|
Mystik: Das Leben des Christen ist mit dem Herrn „verborgen in Gott" (Kol 3, 3): Mein einziges Verlangen ist: Jesus und Maria! |
Anna
Schäffers Gedanken und Erinnerungen an ihr Krankenleben
Unter
den schriftlichen Aufzeichnungen Anna Schäffers findet sich ein liniertes
Schulschreibheft mit 26 Seiten. Sie sind mit blauer Tinte handschriftlich
in deutscher Schrift eng, aber gut leserlich beschrieben. Der Titel dieser
Niederschrift lautet: „Gedanken und Erinnerungen meines Krankenlebens und
meine Sehnsucht nach der ewigen Heimat!" Wie der Titel erahnen läßt,
schenkt uns Anna Schäffer hier eine ihrer kostbarsten Schriften. Sie
öffnet dem aufmerksamen Leser einen Blick in ihr reiches Innenleben.
Es wurde geformt vom Kreuz Jesu und war gespeist aus dem göttlichen
Sakrament der heiligsten Eucharistie. Einige der hier aufgezeichneten Gedanken
finden sich verstreut auch in ihren Briefen . Bei der Lektüre ihrer
Erinnerungen gewinnt man den Eindruck, daß uns hier eine Zusammenfassung
des geistlichen Lebens Anna Schäffers geboten wird. Ihre Aufzeichnungen
muten an vielen Stellen an wie ein Gebet, ein vertrautes Sprechen mit dem
Herrn. Dazu kommen immer wieder Einschübe üblicher Gebetstexte
oder bekannter Stoßgebete.
Dabei nennt Anna jene
Quellen, aus denen sie die Kraft zum Ertragen ihres Leidens und zur stellvertretenden
Sühne schöpfen durfte: den Blick auf den Gekreuzigten und die
Liebe zum Kreuz; den Empfang der heiligen Kommunion als tägliche Begegnung
mit Christus; das betrachtende Beten des Rosenkranzes, den sie einfach
und schlicht ihr „Rosenspiel" und ihren „treuen Freund am Krankenbette"
nennt. Diesen geistlichen Quellen verdankt Anna ihre innere Formung. Ihre
Briefe und Aufzeichnungen verfaßte Anna im Geist des Gehorsams, wie
sie selber bekennt: „Im hl. Gehorsam schrieb u. schreibe ich ja die Hefte
gerne". Dieser Seelenhaltung verdanken wir sicher auch die Niederschrift
ihrer Gedanken und Erinnerungen an ihr Krankenleben.
Gott allein genügt - Mein Gott, ich danke Dir, mein Gott, ich liebe Dich!
Das Original der Aufzeichnungen
Anna Schäffers über ihr Krankenleben ist verwahrt im Archiv unserer
Abteilung für Selig- und Heiligsprechungsprozesse . Anna beginnt ihre
Aufzeichnungen mit dem Satz „Gott allein,
Gott allein genügt!" Diese Widmung drückt
ihre persönliche Überzeugung aus. Der Leser denkt dabei unwillkürlich
an das berühmte Wort der hl. Theresia von Avila (1515-1582): „Wer
Gott hat, dem fehlt nichts: Gott allein genügt".
An das Ende ihrer Erinnerungen setzt Anna dann das von ihr so oft gebrauchte,
schöne Stoßgebet „Mein
Gott, ich danke Dir! - Mein Gott, ich liebe Dich!"
Gott allein genügt also Anna, um ihr Schicksal zu tragen, ihm gilt
ihr Dank und ihre Liebe, trotz der Qualen ihres schmerzvollen, jahrzehntelangen
Krankenlagers. Nur wer großen Glauben und tiefe Liebe zu Gott besitzt,
kann so schreiben. Dieser Glaube und ihre Liebe bilden die Grundlage der
Heiligkeit Anna Schäffers. Jene, die die Gnade hatten, in Annas Nähe
sein zu dürfen oder ihr im ärmlichen Krankenzimmer begegnen zu
können, spürten geheimnisvoll ihre Heiligkeit. Wie wäre
es sonst zu erklären, daß ihr langjähriger Seelsorger und
Pfarrer, Karl Rieger, in Annas Sterbematrikel über den amtlichen Eintrag
des Todes mit Bleistift den Zusatz setzte: „Sancta"
- eine „Heilige"5. Mit diesem Wort drückte er seine persönliche
Überzeugung über die zu Gott Heimgegangene aus. In seiner Beerdigungsansprache
sagte Pfarrer Rieger dann wörtlich: „Viele waren glücklich, aus
dem Munde einer armen Jungfrau, die in Heilandsliebe sprechen durfte, Worte
des Vertrauens in den Leidenswegen des Tränentales vernehmen zu können;
ja, viele waren erbaut, aus den Augen derjenigen, welche tief in die Weisheit
des Kreuzes schauen konnte, Friedensfreude auf des Herrn Himmelswegen leuchten
zu sehen. Wir stehen am Grabe der tugendsamen Jungfrau Anna Schäffer,
Schreinerstochter von Mindelstetten. Die irdische Hülle wird im Alter
von 43 Jahren ins Grab gesenkt bis zum Auferstehungsmorgen, der viele Jahre
zermürbte Körper wird mit der Seele vereint einst verklärt
aufglänzen wie des Heilands Leib. Was soll ich an diesem Grabe sagen?
Ich muß fragen, was darf ich an solcher Ruhestätte nicht sagen,
da viele hören möchten, was nur mit kirchlicher Entscheidung
die Zukunft zeigen kann"6.
Pfarrer Rieger erahnte,
daß er in Anna Schäffer eine Heilige geistlich begleiten durfte.
Aber die Demut, dem Urteil der Kirche nicht vorzugreifen, sein Gehorsam
und seine pastorale Klugheit hielten ihn zurück, seine Ahnung und
innere Überzeugung am Beisetzungstag vor der versammelten Trauergemeinde
offen auszusprechen. Die Kirche hat nun Anna zur Ehre der Altäre erhoben
und die Zukunft gab Pfarrer Rieger recht. Anna Schäffer führte
ein heiliges Leben, weil sie sich leiten ließ vom Willen Gottes,
auch im Kreuz, in der Armut des Lebens und auf schmerzvollem Krankenlager.
So weckte ihr Leiden in ihr immer mehr die Sehnsucht „nach der ewigen Heimat",
wie sie dem Titel ihrer Aufzeichnungen hinzufügt.
Sehnsucht
nach der Vollendung des Himmels
Anna strebt also nach
der Seligkeit des Himmels, wohin Leid und Kreuz sie führen, wo „Christus
zur Rechten Gottes sitzt" (Kol 3, 1). Das
Leben des Christen ist mit dem Herrn „verborgen
in Gott" (Kol 3, 3). Auch Annas Leben war
verborgen vor den Augen der Welt, aber es war hineingeborgen in Gott und
seine Liebe. Mit Zuversicht erwartete sie jenen letzten Tag, an dem sie
Jesus im Tod begegnen durfte. Sie schreibt: „Wie gut kann man mit Jesus
am Kreuze sterben, - wenn man mit Jesus am Kreuze gelebt hat!" Sie betet,
daß ihr ganzes Leben „ein stillverborgenes Kreuzesleben" sei, daß
sie als „Passionsblümlein" am Fuß des heiligen Kreuzes erblühen
darf, verborgen hier auf Erden, aber ganz licht im Glanz des göttlichen
Lichtes einst in der Ewigkeit.
Durch ihr jahrzehntelanges
Leiden, ihr Siechtum und ihre Armut wurde Anna gleichsam mit Christus gekreuzigt.
Er wurde aber auch immer mehr ihr Leben (vgl. Gal 2, 20), genährt
durch seinen eucharistischen Leib. Viele Male verweist Anna Schäffer
in den Erinnerungen an ihr Krankenleben auf die stärkende Kraft der
heiligen Kommunion. Mit Sehnsucht und Liebe bereitet sie sich vor auf den
Empfang des eucharistischen Herrn und möchte nach ihren eigenen Worten
„ein Martyrium erdulden", damit Jesus im eucharistischen Sakrament mehr
erkannt und geliebt werde. Und sie findet schließlich ihr Ziel in
der Verähnlichung mit Christus und im Einswerden mit ihm. Sie erreicht
es in der Annahme ihres persönlichen Leids aus dem Geist sühnender
Buße, geführt durch den eucharistischen Herrn und seine Gnade.
Liebe Leserinnen und
Leser! Wenden wir uns am Schluß einigen Gedanken aus den Erinnerungen
Anna Schäffers zu. Sie sollen uns Freude, Trost und Glaubenskraft
schenken und unsere Liebe zu Christus erneuern.
Aus
den Gedanken und Erinnerungen Anna Schäffers an ihr Krankenleben:
„Gott allein, Gott
allein genügt! - ,Nimm dein Kreuz auf dich u. folge mir nach!' Diese
Worte aus der Nachfolge Christi mit denen mich der Lb. Heiland einlädt
ihm nachzufolgen, sind mir die Grundsteine meines Herzens aufweichen das
Kreuz aufgestellt ist. Mit Liebe und Dankbarkeit will ich es jeden Augenblick
begrüßen, und in Kreuzesliebe und Kreuzesdank soll der letzte
Hauch meines Lebens verwehen!
|
|
Wie gerne möchte
ich ein Martyrium erdulden, einzig nur darum, daß der Lb. Jesus im
heiligsten Sakramente mehr erkannt und geliebt werde und daß recht
viele Seelen im Verlangen nach dem höchsten Gute entbrennen. Ich habe
auf Erden keinen anderen Wunsch mehr, als in den Flammen Deines Heiligsten
Herzens verzehrt zu werden!
Das Kreuz und Leiden
ist meine Himmelsleiter und wie tröstlich ist es, unter den Augen
Gottes und mit Ihm vereinigt leiden zu dürfen? Wie erhaben ist ein
solcher Leidenstag? Wenn es ein besonders schwerer Leidenstag ist, so danke
ich still im Herzen dem Lb. Gott und denke mir oft: Wohlan meine Seele,
du hast heute wieder einen Tag gehabt von besonders viel Leiden und hast
eine Ähnlichkeit gehabt mit Jesus allein. Peinigen mich stete und
oft recht arg auftretende Kopfschmerzen, o liebster Jesus, dann denke ich
mir: Du laßt mich mitfühlen ein Teilchen von Deiner Dornenkrönung.
Peinigen fortwährende Schmerzen meinen Rücken, so danke ich Dir,
o liebster Jesus, daß Du mich ein wenig empfinden lassest Dein hartes
Kreuzesbettlein. Darf ich oft am ganzen Körper etwas leiden, besonders
fortwährend an meinen vielen Wunden, so danke ich Dir, mein Herr und
Gott, daß ich mir eine kleine Ahnung machen kann von der grausamen
Geißlung, die Dein Heiligster Leib für mich arme Sünderin
empfinden mußte. Und wenn die Nacht auch so schmerzhaft und schlaflos
ist wie der Tag, so kann ich den Kreuzestod Jesu betrachten und möchte
ausrufen: Wie gut kann man mit Jesus am Kreuze sterben, wenn man mit Jesus
am Kreuze gelebt hat!"
Für den Monat
Dezember nennt Anna Schäffer in ihren Erinnerungen folgende Bitte
an die Gottesmutter:
„O
hl. Unbefleckte Empfängnis, lege Du das Lb. Jesulein in der hl. Kommunion
in mein Herz und erbitte mir Beharrlichkeit bis ans Ende. Mein einziges
Verlangen ist: Jesus und Maria!"
Möge auch uns,
liebe Verehrerinnen und Verehrer der seligen Anna, die Gottesmutter Beharrlichkeit
im Glauben und in der Liebe zu Jesus Christus, dem menschgewordenen Gottessohn,
erbitten. Möge er, unser Heiland und
Erlöser, es uns schenken, daß wir das Geheimnis seiner Geburt
immer tiefer erfassen und vor allem jene Gnade, die er der Welt durch seine
Gegenwart im wunderbaren Sakrament der Eucharistie gebracht hat.
Sein Friede begleite uns alle durch die weihnachtlichen Tage.
------------------
1 Vgl. „Im Leiden
habe ich Dich lieben gelernt!" Die Schriften Anna Schäffers. Dokumentiert
von Emmeram H. Ritter, Regensburg 1999.
2 Anna Schäffer,
Brief vom 3. Juli 1919, in: BKRAbt. C.A.S. Proc. sup. perqu. Scriptorum
D 44-76 K. 10.
3 BKRAbt. C.A.S. Proc.
sup. perqu. Scriptorum D. I-XIII K. 12 a, AS 12.
4 Vgl. Schott-Meßbuch
für die Wochentage. Teil II, Freiburg i.Br. 1984, S. 1447.
5 Vgl. Georg Schwaiger,
Anna Schäffer von Mindelstetten. Ein Leben in der Gnade Gottes, Regensburg,
4. Auflage 2000, S. 13.
6 Worte am Grabe der
Jungfrau Anna Schäfer (siel), welche in Mindelstetten 25 Jahre duldete
und opferte. Am 8. Oktober 1925 gesprochen von Hochw. Herrn Pfarrer und
Kammerer Karl Rieger. Druck von Gebrüder Habbel Regensburg, in: BKRAbt.
C.A.S. Akten 1921-1925 K. 19.
(Quelle: "Selige
Anna Schäffer von Mindelstetten /Bayern", Brief 60, 2011, S. 3 - 8,
Regensburg)