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In
ihren Briefen erwähnt Anna mehrmals den 4. Februar 1901 als Beginn
ihres Leidens, besonders als sich dieser zum zwanzigsten Mal jährte.
So in ihrem Brief vom 10. März 1921 an Schwester M. Tatona in Pirmasens.
„Alles für Jesus, hier und drüben! Am 4. Februar waren es 20
Jahre, daß ich liege (...).
Dankbarkeit
auch im Leid
Es ist auffallend,
Anna klagt nicht über ihr Siechtum, ihr Leid und ihre Schmerzen, die
sie seit zwanzig Jahren ans Krankenbett fesseln, im Gegenteil, sie fühlt
sich beschenkt, sie dankt für all das, was sie seit ihrem Unfalltag
erdulden durfte. Ihr Dank öffnet sie für eine echte und tiefe
Liebe zu Gott. Das ist heroisch, Zeichen einer tiefen Christusliebe und
Gottverbundenheit. Anna 2 Vgl. „Im Leiden habe ich Dich lieben gelernt!"
Die Schriften Anna Schäffers dokumentiert von Emmeram H. Ritter,
konnte ihre Leiden
nur ertragen, weil sie von der Gnade, mit der Christus sie in der hl. Kommunion
stärkte, erfüllt war. Und so wurde sie zugleich durch den Heiligen
Geist in den neuen Menschen nach der Gestalt Christi geformt (vgl. Gal
4, 19; Eph 4, 13). Wie die drei Jünglinge im Feuerofen trotz Not,
Drangsal und sengender Hitze Gott aus ganzem Herzen priesen (vgl. Dan 3,
51 f.), so kennt auch Anna Schäffer inmitten der Glut ihrer Leiden
in gleicher Weise nur Lobpreis und Dank. Er gleicht einem wunderbaren Gebet
aus dem Buch Habakuk des Alten Testaments, in dem die unabdingbare Treue
zu Gott auch inmitten leidvoller Erfahrungen mit folgenden Worten zum Ausdruck
gebracht wird. Dort heißt es: „Fäulnis befällt meine Glieder,
und es wanken meine Schritte. (...) Zwar blüht der Feigenbaum nicht,
an den Reben ist nichts zu ernten, der Ölbaum bringt keinen Ertrag,
die Kornfelder tragen keine Frucht; im Pferch sind keine Schafe, im Stall
steht kein Rind mehr. Dennoch will ich jubeln über den Herrn und mich
freuen über Gott, meinen Retter. Gott, der Herr, ist meine Kraft"
(Hab 3, 16 ff.).
Gott war auch die
Kraft Anna Schäffers. Obwohl auch die Wunden ihrer Beine von Fäulnis
befallen waren, dankte sie Gott mit der ganzen Glut ihres Herzens und freute
sich an ihm, den sie in ihrem Heiland, dem eucharistischen Herrn, nahe
wußte. Ihre Leidenstage betrachtet sie nicht als nutz- und fruchtlos,
sondern im Gegenteil als
„Erntetage" für
die Ewigkeit.
In ihrem Brief vom
19. Mai 1921 finden wir dies bestätigt. Dort schreibt Anna: „Ich möchte
nur in jener Weise leiden, wie es dem Heiland am angenehmsten und für
mich arme Sünderin am verdienstlichsten ist. Jeden Leidenstag betrachte
ich für einen Erntetag, an dem mir Gott so viele Blumen schenkt, die
ich mir durch seine Gnade und Liebe pflücken kann für die Ewigkeit.
(...) In diesem Tränentale (...) verlange ich keine irdische Freude,
sondern nur die, zu leiden, zu dulden für meinen Heiland; diese Freude
ist stets bei mir und übertrifft jede andere und hat besonders täglich
morgens ihren Höhepunkt - in den Augenblicken nach der hl. Kommunion,
der innigen Vereinigung mit Jesus"4.
Den Wert
des mit Christus geteilten Kreuzes entdecken
Anna wußte aus
eigener Erfahrung: Allein aus menschlicher Kraft können wir Leid nur
schwer annehmen. Aber in Verbindung mit Christus und seinem Kreuz wird
es möglich, es nicht nur anzunehmen, sondern ihm sogar einen Sinn
abzugewinnen. Sicherlich ist uns allen noch das Bild des gebrechlichen,
von Krankheit und Alter gezeichneten Papst Johannes Pauls II. in Erinnerung.
