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Hirtenbrief von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln
Zum 150. Mal feiert die Kirche am kommenden 8. Dezember das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir den Hirtenbrief des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner, worin er die Bedeutung dieses einzigartigen Marienfestes erklärt.
Die Gläubigen lädt der deutsche Kardinal dazu ein, die
Mutter Gottes in ihr Haus aufzunehmen und damit Johannes, den Lieblingsjünger
Jesu, nachzuahmen. Des Weiteren ruft er im "Jahr der Eucharistie 2004/2005"
zu einer Wiederbelebung der eucharistischen Frömmigkeit auf und gibt
dazu praktische Ratschläge. Die erneuerte persönliche Beziehung
zu Christus in der Eucharistie sei vor allem in Hinblick auf das große
Weltjugendtreffen 2005 in Köln wichtig und diene als dessen Vorbereitung.
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Vor einigen Wochen habe ich mich an Sie mit der Vorstellung des Projektes "Zukunft heute" gewandt. Ziel dieses Projektes ist es, nicht einfach zu sparen, sondern heute die Weichen im Erzbistum Köln zu stellen, damit wir auch morgen noch das Evangelium in Wort und Tat verkünden können.
Diese Weichenstellung ist aber nicht nur eine finanzielle Frage. Die Zukunftsfähigkeit der Kirche von Köln ist nicht nur ja nicht einmal in erster Linie! eine wirtschaftliche Frage. Zukunftsfähigkeit der Kirche ist vor allem eine geistliche Herausforderung. Um die geht es mir in diesem Schreiben.
Zwei Ereignisse können uns so meine ich einen guten geistlichen Impuls geben. Das eine ist das "Eucharistische Jahr", das unser Heiliger Vater beim Eucharistischen Weltkongress im Oktober dieses Jahres ausgerufen hat; das andere ist das 150-jährige Jubiläum des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Dieses Geheimnis meint, daß Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an, ohne jede Sünde war. Beide Glaubenswirklichkeiten: die hl. Eucharistie und die Gottesmutter Maria stehen in einem inneren Zusammenhang. Diesen möchte ich in meinem Wort an Sie nachgehen und dabei mit Ihnen bedenken, wie wir daraus Impulse für das Leben in unseren Pfarrgemeinden, aber auch für unser persönliches Leben ziehen können.
1. Am 8. Dezember jährt sich also zum 150. Mal die Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria durch den sel. Papst Pius IX. Aus diesem Anlaß möchte ich wie schon vor genau 10 Jahren die Weihe des Erzbistums Köln an das Unbefleckte Herz Mariens erneuern, die Kardinal Frings mitten im Krieg 1943 vollzogen hat. Dazu lade ich sehr herzlich alle in unseren Dom ein, wo wir um 18.30 Uhr einen festlichen Gottesdienst feiern werden - die Unbefleckt empfangene Gottesmutter ist ja auch unsere Diözesanpatronin. Darüber hinaus bitte ich unsere Priester, beim Festgottesdienst am 8. Dezember die Erneuerung der Marienweihe mit ihren Gemeinden mit zu vollziehen.
Die 1854 verkündete Glaubenswahrheit ist heute vielleicht noch bedeutsamer als damals. In der besonderen Begnadigung Mariens wird deutlich, wie es um den Menschen bestellt ist im Blick Gottes. Die Ursprungsabsicht des Schöpfers, den Menschen als sein Bild und Gleichnis in Harmonie mit sich selbst leben zu lassen, wurde durch die Ursünde der Stammeltern durchkreuzt. Aber Gott ließ den Menschen nicht endgültig fallen; vielmehr eröffnete er schon bei der Verstoßung aus dem Paradies die Sicht auf den Erlöser. Er wollte den Menschen in seinem Gottbezug noch wunderbarer erneuern als er ihn am Anfang erschaffen hatte. Durch Jahrhunderte hindurch ließ er im auserwählten Gottesvolk Israel die Hoffnung auf den Neubeginn im Bund mit Gott lebendig halten. Mit der Empfängnis Mariens hebt nun diese Neuschöpfung an: schon als Auswirkung des zukünftigen Heilstodes Jesu Christi, dessen Mutter sie werden sollte, wird das Mädchen aus Nazareth zum Gotteskind des Neuen Bundes, d.h. frei von der Belastung der Erbschuld. In Maria wird schon im Vorgriff der erlöste Mensch verwirklicht, damit die Menschwerdung des Sohnes Gottes im Schoß einer ganz gottgemäßen menschlichen Mutter geschehen konnte. Das Gottsein hat er allein aus seinem trinitarischen Ursprung mitgebracht, aber sein Menschsein hat er ganz und gar von Maria, denn er ist zur Welt gekommen ohne Zutun eines Mannes. Weil Maria durch ihre Unbefleckte Empfängnis unter dem Herzen ihrer Mutter Anna geradezu gottfähig wurde, ließ sich der Gottessohn herab, menschenfähig zu werden.
