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Bernadettes Kreuz
Eine Meditation von Don Gianni Toni, einem der geistlichen Beiräte
der italienischen Wallfahrtsorganisation UNITALSI zum
Seelsorgethema von Lourdes im Jahr 2010
Vor ein paar Monaten haben die Richter des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg Millionen von Menschen betroffen gemacht, als sie beschlossen haben, daß in Italien das Kreuz in öffentlichen Gebäuden entfernt werden muß. Viele Menschen haben Stellung dazu genommen, um den Erhalt des Kruzifixes zu verteidigen, und es gab viele Initiativen, um die Aufmerksamkeit auf dieses Zeichen unseres Glaubens zu lenken.
Für Christen ist das Kreuz das Zeichen der Marter, die die Menschen dem Sohn Gottes zugefügt haben, eine Qual, die Er mit einer unendlichen Liebe ertragen hat. Die Fastenzeit und die Karwoche haben uns angeregt, über die Passion, den Tod und die Auferstehung Jesu nachzudenken.
Man kann nicht Christ sein, wie der Apostel Paulus in seinen Briefen schreibt, wenn man nicht an der Passion Christi Anteil nimmt, denn dadurch wird der neue Mensch geboren. Es ist also wirklich angebracht, sich einen Augenblick damit zu beschäftigen, wie die Heiligen diese große Lehre verstanden und ohne sich zu schämen gelebt haben, und wie sie ihren Glauben bezeugt haben, indem sie akzeptiert haben, ihr Leben in der Nachfolge Christi zu verwandeln, der sich am Kreuz hingab.
Zu diesen Heiligen gehört die kleine Bernadette Soubirous, deren Eintritt in den Himmel am 16. April gefeiert wird. Ich möchte die Aufmerksamkeit der Leser auf sie lenken.
Im Licht des Seelsorgethemas können die Pilger, die dieses Jahr zur Grotte kommen, über die Art nachdenken, wie sie „das Kreuzzeichen mit Bernadette" machen. Diese konkrete Geste, die das klassische Symbol unseres Glaubens ist, lernte Bernadette von einer ganz besonderen „Erzieherin" gut zu machen: der Jungfrau Maria.
Wenn wir über die Erscheinungen sprechen, müssen wir auch über das nachdenken, was Bemadettes erste „Reaktion" war, als sie ihren Blick auf die Nische des Felsens von Massabielle richtete und „aquero" (jene) sah: Sie machte instinktiv das Kreuzzeichen!
Als Bernadette über die erste Erscheinung berichtete, sagte sie: „Ich steckte meine Hand in meine Tasche und fand dort meinen Rosenkranz. Ich wollte das Kreuzzeichen machen, konnte die Hand jedoch nicht zur Stirn führen. Sie fiel herab. Die Vision machte das Kreuzzeichen. Da zitterte meine Hand. Ich versuchte, es zu machen, und da gelang es mir."
Bernadette fügte in einem anderen Bericht hinzu: „Sobald ich das Kreuzzeichen gemacht hatte, löste sich die Erstarrung, die Besitz von mir ergriffen hatte. Ich kniete nieder und betete den Rosenkranz."

Ein Dialog von Herz zu Herz
Bei seinem Besuch in Lourdes erklärte Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt am Fest Kreuzerhöhung: „Es ist in der Tat bezeichnend,
daß Maria, als sie Bernadette zum ersten Mal erschien, ihre Begegnung mit dem Kreuzzeichen beginnt. Mehr als um ein einfaches Zeichen handelt es sich dabei um eine Einführung in die Geheimnisse des Glaubens, die Bernadette von Maria erhält.
Das Kreuzzeichen ist gewissermaßen die Zusammenfassung unseres Glaubens, denn es sagt uns, wie weit Gottes Liebe zu uns gegangen
ist; es sagt uns, daß es auf der Welt eine Liebe gibt, die stärker ist als der Tod, stärker als unsere Schwächen und unsere Sünden."
Maitre Dufo, der Präsident der Anwaltskammer von Lourdes, erklärte Pater Sempe, der später der erste Rektor der Wallfahrtsstätte wurde: „Wenn Sie wie ich gesehen hätten, wie Bernadette das Kreuzzeichen macht, würden Sie ihr sicher auch glauben. Nur im Himmel kann man das Kreuzzeichen auf diese Weise machen!" Diese Geste ist das Hauptelement, das uns ermöglicht, die Erscheinungen zu verstehen sowie den Weg der Heiligkeit, den Bernadette gegangen ist.
Bernadette ist vielleicht deshalb so beeindruckt von dem, was sie die Heilige Jungfrau machen sieht, weil sie zuvor diese Geste nicht immer korrekt vollzogen hat, wie man sehr gut auch an Christen sehen kann, die eine Kirche betreten und das Kreuzzeichen zerstreut, oft unbeholfen machen.
Jemand, der Bernadette das Kreuzzeichen hatte machen sehen, sagte: „Wenn sie das Kreuzzeichen machte, war das etwas Erhabenes,
Übermenschliches, das ich mir nicht erklären konnte, das ich versuchte nachzumachen, ohne daß es mir gelang. Das ist ja klar! Ich hatte nicht Maria gehabt, um es mich zu lehren!"
Mit dem Kreuzzeichen der „wunderbaren jungen weißgekleideten Dame" begann der Dialog von Herz zu Herz zwischen Bernadette
und Maria. Man kann also sagen, daß das Kreuzzeichen entscheidend ist auf dem Glaubensweg und den wahren Sinn des christlichen Lebens vermittelt. Das Kreuzzeichen machen heißt also, daß man sich Gott öffnet und sich auf eine Kommunikation mit ihm einläßt.