In seinem langen Pontifikat
hat er vieles geleistet. Aber gerade die letzten Jahre seiner schweren
Krankheit zeigten der Welt seine wahre, innere Größe. Auf den
Kreuzesstab gestützt, schritt er der Kirche voran, aller Welt das
Zeugnis gebend, daß Krankheit, Leid und Schmerz vor Gott einen Wert
haben, ja für die Kirche und ihren Auftrag sogar von Nutzen sind.
So richtete Johannes Paul II., selbst leidend, bei einem Treffen mit den
Kranken in der Peterskirche folgende Worte an seine Zuhörer: „Wie
ich schon bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, baut die Kirche fest auf
die Unterstützung derer, die von Krankheit geprüft sind: Ihr
mitunter wenig verstandenes Opfer, verbunden mit intensivem Gebet, wirkt
sich auf geheimnisvolle Weise auf die Verbreitung des Evangeliums und für
das Wohl des ganzen Gottesvolkes aus. (...). In der heutigen Gesellschaft
betrachtet eine bestimmte Kultur den kranken Menschen als ein lästiges
Hindernis, und der wertvolle Beitrag, den der Kranke der Gemeinschaft auf
spiritueller Ebene leistet, wird nicht anerkannt. Es ist dringend geboten,
den Wert des mit Christus geteilten Kreuzes neu zu entdecken"5.
Das mit Christus getragene
Leid bildet ein Mittel, welches nach Gottes geheimnisvollem Ratschluß
der Kirche als ganzer und der Verkündigung des Evangeliums zu Hilfe
kommt. Anna Schäffer hat diesen Wert des Leids verstanden. Sie begriff
ihn als Teilhabe am Kreuz Christi. Und sie möchte bis heute jeden
ihrer Verehrer einladen, mit ihr diesen Wert zu entdecken. Ihre Leiden
betrachtet sie als „Splitter"6 des Kreuzes Christi, die sie empfangen und
empfinden darf. Weil sie mit Christus leidet, deshalb kann sie in ihrer
Krankheit, in ihren Schmerzen einen letzten Sinn erkennen. „Ich habe ja
keine Viertelstunde am Tag, wo ich nichts zu leiden hätte. (...).
Täglich darf ich die Nägelspitze des Kreuzes und die Stacheln
der Dornenkrone meines Erlösers mehr oder weniger empfinden. Doch
ich bin so glücklich und danke dem Heiland für alles, was ich
schon leiden durfte. Nach so langem, schwerem Leiden, ist es der Wille
des Herrn, daß ich durch seine Gnade noch lebe - ich lebe im Kreuz
und hoffe, auch durch und mit dem Kreuze glücklich zu vollenden"7.
Die Selige war überzeugt: „Alle Leiden sind sanft, wenn man sie in
Vereinigung mit unserm Heiland erträgt"8.
„Nimm
dein Kreuz auf dich und folge mir nach!"
Im Leben Anna Schäffers
können wir entdecken, was Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache
an die Kranken anläßlich seines Besuches in Fatima am 13. Mai
2010 mit folgenden Worten zum Ausdruck brachte: „In Wirklichkeit dient
das gemeinsam mit Jesus gelebte Leid (...) dem Heil unserer Brüder
und Schwes7 Vgl. ebd., S. 313 f.
8 Ebd.,
S. 340.
tern. Wie ist dies
möglich? Die Quellen der göttlichen Macht entspringen eben gerade
mitten unter unseren menschlichen Schwächen. Darin besteht das Paradoxon
des Evangeliums. Daher hat es der göttliche Meister vorgezogen, anstatt
die Gründe des Leidens eingehend zu erklären, einen jeden in
seine Nachfolge zu rufen, indem er sagt: .Nimm dein Kreuz auf dich und
folge mir nach!' (vgl. Mk 8, 34). Komm mit mir! Nimm durch dein Leiden
an diesem Heilswerk in der Welt teil, das sich durch mein Leiden und durch
mein Kreuz vollzieht. Wenn du dein Kreuz annimmst und dich im Geiste mit
meinem Kreuz vereinst, wird sich vor deinen Augen nach und nach der heilbringende
Sinn des Leidens enthüllen. Du wirst im Leiden inneren Frieden und
sogar geistliche Freude finden"9.
Diese tröstenden
Gedanken des Papstes als Antwort des Glaubens auf die Frage des Leids in
unserer Welt wollen jedem Kranken Zuversicht schenken und ihn ermutigen.