Dieses grandiose Geschehen ist heute manchem Zeitgenossen, auch unter Christen, weitgehend unverständlich, weil die Bedeutung von Sündenlosigkeit und Heiligung nicht mehr begriffen wird. Durch die Verkündigung der außerordentlichen Begnadigung Mariens, wie sie in feierlichster Form vor 150 Jahren geschah, wird uns deutlich gemacht: Es gibt nichts Wichtigeres im Leben des Menschen als sein rechtes Verhältnis zu Gott und dies kommt immer nur durch Gottes mächtiges Gnadenwirken zustande.
2. Nachdem der Heilige Vater am Fest Mariä Himmelfahrt in Lourdes das Gedenken an die Dogmatisierung von 1854 gefeiert hat, ruft er die ganze Kirche auf, ein Eucharistisches Jahr zu begehen. Es sollte seinen Anfang nehmen beim Eucharistischen Weltkongress in Guadalajara in Mexiko, der vom 10. bis 17. Oktober 2004 gefeiert wurde. Beendet werden soll es mit der Bischofssynode im Oktober 2005, die die Heilige Eucharistie zum Thema hat. Es fällt nicht schwer, zwischen dem Blick auf Maria und der besonderen Verehrung der hl. Eucharistie eine enge Verbindung wahrzunehmen. Die Menschwerdung des Gottessohnes in Maria und seine Vergegenwärtigung unter den Gestalten von Brot und Wein stehen in einem innigen Zusammenhang. "Was an unserem Erlöser sichtbar war, ist in die Sakramente der Kirche übergegangen", hat Papst Leo der Große gesagt. Die sichtbare Menschheit aber hatte er von seiner Mutter Maria.
Wenn wir in der hl. Kommunion den wahren Leib des Herren empfangen dürfen, wird uns eben dieser Zusammenhang mit seiner Mutter geschenkt. Wir kennen alle den Lobgesang, der schon seit über 600 Jahren gerne zur hl. Wandlung gesungen wird: "Ave verum corpus natum de Maria Virgine Wahrer Leib, sei uns gegrüßet, den Maria uns gebar". Hier wird uns nicht nur ein Sachverhalt vorgestellt, sondern ein persönlicher Bezug zwischen der hl. Eucharistie und der Mutter Christi hergestellt. Unterstrichen und verdeutlicht wird dieses unser Verhältnis zu Maria dadurch, daß Christus vom Kreuz herab seine Mutter dem Jünger Johannes und damit allen Christen aller Zeiten zu ihrer Mutter gegeben hat. Genau dieser Augenblick ist es, der in der hl. Messe, genauer gesagt bei der Wandlung, Gegenwart wird. Der Apostel nahm sie in das Haus seines Daseins auf, und damit hatte Maria ihren besonderen Platz in der nun entstehenden Kirche sichtbar dargestellt im Miteinander der Jünger mit ihr in der Pfingsterwartung im Abendmahlssaal zu Jerusalem. Marias Weisung an die Tischdiener bei der Hochzeit zu Kana konnte nun allgemeine Geltung erhalten: "Was er euch sagt, das tut" (Joh 2,5). Johannes und die anderen Apostel hatten aber als besondere Weisung Jesu beim letzten Abendmahl gehört: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!"(Lk 22,19). Die Feier der Eucharistie war deshalb von Anfang an die wichtigste Aufgabe der Kirche und von Anfang an gewannen die Christen dadurch ein inniges Verhältnis zur Mutter des Herrn. Es ist ein erhebender Gedanke, sich vorzustellen, daß Maria nun im Haus des Johannes aus seiner Hand den eucharistischen Leib ihres Sohnes empfangen konnte!
