„Miteinander für Europa“ unter der Herrschaft Christi und dem Schutz der Mutter Maria
Als Meilenstein für die Geschichte Europas bezeichnete Kardinal Walter Kasper den ökumenischen Kongreß „Miteinander für Europa“ am 8. Mai 04 in Stuttgart. Rund 10'000 Vertreter von über 150 geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften hatten sich in der Schleyer-Halle eingefunden mit dem Anliegen, „Europa eine (christliche) Seele zu geben“. Auch Politiker wie Romano Prodi, Präsident der EU-Kommission, wirkten mit und bekundeten, daß ein vereinigtes Europa, neulich erweitert durch etliche Ostländer, nur auf christlichem Fundament seinen Auftrag gegenüber der Welt und insbesondere den armen Völkern erfüllen kann. Europa dürfe keine bloße Zweckvereinigung zur Absicherung des materiellen Wohlstandes sein. Man verwies mehrmals auf die christlichen Gründerväter des vereinigten Europa: Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman (dessen Seligsprechung bevorsteht).In derselben Richtung wies auch die Botschaft des Papstes an die Versammlung. Er war gut vertreten durch Kardinal Kasper, Leiter des vatikanischen Sekretariates für die Einheit der Christen. Insgesamt nahmen rund 50 Bischöfe, darunter zwei aus der Schweiz, Martin Gächter und Pierre Bürcher, teil. Auch orthodoxe, anglikanische und lutherische Würdenträger fehlten nicht. 
Zu den Hauptträgern der imposanten Veranstaltung gehörten auf katholischer Seite die Fokolare, die Gemeinschaft St. Egidio, die „Erneuerung aus dem Geist Gottes“ und die Schönstatt-Bewegung, auf evangelischer Seite die CVJM (Christliche Vereinigung junger Menschen), die Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche Deutschlands und andere. Damit sind zwei große Ströme zusammengeflossen. Der eine hatte sich gebildet aus den über 50 katholischen Erneuerungsbewegungen, die der Papst an Pfingsten 1998 im Vatikan als Vorreiter der „Neuevangelisierung“ zusammengerufen hatte. Unter dem Wehen des Pfingstgeistes hatten sie sich an diesem Riesenereignis als tiefe Einheit in der Vielfalt erfahren. Der andere Strom hatte sich schon vorher aus entsprechenden evangelischen Bewegungen entwickelt, welche sich vermittels jährlicher Leitertreffen enger miteinander verbanden und gemeinsam Evangelisationsanlässe durchführten. 

Freilich haben zum Aufbau des „neuen Europa“ nicht nur die neuen geistlichen Bewegungen mitzuwirken, sondern auch die geistigen Nachfahren der Persönlichkeiten, welche mit ihrer Spiritualität Europa und die Welt mitprägten: Benedikt, Franziskus, Ignatius von Loyola usw. Am Stuttgarter Kongreß achtete ich besonders auf die vielfältige Präsenz der franziskanischen Großfamilie: Ordensschwestern mit jungen Leuten, Terziaren usw. Assisi hat durch die von Papst Johannes Paul II. initiierten Weltfriedenstreffen eine neue aktuelle Bedeutung nicht nur für Europa, sondern auch für den Weltfrieden bekommen. 

Vorausgehend, am 6. und 7. Mai, waren mit 3000 Teilnehmern die Vertreter der geistlichen Bewegungen zum Austausch zusammengekommen. Ich selber war vom Cursillo/Schweiz delegiert. Es würde hier zu weit führen, eine Auswertung für unser Vorgehen in der Ortskirche vorzunehmen. Siehe www.europ2004.org. - Durch engeres Zusammenspannen der geistlichen Bewegungen über die Konfessionsgrenzen hinweg, was mehr ist als die übliche Ökumene, würden große himmlische Kräfte für die Verchristlichung Europas frei gemäß Joh 17,21ff. – Hier beschränke ich mich auf die Frage: 

Welche Rolle spielt Maria im „neuen Europa“?

Schon das Europa-Banner mit den zwölf golden leuchtenden Sternen auf dem blauen Hintergrund weist auf Maria hin. Der Künstler Arsène Heitz war inspiriert von der Wundertätigen Medaille, auf der die sonnenbekleidete Frau der Johannesoffenbarung, Kapitel 12, zusammen mit dem Kranz von 12 Sternen, abgebildet ist. Er verstand seinen Vorschlag als „Fahne der heiligen Jungfrau“. Heitz war zum Entwerfen der Europa-Fahne beauftragt worden von Paul M.G. Lévy, Oberdirektor der Presseabteilung im Europarat, ein Jude, der überzeugter Katholik geworden war. Es war wie ein Wunder, daß die vorwiegend laizistisch denkenden Europa-Politiker am 8. Dezember (Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens) 1955 diesen Vorschlag unter vielen anderen Eingaben einmütig annahmen und so ungewollt Maria die Ehre gaben. Auch heute gibt es fundamentalistisch-christliche Kreise, die diese Sinngebung vehement ablehnen und Maria, die strahlende Verkörperung des erneuerten alttestamentlichen Gottesvolkes Israel wie der neutestamentlichen Gemeinde Jesu, mit der „Hure Babylon“ (Offb 17) verwechseln.

Am Stuttgarter Kongreß mußte man annehmen, daß Maria angesichts der vielen evangelischen Teilnehmer eher mit Schweigen bedacht würde. Doch dem war nicht so. Dafür sorgte u.a. die starke Präsenz der Schönstatt-Bewegung, die bekannt ist für ihre tiefe Beziehung zu Maria. In der Vorbereitungsphase der Konferenz wollten evangelische Mitorganisatoren diese für sie zweifelhafte Marienfrömmigkeit abklären und fuhren nach Schönstatt. Das Gespräch mit Exponenten von Schönstatt zeigte ihnen zu ihrer Erleichterung, daß die Befürchtung, Maria würde Jesus aus der Mitte drängen, gegenstandslos war. Man spürte, daß die gesunde Marienverehrung im Sinn der Bibel näher zu Jesus führen kann. Am Delegiertentreffen in Stuttgart waren es evangelische Podiumssprecher, die anhand des Magnifikat den evangelischen Glaubensbrüdern erklärten, warum Maria „dazu gehört“. 

Die Fokolarbewegung, die sich stark um das Gelingen der Konferenz annahm, heißt offiziell „Werk Mariens (Opus Mariae)“. Ihr Anliegen ist nicht, über Maria zu reden, sondern „Maria zu sein“, d.h. im Geist Mariens Jesus zu den Menschen zu bringen. Vor einem Jahr hatte diese Bewegung eine ökumenische Konferenz durchgeführt unter dem Motto: „Christus mit den Augen Marias betrachten“, was bei den evangelischen Teilnehmern sehr gut ankam. 

Die „marianische“ Schlußpointe ergab sich am Schluß der Konferenz. Die Königinwitwe Fabiola von Belgien aus dem tief gläubigen Königshaus wurde gebeten, das Vaterunser anzustimmen. Sie trat auf die Bühne und begann: „Notre Père...“ Alle stimmten in ihrer Sprache ins Vaterunser ein. Anschließend fuhr die Königin wie selbstverständlich weiter: „Je vous salue, Marie...“, worauf das Volk (wenigstens die Katholiken) das Gegrüßt seist du, Maria, aus vollem Herzen weiterbetete. Darauf ein langer Applaus. Wohl galt der Applaus vorerst der sympathischen Königin. Doch schien mir, daß der Applaus letztlich der „Friedenskönigin“ galt, die man eben mit dem Engelsgruß gegrüßt hatte. Als „Hilfe der Christen“ hatte sie die Geschichte Europas stark mitgeprägt und die abendländische Christenheit vor vielen Gefahren bewahrt. Möge die „Friedenskönigin“ auch über die Entwicklung des „neuen Europa“, das durch antichristliche Strömungen bedroht wird, wachen. Ihre prophetischen Appelle sind unüberhörbar. Ihr einziges Anliegen ist, wie auch der Papst unermüdlich lehrt, unsere Herzen für das „neue Pfingsten“ zu öffnen, damit Jesus der Herr sei und das Reich des Vaters anbreche.

Br. Tilbert Moser, Kapuzinerkloster CH-4601 Olten-r Timor Domini 3/04, Ergänzt Nov. 09 - TimD04EuropaMariaStuttg.doc.
Nachträge
Zum Thema siehe: Manfred Hauke (Hrsg.)  „Maria als Patronin Europas.  Geschichtliche Besinnung und Vorschläge für die Zukunft“, Pustet-Verlag 2009 mit interessanten Beiträgen.
Über die Rolle Marias im Heilsplan und über geistlicher Ökumene hat Br. Tilbert etliche Artikel geschrieben, die bei ihm angefordert werden können.

Ein ökumenisch überzeugendes Buch über Maria ist: Raniero Cantalamessa (Kapuziner und päpstlicher Prediger): „Maria. Ein Spiegel für die Kirche“ (Adamas-Verlag).

Als spannende Lektüre sei empfohlen:

Paul Badde: Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb. Ullstein Verlag 2004.
Weitere, bei mir anzufordernde Zeugnisse zeigen, wie Maria Protestanten und Juden zu Jesus führt.