Die Hand, die die Stirn, die Brust und die Schultern berührt, bringt die Teilhabe der ganzen Person in der Beziehung mit Gott zum Ausdruck:
die Gedanken, das Herz, das ganze Wesen.
Bernadettes Weg und der eines jeden Christen ist der Weg eines heiligen Lebens, und das Kreuz ist das Zeichen, das am Beginn dieses Weges, an allen Jahreszeiten des Lebens und an jedem Ereignis unseres Alltags steht.
Doch Bernadette blieb nicht bei diesem „äußeren" Zeichen stehen, sondern verpflichtete sich, es in ihrem Leben konkret zu "verkörpern".
Am Ende ihres irdischen Lebens sagte sie: „Ich bin glücklicher auf meinem Leidensbett mit meinem Kruzifix als eine Königin auf
ihrem Thron." Das sagte sie, obwohl sie viel leiden mußte. Ihre erschöpfte Brust brannte und die Kniegelenke waren von einer
verzehrenden Tuberkulose zerfressen.
An ihrem letzten Osterfest auf Erden gingen einige Schwestern nach dem Mittagessen zu ihr hinauf, um sie zu besuchen. In ihrer natürlichen Einfachheit vertraute sie ihnen folgendes an:
„Heute morgen nach der heiligen Kommunion habe ich Unseren Herrn um fünf Minuten Atem gebeten, um ohne Schwierigkeiten mit ihm
sprechen zu können, aber er hat sie mir nicht bewilligen wollen. (Sie hustete ununterbrochen.)
Mir ist wohl klar, daß mein Leiden erst im Augenblick meines Todes zu Ende gehen wird."
Nur wenige Tage vor ihrem Tod bat sie darum, daß alle Bilder weggenommen werden, die sie früher an ihrem Bett aufgehängt hatte, um ihre Heiligenverehrung zum Ausdruck zu bringen.
Als man sie nach dem Grund für diesen neuen Wunsch fragte, zeigte sie auf das Kruzifix und sagte: „Das genügt mir."
Und sie fügte hinzu: „Ich hätte gern, daß Er in mein Herz einzieht, aber meine Hände sind unruhig, ich schaffe es nicht, ihn festzuhalten.
Bindet ihn auf mir fest, ganz fest, damit ich mich seinem Bild nahe fühlen kann."

In der Schule des Kreuzes
Das Kreuzzeichen, das Bernadette an jenem weit zurückliegenden 11. Februar von Maria „gelernt" hatte, hat sie „verwandelt". Bernadette hat ihr Leben in jedem Augenblick ihrer Existenz dem Herrn geopfert, so daß sie sagen konnte: „Ich werde gemahlen wie ein Weizenkom", und die Schwester, die das hörte, hörte sie auch sagen; „Ich hätte nie gedacht, daß man so viel leiden muß, um zu sterben."
Man kann wirklich sagen, daß Bernadette in Lourdes und dann in Nevers als Ordensfrau - in kranken wie in gesunden Tagen - nie aufgehört hat, sich hinzugeben, sich aufzuopfern, sich zu entäußern. So konnte sie in jedem Augenblick sagen: „Nimm mein Leben, Herr." „Bemadettes Kreuz" begann am 11. Februar, als sie über ihrem Leib dieses Zeichen machte, das sie so, wie es die Heilige Jungfrau gemacht hatte, nachmachte und das sie mit Liebe angenommen hat in einem Leben voller angenommener Leiden.
Bernadette bat darum, daß der Herr nicht bei ihren Augen aufhört, sondern bis in ihr Herz hinabsteigt. Und in der unermüdlichen
Betrachtung des Kruzifixes fand sie die Kraft, ihren Kalvarienberg zu ertragen: „Ja, mein Gott, ja in allem und überall ja." Sie erlangte diese „geistliche Reife", die von Gott gewollt ist und die ihr Seelenführer sie eines Tages hatte erahnen lassen, als er ihr sagte: „Sie dürfen keine Angst davor haben, das Kreuz zu tragen..."
Bernadette wuchs in der Schule des Kreuzes heran. Sie erbat eine „tiefe Liebe" zu diesem Heilszeichen. Sie lehnte sich nie auf. Sie wußte, daß ihre Passion bis zu ihrem Tod dauern würde. Bernadette durchlebte alle Momente der Passion Jesu: Von der Angst in Getsemani bis zur Hingabe am Kalvarienberg, und sie kannte auch die Leere des Karsamstags. Sie wurde dem Gekreuzigten vollkommen gleich. Eines Tages schrieb sie: „Ich werde Ihn allein, den treuen Freund zwischen meinen eiskalten Fingern in mein Grab mitnehmen."
Jedes Mal, wenn ich an diese große kleine Heilige denke, kann ich nur empfehlen, Bemadettes Größe neu zu entdecken, die das
Geheimnis der Passion und des Todes Jesu begriffen hatte, nicht nur geistlich, sondern auch durch die Aufopferung eines Lebens voller
Leiden. Bleiben wir also nicht bei dem Bild von Bernadette stehen, wie sie mit einer Kerze in der Hand vor der Grotte kniet, sondern folgen wir ihr nach Nevers, um sie besser kennen zu lernen und nachzuahmen! Höre wir noch einmal auf ihre Worte über dieses Zeichen unseres Glaubens:
„Je fähiger wir sind, am Kreuz zu sterben, umso glorreicher wird unsere Auferstehung sein... Nur Mut, das Kreuz ist das Erbe der Freunde, die der Herr am meisten liebt: Hier auf Erden das Leiden, im Himmel das wahre Glück!"
Don Gianni Toni
(Quelle: "Lourdes-Magazin" Nr. 176, August 2010, S. 4ff., 1, avenue Mgr Théas, F-65108 Lourdes Cedex)
www.lourdes-magazine.com
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