Anna Schäffer hat in vorbildlicher Weise die Einladung Christi zur
Kreuzesnachfolge angenommen. So durfte sie auch die Freude des Kreuzes
Christi verkosten. Wie könnte man sonst ihre Worte verstehen: „Je
mehr ich leiden darf, desto glücklicher fühle ich mich"10 oder:
„Ich bin glücklich und möchte mein Dornenbett der Leiden nicht
um die ganze Welt vertauschen"11. Nur in Verbindung mit Christus und seinem
Kreuz kann der Mensch auch im Leiden Freude empfinden und glücklich
sein. Denn „die Freude, die von Christus auf uns zukommt, ist anders. Sie
gibt uns Fröhlichkeit, (...) aber sie kann sehr wohl auch mit dem
Leid zusammengehen. Sie gibt uns die Fähigkeit zu leiden und im Leiden
doch zuinnerst froh zu bleiben"12. Die selige Anna hat es durch die Gnade
Gottes selber erfahren und ist uns dafür bis heute eine glaubwürdige
Zeugin.
Liebe Verehrer der
seligen Anna Schäffer, liebe Leser! Im Blick auf Christi Leiden und
sein Kreuz leuchtet uns ein Strahl der Hoffnung in das Widerfahrnis von
Krankheit, Not und Schmerz, das uns täglich in vielfacher Form begegnet.
Christus ist Mensch geworden, um mit uns mitleiden zu können. Hätte
er uns einen größeren Beweis seiner Liebe zeigen können?
Auch wenn über der Wirklichkeit von Krankheit, Schmerz und Leid für
uns immer ein Schleier des Geheimnisses bleiben wird, so ist dennoch mit
und durch Christus in jede Form menschlichen Leids „ein Mitleidender, Mittragender
hineingetreten; in jedem Leiden ist von da aus (...) der Trost der mitleidenden
Liebe Gottes anwesend"13.
Haben wir Mut, den
von Krankheit und Leid geprüften Menschen unserer Zeit diese frohmachende
und Hoffnung bringende Botschaft zu künden, denn sie warten darauf.
Es ist ein Auftrag unseres Glaubenszeugnisses als Christen an die Welt.
Weil Jesus uns in jedem Leidenden nahe ist und wir durch das mit ihm getragene
Leid am Heilswerk der Erlösung Anteil nehmen, deshalb müssen
und wollen wir allen Kranken mitAchtungund Liebe begegnen und ihren Wert
für die Kirche, für die Gesellschaft, ja für uns alle erkennen
und dankbar annehmen.
Mit diesen Gedanken
nähern wir uns dem Fest der Geburt Christi. Es ist das Fest der Freude,
denn Jesus ist unser Erlöser, auch und gerade in der Dunkelheit von
Krankheit und Leid. Als Sohn Gottes wollte er mit uns jede Not des Lebens
teilen. Ihm können und dürfen wir uns anvertrauen. Nehmen wir
ihn auf in unsere Mitte, denn er will uns mit dem Trost seiner Gegenwart
erfüllen, das kostbarste Geschenk von allem. Dafür danken wir
Gott in diesen Tagen mit den Heiligen und Seligen des Himmels.
1 Konrad Zoller, Leben
und Leiden der Jungfrau Anna Schäffer von Mindelstetten. Eine Wallfahrt,
Regensburg, 2. Auflage 1982, S. 36-38.
2 Aufl. Regensburg
1999, S. 271.
3 Vgl. ebd., S. 273
f.
4 Vgl. Ritter, „Im
Leiden ...", S. 273.
5 Papst Johannes Paul
II., Den Wert des mit Christus geteilten Kreuzes neu entdecken, in: OR
Nr. 10/9.3.2001, S. 12.
6 Ritter, „Im Leiden
...", S. 271.
9 Worte
von Papst Benedikt an die Kranken am 13.5.2010 in Fatima, in: Die Tagespost
Nr. 57/15.5.2010, S. 14; vgl. dazu auch Johannes Paul II., Apostolischen
Schreiben „Salvifici doloris" über den christlichen Sinn des menschlichen
Leidens, in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 53, S. 34.
10 Ritter, „Im Leiden
...", S. 304.
11 Ebd., S. 166.
12 Papst Benedikt
XVI., Predigt zur „Missa chrismatis" im Petersdom am 1.4.2010, in: OR Nr.
15/16.4.2010, S. 9.
13 Worte von Papst
Benedikt an die Kranken am 13.5.2010 in Fatima, in: Die Tagespost Nr. 57/15.5.2010,
S. 14.