Wenn der Heilige Vater uns nun ein Jahr hindurch die Aufgabe stellt, unser Verhältnis zur Eucharistie zu überdenken, zu vertiefen und zu intensivieren, dann geht es nicht um einen noch so wichtigen Teilaspekt unseres Christseins, sondern um die Zentralwirklichkeit unseres Glaubens schlechthin! Auch im Äußeren unserer Kirchengestaltung muß das deutlich sein: Der Tabernakel darf nicht ein Nischendasein fristen! Ist es nicht auch mehr als bedrückend, daß mancherorts die Monstranz unbenutzt im Tresor der Sakristei steht? Wie immer, wenn es darum geht, unser Gottverhältnis gläubiger, überzeugter und dankbarer zu gestalten, gibt es auch für das Anliegen des Eucharistischen Jahres keine bessere Hilfe als die Marienverehrung. Nicht umsonst hat ja der Papst im neuen Reigen der Rosenkranzgesätze als letztes Geheimnis des lichtreichen Rosenkranzes aufgeführt: Jesus, der uns die hl. Eucharistie geschenkt hat.
3. Lassen Sie mich auch eine wichtige Anregung geben zur Wiedergewinnung eucharistischer Frömmigkeit: Wir sollten die Heilige Stunde vor dem Herz-Jesu-Freitag in möglichst vielen Kirchen wiedereinführen! Dabei kann dann auch das Gebet um Priesterberufungen einen wichtigen Platz einnehmen. Denn mit den Worten: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" hat der Herr ja auch das Priestertum eingesetzt, ohne daß die Feier der hl. Eucharistie unmögliche wäre. Die Liebe und die Sehnsucht nach der Feier und der bleibenden Anbetung der Eucharistie muß sich in der gemeinsamen Sorge und Verantwortung um Priesterberufungen verdeutlichen.
Ich bin dankbar, daß es in unserer Diözese seit fast 10 Jahren die Bewegung Rogamus gibt, in der ca. 2000 Menschen als Bittende vor Gottes Angesicht treten, um Priesterberufungen für unsere Gemeinden und Konvente zu erbitten. Dieses Anliegen könnte von vielen aufgegriffen werden, wenn die Heilige Stunde in diesem Sinn gehalten würde.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, wir stehen vor dem Weltjugendtag. In seinem apostolischen Schreiben zum Jahr der Eucharistie schreibt der Papst wörtlich: "Bei meinem Vorhaben (zum Jahr der Eucharistie) hat sodann eine weitere Überlegung nicht gefehlt: In dieses Jahr fällt der Weltjugendtag, der vom 16. bis zum 21. August in Köln stattfinden wird. Die Eucharistie wird dabei der lebendige Mittelpunkt sein, um den herum so wünsche ich es sich die Jugendlichen sammeln, um ihren Glauben und ihren Enthusiasmus zu nähren."
Die Jugend der Welt kommt in das Haus unseres Erzbistums. Welche Atmosphäre werden sie in unserem Haus vorfinden? Ist sie geprägt von Ehrfurcht vor dem Herrn in der Eucharistie und von einer lebendigen Verehrung der Gottesmutter? Der Weltjugendtag hätte sich für uns und für die Jugendlichen gelohnt, wenn unsere Gäste ein wenig Gott liebender von Köln wieder nach Hause fahren würden, als sie zu uns gekommen sind. Darum empfehle ich allen im Volke Gottes, daß sie Johannes nachahmen und Maria in das Haus ihres Daseins aufnehmen und sich von ihr zum Herrn führen lassen, der in der Eucharistie immer auf uns wartet!
"Zukunft heute Weichenstellung für das Erzbistum Köln", das bedeutet neben einer notwendigen Einstellung auf wirtschaftliche Veränderungen auch einen geistlichen Neuanfang zu setzen. Wichtige Elemente dazu sind die Anbetung des Herrn in der heiligen Eucharistie und die Verehrung der Gottesmutter Maria.
Gebe Gott, daß uns der marianische Anfang am 8. Dezember mit der Marienweihe im Kölner Dom ein fruchtbares und gesegnetes Eucharistisches Jahr 2004/2005 schenken möge mit dem Höhepunkt des Weltjugendtages.
Dazu segne Euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!
Ihr
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln