wein.
Nicht nur die Sicht, sondern die Wirklichkeit wird zuerst verwandelt, geändert, wird anders, nämlich zum Leib und Blut Christi.

Dauer der Gegenwart Christi
Eine weitere Frage betrifft die Dauer der Gegenwart Christi in der Eucharistie, das heißt, ab wann und bis wann ist Christus in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig? Diese Frage wird oft sehr ungenau beantwortet.
Es wird zum Beispiel gesagt, daß das Brot nicht durch eine korrekt ausgesprochene Formel in den Leib Christi verwandelt wird, sondern durch das Gebet der Kirche, also durch das gesamte Hochgebet mit der Bitte um Wandlung der Gaben und mit dem Verlesen des Berichts vom Letzten Abendmahl.
Brot und Wein werden in Leib und Blut Christi gewandelt, wenn ein Priester, der geweiht wurde, um „in der Person Christi zu handeln", die Wandlungsworte spricht. Das
„mein Leib" und „mein Blut" meint nicht das menschliche Ich des Priesters, sondern Christus, in dessen Person der Priester handelt.
In der Liturgie macht der Priester zum ersten Mal nach dem Sprechen der Wandlungsworte eine Kniebeuge als Ausdruck der Verehrung für den jetzt gegenwärtigen Herrn.
Wie lange dauert die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein? Sie dauert so lange, als die Gestalten von Brot und Wein da sind. Zum Beispiel sagt der
heilige Thomas von Aquin, daß Christus nicht mehr gegenwärtig wäre, wenn die konsekrierte Hostie - was höchst ehrfurchtslos und sakrilegisch wäre - so klein gestoßen würde, daß nur mehr Mehlstaub übrig bliebe. Im pulverisierten „Brot" ist deshalb die Gegenwart Christi geschwunden, im Gegensatz zu den „sehr kleinen Partikeln, so klein sie auch sein mögen", die noch Brotsgestalt haben und nach dem Konzil von Trient (DH 1653) den „ganzen Christus" enthalten. 2
Nach Thomas endet also die sakramentale   Gegenwart, wenn die sakramentalen Gestalten schwinden, zum Beispiel nach dem Genuß, beim totalen Verderb der Brotsgestalt oder bei übermäßiger Verwässerung des konsekrierten Weins. Solange die Natur des Brotes bzw. des Weines gewahrt bleibt, ist Christus gegenwärtig.

Der Herr tritt nicht nur über die Türschwelle
Ein Nichttheologe wird vielleicht über solche Haarspaltereien den Kopf schütteln, aber es handelt sich um die spirituelle Frage der Weise der Danksagung. Ist Christus noch im Kommunikanten und wie lange? Essen ist ein Vorgang: Das Brot hat nicht nur den Sinn, gegessen zu werden, sondern auch Nahrung zu werden. Demnach wird die Gegenwart Christi in den eucharistischen Gestalten irgendwann (das heißt zeitlich nicht punktuell bestimmbar) schwinden, wenn
die Gestalten ihre Eigenart verlieren, aber die Aufnahme, die Assimilation3 gehört zu jedem Essen, und deshalb gehört auch die geistige Aufnahme der eucharistischen
Nahrung und ihre Verehrung zum Vorgang des Empfangs des Leibes und Blutes Jesu Christi.
In der Liturgie beten wir vor der heiligen Kommunion: „Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach." Der Eintretende verflüchtigt sich nicht schon beim Tritt über die Türschwelle.
Anton Ziegenaus, em. Professor für Dogmatik
1 Ennerationes. in PS. 98,8
2 Partikelchen, die man mit freiem Auge noch wahrnehmen kann
3 Assimilation = Die aufgenommenen Zeichen (Brot und Wein) gehen in das körperliche Wesen über; dies dauert aber eine Zeit
(Quelle: Prof. Anton Ziegenaus in "Betendes Gottes Volk", Heft 2/2011 Nr. 246, S. 12f., RSK Wien)



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