Aus evangelisch-pietistischem Hintergrund hat die Gründerin der Evangelischen Marienschwestern von Darmstadt, M. Basilea Schlink, aus der Bibel ein einfühlsames Marienleben nachgezeichnet: „Maria, der Weg der Mutter des Herrn“ (Verl. Evang. Marienschwestern, Darmstadt-Eberstadt)

Einen Impuls für ein christliches Europa ist zu erhoffen aus der erwarteten Seligsprechung von Robert Schuman, dem im Geist Christi Konsequentesten der drei Gründerväter des aus den Trümmern des letzten Weltkrieges neu auferstandenen vereinten Europas, sowie der Seligsprechung von Max Josef Metzger, Märtyrer unter den Nazi und Pionier für Frieden und Einheit unter den Christen, „Ein Heiliger für Europa“ (so der Titel der von Hans Lipp verfaßten Kurzbiographie, Johannes-Verlag Leutesdorf). Kurzportraits der Genannten bei Br. Tilbert.

Auch die Seligsprechung von Kaiser Karl von Habsburg, des letzten Österreichischen Kaisers (Vater des Europäers Otto von Habsburg) ist als Beitrag für ein christliches Europa zu verstehen.

Welche Rolle erweckte christliche Gruppen und Bewegungen für ein christlich erneuertes Europa spielen können, zeigten mir zwei hintereinander erfolgende Großanlässe in der Schweiz: der Papstbesuch mit 14'000 Jugendlichen am Jugendtreffen und 70'000 am großen Gottesdienst am 5./6. Juni 04 in Bern, und der Christustag auf dem St. Jakobsstadion in Basel am 13. Juni 04, der von der Evangelischen Allianz organisiert wurde, mit 40'000 Teilnehmern. In beiden Anlässen war eine starke Fürbitt- und Segenskraft zu spüren. In beiden Anlässen waren zahlreiche Menschen aus verschiedenen Kontinenten (z.B. Chinesen) anwesend.

Einen starken Beitrag für ein sich aus seinen christlichen Wurzeln erneuerndes Europa leistet der deutsche Papst Benedikt XVI., wie schon der Weltjugendtag in Köln 2005 überwältigend zeigte.

Pfarrer Friedrich Aschoff, der Ehrenvorsitzende der Geistlichen Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche Deutschlands, würdigt im ökumenischen Come-Magazin 4/05 die Rolle des neuen Papstes für die Zukunft Europas in der Besprechung seines Buches „Werte in Zeiten des Umbruchs“ (Herder 2005). Aschoff schließt: „Mit dem jetzigen Papst Benedikt XVI. stimme ich überein: Die gläubigen Christen sollten sich als eine schöpferische Minderheit verstehen und dazu beitragen, daß Europa das Beste seines Erbes neu gewinnt und damit der ganzen Menschheit dient. Darin würde Europa seine christliche Seele wieder gewinnen.“

(NB. Pfarrer Aschoff schrieb auch das Vorwort zu den beiden Büchlein von Br. Tilbert: „Der Nahost-Konflikt. Seine Hintergründe im Licht der biblischen Prophetie und unsere christliche Antwort“ und „Der Islam als heilsame Herausforderung (GGE-Verlag Hamburg).

Der Stuttgarter Kongreß wurde weitergeführt am 10.-12. Mai 2007. – Auf schweizerischer und ökumenischer Ebene treffen sich die Bewegungen periodisch im Zentrum „Einheit“ der Fokolare in Baar. Das Sekretariat von „Miteinander christlicher Bewegungen und Gemeinschaften“, Heidengasse 5, 6340 Baar (Fokolare),
e-mail: gemeinschaften@freesurf.ch. Ferner treffen sich die Bewegungen von Zeit zu Zeit bei der Gemeinschaft Don Camillo in Montmirail am Neuenburgersee (früher eine Herrnhuter Siedelung.

Anknüpfend an die Baarer Treffen vom 11. Nov.06 und Febr.07 schrieb ich eine zweiteilige Hinführung zur ökumenischen Spiritualität mit Auswertung der Vorträge von Bischof Kurz Koch und Prof. Gottfried Locher, Vizepräsident des Reformierten Weltbundes: „Lichtblicke in der Ökumene. Geistliche Bewegungen und ökumenische Spiritualität“. Ferner die 8-seitige Schrift: „Ökumene des Geistes. Der Beitrag geistlicher Bewegungen zur Einheit der Christenheit“

(Quelle: Br. Tilbert Moser, Kapuzinerkloster CH-4601 Olten)

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